Haben Sie noch kein Abo von «die grüne»?
Ein Produkt auswählen und bestellen

Sie sind bereits «die grüne»-Abonnent - haben aber noch kein Online-Login?
Die sofortige Freischaltung anfordern

Haben Sie Ihr Passwort vergessen?
Passwort vergessen

Haben Sie Fragen?
Infohotline: 031 958 33 33
Montag bis Freitag 8:00 - 12:00 Uhr und
13:30 - 17:00 Uhr

Haben Sie noch kein Abo von «die grüne»?
Ein Produkt auswählen und bestellen

Sie sind bereits «die grüne»-Abonnent - haben aber noch kein Online-Login?
Die sofortige Freischaltung anfordern

Haben Sie Ihr Passwort vergessen?
Passwort vergessen

Haben Sie Fragen?
Infohotline: 031 958 33 33
Montag bis Freitag 8:00 - 12:00 Uhr und
13:30 - 17:00 Uhr

Landwirtschaft im nördlichsten Zipfel der Schweiz

Ganz in Norden der Schweiz liegt die Gemeinde Bargen im Kanton Schaffhausen auf 605 Metern über Meer. Und im nördlichsten Zipfel dieser Gemeinde auf 740 Meter über Meer liegt der Bauernhof der Familie von Roger und Ute Schlatter.


Previous Next

Kurz & bündig

  • Roger und Ute Schlatter bewirtschaften den nördlichsten Hof der Schweiz.
  • 45 Hektaren Land befinden sich in Deutschland.
  • Auf dem vielseitigen Betrieb wurde viel investiert.
  • Schlatters möchten nicht mit den nördlichen Nachbarn tauschen.

Auf dem Hof der Familie Schlatter in Bargen steht ein alter Grenzstein, die offizielle Grenze ist aber bloss ein Steinwurf vom Grundstück der Schlatters entfernt. «Uns ist schon bewusst, dass wir am nördlichsten Zipfel der Schweiz Landwirtschaft betreiben», erzählt Bauer Roger Schlatter (41).

Sein Betrieb macht vor Grenzen nicht halt: Von den 86 Hektaren LN, die er bewirtschaftet, liegen deren 45 ennet der Grenze in Deutschland. Von ennet der Grenze stammt auch seine Frau Ute (38): Sie ist im Nachbardorf Blumberg-Neuhaus aufgewachsen und ist deutsche Staatsangehörige. Wenn sie spricht, klingt es allerdings eher nach einem schweizerdeutschen Dialekt.

Durch Flächen im Ausland werden Landwirte nicht reich

Roger und Ute Schlatter haben drei Kinder: Diana (11), Adrian (3) und Louis (2). Am Küchentisch erklären die Eltern, was es heisst, Flächen in zwei Ländern zu bewirtschaften.

«Zunächst muss man festhalten, dass man nicht einfach reich wird, wenn man im Ausland Flächen zupachten kann», sagt Roger Schlatter.

Denn: Die Direktzahlungen (den Basisbeitrag von Fr. 900.–/ha) bekommt Schlatter nur für «angestammte» Flächen – also jene, welche bereits vor 1984 vom Betrieb traditionellerweise bewirtschaftet worden sind. Für alle anderen Flächen bekommt Schlatter vom Schweizer Staat nichts.

Es ist aber möglich, einen Beitrag von 300 Euro zu lösen, wenn Schlatter die deutsche Version des ÖLN erfüllt. Das ist zwar reizvoll, jedoch mit administrativem Mehraufwand verbunden. Eine weitere Schwelle ist der 1. Januar 2014. Alle Produkte von Flächen im Ausland, die erst nach diesem Stichdatum in Pacht genommen oder zugekauft wurden, haben etwas gemeinsam: Sie können nicht unter dem Label «Suisse Garantie» vermarktet werden. Somit ist es aus wirtschaftlicher Sicht zwingend, diese Flächen ausschliesslich zur Futterproduktion oder Anbau von Futtergetreide zu nutzen. Dies, obwohl die Pachtzinsen in der Region Bargen und angrenzendem Deutschland nur rund halb so hoch sind wie auf guten Schweizer Böden.

Die Ernte braucht das OK des Zolls für den Grenzübertritt

Apropos Administration und Bürokratie: Da müssen Schlatters einiges beachten. Dem Zoll müssen vom deutschen Landwirtschaftsamt genehmigte Pacht- und Kaufverträge vorliegen. Bis am 1. Mai müssen Schlatters dem Zoll melden, was und wie viel sie für das ganze Jahr von Deutschland in die Schweiz einführen möchten. Auch das Stroh muss deklariert werden.

Wenn dann effektiv geerntet wird, muss zwei Stunden vor Einfuhr der Ernte über die Grenze ein Mail (oder Fax) mit Angabe von Zeit, Grenzübergang, Menge, Produkt und Anzahl Fuhren an den Zoll geschickt werden.

Vom angegebenen Zeitraum an muss die Ernte innert einer Stunde am definierten Ort über die Grenze gebracht werden. Ist das nicht möglich, weil beispielsweise der Drescher länger als geplant für die Ernte hatte, muss ein neuer Antrag gestellt werden.

Eine Herausforderung ist es auch, die Vorschriften beider Länder einzuhalten. Ein Beispiel: Beim Fungizid Chlorothalonil wurde letztes Jahr in Deutschland der Verkauf verboten, aber eine Aufbrauchfrist bis 20. Mai 2020 erlassen. In der Schweiz ist der Einsatz seit 1. Januar 2020 komplett verboten.

«Die Pflanzenschutzvertreter in unserer Gegend sind aber auf das Thema sensibilisiert. Sie unterstützen uns dabei, die Vorschriften einzuhalten», hält Roger Schlatter fest.

Vielseitiger Betrieb mit Rindern und Schweinen

Nebst für Schweizer Verhältnisse grossflächigem Ackerbau setzen Schlatters auch auf die Tierhaltung. Der Betrieb ist vielseitig: 52 Milchkühe der Rasse Fleckvieh und Red Holstein samt Limousin-Stier stehen ebenso im Stall wie 22 Stück Jungvieh, 15 Mastmuni und 32 Mastrinder. Zum Betrieb gehört zudem ein Mastschweinestall mit 150 Plätzen. Die Arbeit wird von Roger und Ute Schlatter und einem Angestellten aus Rumänien bewältigt.

Roger und Ute Schlatter haben viel in den Betrieb investiert. Unter anderem in erneuerbare Energien: Für mehrere 100 000 Franken sind Panels für die Stromerzeugung auf den Dächern der Liegenschaft. Dank KEV kein schlechtes Geschäft, «das ist dann mal unsere Altersvorsorge», lacht Roger Schlatter.

In der Landwirtschaft heisst viel investieren meistens auch viel Arbeit, besonders auch bei tierintensiven Betrieben. Nebst dem Angestellten aus Rumänien erledigen Roger und Ute Schlatter die anfallende Arbeit. Als Joker hilft die Mutter von Roger noch teilweise tatkräftig mit.

«Ich mache eigentlich alles auf dem Hof ausser Maschinenarbeit», sagt Ute Schlatter. Roger Schlatter ist sehr froh um diese Unterstützung, sie gibt ihm mehr Flexibilität bei der Arbeit im Feld. «Sonst müsste ich beim Heuen oder der Getreideernte manchmal im dümmsten Moment unterbrechen, um für den Stall zu Hause zu sein», so Roger Schlatter.

Dennoch: Arbeit hat die Familie mehr als genug, und Ferien gönnen sie sich selten. «Wir waren dieses Jahr zum ersten Mal seit langem drei Tage am Stück weg», sagt Ute Schlatter. Der Grund: «Es ist nicht einfach, loszulassen und den Betrieb in fremde Hände zu geben.» Die kurze Auszeit in Morschach haben Schlatters aber doch genossen.

Eher noch mehr Bürokratie in Deutschland als in der Schweiz

Roger Schlatter ist froh, auf der Schweizer Seite der Grenze zu Hause zu sein. Er steht in Kontakt mit deutschen Berufskollegen, unter anderem kommen Lohnunternehmer aus Deutschland zum Dreschen oder Häckseln zu ihm auf den Betrieb.

«Die Bürokratie ist in Deutschland gemäss Aussagen meiner Kollegen eher noch grösser als bei uns», so Schlatter. Aber auch sonst möchte er nicht tauschen. «Bei der Milchwirtschaft geht es den nördlichen Nachbarn ähnlich wie uns. Im Ackerbau haben wir aber in der Schweiz doppelt so hohe Preise», erklärt Roger Schlatter. Belächelt werde er als Schweizer Bauer von deutschen Berufskollegen manchmal wegen der hierzulande geltenden Düngungsnormen: Diese sind in Deutschland deutlich höher, das Berechnungsverfahren ist allerdings auch ein anderes (siehe Artikel Nmin).

Engagement ausserhalb des Betriebs für die Familie reduziert

Schlatters sind auch ausserhalb des Betriebes sehr engagiert. Roger Schlatter amtete elf Jahre als Präsident des Musikvereins Merishausen, war Gruppenführer bei der Feuerwehr und kandidierte für die SVP für den Kantonsrat.

Seit längerer Zeit ist er Präsident der Landi Merishausen-Bargen, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Randenbauern sowie Aktuar im Fleckviehzuchtverein Barzheim und Umgebung. Und im Winter ist der Betriebsleiter beim Zollamt Bargen für das Schneeräumen des Zollareals zuständig.

Den Aktivdienst in der Feuerwehr hat er mittlerweile aufgegeben, und auch politisch hat er keine Ambitionen mehr. Ute Schlatter war beim Landfrauenverein Merishausen-Bargen im Vorstand aktiv. «Jetzt hat die Familie Priorität», so Ute Schlatter.

Aber auch der Betrieb darf natürlich nicht zu kurz kommen. Schlatters wären nicht Schlatters, hätten sie nicht bereits weitere Pläne für Investitionen in petto: «Eine Maschinenhalle mit Werkstatt ist angedacht, und auch ein neuer Heu-Lagerraum könnte dereinst realisiert werden», meint Roger Schlatter. Denkt er dabei schon an die folgende Generation?

Ute Schlatter schätzt die Selbstständigkeit sehr

Roger Schlatter weiss nicht, wo sein Betrieb in zwanzig Jahren steht. Sein Ziel wäre, mit 60 Jahren schuldenfrei zu sein und die Investitionen amortisiert zu haben. «Natürlich hoffe ich, dass wir in der Familie jemanden finden, der oder die den Betrieb gerne weiterführt», gibt Schlatter zu.

Ihm ist aber bewusst, dass man niemanden zwingen kann und soll. «Der Betrieb gibt viel Arbeit, und es bleibt wenig Freizeit. Man muss Freude an der Arbeit haben, sonst bringt es nichts», sagt Schlatter.

Für seine Frau Ute ist die hohe Arbeitsbelastung kein Problem. «Ich war vorher zehn Jahre lang in einem Angestellten-Verhältnis. Heute schätze ich die Möglichkeiten, welche die Selbstständigkeit bietet: Ich arbeite zu Hause und kann bei meinen Kindern sein. Wir können uns bei unseren gemeinsamen Mahlzeiten austauschen und ich kann meinen Tag selbst einteilen. Und ich habe keinen Chef, dem ich es recht machen muss», ist Ute Schlatter froh. Sie und Mann Roger ziehen spürbar am gleichen Strick.

Schlatters kaufen keine Lebensmittel im nahen Ausland ein

Im nahen Ausland locken nicht nur schöne Pachtlandflächen, sondern auch günstige Produkte. Viele Deutsche arbeiten in der Schweiz und kehren abends als Grenzgänger zurück über die Grenze. Für Schlatters kein Problem, auch sie kaufen manchmal etwas in Deutschland ein – nicht aber die Lebensmittel.

«Bei den Landmaschinen habe ich so eine Schmerzgrenze von ungefähr 2000 Franken. Ist die Differenz Schweiz-Ausland grösser, wird es für mich schwer nachvollziehbar», sagt Roger Schlatter. 

Betrieb Schlatter

Roger und Ute Schlatter mit Diana (11), Adrian (3) und Louis (2), Bargen SH

LN: 86 ha, davon 45 ha in Deutschland, 5 ha Wald

Kulturen: Winterweizen, Dinkel, Roggen, Triticale, Gerste, Raps, Mais, Kunst- und Naturwiesen

Tierbestand: 52 Milchkühe (SF/RH), 22 Stück Jungvieh, 15 Mastmuni, 32 Mastrinder, 150 Mastschweine

Arbeitskräfte: Roger und Ute Schlatter, 1 Angestellter, zeitweise Mutter von Roger Schlatter

War dieser Artikel lesenswert?
Kommentar erfassen
Landwirtschaft in der Val Müstair GR: 1 Hof, 2 Länder, 3 Generationen
31.12.2019
Der Hof der Familie Ruinatscha aus Müstair GR liegt einen Steinwurf von der Grenze zu Italien entfernt. Wie lebt es sich im östlichsten Dorf der Schweiz als Landwirt? Eine Reportage über ein Bauernleben an der Grenze.
Artikel lesen
Es liegt Schnee im Münstertal GR, viel Schnee. Und dies bereits seit zwei Monaten. «Wir hatten anfangs November mehr als einen Meter Neuschnee», erinnert sich Landwirt Jon Ruinatscha. So früh im Jahr ist das selbst für das Dorf Müstair aussergewöhnlich, das 1248 Meter über Meer hoch liegt. Einige Bauern konnten ihre Gülle-Löcher und Mist-Stöcke nicht rechtzeitig leeren, Ruinatscha hingegen hatte ...
Werbung
Werbung
Folgen Sie uns