Agroscope-Forschende haben 2020 in einer Studie die Gemeinschaftsalpen in der Schweiz mittels Fragebögen genauer untersucht.

  • Teilgenommen haben 793 ÄlplerInnen.
  • Sie gaben in einer Skala von 0 («sehr geringer Erfolg») bis 6 («sehr hoher Erfolg») im Durchschnitt eine 3.3 auf die Frage nach dem eigenen Gewinn an.
  • Bei der Frage nach dem Erfolg der einzelnen Mitglieder und deren sozialen Wohlbefinden lag der Durchschnitt mit 3.6 resp. 4.0 höher.

Forschungsleiter war Stefan Mann.

Herr Mann, Ihre Studie hat sich mit Gemeinschaftsalpen befasst und den verschiedenen Erfolgs-Dimensionen. Kurz zusammengefasst: Was sind die Erfolgsfaktoren?
Stefan Mann: Die wichtigere Frage ist ja noch: Was überhaupt ist Erfolg? Vielen Gemeinschaftsalpen ist es wichtig, dass Gemeinschaft entsteht, dass gemeinsam Traditionen gelebt werden.

Auf anderen Alpen steht der wirtschaftliche Erfolg im Vordergrund. Die gute Nachricht ist: Die Ziele lassen sich aktiv steuern. Die Alpen, denen sozialer Erfolg wichtiger ist, schneiden dort auch besser ab, wie auch in der Ökonomie. Patentrezepte gibt es dabei wenige.

Was aber auffällt: Alpen, die auch touristische Angebote haben, schneiden sowohl ökonomisch als auch sozial besser ab. Auch die Organisationsformen spielen eine Rolle. Alpen von Bürgergemeinden haben es offenbar ökonomisch etwas schwerer.

Die Gemeinschaftsalpen sind zwar mit 1600 von insgesamt 6600 Alpen in der Minderheit. Sie machen aber rund die Hälfte der gesamten Alpfläche aus. Sind grosse Alpen einfacher wirtschaftlich zu betreiben?
In der Schweizer Landwirtschaft spielen die sogenannten Skaleneffekte eine grosse Rolle. Vereinfacht bedeutet das: Nach 100 Kühen zu schauen braucht nicht zehn Mal so viel Arbeit wie nach zehn Kühen zu schauen. Diese Skaleneffekte gibt es natürlich auch auf den Alpbetrieben, daher sind die grösseren Gemeinschaftsalpen eher im Vorteil.

Andererseits ist auf Gemeinschaftsalpen aber der Koordinationsaufwand höher als auf Privatalpen, wo die Entscheidungen oft nur von einer Person getroffen werden.

Die Strukturen hinter Gemeinschaftsalpen sind komplex: Birgt das Konfliktpotenzial?
Da die Strukturen oft über Jahrhunderte gewachsen sind, sind sie extrem divers. Es gibt kaum zwei Gemeinschaftsalpen, die gleich organisiert sind. Das Konfliktpotenzial ergibt sich aber eher aus der Tatsache, dass überhaupt Menschen miteinander kooperieren.

Im Vergleich zu hierarchisch gegliederten Unternehmen – also auch Privatalpen – ist das Konfliktpotenzial in der Kooperation immer höher. Andererseits liegen aber auch die Chancen besser, dass dabei echte Gemeinschaft entsteht.

Worauf müssen die Personen achten, die für die Organisation einer Gemeinschaftsalp zuständig sind?
Es geht immer um eine faire Verteilung von Lasten und Gewinn. Das bedeutet nicht nur einen angemessenen Lohn für die Angestellten, sondern auch eine Unterkunft, die ein Mindestmass an Komfort aufweist.

Und es bedeutet, dass Mitarbeiter mit gewissen Erfahrungen auch selbst Entscheidungen treffen können sollten. Aber das ist auf Privatalpen natürlich nicht anders.

Sie haben für Ihre Studie nicht nur mit Fragebogen, sondern auch mit Interviews gearbeitet. Was war da die eindrücklichsten Erkenntnisse?
Die Studenten, welche die Interviews geführt haben, hat vor allem überrascht, wie viel über die Agrarpolitik geschimpft wurde. Das hat mich weniger beeindruckt als der Grad, wie dann doch immer für die Gemeinschaft mitgedacht wurde. Und zwar auch im breiteren Sinne: Zum Beispiel, dass bei Überbauungen von Land der Gemeinschaftsalpen eher auf kostengünstigen Wohnraum für Viele statt auf Luxusvillen gesetzt wurde.

Welche Interessenskonflikte gibt es in der Alpwirtschaft?
Das hängt sehr von der Ausgestaltung der Verantwortlichkeiten und der Geldflüsse ab. Einer der Knackpunkte vieler Alpen ist der Milchpreis, der an die Eigentümer der Tiere fliesst. Je höher, desto schwieriger wird es für die Alp, je tiefer, desto unzufriedener werden die Leiter der Heimbetriebe. Angesichts eines durchschnittlichen Milchpreises von 87 Rappen, den die Alpen zahlen, können sich Letztere aber meistens nicht beschweren.

Was sind generell die Herausforderungen für die Alpwirtschaft?
Die Schweizer Alpwirtschaft hängt heute weitestgehend am finanziellen Tropf des Bundes. Insbesondere aus Gründen des Arten- und Erosionsschutzes gibt es dafür auch gute Gründe. Dennoch wäre es sicher auch hilfreich, wenn die Alpen Geschäftsmodelle fänden, die sie auch ohne Direktzahlungen näher an die Wettbewerbsfähigkeit bringen würden.

Wirtschaftliche Überlegungen und Haftungsfragen

Stefan Mann sagt, dass Landwirte verschiedene wirtschaftliche Faktoren berücksichtigen müssen, wenn es um die Entscheidung geht, ob die Tiere auf einem Heim- oder Alpbetrieb gesömmert werden: Dazu gehören unter anderem der Arbeitsanfall im Sommer auf dem Betrieb, die Futterbasis, der Milchpreis auf dem Heim- und dem Alpbetrieb und die Entfernung zur nächsten Alp.

Die Kosten für einen Tierplatz seien aus diesen Gründen auch nicht allgemein vergleichbar. Mann sagt, dass die Kosten von Betrieb zu Betrieb immer erstaunlich unterschiedlich seien.

Die Direktzahlungen für Sömmerungen sind grosszügig und machen die Alpung attraktiv: Da die Artenvielfalt auf den bewirtschafteten Alpflächen einmalig hoch ist und auch der Beitrag zum Erhalt der Kulturlandschaft hoch ist, dienen sie dazu, die Weiterführung der Alpwirtschaft sicherzustellen.

Auch bei den Verträgen herrscht Vielfalt. Stefan Mann sagt, dass gerade bei langjährigen Beziehungen nicht immer ein schriftlicher Vertrag abgeschlossen wird.

Verunfallt ein Tier, obwohl der Alpmeister seinen Sorgfaltspflichten nachgekommen ist, haftet bei Unfällen der Eigentümer des Tieres bzw. seine Versicherung.

Sömmerungsbetriebe

Die Grösse eines Sömmerungsbetriebs wird in Normalstössen gemessen. Ein Normalstoss entspricht der Sömmerung einer Raufutterverzehrenden Grossvieheinheit während 100 Tagen. Er entspricht somit der Menge Gras, um eine Kuh während 100 Tagen zu füttern. Graswachstum und Futterbedarf der Tiere sollen auf einer Alp so gut wie möglich im Gleichgewicht sein; dafür wurde für jeden Sömmerungsbetrieb ein Normalbesatz festgelegt.

Zwischen 2003 und 2019 hat sich die Anzahl Sömmerungsbetriebe von 7'472 auf 6'740 reduziert. Der gesamte Normalbesatz ist aber ziemlich stabil geblieben. Mit der Zeit sind die Sömmerungsbetriebe tendenziell grösser geworden, da bestehende Betriebe fusionierten oder durch den Nachbarbetrieb übernommen wurden.

Quelle: Agrarbericht 2020