Kurz & bündig

- Gentechnisch veränderte Pflanzen, die auch auf natürliche Weise entstehen könnten, sollen gleich behandelt werden wie herkömmlich gezüchtete Pflanzen. Dies schlägt die EU-Kommission vor.
- Konkret bedeutet das: Es braucht zwar ein Prüfverfahren, jedoch müssen die Pflanzen keine Risikobewertung durchlaufen. Ausserdem muss die Züchtung mithilfe neuer genomischer Techniken auf dem Endprodukt nicht deklariert werden.
- Sollte das EU-Gesetz entsprechend geändert werden, hat das auch Auswirkungen auf die Schweiz.
- Nebst Zustimmung von verschiedenen Schweizer Organisationen gibt es auch Stimmen, die den EU-Vorschlag kritisieren.

In der Schweiz ist der Anbau und das Inverkehrbringen von gentechnisch veränderten Organismen (GVO, oder englisch: GMO) seit 2005 verboten. Damals wurde eine Volksinitiative angenommen, die bis heute unter dem Schlagwort Gentech-Moratorium bekannt ist.

Dieses Moratorium wurde seither von National- und Ständerat vier Mal verlängert, zuletzt 2021 um weitere vier Jahre – allerdings mit dem Auftrag an den Bundesrat, sich Gedanken zu machen zur risikobasierten Zulassung von Pflanzen aus der Züchtung mit sogenannter «neuen genomischen Technik» (NGT).

Gentechnologie hat sich weiterentwickelt

Glossar

Genom:
Gesamtheit aller Gene eines Organismus
Genome editing: zu deutsch: gezielte Bearbeitung des Genoms durch Methoden der Molekularbiologie
GVO: gentechnisch veränderte Organismen (englisch: GMO)
Transgene GVO: Organismen, denen artfremde Gene eingefügt wurden. Beispiel: Bt-Mais enthält Gene des Bakteriums Bacillus thuringiensis, welche die Pflanze resistenter gegen Insekten macht.
Cisgene GVO: Organismen, denen arteigene Gene eingefügt wurden. Beispiel: Bei einem Gala-Apfel werden Gene eines Wildapfels eingefügt, um die Feuerbrand-Resistenz zu erhöhen.
NGT: neue genomische Techniken. Darunter fällt auch CRISPR/Cas.

Dem ging eine beachtliche Entwicklung der Gentechnologie in den letzten Jahren voraus: Vor gut 25 Jahren war es eine neue Technologie, bei der die Erfahrung noch fehlte. Es wurden genetische Informationen in das Erbgut transformiert, ohne dass der genaue Zielort bekannt war.

Die heutigen Methoden sind viel präziser. NGT liefern Werkzeuge, mit denen gewünschte Stellen im Genom zielgerichtet verändert werden können. Ausserdem ermöglichen die NGT verschiedene Arten solcher Veränderungen: Es können zusätzliche Gene eingefügt werden. Es können aber auch «nur» einzelne Mutationen ausgelöst werden. Damit ermöglichen diese NGT, dass Organismen entstehen, die auch auf natürliche Weise oder durch herkömmliche Züchtung entstehen könnten. Ohne Gentechnologie würde es einfach länger dauern.

Das bekannteste Beispiel solcher NGT ist CRISPR/Cas (siehe Grafik weiter unten). Diese Genschere, wie CRISPR/Cas umgangssprachlich oft genannt wird, fällt heute ebenso unter das Gentech-Moratorium.

Nun werden aber mehr und mehr Stimmen laut, die bestimmte Anwendungen von NGT aus dem Moratorium ausklammern möchten. Schliesslich erzielen sie dieselben Resultate wie die herkömmliche Züchtung.

Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in der EU kommt die Gentech-Diskussion in Bewegung. Anfangs Juli 2023 präsentierte die EU-Kommission ihren Vorschlag zur künftigen Regulierung von gentechnisch veränderten Organismen.

Die zwei Kategorien von NGT-Pflanzen, wie sie die EU vorsieht:

  1. NGT-Pflanzen, welche auch auf natürliche Weise oder mittels herkömmlicher Züchtung entstehen könnten, sollen vom aktuell geltenden GVO-Gesetz ausgenommen werden. Konkret bedeutet das, dass solche Pflanzen zwar einem Prüfverfahren unterzogen werden, dass sie aber keine Risikobewertung mehr durchlaufen müssen. Bei Lebensmitteln, die aus solchen Pflanzen hergestellt werden, fällt ausserdem die GVO-Deklaration weg.
  2. Für alle anderen NGT-Pflanzen, die nicht auf natürlichem Weg entstehen könnten, gelten nach wie vor die Risikobewertungen und Deklarationspflichten nach dem geltenden GVO-Gesetz der EU.

Auf der Website der Europäischen Kommission werden häufige Fragen im Zusammenhang mit NGT beantwortet. 

Alle NGT-Pflanzen – also jene unter Punkt 1 und 2 – werden in einer öffentlichen Datenbank erfasst. So soll die Transparenz und Wahlfreiheit für die Landwirte gewährleistet sein, heisst es auf der Website der EU-Kommission. Saatgut und anderes Pflanzenvermehrungsmaterial werde ausserdem gekennzeichnet. Als nächstes werden der Europäische Rat sowie das Europäische Parlament darüber debattieren und abstimmen. Ob, wann und wie der Gesetzesvorschlag in Kraft treten wird, ist also noch unklar.

Bisher kennen die EU und die Schweiz ähnliche Auflagen für Gentechnologie. So ist die Anwendung von NGT aktuell nur der Forschung erlaubt, unter strengen Auflagen. Das ermöglicht es, Saatgut und Sorten mit der EU frei zu handeln. Wird der Gesetzesvorschlag der EU-Kommission angenommen, wäre die Zulassung von NGT-Pflanzen vereinfacht. Somit wäre auch die kommerzielle Nutzung von CRISPR/Cas möglich. Das hätte auch verschiedenste Auswirkungen auf die Schweiz.

So sieht unsere Erbsubstanz aus
[IMG 2] Die Erbsubstanz, die sogenannte DNA, ist ein grosses Molekül, das aussieht wie eine Leiter. In jeder Körperzelle von Menschen, Tieren und Pflanzen findet sich eine solche Leiter.

Die «Sprossen» dieser Leiter heissen Basen. Von diesen Basen gibt es vier verschiedene, hier mit vier Farben dargestellt. Mit ihrer konkreten Abfolge codieren sie für den Bauplan von Lebewesen.

Diese Informationen zur Bauweise sind vererbbar: Als Kind erhält man einen Teil davon von der Mutter, den anderen Teil vom Vater.

Das Prinzip von CRISPR/Cas

[IMG 3]

Die Erbinformationen sind nicht statisch, sondern haben sich im Lauf der Evolution immer verändert und werden sich weiter verändern. Es ist daher ein natürlicher Prozess, wenn es zu Veränderungen der DNA kommt, zu sogenannten Mutationen. Dabei werden einzelne Basen ausgetauscht, zusätzlich eingefügt oder gehen verloren. In der Folge hat sich der Code für den Bauplan leicht geändert – was in den meisten Fällen nicht weiter schlimm ist.

Bei CRISPR/Cas handelt es sich um das wohl bekannteste Verfahren zur modernen Genomveränderung (englisch = «genome editing»). Das Konzept dahinter ist folgendes: Es wird ein Leit-Strang, der das exakte Gegenstück zu einer bestimmten Stelle der DNA bildet, zusammen mit der Genschere in die Zelle gebracht. Der Leit-Strang macht sich auf die Suche nach dieser von Forschern vorbestimmten Stelle und dockt schliesslich am Ziel an. Nun kommt die eigentliche «Genschere» zum Zug, die durch den Leit-Strang an die richtige Stelle geführt wird: Das Cas9-Protein zerschneidet die DNA. Das setzt Reparatur-Mechanismen in Gang, die die Zelle für solche Fälle bereithält. Die meisten DNA-Brüche werden korrekt repariert. Ab und zu können aber auch Fehler passieren, wobei es zu Mutationen kommt.

Für ForscherInnen ist dies interessant, weil sie gezielt Stellen in der DNA ansteuern können, um dort einen Bruch und anschliessende Mutationen hervorzurufen. Das erzeugt eine Vielfalt in den Genen der Individuen, wodurch bei der Züchtung aus einer grösseren Auswahl selektiert werden kann.

Das Verfahren kann ergänzt werden, indem genetische Informationen von aussen in die Zelle geschleust werden und diese im Zuge der Reparatur an der Bruchstelle in die DNA eingesetzt werden. So könnten vorteilhafte Gene schneller eingefügt werden – ohne vorher jahrelang durch Kreuzung zu versuchen, ein solches Gen in eine neue Sorte zu bringen.

Im Forschungsalltag ist dieser Vorgang höchst schwierig umzusetzen. Woran die Forschung arbeitet, wo sie scheitert und was die Chancen, aber auch die Grenzen solcher Genveränderungen sind, lesen Sie bald in einem Interview von «die grüne» mit Professor Bruno Studer vom Institut der Agrarwissenschaften der ETH Zürich.

Stimmen aus der Schweiz meldeten sich zum EU-Vorschlag

Es meldeten sich verschiedene Schweizer Organisationen zu Wort, um die Pläne der EU zu kommentieren. Hier eine kleine, unvollständige Auswahl:

Zuerst skeptisch, dann doch befürwortend

Und die Schweizer Bevölkerung, wie ist sie gegenüber den neuen Züchtungsverfahren eingestellt? Dazu hat das Forschungsinstitut gfs aus Bern im Juli 2021 eine Umfrage durchgeführt (im Auftrag von Swiss Food, einer Wissensplattform im Bereich Landwirtschaft und Ernährung von Bayer und Syngenta).

Dabei kam heraus, dass von den 1000 Befragten knapp 80 Prozent für eine Verlängerung des Gentech-Moratoriums sind. Wurde ihnen jedoch erklärt, was «genome editing» sei und welche Vorteile neue Züchtungstechnologien mit sich bringen können, schätzten zwei Drittel der Befragten «genome editing» als sinnvoll ein.

Was das jetzt bedeutet? In erster Linie zeigt es auf, wie komplex die Thematik und wie schwierig zu verstehen sie ist. Trotz oder gerade wegen dieser Komplexität: Die Schweizer Politik wird sich entscheiden müssen. Wie eingangs erwähnt, ist beim Bundesrat der Auftrag eingegangen, sich Gedanken zu machen zur risikobasierten Zulassung von NGT-Pflanzen. Dazu bleibt Zeit bis 2024.

Als Nationalrat Andreas Meier (Die Mitte/AG) im Juni 2023 anfragte, ob allenfalls schon früher mit einer Einschätzung zu rechnen sei, erhielt er bloss eine vage Antwort – die eigentlich nichts beantwortete. Vielleicht beschleunigt nun die progressive Haltung der EU diesen Prozess etwas.