Kurz & bündig
- PCB sind Industriechemikalien, die breit eingesetzt wurden und bis heute in Gebäuden und in der Umwelt zu finden sind.
- PCB werden als krebserregend eingeschätzt.
- Werden PCB im Rindfleisch gefunden, kann dieses Fleisch nicht verkauft werden. So geschehen auf einem Bündner Betrieb. Dieser musste seinen Stall aufwändig sanieren lassen.
- Bund und Kantone planen aktuell keine umfassende Erhebung von PCB-Quellen.
- Ebenfalls unklar ist, wer die Kosten tragen muss. Nach geltendem Recht ist der Landwirt verantwortlich.

Es wird noch Jahre dauern, bis alle Spuren von PCB (polychlorierte Biphenyle) verschwunden sein werden. PCB sind Industriechemikalien, die zwischen den 1950er- und 1970er-Jahren weltweit breit eingesetzt wurden. 1986 wurden sie in der Schweiz wegen ihrer schädlichen Eigenschaften für Mensch und Umwelt verboten (siehe Kasten am Schluss des Textes).

Damit ist das Problem aber noch lange nicht aus der Welt. Denn PCB sind nur schwer abbaubar. Sie reichern sich in der Umwelt an und gelangen in unsere Nahrungskette. Oft sind PCB unsichtbar – obwohl sie in unserer Umgebung sehr präsent sind. Ab und zu kommen die Chemikalien als Altlast zum Vorschein.

PCB gelangen von der abblätternden Farbe in die Kuh

Zum Vorschein kamen PCB auch auf einem Landwirtschaftsbetrieb im Kanton Graubünden. In der Zeitschrift «Beobachter» berichtete die Journalistin Stefanie Hablützel 2018 über den Fall, der sich 2013 ereignete. Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV hatte im Kalbfleisch PCB-Werte gemessen, die den gesetzlichen Höchstwert teils um das Fünffache überschritten. Woherwaren die PCBgekommen und wiegelangtensie in die Kälber?

Markus Zennegg, Chemiker bei der Empa, dem interdisziplinären Forschungsinstitut des ETH-Bereichs für Materialwissenschaften und Technologie, erklärt: «Von der Stallwand blätterte Farbe ab, die PCB enthielt. Diese Farbsplitter wurden von den Kühen aufgenommen und über die Milch an die Kälber abgegeben.» Zennegg war derjenige, der die PCB-Quelle im Stall entdeckte. Er ist sich sicher: Das ist nicht der einzige Betrieb, der erhöhte PCB-Werte aufweist – wenn man denn misst.

Trotz Reduktion sind PCB nach wie vor in der Umwelt

Gemessen wird der PCB-Gehalt bei den tierischen Produkten, im Rahmen des nationalen Fremdstoff-Untersuchungsprogramms des BLV. Der entsprechende Bericht hält fest, dass der PCB-Gehalt 2020 bei allen Proben (18 Rindfleisch-, 52 Schweinefleisch-, 15 Milch-, 20 Eier- und weitere Proben) konform war und unter dem kritischen Wert lag.

Sind PCB also Geschichte? Oder bleiben die Schadstoffe nur unbemerkt, bis wieder irgendwo die Farbe zu blättern beginnt? So genau scheint das gar niemand zu wissen. Denn abgesehen von der Inventarisierung von PCB-haltigen Elektroanlagen (Transformatoren und grosse Kondensatoren) gebe es in der Schweiz keine von den Behörden erstellten Inventare von PCB-Vorkommen, heisst es beim Bundesamt für Umwelt BAFU auf Anfrage.

Auch werde kein umfassendes Monitoring gemacht. Einzig in den Gewässern des Rheins, des Genfersees und der Tessiner Seen werden regelmässig PCB-Konzentrationen in Schwebstoffen und in Fischen gemessen.

Um trotzdem eine Vorstellung des PCB-Vorkommens zu erhalten, beauftragte das BAFU die ETH Zürich, auf Basis aller Informationen über den Import, die Verwendung und die Emissionen von PCB eine Modellierung der PCB-Stoffflüsse in der Schweiz zu erstellen.

Diese Schätzungen ergaben, dass 1975 der Höchststand erreicht wurde, mit 4000 Tonnen PCB im Verkehr. 217 Tonnen seien bis heute noch in Gebrauch, davon 86 Tonnen in antikorrosiver Farbe und 86 Tonnen in Fugendichtungen. Hinzu kommen rund 300 Tonnen PCB, welche in Abfalldeponien lagern sowie rund 42 Tonnen PCB im Boden.

Auch wenn seit dem Spitzenwert von 1975 eine beträchtliche Reduktion erfolgte, ist PCB in der Schweiz also noch nicht verschwunden.

Polychlorierte Biphenyle
Polychlorierte Biphenyle PCB wurden synthetisch hergestellt. Die chlorhaltigen Industrie- und Bauchemikalien sind sehr stabil und bauen sich in der Umwelt schlecht ab. PCB sind elektrisch nichtleitend, hitzebeständig und unbrennbar.

Aufgrund dieser Eigenschaften wurden PCB an den verschiedensten Orten eingesetzt: als Isolationsöl in Transformatoren, Kondensatoren, als Additiv in Korrosionsschutzanstrichen, Spezialfarben und Fugendichtungsmassen. Diese Anwendungen können auch im Stall vorkommen und dort punktuell PCB in die Umwelt abgeben.

Im Fettgewebe eingelagert
Im Gegensatz dazu können Tiere auf der Weide einer diffusen PCB-Quelle ausgesetzt sein. Denn im Boden lagern ebenfalls PCB. Sie stammen aus früheren Zeiten, als die Verbrennungsanlagen die Abluft weniger filterten. Die PCB verteilten sich über die Luft auf der ganzen Erde. Über Niederschläge gelangten sie in den Boden, wo die Kühe sie über kleine Bodenpartikel aufnehmen. Im Tier werden die PCB im Fettgewebe eingelagert. Mutterkühe geben die Schadstoffe zusätzlich über die Milch an die Kälber weiter.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft PCB als krebserregend für den Menschen ein.

Seit 1986 verboten
In der Schweiz wurde 1972 ein Verbot von PCB in allen offenen Anwendungen (Farbe, Lacke, Korrosionsschutz usw.) ausgehängt. Ab 1986 waren die polychlorierten Biphenyle schliesslich gänzlich verboten.

Pilotprojekt zur PCB-Erhebung ist aktuell gestoppt

Auf den Betrieben und in den Ställen wird indes bis heute nicht systematisch gemessen. Dies zeigen unsere Recherchen beim Bundesamt für Umwelt BAFU, dem Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV sowie dem Bundesamt für Landwirtschaft BLW.

Es war ein Pilotprojekt im Kanton Graubünden geplant, bei dem es um die Erhebung von PCB-Quellen auf Landwirtschaftsbetrieben ging. Das Projekt ist jedoch aktuell gestoppt. «Die Federführung für die Umsetzung dieser Massnahme liegt bei den Kantonen», heisst es bei den Bundesämtern auf Anfrage.

Daniel Buschauer vom Amt für Landwirtschaft und Geoinformation des Kantons Graubünden sagt dazu: «Die Notwendigkeit des Handelns wurde schweizweit erkannt und wir haben im Kanton die Durchführung eines Pilotprojekts diskutiert. Wir sind aber zum Schluss gekommen, dass wir das heute nicht umsetzen können. Zu viel ist unklar.»

Buschauer erwähnt die fehlende Methodik, den hohen Aufwand und die Schwierigkeiten, die Quellen ausfindig zu machen. Welche Ställe infrage kämen und diese dann zu beproben seien weitere Herausforderungen. Hinzu komme die Kostenkomponente für die Sanierungen, die schnell sehr hohe Beträge erreichen kann.

«Man weiss schlichtweg nicht, wie man damit umgehen sollte, falls PCB gefunden wird. Denn trotz der bestehenden Investitionshilfen von Bund und Kantonen kann einem betroffenen Betrieb der Konkurs drohen», sagt Buschauer. Er erwarte, dass der Bund hier eine klare und einheitliche Vorgehensweise für die ganze Schweiz macht und die Kantone in der Umsetzung unterstützt.

Aufwändige Sanierungsarbeiten von PCB-haltigen Stallwänden kosten viel Geld

Wenn das Rindfleisch oder Kalbfleisch so stark kontaminiert ist, wie das beim Bündner Betrieb der Fall war, kann es nicht verkauft werden. Ein grosser Verlust für den Landwirt. Hinzu kommen die Kosten der Sanierung.

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Der Bündner Stall wurde vollständig eingepackt, die Farbe mit speziellen Werkzeugen abgetragen, um Staubemissionen zu vermeiden. Die Arbeiten geschahen unter Unterdruck, damit keine PCB-haltigen Partikel in die Umwelt gelangen.

Die Kosten beliefen sich laut Daniel Buschauer auf insgesamt 270'000 Franken, inklusive Tierverluste und Eigenleistungen. Rund ein Viertel der Kosten wurde für die Beprobung und umfassende Umweltanalyse und das Sanierungskonzept aufgewendet. 

Das ist sehr viel Geld. Dank der finanziellen Unterstützung durch den Kanton Graubünden konnte der Bündner Betrieb überleben. Doch wer zahlt, wenn plötzlich weitere kontaminierte Betriebe zum Vorschein kommen?

Landwirte sind verantwortlich für Schadstoff-freies Fleisch

Nach geltendem Recht sei der Eigentümer für die Finanzierung einer Stallsanierung verantwortlich. So steht es in dem 38 Seiten langen Bericht, in dem Bundesämter zusammen mit Kantons-Tierärzten und Kantons-Chemikern Massnahmen zum Umgang mit PCB erörtern. Zusätzlich kann der Kanton finanzielle Unterstützung sprechen.

Demnach kann ein Landwirt, der wegen einer Schadstoffbelastung in finanzielle Not kommt, ein zinsloses Darlehen beantragen. Damit wird ein Wiederaufbau des Stalls möglich. Doch für den Abbau und die Entsorgung von PCB-haltigem Material oder für den Verlust der Tiere ist aktuell keine Entschädigung vorgesehen.

Symbolbild einer Stalltüre und Porträt von Jürg Vollmer.EditorialPCB im Stall? Deckel drauf, damit man nichts sieht – Editorial von Jürg VollmerMittwoch, 29. Dezember 2021 Das BLW schreibt zur Finanzierungsfrage: «Aktuell bestehen von Seiten Bund keine Möglichkeiten bei PCB-Sanierungen finanzielle Unterstützung zu leisten. Das BLW prüft derzeit weitere Unterstützungsmöglichkeiten zur Kostenbeteiligung.» Gleichzeitig wird betont, dass es in der Selbstverantwortung und dem Interesse der LandwirtInnen liege, sichere Lebensmittel zu produzieren. Und weiter: «Abklärungen bei Verdachtsfällen sind wichtig.»

Unkomplizierte Messungen in den Ställen

Damit überhaupt Verdacht entstehen kann, werden LandwirtInnen aktuell durch ein neues Merkblatt der Agridea informiert. Zusätzlich fanden 2021 diverse Schulungen statt, um für PCB auf dem eigenen Betrieb zu sensibilisieren.

Markus Zennegg plädiert für umfassendere Massnahmen, beispielsweise Monitoring in den Ställen: «Es gibt Messgeräte, die den Chlorgehalt einer Substanz an deren Oberfläche scannen. So könnte unkompliziert eine erste Messung erfolgen.»

Der Chemiker schlägt vor, BeraterInnen zu schulen, die einen Betrieb sowieso besuchen. Sie könnten eine PCB-Risikoabschätzung machen. Die Suche könne ausserdem eingeschränkt werden: Bei Fugendichtungen und Farben, die nach 1975 auf den Betrieb kamen, sowie bei Kondensatoren, die jüngeren Jahrgangs als 1986 sind, seien höchstwahrscheinlich keine PCB drin.

Zennegg geht davon aus, dass für erste Messungen und Abschätzungen nicht grosse Geldsummen nötig wären. Der grosse Betrag wird fällig, wenn PCB-Quellen zum Vorschein kommen. Die Angst davor scheint eine organisierte Vorgehensweise der Behörden zu blockieren. Das stellte der «Beobachter» bereits 2018 fest. Seither hat sich nicht viel verändert.

Sehr kleine Mengen PCB, die trotzdem nicht vergessen gehen sollten

PCB sind an vielen Stellen in der Umwelt vorhanden. Gleichzeitig kommen sie nur ab und zu zum Vorschein und ins Bewusstsein der Bevölkerung. Das hört sich bedrohlich an, nach einer latenten Gefahr der Gesundheit. Zahlen zeigen denn auch: SchweizerInnen nehmen pro Woche rund 12 Pikogramm PCB pro Kilo Körpergewicht auf. Damit liegen wir über den 2 Pikogramm, welche die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit als sicheren Wert definiert.

Markus Zennegg beruhigt: «Diese tolerierbaren Aufnahmemengen sind extrem tief angesetzt, da ist ein grosser Sicherheitsfaktor miteingerechnet.» Zur Veranschaulichung: Für ein Gramm braucht es eine Billion Pikogramme, also eine Eins mit zwölf Nullen dahinter. Das ist ein sehr kleiner Wert, der schnell überschritten ist. Den Kühen des Bündner Betriebs war beispielsweise gesundheitlich nichts anzumerken.

Trotzdem, betont Markus Zennegg: «Wir dürfen die PCB nicht vergessen, sondern müssen das Thema anpacken.» Die Altlasten sollten unbedingt zum Vorschein kommen.

Mögliche Massnahmen für Betriebe
Was kann ich als LandwirtIn tun, um PCB aus den tierischen Produkten fernzuhalten?

Vorbeugend:
- Verschmutztes Futter auf der Weide und im Stall vermeiden, um die Aufnahme von Bodenpartikeln zu minimieren.
- Keine fliessenden oder offenen Gewässer als Tränke verwenden, um die Aufnahme von Flusssedimenten zu reduzieren.

Bei kritischer PCB-Konzentration:
- Mastremonten später schlachten. Denn ein höheres Gewicht hat einen Verdünnungseffekt: Die PCB pro Kilogramm Körpermasse nehmen ab.
- Kälber früher absetzen, damit weniger PCB über die Milch aufgenommen wird.
- Maissilage verfüttern. So nehmen die Tiere weniger PCB auf.
- Die Herde über den Sommer an anderen Standorten weiden lassen.

Diese und weitere Massnahmen sowie ihre Vor- und Nachteile finden Sie im Merkblatt der Agridea «PCB in der Tierhaltung, Ursachen und Massnahmen».

Quellen
- Agridea-Merkblatt «PCB in der Tierhaltung, Ursachen und Massnahmen»
- Bericht «PCB und Dioxine in Nahrungsmitteln von Nutztieren» des Bundes
- Jahresbericht 2020 «Nationales Fremdstoffuntersuchungsprogramm»
- Stefanie Hablützel: «Das Gift, das man vergessen möchte», 2018, «Der Beobachter»