Kurz und bündig
- Saatgetreideproduzenten hatten eine um 25 Produzent tiefere Ernte als üblich.
- Dank eingeplanter Reserve ist die Verfügbarkeit gesichert.
- Hagel kann die Keimfähigkeit der Körner beschädigen.
- Auswuchs ist beim Saatgetreide kein Problem.

Hagel und Dauerregen haben 2021 grosse Ertragsausfälle im Getreide verursacht. Beim Saatgetreide bringt der Hagel noch ein weiteres Problem mit sich. «Hagelkörner können beim Aufschlagen auf die Getreideähre den Embryo im Korn beschädigen. Hagelparzellen können von einer reduzierten Keimfähigkeit der Körner betroffen sein», sagt Adrian Krähenbühl, Geschäftsführer der Semag.

Um zu verhindern, dass solches Saatgut in Umlauf kommt, wird jeder Posten separat im Labor auf seine Keimfähigkeit analysiert. Diese Arbeiten laufen derzeit noch, jedoch dürfte hier der eine oder andere Posten betroffen sein und in den Futterkanal verschoben werden.

Im regnerischen Jahr 2021 war rund um die Getreideernte viel von Auswuchs die Rede. «Bei den Saatgutproduzenten spielt Auswuchs aber kaum eine Rolle», sagt Adrian Krähenbühl. Der Grund dafür: Leichter Auswuchs beeinträchtigt die Keimfähigkeit von Saatgetreide nicht und hat auch sonst keine negativen Auswirkungen auf die Qualität von Saatgetreide.

Wenn ein Posten jedoch sehr stark von Auswuchs betroffen ist und die Körner bereits lange Keimlinge haben, sieht die Sache anders aus. In diesem Fall gibt es jedoch eine technische Lösung: Körner mit langen Keimlingen lassen sich mechanisch im Triage-Verfahren aussortieren.

Beizung hat deutlichen Effekt auf die Keimfähigkeit

Wenn die Keimfähigkeit eines Postens eher knapp ist, kann letztendlich auch die Beizung dabei helfen, die Qualität sicherzustellen. Mittels chemischer Beizung kann die Keimfähigkeit eines Postens beispielsweise von 80 auf 90 Prozent erhöht werden und so die Anforderungen des Bundes erfüllen.

Die Beizmittel sind jedoch unter Beschuss, was Anlass für einige Sorgen ist. «Wenn die Wirkung von neuen Beizmethoden und -mitteln gegenüber den heutigen Mittel reduziert ist, heisst das, dass zusätzliche Saatgutposten die Qualitätsanforderungen nicht mehr erfüllen und verloren gehen. Das bedeutet, dass die Versorgungssicherheit abnimmt oder wir mehr Reservemengen einplanen müssen. Das verursacht Mehrkosten», erklärt Adrian Krähenbühl.

Die Suche nach guten Alternativen zur chemischen Beizung läuft, so hat die Fenaco beispielsweise die erste thermische Beizanlage der Schweiz gebaut (siehe Artikel der grünen «Erste thermische Beizanlage zur Saatgutbehandlung in der Schweiz von UFA-Samen»).

25 Prozent tiefere Erträge im Getreide

«Im Durchschnitt sind die Erträge unserer Saatgutproduzenten in diesem Jahr um rund 25 Prozent tiefer als üblich ausgefallen», resümiert Adrian Krähenbühl. Gross beunruhigt zeigt er sich deswegen aber nicht.

Denn: «Bei der Planung der Saatgutvermehrung rechnen wir immer einen Puffer von 25 Prozent als Reserve ein. Wir müssen gewappnet sein, um Ertrag- und Qualitätsschwankungen auszugleichen und unsere Kunden zuverlässig mit Saatgut beliefern zu können», so der Geschäftsführer. Daher erfolgt die Vermehrung von Saatgut auch grossflächig über die ganze Schweiz verteilt.

Immerhin waren nicht alle Getreidesorten gleich schlimm von den schlechten Witterungsbedingungen betroffen. Die Gerste konnte beispielsweise bei mehrheitlichen guten Bedingungen geerntet werden, Ertrag und Qualität haben gepasst.

Bekämpfung von Flugbrand im Weizen war aufwändig 

Anders sieht es beim Weizen aus. Sowohl beim Brot- wie auch beim stark zunehmenden Futterweizen seien die Ertragseinbussen mit rund einem Viertel deutlich spürbar. Doch beim Saatgetreide muss auch die Qualität optimal sein, und hier gibt es Herausforderungen.

«Normalerweise landen von den bei uns angelieferten Posten etwa 20 Prozent der Körner im Futterkanal. Mit diversen mechanischen Verfahren sortieren wir gebrochene und kleine Kerne aus, die nicht für die Wiederaussaat geeignet sind», sagt Adrian Krähenbühl.

Hinzu kommen samenbürtige Krankheiten, welche die Saatgutproduzenten konsequent im Griff haben müssen, damit die Getreideproduzenten in der Schweiz sauberes Saatgut bekommen. Dabei gibt es zwei Faktoren: Einerseits muss das Ausgangsmaterial möglichst sauber sein. Zudem gebe es aber auch einen Jahreseffekt. «Heuer war das Wetter günstig für die Ausbreitung von Flugbrand. Das war aufwändig für unsere Produzenten. Sie mussten teilweise mehrere Säuberungsdurchgänge erledigen, um die befallenen Ähren aus den Vermehrungsparzellen zu entfernen», so der Geschäftsführer der Semag.

Trotzdem mussten nach den Feldkontrollen 5 Prozent aller Flächen abgewiesen und von der Saatgutproduktion ausgeschlossen werden, weil sie die strengen Qualitätsanforderungen nicht erfüllten. «Üblicherweise liegt die Quote abgewiesener Felder bei nur 2 Prozent. Wir haben heuer jeweils versucht zu retten, was noch zu retten war, weil sich eine schlechte Ernte abgezeichnet hat. Bei der Qualität dürfen und wollen wir jedoch keine Abstriche machen», so Adrian Krähenbühl.

Verfügbarkeit einzelner Sorten könnte schwierig werden

25 Prozent Ertragseinbusse und 25 Prozent eingeplante Reserve – das scheint auf dem Papier nicht schlecht aufzugehen. Dennoch könnte es bei einzelnen Sorten zu Engpässen kommen, gibt Adrian Krähenbühl zu bedenken.

Ein Vorteil für ihn ist, dass mit Montalbano eine der wichtigsten Sorten relativ gut abgeschnitten hat, weil sie eher spätreif ist und die Bedingungen zur Ernte wieder relativ gut waren. Die Sortenverhältnisse seien über die Jahre gesehen immer relativ stabil. Dennoch könnte es insbesondere bei Sorten, die eher wenig nachgefragt werden, zu Engpässen kommen.

«Ich rate allen Landwirten, ihr Getreidesaatgut frühzeitig zu bestellen. So sollte in den meisten Fällen die Verfügbarkeit gewährleistet sein», sagt Krähenbühl. Die Semag ist als Vermehrungsorganisation nicht aktiv als Importeurin von Saatgetreide. Das Ziel der Branche ist es, eine möglichst hohe Inlandabdeckung zu erreichen. «Darum haben wir auch die 25 Prozent als Puffer einkalkuliert. Diese Reservemenge ist aber immer auch ein Kostenfaktor», gibt Krähenbühl zu bedenken.

Ebenfalls ins Gewicht fallen die Trocknungskosten, welche dieses Jahr deutlich höher ausfielen. «Es war für die Lohnunternehmer praktisch unmöglich, ihre Kunden allesamt zum idealen Zeitpunkt zu bedienen», weiss Krähenbühl.

Verspätete Ernte sorgt für gedrängten Zeitplan

Anspruchsvoll ist auch die um rund zwei Wochen verzögerte Ernte. Die Periode von der Ernte des Saatgetreides bis zur erneuten Aussaat im Herbst sei ohnehin immer geprägt von einem dichten Zeitplan, sagt Krähenbühl: Annahme und Reinigung der Saatgetreideposten, Aufbereitung und allenfalls chemische oder neuerdings auch thermische Behandlung des Saatgutes, Laboranalysen und der anschliessende Vertrieb des Saatgutes stehen an.

Viel ändern am Zeitplan kann Adrian Krähenbühl deswegen nicht. «Wir arbeiten in dieser Zeit ohnehin immer auf Hochtouren. Unsere Logistik ist gefordert, aber ich bin zuversichtlich, dass wir bis zur Aussaat alle Kunden mit gutem Saatgut beliefern können.»

Wird das Saatgut knapp, so könnte man nebst dem Import von Saatgetreide auch ins Auge fassen, die Anforderungen an das Saatgut etwas zu reduzieren. Das gehe aber nicht, erklärt Adrian Krähenbühl: «Beim Saatgut besteht ein starker Käuferschutz. Der Staat schreibt die Anforderungen an zertifiziertes Saatgut in der Saat- und Pflanzgutverordnung exakt vor. Wir können nur in extremen Ausnahmesituationen Sonderbewilligungen beantragen, damit wir Saatgut mit einer verminderten Keimfähigkeit von beispielsweise 80 Prozent verkaufen könnten. Das betrifft jedoch praktisch nur Vermehrungsbetriebe, die einen solchen Posten erhalten würden.»

Vorsicht bei der Nachnahme von eigenem Saatgut

In der Schweiz kaufen die meisten Landwirte zertifiziertes Saatgut ein – nicht zuletzt, weil das häufig eine Auflage der Abnehmer ist, damit die Sortenreinheit garantiert bleibt.

Wer jedoch trotzdem auf den Nachbau von eigenem Saatgetreide setzt, sollte besonders nach so einem Jahr vorsichtig sein. «Brandpilze, die Keimfähigkeit und sämtliche samenbürtigen Krankheiten müssen gut im Auge behalten werden», sagt Adrian Krähenbühl.

Er weist darauf hin, dass sich der eigene Nachbau in der Schweiz nur selten lohne, da die hierzulande angebauten Flächen dafür meist zu klein seien.

Ein verlorenes Jahr für die Sortenprüfung

Auch wenn die Versorgung mit qualitativ gutem Saatgetreide für die Aussaat 2021 in den allermeisten Fällen gewährleistet sein sollte, gibt es für Adrian Krähenbühl dennoch einen Wermutstropfen. «Wir können in diesem Jahr die Sortenunterschiede kaum auswerten. Vor allem bei neuen Sorten bringt das jeweils spannende Erkenntnisse. Dieses Jahr ist aufgrund des Wetters jedoch ein verlorenes Jahr für die Sortenprüfung. Wir sind vom Ertragsniveau so weit vom Durchschnitt entfernt, dass eine Auswertung nichts bringen würde», zeigt sich Krähenbühl enttäuscht.

Die Vermehrungsorganisation Semag
- Die Semag ist die Vermehrungsorganisation von Saatgetreide und Pflanzkartoffeln in den Kantonen Bern, Solothurn und Basel.
- Die Semag organisiert und betreut die Produktion von anerkanntem Saatgetreide (1300 ha) und Pflanzkartoffeln (590 ha) sowie die Übernahme, Bereitstellung und Vermarktung des Saatgutes.
- Sie setzt sich für eine wirtschaftlich interessante Saat- und Pflanzgutproduktion ein und beschäftigt im Büro in Lyssach BE 5 Mitarbeitende für die 4 Arbeitsstellen.

www.semag.ch​​​​​​​