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Hochdorf: Viel Geld verpulvert

Es steht nicht gut um Milchverarbeiter Hochdorf. Das Unternehmen steckt tief in den roten Zahlen und der Aktienkurs ist im Sinkflug. Ob und vor allem, wie das schlingernde Unternehmen gerettet werden kann, ist offen.


von Eveline Dudda
Publiziert: 30.09.2019 / 00:30

Kurz & bündig

  • Hochdorf machte im ersten Halbjahr 2019 rund 63 Mio. Franken Verlust.
  • Nun muss das Unternehmen um die Verlängerung eines Kredits über 150 Mio. Franken bangen.
  • Für die schlechte Finanzlage macht Hochdorf seinen Babynahrungshersteller Pharmalys verantwortlich.
  • Dabei ist auch die Milchpulver-Produktion bei Hochdorf wenig rentabel.

Hochdorf ist der viertgrösste Milchverarbeiter der Schweiz. Entsprechend wichtig ist das Unternehmen für die Milchbranche. Lorenz Hirt, der Geschäftsführer der Vereinigung der Schweizerischen Milchindustrie VMI, ist besorgt: «Wir wissen ja, dass bereits ein bis zwei Prozent zu viel oder zu wenig Milch auf dem Markt Probleme machen.»

Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn die acht Prozent der heimischen Milch, die Hochdorf jährlich verarbeitet, plötzlich wegfallen. Hochdorfs Rolle als Regulierer in milchstarken Zeiten kann nicht einfach so von anderen übernommen werden.

Urs Schwizer, der Geschäftsführer der Thur Milch Ring AG TMR, hätte folglich allen Grund nervös zu sein. Die TMR liefert 80 Prozent ihrer gehandelten Milch an Hochdorf. Zudem hat Hochdorf letztes Jahr die Aktienmehrheit an der TMR erworben. Doch Schwizer ist entspannt: «Wir geschäften schon seit 2003 mit Hochdorf. Das Geld ist immer pünktlich gekommen.» Er geht nicht davon aus, dass sich viel ändern wird. «Die Anlagen in Sulgen sind topmodern, da wurde viel investiert. Dort wird auch weiterhin produziert werden.»

Die Frage ist nur: Von wem? Hochdorf hat den Banken bei der Aufnahme eines Konsortialkredits mehr versprochen als gehalten und damit die «Financial Covenants» verletzt. Der Kredit wurde vorerst nur bis zum 31. Oktober 2019 verlängert. Um den geplanten Umbau des Unternehmens voranzutreiben, ist Hochdorf auf den Kredit in Höhe von 151 Mio. Franken angewiesen, darüber hinaus wären noch zusätzliche 40 Mio. erwünscht. Um an dieses Geld zu kommen, gibt es aktuell drei Möglichkeiten:

  1. Die Banken gewähren Hochdorf die erwünschten Kredite in Höhe von fast 200 Mio. Franken.
  2. Es wird eine Kapitalerhöhung beschlossen und genügend Aktionäre sind bereit dieses Kapital einzubringen.
  3. Es findet sich ein Kapitalgeber der Hochdorf, oder Teile davon, übernimmt.

Vom exzellenten Geschäftsmodell …

Wenn Sie diesen Beitrag lesen, ist dieser Entscheid möglicherweise gefallen. Ein Blick zurück kann trotzdem nicht schaden.

Für das miserable Ergebnis im ersten Halbjahr 2019 wurde vor allem der Babynahrungshersteller Pharmalys verantwortlich gemacht, das Unternehmen habe die Erwartungen nicht erfüllt. Hochdorf hat 2016 die Aktienmehrheit an Pharmalys Laboratories, Pharmalys Tunisie und Pharmalys Africa übernommen.

Dem Kauf gingen umfangreiche Abklärungen voraus. Ex-CEO Thomas Eisenring wusste an der ausserordentlichen GV 2016 nur Gutes über Pharmalys und seinen Besitzer Amir Mechria zu berichten.

Damals hiess es, das Unternehmen habe ein «exzellentes Geschäftsmodell mit hervorragender Profitabilität» und sei sehr erfolgreich in den Zielmärkten von Hochdorf unterwegs. Die Unternehmensbewertung sei gerade noch auf einem Niveau, dass Hochdorf sich die Transaktion leisten könne. Da ein grosser Teil der Umsätze über die Tische bei Hochdorf gingen, könnten die Daten sehr gut eingeschätzt werden.

Man kenne einander gut und beide Firmen hätten in den aufstrebenden Märkten Afrikas und Ostasiens «noch nie einen Cent abschreiben müssen.» Die Finanzzahlen seien geprüft, die Plandaten plausibilisiert und die Risiken kontrolliert worden. Zudem habe man «Market Visits» bei den Organisationen in Tunesien, Ägypten, Marokko, Mauretanien, Senegal und Libanon gemacht. «Bei sämtlichen Market Visits konnten wir uns ein Bild der Pharmalys-Organisationen, der Sub-Distributoren, den Kinderärzten und der Abnehmer (Pharmazien und Supermärkte) machen.»

Pharmalys-Besitzer Amir Mechria, so hiess es damals, «verfolgt weder eine Exit-Strategie, noch motiviert ihn der monetäre Gegenwert.»

Mechria verkaufe das von ihm aufgebaute Unternehmen nur, weil er von Hochdorf überzeugt sei. Die Aktionäre waren ebenfalls überzeugt und stimmten dem Kauf zu. Der Aktienkurs stieg.

… zum unkontrollierbaren Unternehmen

Nur drei Jahre später tönt alles anders. Plötzlich heisst es, das Geschäftsmodell von Pharmalys könne «in der heutigen Ausgestaltung nicht nachhaltig erfolgreich geführt und kontrolliert werden, weil es Hochdorf keine Transparenz und keinen Einfluss auf die Wertschöpfungskette gibt.»

Das Unternehmen habe viel gekostet und wenig gebracht. Entsprechend wolle der Verwaltungsrat nun «alle Optionen prüfen»; dazu dürfte auch der Verkauf gehören. Der hängt aber nicht nur vom Verwaltungsrat, sondern auch von Mechria ab, der weiterhin 49 Prozent der Aktien besitzt.

Im «Shareholders’ Agreement» zum Kaufvertrag wurde festgehalten, dass es den beiden Parteien – ohne Zustimmung der Gegenpartei – bis 19. Dezember 2020 untersagt ist, Pharmalys zu verkaufen. Danach unterliegen die Aktien dem gegenseitigen Vorkaufsrecht. Ohne Mechrias Zustimmung geht erst mal nichts.

Pharmalys-Besitzer Amir Mechria ist ein mächtiger Minderheits-Aktionär

Warum der Umsatz von Pharmalys dermassen einbrach, ist unklar. Im ersten Halbjahr 2019 lag er gerade noch bei 24 Mio. Franken; die Hälfte dessen, was erwartet worden war.

Von Hochdorf stand niemand für Interviews zur Verfügung und Amir Mechria war nicht erreichbar. In den Geschäftsberichten ist von «Uneinigkeiten bezüglich Investitionen» die Rede und davon, dass Mechria deswegen weniger bestellt habe.

Was damit gemeint ist, erklärt Hochdorf-Sprecher Christoph Hug: «Das Geschäftsmodell war unter anderem auf ein rasches grosses Wachstum ausgerichtet. Dieses Wachstum benötigt aber auch grosse finanzielle Mittel, weil die Produkte Dieses Wachstum benötigt aber auch grosse finanzielle Mittel, weil die Produkte von Pharmalys vorfinanziert werden müssen. Weil dies nicht mehr möglich war, hat man das Wachstum von Pharmalys bewusst reduziert.» In der Folge wurde einige Bestellungen storniert oder auf später verschoben.

Dazu kam, dass angeblich Rechnungen in Höhe von 56 Mio. Franken ausstehend sind. «Auf Wunsch» von Pharmalys wurden deshalb Rückstellungen in Höhe von über 30 Mio. Franken gemacht. Inzwischen ist Mechria als Vizeverwaltungsrat bei Pharmalys zurückgetreten, die Geschäftsleitung hat Hochdorfs Intermin-CEO Peter Pfeilschifter übernommen. Aber nach wie vor gehören 49 Prozent der Aktien der Pharmalys Invest Holding AG in Zug, deren Verwaltungsratspräsident Amir Mechria ist.

Hochdorfs Verluste in Höhe von 63 Mio. im ersten Halbjahr 2019 können nicht allein Pharmalys angelastet werden. Die höheren Abschreibungen und Wertberichtigungen in Hochdorf und Sulgen sowie ein Teil der Rückstellungen in Höhe von mehr als 60 Mio. Franken haben mit Pharmalys sogar sehr wenig zu tun.

Sie dienen eher dazu, dem nächsten CEO und den neuen Verwaltungsräten den Weg zu ebnen. Sie haben es so leichter einen «Leistungsausweis» vorzulegen. Das war vor Eisenrings Stellenantritt nicht anders, vor seinem Start hat Hochdorf eine Wertberichtigung über 40 Mio. vorgenommen.

Kaufen und verkaufen hat bei Hochdorf Tradition

Es wird wenig daran ändern, dass das Milchpulver-Business hart ist. Auch unter Eisenrings Vorgänger Damian Henzi war Hochdorf kein besonders profitables Unternehmen. Henzi hat, wie Eisenring, in seiner Zeit als CEO mehrere Unternehmen gekauft und später wieder mit Verlust verkauft.

Waren es bei Henzi Backwarenhersteller, Unternehmen im Gastrobereich oder Tiernahrung, kaufte Eisenring einen Trockenfruchthersteller, eine Ölmühle, eine Schoggifabrik in Südafrika, einen deutschen Milchverarbeiter und zwei Babynahrungs-Hersteller ein (Pharmalys und Bimbosan). Aus Henzis Zeit blieb zumindest der Standort Sulgen bei der Holding, er wurde nach dem Crash von Swiss Diary Food erworben. Was von Eisenrings Anschaffungen Bestand haben wird, ist noch offen.

Aktuell will der Verwaltungsrat offenbar alles, was nicht direkt mit dem Kerngeschäft zu tun hat, verkaufen. Das wird Hochdorf nicht retten: Denn geldmässig schenken die Nischensparten kaum ein.

Das zeigt auch das Beispiel des Verkaufs von Hochdorf South Africa: Der Schoggihersteller auf dem schwarzen Kontinent wurde im Jahr 2015 gekauft und 2019 wieder verkauft. Dabei erzielte Hochdorf angeblich einen Gewinn von knapp einer halben Million Franken.

Das klingt gut – relativiert sich aber, wenn man weiss, dass Hochdorf der Schoggifabrik zuvor ein Darlehen in Höhe von fast 400'000 Franken erlassen hat. Ob das im Zusammenhang mit Ex-CEO Eisenring steht, der bei seinem Abgang schrieb, er sei «durch seine Familie sehr von Afrika geprägt», wollte Hochdorf-Mediensprecher Hug nicht beantworten.

Im Kerngeschäft von Hochdorf wird Geld verpulvert

Die grössten Verluste macht Hochdorf nach wie vor im Kerngeschäft. Ex-CEO Eisenring schrieb selbst, dass der Geschäftsbereich Dairy Ingredients unrentabel ist.

Auch wenn Hochdorf eine breite Palette von angereichertem Milchpulver, Label-Milchpulver (kosher, halal), Rahm, Milchkonzentrate, Magermilchpulver, Vollmilchpulver, Rahmpulver, Fettpulver, Milchproteinpulver, Molkenpulver, Molkenproteinpulver, Permeatpulver und dergleichen mehr herstellt, bleibt das Geschäft mit dem Milchpulver das Sorgenkind. Die Konkurrenz und Abhängigkeit von Weltmarktpreisen ist gross, der Markt für hochpreisige Produkte klein und umkämpft.

Die Wette, wie Hochdorfs Zukunft aussieht, läuft

Weil Milchpulver und Co. ein schlechtes Geschäft sind, will sich Hochdorf wenigstens von den Milchverarbeitern im Ausland trennen und verstärkt auf Babynahrung setzen. Aber auch das kostet. Der Verkauf von Hochdorf Baltic Milk hat die Bilanz letztes Jahr mit minus 5,8 Mio. belastet. Und für den Verkauf der Uckermärker Milch wurden dieses Jahr 10 Mio. Franken Rückstellungen angelegt.

Das Unternehmen Hochdorf hat in den letzten Jahren viel investiert. Der neue Sprühturm in Sulgen kostete 90 Mio. Franken, der «alte» Sprühturm wurde im Jahr 2010 für 60 Mio. erstellt. Aktienspezialist Ronald Wildmann (Chefanalyst von Resarchpartners) schätzt in einer Kurzstudie vom August dieses Jahres, dass das gesamte Unternehmen trotzdem weniger als 400 Mio. Franken wert ist.

Ob das den Banken als Sicherheit für einen 200 Mio. Franken Kredit reicht? Eine andere Möglichkeit wäre eine Kapitalerhöhung, zum Beispiel über eine weitere Wandelanleihe. Doch als Hochdorf letztes Jahr eine Wandelanleihe über 100 Mio. platzieren wollte, musste das Vorhaben mangels Interesse abgeblasen werden. Die 100 Mio. Franken waren zu einem (kleinen) Teil für den Kauf des Schweizer Babynahrungsherstellers Bimbosan vorgesehen, der Rest war für die Ablösung bestehender Bankkredite und anderes gedacht. Es könnte schwierig werden, Anleger für eine weitere Kapitalerhöhung zu begeistern.

Bleibt als letzte Option eine Übernahme durch andere Unternehmen. Potenzielle Schweizer Interessenten sind rar. Milchverarbeiter Cremo hat erst vor einem Jahr aufgerüstet und stellt jetzt ebenfalls Walzenmilchpulver für die Schoggi-Industrie her. Emmi produziert Milchpulver in kleineren Mengen und ist im Molkereimilch- und Käsebereich erfolgreich unterwegs. Es gibt wenig Grund, daran etwas zu ändern.

Hochdorf wäre eher für Unternehmen interessant, die schon heute auf Milchpulver oder Babynahrung setzen, wie zum Beispiel Nestlé.

Ein chinesischer Konzern steht in den Startlöchern

Interessant wäre Hochdorf auch für den chinesischen Konzern Synutra, der derzeit zusammen mit Translait im Kanton Freiburg für mehrere hundert Millionen Franken eine Molkepulverfabrik aufbauen möchte, um dort Babynahrung für den chinesischen Markt herzustellen.

Ein Markt, in dem auch Hochdorf und Pharmalys gerne wieder aktiv wären. Seit Hochdorf sein miserables Halbjahresergebnis bekannt gab, werden mehr Aktien gehandelt als zuvor. Die Wette läuft, viele Anleger setzen auf «Alles oder nichts.» Es dürfte spannend werden.

 

Amir Mechria

Amir Mechria hat in Tunesien Medizin studiert, er kam als Arzt mit Babynahrung in Kontakt. 2008 begann er mit Hochdorf im Bereich Babynahrung zusammenzuarbeiten. 2009 gründete er in Sierre im Kanton Wallis die Firma Pharmalys, an welcher Hochdorf seit 2016 zu 51 % beteiligt ist. Das Unternehmen hat laut Mechria 1200 Angestellte in mehr als 40 Ländern. Zum Vergleich: Hochdorf hat 650 Mitarbeitende.

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