Kurz & bündig
- Empfohlene Dauer der Brunstbeobachtung: 3 mal 15 bis 20 Minuten am Tag, während der Hitzeperiode ist die Beobachtung am späten Abend besonders wichtig.
- Hoch leistende Kühe haben eine kürzere Brunstdauer.
- Technische Hilfsmittel wie Farbpatronen (z.B. Kamar), Pedometer (Schrittzähler) und Aktivitätsmesser (z.B. Heatime) können die Brunstbeobachtung unterstützen, aber nicht vollständig ersetzen.
- Es ist wichtig zu unterscheiden, ob keine Brunst gesehen wird oder tatsächlich keine Brunst vorhanden ist (Azyklie).
- Ein Spiralenprogramm ist eine mögliche Therapie für eine azyklische Kuh.

Viele Schweizer Betriebe haben in den letzten Jahren einen starken Wandel erlebt. In unserem Beispielbetrieb im Emmental BE standen bis vor kurzer Zeit noch reinrassige Simmentaler Kühe mit einer Leistung um die 6000 kg Milch.

Mit dem Generationenwechsel wurde diese robuste Zweinutzungsrasse nach und nach durch stark Red Holstein geprägtes Fleckvieh ersetzt. Innert Kürze stieg die Leistung auf die beeindruckende Marke von etwa 9000 kg. Der Stall (Anbindehaltung) und die Fütterung (Einzelkomponenten) blieben gleich – bis auf den Umstand, dass das Kraftfutter der Leistung entsprechend gesteigert wurde.

Regelmässige Besuche zur Beratung und Verbesserung der Fruchtbarkeit

Der motivierte Betriebsleiter hat schon sehr früh das Angebot einer regelmässigen tierärztlichen Bestandesbetreuung in Anspruch genommen, um die Fruchtbarkeit seiner Kühe zu optimieren. Alle zwei Wochen wurden die Kühe nach einem vorgegebenen Programm untersucht. Eine erste gynäkologische Kontrolle erfolgte drei Wochen nach der Abkalbung. Weiter wurden Kühe untersucht, bei denen die Brunst ausblieb, und schliesslich wurden eine frühe (ca. 30 Tage nach der Besamung) und eine spätere (ca. 60 Tage nach der Besamung) Trächtigkeitskontrolle durchgeführt.

Diese Besuche nahmen immer mehr Zeit in Anspruch. Das hatte folgende Gründe: Die besamten Kühe waren nicht trächtig und die nicht trächtigen Kühe wurden nicht brünstig.

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Da man fast keine Kühe als trächtig «abhaken» konnte, wurde die Liste der zu untersuchenden Kühe bei jedem Besuch länger. Sehr zum Frust des Seniors, der sich immer häufiger mit einem tiefen Seufzer in die guten alten Zeiten mit den Simmentalern zurück sehnte.

In seiner Erinnerung haben diese Kühe die Brunst noch viel deutlicher gezeigt und dies führt zur ersten wichtigen Frage: Gibt es keine Brunst oder wird sie nicht erkannt?

Die Brunsterkennung als Herausforderung

Hervorragende Brunsterkennung ist Voraussetzung für eine gute Fruchtbarkeit. Ist die Brunst vorhanden und wird sie erkannt, so ist schon viel gewonnen. Aber Tierbeobachtung will geübt sein und braucht Zeit, die kaum noch jemand hat. Dreimal pro Tag für 15 bis 20 Minuten sollten die Kühe beobachtet werden, um eine optimale Brunsterkennung zu gewährleisten. Der viel zitierte «Grossvater auf dem Bänkli», der so häufig fehlt, wäre hier sogar zur Stelle gewesen.

Doch selbst mit viel Übung und Zeit kann es gerade bei hochleistenden Kühen sehr schwer sein, sie in Brunst zu sehen. Mit steigender Milchleistung sinkt die Dauer der Brunst. Eine Studie aus England hat ergeben, dass in den letzten 50 Jahren der Anteil Milchkühe mit deutlichem Duldungsreflex von 80 % auf 50 % zurückgegangen ist. Gleichzeitig hat sich die Länge der Dauer einer sichtbaren Brunst von 15 auf 5 Stunden verkürzt.

Hormone werden schnell wieder abgebaut

Dies ist teilweise einer höheren Beanspruchung des Leberstoffwechsels und dem damit verbundenen schnelleren Abbau der Hormone geschuldet. Der hohe Stoffwechselumsatz produziert viel Wärme und macht hoch leistende Kühe noch empfindlicher für Hitzestress. Gerade in der Hitzeperiode werden Brünste vermehrt in der Nacht gezeigt.

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Mit den Schwierigkeiten der Brunsterkennung haben auch Brunsterkennungshilfen wie Farbpatronen, Pedometer (Schrittzähler) und Aktivitätsmesser zugenommen. Man sollte sich immer im Klaren sein, dass solche Systeme nur dann helfen, wenn man sie gut versteht und die Beobachtung dabei nicht ganz vergisst. Sie bieten dem Landwirt eine gute Unterstützung, ersetzen ihn aber nicht.

Für den Betrieb sollte nun geklärt werden, ob der Landwirt ein Problem mit der Brunsterkennung hat oder die Kühe tatsächlich keinen Zyklus haben. Als Massnahme zur Verbesserung der Brunsterkennung wurde für die Kühe (Anbindestall mit viel Weidegang) die Farbpatrone (Kamar) gewählt.

Kühe befanden sich nicht im Zyklus

Der Erfolg blieb jedoch aus. Die Farbpatronen zeigten selten einen Umschlag und die Anzahl erfolgreicher Besamungen blieb auf niedrigem Niveau.

Der Grund dafür zeigte sich in den regelmässigen gynäkologischen Untersuchungen bei der Bestandesbetreuung. Auf den Eierstöcken waren entweder Zysten oder gar nichts zu finden. Zyklische Kühe bilden einen Gelbkörper. Wird die Kuh nur einmal untersucht, so kann es sein, dass sie sich gerade um die Brunst befindet und deswegen kein Gelbkörper vorhanden ist, obwohl sie zyklisch ist.

Wiederholt man die Untersuchung aber nach zwei Wochen und ist immer noch kein Gelbkörper vorhanden, so kann man davon ausgehen, dass eine Azyklie vorliegt (Abwesenheit eines Brunstzyklus). Auch wenn sich wiederholt auf einem Eierstock eine Zyste zeigt, spricht man von Azyklie.

Der Griff zur Spirale,wenn kein Brunstzyklus vorliegt

Bei azyklischen Kühen ist die Spirale die Therapie der Wahl, um in nützlicher Frist eine Besamung zu erreichen. Sie imitiert den Gelbkörper und kann so einen Zyklus in Gang setzen. In Studien hat sich herausgestellt, dass die Unterstützung durch ergänzende Hormone zu besseren Besamungserfolgen führte. [IMG 3]

Die Kombination sieht häufig so aus:

  • Tag 1: Spirale einsetzen und Hormon (GnRH) anwenden, welches noch kleinere vorhandene Follikel dazu anregt, zu Gelbkörpergewebe zu werden. Ziel ist, dass nach Entnahme der Spirale kein altes und damit weniger fruchtbares Ei springt. Falls Gelbkörpergewebe entsteht, so unterstützt das die Spirale ausserdem beim Imitieren des Gelbkörpers.
  • Tag 6 oder 7: Hormon (PGF) geben, welches Gelbkörpergewebe auflöst. Jegliches Gelbkörpergewebe blockiert eine Brunst und soll nach dem Entfernen der Spirale nicht mehr vorhanden sein.
  • Tag 8 oder 9: Spirale entfernen.
  • Etwa 56 Stunden nach Entfernen der Spirale wird die Kuh besamt.

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Dieses Programm ist jedoch kein fester Wert. Es gibt mehrere Abwandlungen und seine Anwendung sowie mögliche Abweichungen liegen im Ermessen des Tierarztes, der die Kuh untersucht. Die Problematik der Fruchtbarkeit und speziell der Brunsterkennung hat in grossen Teilen der Welt zu einer fast nicht mehr überschaubaren Vielfalt an Hormonprogrammen geführt. Häufig wird dabei die Untersuchung der Kuh sogar ganz weggelassen.

Spiralen sind keine Garantie für Trächtigkeit

Die Betriebsgrössen und die wirtschaftliche Situation in der Schweiz erlauben uns bis jetzt eine korrekte gynäkologische Untersuchung, die dem Tierarzt wichtige Informationen liefert. Der Nachteil aller Hormonprogramme ist, dass sie meistens einen niedrigen Belegungserfolg haben.

Vorteilhaft ist jedoch, dass der Zyklus wieder in Gang kommt und die Nutzung der zweiten Brunst nach dem Hormonprogramm zufriedenstellende Trächtigkeitsergebnisse liefert.

Unser Beispielbetrieb bildete da leider eine Ausnahme. Kurzfristig wurde die Liste der zu untersuchenden Kühe zwar kürzer, da sie alle 56 Stunden nach Entfernung der Spirale besamt wurden. Doch Brunstsymptome unmittelbar nach Spirale sowie drei Wochen später zeigte fast keine Kuh. Positive Trächtigkeitsuntersuchungen blieben weiterhin aus.

Wo könnte der Grund dafür liegen und welche Lösung wurde am Ende für den Betrieb gefunden? Das erfahren Sie im zweiten Teil unserer Mini-Serie zur Fruchtbarkeit der Milchkühe.