Kurz und bündig

- In Erfahrungsgruppen oder Arbeitskreisen tauschen sich Berufskollegen aus.

- Die Voraussetzungen sind in jeder Branche die gleichen: Die Mitglieder müssen bereit sein, offen über ihren Betrieb zu reden.

- Dazu gehört, die eigene Buchhaltung offen zu legen.

- Im besten Fall treffen sich in einer Erfahrungsgruppe Menschen, die zu Freunden werden und sich unterstützen.

Sich unter Berufskollegen austauschen, neue Ideen finden und die Zahlen offenlegen: Arbeitskreise sind nicht nur in der Landwirtschaft verbreitet. Pascal Schmid ist Metzger in Biberen BE und in der Schmid Metzgerei Biberen AG für die Produktion verantwortlich. Seit fünf Jahren ist er Mitglied in einer der ERFA-Gruppen, die von MT Metzger-Treuhand AG organisiert werden. Seine Gruppe trifft sich sechs Mal pro Jahr, zwei ganze Tage nutzen die zwölf Metzger, um einen Betrieb zu besichtigen und Inputs zu geben.

Vier halbe Tage dienen dem Austausch. Dazu gehört auch das Fachsimpeln über Rezepturen. Schmid stellt Trockenfleisch her, was im Bernbiet etwas weniger alltäglich ist als in den Kantonen Graubünden oder Wallis. Sein Bündner Kollege konnte ihm Tipps geben, wie er die Formgebung verbessern konnte. «Es ist schwierig, Hilfe für solche Details zu finden», sagt Schmid.

Auch bei Neu- und Umbau-Projekten findet er die ERFA-Gruppe spannend: «Dabei geht es auch um Zahlen – die sehe ich sonst nie.» Verschwiegenheit gehört zu den Aufnahmekriterien und die Bereitschaft, die eigenen Zahlen offen zu legen.

Die Gruppenmitglieder stammen nicht aus der gleichen Region. Möchte jemand dazu stossen, darf er oder sie einmal vorbeischauen. Danach wird über die Aufnahme abgestimmt, der Entscheid muss einstimmig fallen.

Eine Warteliste für die Aufnahme in die ERFA-Gruppen

Die ERFA-Gruppen für Metzger gibt es bei der MT Metzger-Treuhand AG seit 1990, schreibt Roland Jung, Leiter der Unternehmensberatung, auf Anfrage. Das Ziel sei, die Mitglieder sowohl in fachspezifischen Bereichen wie auch in der Unternehmensführung weiter zu bilden.

Aktuell gibt es zehn Gruppen mit je 12 bis 14 Personen: Neben einer Westschweizer-Gruppe gibt es eine Frauengruppe, eine Jungmetzgergruppe und sieben Deutschschweizer-Gruppen. Dabei werden jeweils Betriebe mit möglichst ähnlicher Zielsetzung zusammengestellt.

Die Mitglieder sind Unternehmer oder Manager aus der Fleischbranche. Die jeweilige Aufnahme in eine Gruppe muss von allen Mitgliedern gutgeheissen werden.

Jung schreibt, dass die Weiterbildung unter Fachspezialisten und Referenten aus verschiedensten Sparten enorm gefragt seien und sogar Wartelisten bestehen: «Neben dem kollegialem Fachaustausch kommt speziell bei den jährlich stattfindenden zweitägigen Reisen die Kameradschaft und das Networking zum Zug», so Jung.

Legendäre ERFA-Gruppen bei HotellerieSuisse

Eine noch viel längere Geschichte haben die ERFA-Gruppen von HotellerieSuisse. Die erste wurde 1944 gegründet. Dass die Gruppen enormen Zulauf haben, erstaunt: Ist es doch im Gastgewerbe noch immer schwierig, Betriebe zu finden, die bereit sind, ihre Betriebskennzahlen offen zu legen.

Barbara Friedrich arbeitet seit 2008 bei HotellerieSuisse und leitet die ERFA-Gruppen. Sie schreibt, das Ziel der ERFA-Gruppen sei der Gedankenaustausch unter gleichgesinnten Hoteliers ähnlich gelagerter Betriebe. Jede Gruppe macht jährlich einen Betriebsvergleich mit den wichtigsten Kennzahlen der Erfolgsrechnung. Für die Aufnahme eines neuen Mitgliedes braucht es Einstimmigkeit der bisherigen Mitglieder.

Der Austausch untereinander sei kritisch-konstruktiv und die Diskussionen auch immer sehr angeregt. «Die ERFA-Mitglieder wollen sich gegenseitig helfen und scheuen daher auch eine gewisse Konfrontation in der Diskussion nicht», so Friedrich.

Der Betriebsvergleich sei wertvoll, da die Teilnehmenden sich mit den Kennzahlen ihres Betriebs auseinandersetzen müssen. «Dadurch erkennt man Potenziale in Bereichen, über die man sich bis dahin vielleicht gar keine grossen Gedanken gemacht hat.»

«Lernen von den Besten» ist in den ERFA-Gruppen mehr als ein Schlagwort: Bei wichtigen nationalen Branchen-Auszeichnungen sind stets Mitglieder einer ERFA-Gruppe in den vordersten Rängen.

Dabei stellt sich die «Huhn-Ei-Frage»: Sind die Betriebe erfolgreicher, weil sie in der ERFA sind oder sind sie in der ERFA, weil sie besser, innovativer, aktiver oder engagierter sind?

Konkret testet zum Beispiel ein Zürcher Hotel gerade einen Roboter und viele ERFA-Mitglieder sind in Gremien engagiert.

Grundanforderungen für den erfolgreichen Austausch

Was braucht es denn, damit Arbeitskreise für die Teilnehmenden einen Nutzen bringen? Selbstverständlich sind regelmässige Treffen in der gleichen Konstellation, eine Moderation durch BranchenkennerInnen sowie klare Spielregeln, etwa, was die Verschwiegenheit betrifft. Barbara Friedrich ergänzt, dass die «Chemie» unter den Mitgliedern stimmen müsse. «In der ERFA-Gruppe treffen sich echte Freunde, die sich gegenseitig unterstützen und ergänzen und bereit sind, Hilfestellung bei Problemen zu geben.»

Friedrich erachtet Arbeitskreise oder eben ERFA-Gruppen dann als sinnvoll, wenn die Mitglieder entscheidungsbefugt sind. Bei Hotellerie-Suisse sind deshalb die DirektorInnen dabei. Aktuell gibt es Überlegungen, eine Gruppe für BerufsbildnerInnen zu gründen. «Wichtig ist, dass die Gruppenmitglieder eine ähnliche Ausgangslage bringen und sich mit den gleichen Themen im Alltag befassen.»

Arbeitskreise in der Landwirtschaft

Wer sich als Landwirt mit Berufskollegen austauschen will, findet bei den landwirtschaftlichen Schulen ein breites Angebot. Allein das Inforama bietet im Kanton Bern rund 50 Arbeitskreise mit Schwerpunkten von A wie Agrotourismus bis Z wie Ziegenhaltung an. Dazu kommen Arbeitskreise, die speziell auf Frauen ausgerichtet sind. Im Kanton Luzern bietet das BBZN Hohenrain zum Beispiel drei Arbeitskreise Schweinehaltung an.