Wie ist das Zwischenfazit von 2021?

Pascal Forrer: Vom 1. Januar 2021 bis heute haben wir über 13'500 Schadensmeldungen an versicherten Kulturen mit einer geschätzten Schadenssumme von mindestens 80 Mio Franken.

Ist es damit bereits eines der schlimmsten Jahre in der Geschichte der Hagelversicherung?

Im Vergleich zu den Vorjahren befinden wir uns deutlich über dem durchschnittlichen Schadensniveau. Klar ist jetzt schon: 2021 ist ein Extremjahr. Was besonders auffällt, ist die ununterbrochene Serie von mehreren Wochen mit heftigen Gewittern, die von Hagel begleitet werden.

Haben Sie festgestellt, dass in den letzten Jahren ohne grossflächigen Hagel die versicherte Fläche reduziert worden ist?

Die Anzahl der Versicherten hat aufgrund des Rückgangs der Landwirtschaftsbetriebe abgenommen, die versicherte Fläche ist in etwa gleichgeblieben.

Gibt es jeweils einen Effekt, dass nach intensiven Hagelereignissen wieder mehr Flächen und Kulturen versichert werden?

Grundsätzlich wird eine Police gegen Hagel und weitere Elementarschäden anfangs Jahr abgeschlossen. Über die Auswirkungen der diesjährigen Unwetterschäden auf die Anzahl der Abschlüsse im Jahr 2022 kann derzeit noch keine Aussage gemacht werden.

Wir haben in der Vergangenheit festgestellt, dass nach extremen und grossräumigen Schäden im Folgejahr die Nachfrage nach Versicherungsschutz etwas zunimmt.

Ist das sinnvoll?

Aufgrund der zunehmenden Extremwetterereignisse ist es sicherlich sinnvoll, sich mit dem betrieblichen Risikomanagement und der Risikofähigkeit auseinanderzusetzen. Ein Versicherungsabschluss bedeutet, ein Risiko berechenbar machen – es erlaubt, Risiken einzugehen.

Ein Schaden führt zu Ertragseinbussen und kann im schlimmsten Fall sogar einen Totalausfall der Ernte bedeuten.

Dennoch müssen alle Produktionskosten bezahlt werden, obwohl das Einkommen aus der Kultur fehlt. Eine Versicherung gewährt die Liquidität des Betriebs und sichert so die Existenz.

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Welche Daten und Annahmen braucht ein Landwirt, um auszurechnen, ob sich die Hagelversicherung für ihn lohnt?

Grundsätzlich geht es hier um die Einschätzung der persönlichen Risikobereitschaft, die von Faktoren, wie zum Beispiel der Risikodiversifikation innerhalb des Betriebes, Fixkostenstruktur, Vermögens- und Verschuldungssituation, abhängig ist.

Für die Berechnung der Prämien stehen den Kunden die AgentInnen zur Verfügung, welche die landwirtschaftlichen sowie die regionalen Gegebenheiten kennen. Hierzu müssen die Grösse und die Kultur der zu versichernden Fläche bekannt sein.

Wenn sich jemand gegen eine Hagelversicherung entscheidet: Lohnt es sich dann, Rückstellungen für ein Schadensereignis zu machen?

Aus steuertechnischen Gründen ist eine Versicherung vorteilhafter, da die Versicherungsprämien zusammen mit weiteren Produktionskosten vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden können.

Es stellt sich die Frage, was passiert, wenn die Kulturen von einem schweren Unwetter zerstört werden, bevor genügend Kapital zur Seite gelegt wurde? Oder wenn zwei schwere Unwetter innerhalb kurzer Zeit auftreten?

Und falls die notwendigen Reserven bereits gebildet wurden, braucht es Disziplin, damit dieses Kapital zwischenzeitlich nicht anderweitig investiert wird.

Wie setzt sich die versicherte Fläche in der Schweiz im Detail zusammen?

Die Schweizer Hagel hat knapp 30'000 Versicherte in der Schweiz. Rund 70 % der offenen Ackerflächen sind gegen Hagel und weitere Elementarschäden versichert. Bei den Dauerkulturen sind je nach Kultur und Kanton 30 bis 80 % der Flächen und bei den Grasflächen weniger als 10 % versichert.

Gibt es nebst der Mathematik weitere Überlegungen, die für oder gegen eine Versicherung der Kulturen sprechen?

Ja, dazu gehören etwa das Alter des Betriebsleiters, Solidarität mit anderen Produzierenden und die Risikobereitschaft des Produzierenden.

Weitere Überlegungen sind die Grösse des Betriebes resp. die Anzahl Mitarbeitenden, welche vom Ertragsausfall betroffen sind. Arbeitet zum Beispiel die Partnerin oder der Partner in einem anderen Berufszweig, können Ertragsausfälle verursacht durch Unwetter finanziell überbrückt werden.

Ein Produzent wird in den Entscheidungsprozess auch die Möglichkeiten einfliessen lassen, wie er die Kulturen an die klimatologischen Veränderungen anpassen kann, z.B. Frost- oder Hitze-resistentere Sorten, Bewässerungsanlagen und Witterungsschutzsysteme.

Zudem haben wir eine Zunahme der Intensität und Häufigkeit der Extremwettereignisse in den vergangenen Jahren bedingt durch die Klimaerwärmung festgestellt, insbesondere, was die systemischen Risiken Frost und Trockenheit betrifft.

Bei einigen Kulturen, zum Beispiel Mais oder Raps, ist der Schaden schwer abzuschätzen. Wäre es hier nicht möglich, statt einer Abschätzung zu warten, bis die Kultur geerntet wurde und dann beispielsweise die Differenz zu den Durchschnittserträgen der letzten Jahre auszubezahlen?

Dies ist auch ein möglicher Ansatz, welcher Vor- und Nachteile hat – von uns aber nicht angewendet wird.

Die meisten Kulturen werden vorerst provisorisch abgeschätzt. Die definitive Abschätzung findet kurz vor der Ernte statt. Zu diesem Zeitpunkt wird der effektive Verlust als Folge eines versicherten Ereignisses festgestellt.

Der Schaden kann nicht nur anhand von z.B. Lieferscheinen festgestellt werden. Denn der Ertrag ist auch von anderen Faktoren abhängig, etwa dem Zustand der Kultur, Krankheiten, unsachgemässe Kulturführung, usw.

Dies setzt fundierte Erfahrung in der Schadensabschätzung sowie gute Fachkenntnisse in der jeweiligen Kultur voraus. Um eine möglichst objektive und richtige Schadensabschätzung zu gewährleisten, werden die Schäden nach dem Prinzip «Vier Augen sehen mehr als zwei» von zwei Schadenfachpersonen begutachtet.

Beispiel: Ein Kartoffelfeld wird verhagelt, und aufgrund des anschliessenden Regens gelangt die Krautfäule in die verletzten Stängel. Wie geht man mit dieser Situation um, in welcher der Hagel nicht nur direkte, sondern auch Folgeschäden verursacht?

Wenn Kartoffeln aufgrund eines Hagelschadens faulen, wird dies entschädigt. Schäden verursacht durch Pflanzenkrankheiten oder Schädlinge, wenn diese als Folge eines anderen versicherten Elementarereignisses auftreten, sind nicht versichert.

Die Hagelversicherung bietet längst nicht mehr nur Hagelversicherungen an. Auch Trockenheit, Starkregen und Auswuchs oder Abschwemmung und Überschwemmung können versichert werden. Wie hat sich hier die Nachfrage entwickelt?

Bei den meisten Kulturen sind mit dem Hagel auch Abschwemmen, Überschwemmung, Erdrutsch, Übersarrung, Blitz, Brand, Erdbeben, Sturm, Schneedruck und die Wiederherstellungskosten mitversichert.

Mit den Versicherungen Obst, Beeren und Wein Klima sowie Klima+, Grasland Pauschal Klima, APV Pauschal Plus und APV Pauschal Bio Plus sind Risiken wie Trockenheit, Starkregen oder Frost versichert.

Die Nachfrage nach Versicherungsschutz gegen die zunehmenden systemischen Risiken wie Frost und Trockenheit haben in den letzten Jahren zugenommen. Sie machen heute zwischen 5 % und 30 % der Policen aus.

Sichert Existenzen: Die Schweizer Hagel

Die Schweizer Hagel ist eine 1880 gegründete privatrechtliche Selbsthilfeorganisation der Landwirtschaft: Viele versichern sich – und diejenigen, die einen Schaden erleiden, werden aus der Solidargemeinschaft entschädigt.
Als Genossenschaft ist die Schweizer Hagel nicht gewinnorientiert und zahlt keine Dividenden aus. Auf der anderen Seite schüttet sie nach schadenarmen Jahren Überschüsse in Form von Prämienrückvergütungen an ihre Mitglieder aus (z.B. 20 % der Prämien-Einnahmen in 2021).

Die AgentInnen und ExpertInnen arbeiten nebenamtlich und kommen aus der Landwirtschaft. Damit sind die Nähe und das Verständnis für die Landwirtschaft gewährleistet.

Schweizer Hagel passt Produkte und Dienstleistungen laufend den Kundenbedürfnissen und der sich verändernden Risikosituation an. Im Frühjahr 2021 starteten z.B. zwei Pilotprojekte zum Thema parametrische Versicherungen im Bereich «Gemüse/Nässe» und «Gras/Qualität».

Welche Lehren ziehen Sie aus dem Jahr 2021?

Das Jahr 2021 bestätigt leider, dass die Extremwettereignisse stattfinden und tendenziell zunehmen. Die Landwirtschaft wird mit ihrer Werkstatt im Freiem vor grosse Herausforderungen gestellt. Es braucht ein ganzheitliches Risikomanagement.

Auch in Richtung Prävention und Schadensminderungs-Massnahmen (standortgerechte Kulturen, resistentere Saatsorten, Bewässerung und auch Schutzmassnahmen gegen Überschwemmungen) müssen Überlegungen erfolgen.

Hatten Sie genügend Personal, um die vielen Schadenfälle rasch abzuschätzen?

Die Organisation der Schadenabschätzung war sehr anspruchsvoll, aber dank der Digitalisierung und dem Einsatz der rund 320 ExpertInnen konnten wir die Schäden auf den knapp 60 000 angemeldeten Parzellen – mit wenigen Ausnahmen – zeitnah abschätzen.

Wie schätzen Sie die Schäden und die Regenerationsfähigkeit bei häufigsten Ackerkulturen ein?

Beim Getreide und beim Mais erwarten wir Schäden mit bis zu 100 Prozent Verlust, bei den Kartoffeln sind es bis zu 80 Prozent.

Getreide, Raps und Kartoffeln wurden vor allem nach der Blüte getroffen und verfügen daher über ein relativ geringes Regenerationsvermögen.

Mais und Zuckerrüben können sich von einem mittleren Hagelschlag erstaunlich gut erholen, sie verfügen über ein gutes Regenerationsvermögen.

Die Ertragsbildung der Kulturpflanzen wird überwiegend durch die Blattfläche gesteuert. Fehlt ein Teil der Blattfläche als Folge eines Hagelschlags, fällt der Ertrag an Knollen, Körnern und Früchten entsprechend kleiner aus.

Welchen Einfluss ein Hagelschaden auf den Bestand und den späteren Ertrag nehmen kann, hängt wesentlich vom Entwicklungsstadium der Kulturpflanze ab

 

So wird die Prämie berechnet

Zur Berechnung der Prämie werden die Kulturen in Gefahrenklassen aufgeteilt und das Hagel- bzw. Elementarschadenrisiko der Gemeinde beigezogen. Neukunden zahlen 80 % der Bruttoprämie. Nach zwei Jahren ohne Schaden erhalten Kunden einen Bonus von 10 % gutgeschrieben. Das Minimum beträgt 60 %.
Seit diesem Jahr stehen als Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Meteoschweiz, der Schweizer Hagel und weiteren Partnern Hagelauswertungen zur Hagelhäufigkeit, -korngrösse und -gefährdung zur Verfügung. Diese Informationen dienen auch der Landwirtschaft als Hilfsmittel für die Risikoanalyse resp. -einschätzung bis auf Betriebsebene und für Entscheidungen bezüglich Prävention, wie z.B. Installation von Hagelschutznetzen bei Obst oder Einkauf von Versicherungsschutz.