Kurz & bündig

  • Euter-Entzündungen sind auch verantwortlich für eine verringerte Milchleistung und Fruchtbarkeit sowie ein erhöhter Einsatz von Antibiotika und ein höheres Abgangsrisiko.
  • Selektives Trockenstellen verbindet zwei Anliegen: Den Antibiotika-Verbrauch in der Milchwirtschaft senken und die Heilungschancen in der Galt-Phase erhöhen.
  • Beim selektiven Trockenstellen werden die Antibiotikabehandlungen ganz gezielt einzelnen Kühen oder Vierteln zugeteilt. Die Auswahl der zu behandelnden Kühe oder Viertel erfolgt mit Hilfe von Gesundheitsdaten.

Aufgrund der zunehmenden Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen und deren negativen Folgen für die Gesundheit von Mensch und Tier wird der Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft stark diskutiert und kritisiert. Über 80 Prozent aller in der Milchwirtschaft eingesetzten Antibiotika werden zur Bekämpfung und Therapie von Euter-Entzündungen eingesetzt, hauptsächlich beim Trockenstellen.

Für viele der Antibiotika, welche beim Trockenstellen eingesetzt werden, sind bereits Resistenzen gefunden worden. Daher lautet die aktuelle Empfehlung, eine routinemässige Antibiotika-Behandlung aller Viertel bei allen Kühen zum Zeitpunkt des Trockenstehens zu unterlassen. Untersuchungen, wie auch die Erfahrungen der Betriebsleiter zeigen jedoch, dass die Eutergesundheit bei einer Trockenstell-Behandlung in der darauf folgenden Frühlaktation in ausgewählten Fällen verbessert werden kann.

Das selektive Trockenstellen versucht, beide Argumente zu berücksichtigen: Einerseits den Antibiotika-Verbrauch beim Trockenstellen zu reduzieren und andererseits die Heilungschancen in der Galtphase mittels unterstützender Therapie zu erhöhen.

Wie funktioniert selektives Trockenstellen genau?

Bei dieser Methode des Trockenstellens werden die Antibiotika-Behandlungen ganz gezielt einzelnen Kühen oder Vierteln zugeteilt. Die Auswahl der zu behandelnden Kühe oder Viertel erfolgt mit Hilfe von Gesundheitsdaten. Es werden nur Tiere oder Viertel behandelt, von denen bekannt ist, dass sie eine Euter-Infektion hatten oder haben. Die Auswahl basiert entweder auf Ergebnissen einer bakteriologischen Untersuchung der Milch, die vor dem Trockenstellen durchgeführt wurde. Oder sie stützt sich auf individuelle Kuhdaten, wie etwa dem Verlauf der somatischen Zellzahl und dem Auftreten von klinischen Euter-Entzündungen in der Vergangenheit.

In den letzten Jahren wurden verschiedene Untersuchungen durchgeführt, um die Wirksamkeit zwischen der flächendeckenden Antibiotika-Therapie aller Viertel beim Trockenstellen und der selektiven Trockenstellbehandlung als alternatives Konzept zu vergleichen. Die Ergebnisse zeigten, dass das Risiko für eine Euter-Entzündung nach dem Abkalben zwischen den beiden Methoden vergleichbar ist. Wenn jedoch beim Trockenstellen ein Zitzenversiegler appliziert wurde, konnte das Risiko deutlich reduziert werden.

Basierend auf verschiedenen Untersuchungen erhöhte die Methode des selektiven Trockenstellens nicht das Risiko, an einer Euter-Entzündung während der Trockenstehzeit zu erkranken. Wurde der Antibiotika-Verbrauch zwischen den beiden Methoden verglichen, zeigte sich, dass durch selektives Trockenstellen der Verbrauch um knapp die Hälfte reduziert werden kann.

Zusammenfassend bedeutet dies bezüglich Euterentzündungen:

  • Ähnliches Risiko nach dem Abkalben
  • vergleichbares Risiko während der Galtphase
  • Reduktion des Antibiotika-Verbrauchs um die Hälfte.
  • Mit Zitzen-Versieglern: Deutliche Reduktion des Risikos für Euter-Entzündungen in der Frühlaktation.

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Empfohlenes Vorgehen rund um das selektive Trockenstellen

Für die Eutergesundheit ist es optimal wenn die Kühe abrupt trockengestellt werden, sofern die Tages-Milchleistung unter 15 kg liegt. Um während der Trockenstehzeit einen optimalen Schutz vor Neuinfektionen zu gewähren, bildet sich der sogenannte Keratin-Pfropf. Dieser Pfropf braucht bis zur vollständigen Ausbildung 7 bis 10 Tage nach dem letzten Melken.

Der Keratin-Pfropf schützt das Euter während der gesamten Galtphase vor dem Eindringen von Bakterien von aussen. Für die Erholung des Euters sollten die Kühe zwischen 45 bis 60 Tage trockenstehen. Dies schützt zum einen vor Neu-Infektionen und bereitet die Kuh auf die gewünschte Milchleistung in der Folge-Laktation vor.

Für die Wahl des Euter-Schutzes (Antibiotika ja oder nein?) muss folgendes in Betracht gezogen werden:

  • die letzten drei Zellzahlmessungen
  • Euter-Entzündungs-Vorgeschichte
  • Ergebnis der bakteriologischen Milchproben-Analyse (Kühe über 100 000 Zellen pro ml)

Anhand des bakteriologischen Resultats kann das weitere Vorgehen mit der Tierärztin oder dem Tierarzt besprochen werden. Einige Keime verursachen zwar hohe Zellzahlen, zeigen aber in der Galtphase eine sehr gute Spontanheilung. Sie müssen folglich nicht zwingend mit Antibiotika behandelt werden. Andere Keime dürfen und sollen mit Antibiotika behandelt werden.

Eine zusätzliche Behandlung vor dem Trockenstellen bringt keinen besseren Heilungserfolg und ist nicht zu empfehlen. Zur Behandlung bzw. zum Trockenstellen sollte nur die Einführungstube mit der kurzen Spitze verwendet werden. So werden der Strichkanal geschützt und keine Bakterien in die Tiefe der Zitzen-Zisterne eingebracht.

Bei einer positiven Milchprobe oder einer Vorgeschichte mit Euter-Entzündung ist eine zweite «Behandlung» während der Galtphase zu unterlassen. Eine zweite «Behandlung» zerstört den Keratin-Pfropf und somit den natürlichen Schutz. Deswegen kann es nicht empfohlen werden.

 

So funktioniert das selektive Trockenstellen

  • Das abrupte Trockenstellen wird bei 15 kg Tagesmilch empfohlen.
  • Antibiotika gezielt einsetzen.
  • Zellzahl, Euter-Entzündungs-Vorgeschichte, Milchprobe analysieren.
  • Zusammenarbeit/Interpretation der Resultate mit der Tierärztin oder Tierarzt.
  • Eine zweite Behandlung in der Trockenstellphase zeigt keinen besseren Heilungserfolg.
  • Ein interner Zitzen-Versiegler reduziert das Risiko für Euter-Entzündungen deutlich.
  • Korrekte Applikation der verschiedenen Präparate.
  • Dippen aller Zitzen und anschliessend so wenig Stimulation des Euters wie möglich.

Zitzen-Versiegler kann das Risiko für Euter-Entzündungen reduzieren

Unabhängig davon, ob die Kuh mit oder ohne Antibiotika trockengestellt wird, kann ein Zitzen-Versiegler das Risiko für Euter-Entzündungen deutlich reduzieren. Vor allem bei älteren Kühen oder Kühen mit hohen Milchleistungen kann die Keratin-Pfropfbildung unzureichend sein. In der Folge ist der Schutz vor eindringenden Bakterien ungenügend.

Deshalb sollte bei diesen Kühen ein interner Zitzen-Versiegler beim Trockenstellen verwendet werden. Dieser darf jedoch im Gegensatz zu Behandlungen nicht in das Euter rauf massiert werden. Es empfiehlt sich, die Zitzen-Zisterne mit zwei Fingern gut abzuklemmen und anschliessend den Zitzen-Versiegler zu applizieren. Nach dem abschliessenden Dippen der Zitzen sollen das Euter und die Zitzen nicht mehr als nötig berührt werden.

Somit stellt das selektive Trockenstellen eine gute Alternative zur Galtbehandlung aller Kühe dar. In Ver-bindung mit einem Zitzen-Versiegler kann der Schutz vor Euter-Infektionen verbessert werden. Die Reduktion des Antibiotika-Verbrauchs ist wichtig, damit diese Behandlungsmöglichkeit bei einem Einsatz weiterhin erfolgsversprechend ist.

 

Aus dem Alltag der  RGD-Tierärzte . . .

Fall-Beispiele und Lösungs-Vorschläge aus dem Alltag der Tierärzte des Rindergesundheitsdienst (RGD). In dieser Folge von Iwan Locher, Tierarzt beim Rindergesundheitsdienst an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Bern.