Kurz & bündig
- Seit gut einem Jahr ist die Hof- und Weidetötung in der Schweiz erlaubt.
- Knapp 100 LandwirtInnen haben ein Gesuch eingereicht, um ihre Tiere auf dem Betrieb zu töten.
- Eine Mehrheit der Gesuche betrifft die Rinder. Einige wollen die Hof- oder Weidetötung auch bei Schafen, Ziegen oder Schweinen anwenden.
- Drei Betriebe erzählen von ihren Erfahrungen mit der Hoftötung. Sie sind zufrieden mit der Methode.
- Der Arbeitsaufwand ist klar höher als beim herkömmlichen Schlachtprozess. Dies nicht nur für die LandwirtInnen, sondern auch für die MetzgerInnen und die amtlichen TierärztInnen.

Die Tötung des Schlachtviehs auf dem Herkunftsbetrieb ist nicht für jeden Betrieb geeignet. Die Auflagen und der Aufwand sind beträchtlich (siehe Kasten). Nicht jeder Landwirt hat auf seinem Hof die Gegebenheiten, um eine Tötung für die Lebensmittelgewinnung durchzuführen. Doch für gewisse Betriebe kann die Hof- oder Weidetötung sinnvoll und umsetzbar sein.

Seit die Hoftötung von Schlachtvieh sowie die Weidetötung von Rindvieh vor einem Jahr erlaubt wurden, sind in der ganzen Schweiz fast 100 Gesuche bei den kantonalen Veterinärämtern eingegangen. Alleine im Kanton Bern wurden 38 Gesuche eingereicht.

Die Hof- oder Weidetötung ist nicht für jeden Betrieb geeignet

Im Verhältnis zur Anzahl Viehhalter – 2020 waren es laut Bundesamt für Statistik 41'822 Betriebe mit Viehhaltung – ist diese Zahl tief. Sie wird sicherlich noch etwas steigen. Die 2020 durchgeführten 403'660 Schlachtungen von Rindern könnten aber nicht alle durch Hoftötung erfolgen. Es fehlen genügend lokale Schlachthäuser, die es zur Durchführung braucht.

Eine Ergänzung zu den Schlachtbetrieben bietet Mischa Hofer von der Platzhirsch Hofschlachtungen GmbH. Mit seiner mobilen Schlachteinheit führt er 200 bis 300 Tötungen von Rindern pro Jahr durch. Er spürt eine recht grosse Nachfrage: «Ich bin in der ganzen Schweiz unterwegs. Aktuell führe ich die Tötungen alle selbst durch. Wenn aber, wie geplant, bald ein Anhänger für kleinere Tiere – Schafe, Ziegen, Schweine – zum Einsatz kommt, werde ich jemanden anstellen», sagt Hofer.

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Das Tierwohl als Argument für die Hoftötung

Einer der 98 landwirtschaftlichen Betriebe, die ein Gesuch eingereicht haben, ist der Mooshof in Lenzburg AG, geführt von Lukas Häusler und Marion Sonderegger. Die beiden halten Mutterkühe und wollten aus Gründen des Tierwohls mit der Hoftötung beginnen. Mittlerweile haben sie bereits fünf Hoftötungen durchgeführt. Dazu reichten sie beim kantonalen Veterinäramt ein Dossier ein, in dem sie genau erklärten, wie die Tötung ablaufen werde.

Von der Betäubung durch den Bolzenschuss bis zur Ankunft im Schlachtbetrieb inklusive Ausschlachtung des Schlachttiers dürfen nicht mehr als 45 Minuten vergehen. Allein aufgrund dieser Bedingung ist die Hoftötung nicht für jeden Betrieb geeignet.

Einen geeigneten Metzger zu finden war für Häusler und Sonderegger ein Knackpunkt. Schliesslich muss der Metzger nicht nur in der richtigen Fahrtdistanz liegen, sondern sich ausserdem dazu bereit erklären, den zusätzlichen Aufwand auf sich zu nehmen.

Das betäubte Tier kümmert die Artgenossen nicht

Im Fall von Häusler und Sonderegger konnte der Metzger, mit dem sie bisher zusammenarbeiteten, nicht für jede Tötung extra auf den Hof kommen. Nun erledigt das ein anderer Metzger aus der Region, der nach der Tötung die Tiere zu sich in die Metzgerei nimmt, dort ausweidet und halbiert, bevor das Fleisch zur weiteren Verarbeitung zum bisherigen Metzger transportiert wird.

Lukas Häusler ist mit dem bisherigen Verlauf der Hoftötungen zufrieden: «Die Tiere fressen bis zur letzten Minute ruhig im Fressgitter. Wenn wir sie betäuben und sie zusammenbrechen, reagiert die Herde nicht.»

Positiv überrascht haben ihn die Behörden, sagt Häusler. «Der Kanton hat unser Gesuch innert nützlicher Frist bewilligt. Nach ersten Erfahrungen in der Praxis wurden ausserdem die Vorschriften leicht angepasst. Da haben die Behörden rasch und pragmatisch reagiert.»

Investitionskosten gedeckt, Arbeitsaufwand eventuell nicht

Für Häusler und Sonderegger stimmt diese Art der Tötung, sie werden weitermachen. Die Investitionskosten seien nicht allzu hoch, sagt Häusler. Konkret schaffte er Folgendes an:

  • Spezielles Fressgitter, das nach dem Betäuben geöffnet werden kann, um das Tier zur Entblutung aufzuziehen.
  • Vorrichtung am Frontlader, um das Tier zur Entblutung aufzuziehen.
  • Lebensmittelkonformer Autoanhänger für den Transport, der aber auch für andere Transporte im Alltag verwendet werden kann (nicht jedoch für Viehtransporte).
  • Spezielle Plane, welche in den Anhänger gelegt wird und das Blut auffängt sowie das Tier deckt und somit vor Verunreinigung schützt.

Die Investitionskosten können Häusler und Sonderegger vollumfänglich auf den Preis des Fleischs aufschlagen. Pro Kilogramm Fleisch mache das rund 2 Franken aus, sagt Häusler. Ein Preis, den seine Kunden im Hofladen gerne zahlen. Die Mehrkosten, beispielsweise die zusätzliche Arbeitszeit, seien aber eventuell noch nicht ganz gedeckt, meint Häusler: «Man sollte für jedes Tier total eine bis drei Stunden für die Angewöhnung der Tiere an das Fressgitter rechnen. Am Schlachttag braucht es dann zwei bis drei Personen, die mithelfen.»

Auch andere Tiere als Rinder auf dem Hof töten

Die meisten Gesuche betreffen die Hoftötung von Rindern. Einige LandwirtInnen möchten auch andere Tiere auf dem Hof töten. Sepp Dähler aus Stein AR (www.kabier.ch) hat Gesuche für die Tötung von Rindern, Schafen und Schweinen eingereicht. Allerdings habe er bis heute bloss die Rinder auf dem Hof getötet, sagt der Landwirt: «Ich dachte, wenn ich schon ein Gesuch einreiche, mache ich das gleich für alle Tierarten.» Er habe gute Erfahrungen mit der Tötung der Rinder gemacht.

Er kann sich vorstellen, das Vorgehen bei den Schafen zu versuchen. Bei den Schweinen ist er allerdings noch etwas zögerlich. «Die grosse Herausforderung ist die Fixierung der Tiere. Da habe ich mir bis anhin noch nichts dazu überlegt», sagt Dähler.

Vier Schweine pro Woche in der Bucht selber betäuben

Markus Hauenstein vom Loohof in Endingen AG hat sich ebenfalls Gedanken zur Schlachtung seiner Schweine gemacht. Er hat ein Gesuch gestellt und hat mittlerweile bereits die definitive Bewilligung zur Hoftötung seiner Schweine erhalten. Jede Woche tötet er vier Schweine auf seinem Hof. Der Landwirt hat Weiterbildungen zur Betäubung und Ausblutung besucht und kann nun die Schritte ohne Metzger selbstständig durchführen.

Am Tag der Schlachtung sperrt er die Schweine in eine möglichst kleine Bucht. «So ist ihre Bewegungsfreiheit eingeschränkt», erklärt er. Hauenstein gibt den Schweinen etwas zu fressen, um sie ruhig zu halten. Ganz fixiert sind die Tiere also nicht, wenn Hauenstein selbst in die Bucht geht und die Schweine mit der Elektrozange betäubt. Doch die Schweine, die im Grossgruppenstall gehalten werden, seien den Kontakt zu Menschen gewohnt und seien daher nicht scheu. «Es kann vorkommen, dass ich ein Tier nicht optimal treffe und ich nachbetäuben muss. Mit der Elektrozange geht das zum Glück schnell. Ich habe den Eindruck, dass diesbezüglich kein Unterschied zu einem Schlachthof besteht», sagt Hauenstein.

Nach der Betäubung werden die Schweine am Kettenzug aufgezogen und hängend entblutet. Mithilfe eines Schwenkkrans können die Tierkörper einfach in den daneben stehenden Anhänger gelegt werden. Danach transportiert Hauenstein die Schweine in dem eigens dafür gekauften T-Trailer in die Dorfmetzg, wo die Tiere weiterverarbeitet werden.

Zusatzaufwand auch für die kantonalen Veterinärämter

Nicht nur für die Landwirte, sondern auch für die kantonalen Veterinärämter bedeutet die Hof- und Weidetötung ein Mehraufwand. Das kantonale Veterinäramt kontrolliert die eingereichten Gesuche der Landwirte. Ist alles korrekt, wird eine provisorische Bewilligung von vorläufig fünf Hoftötungen erteilt. Bei jeder dieser Tötungen ist ein amtlicher Tierarzt vor Ort, um die Lebendtierschau vorzunehmen sowie um die Betäubung und das Ausbluten zu überwachen.

Das zusätzliche Arbeitspensum sei aber zu bewältigen, meint Sascha Quaile, Kantonstierarzt beider Appenzell: «Die Hofschlachtungen finden in unregelmässigen Abständen statt. Wir rechnen nicht damit, dass alle Betriebe an einem Tag gleichzeitig töten wollen.»

Im Kanton Bern wurden am meisten Gesuche zur Hof- oder Weidetötung eingereicht. Kantonstierarzt Reto Wyss bestätigt auf Anfrage: «Für uns ist es aufwändig und wir mussten die Prioritäten entsprechend setzen und andere Aufgaben zurückstellen.»

Entlastung gibt es, wenn die fünf ersten Tötungen der über 30 Betriebe reibungslos verlaufen sind. Dann wird nämlich eine definitive Bewilligung erteilt. Nun müssen die amtlichen TierärztInnen die Betäubung und Entblutung pro Betrieb nur stichprobenweise, mindestens jedoch einmal jährlich überwachen (siehe Kasten).

Hof- und Weidetötung
Im Juli 2020 wurde die «Verordnung über das Schlachten und die Fleischkontrolle» angepasst. Seither ist die Hof- und Weidetötung in der Schweiz erlaubt. Darin festgehalten ist, dass der Tierhalter Folgendes tun muss:

- Sicherstellen einer artgerechten Fixierung und einer anschliessenden fachgerechten Betäubung und Entblutung.
- Bei der Weidetötung muss der Abschuss unter sicheren Bedingungen erfolgen.
- Der Prozess wird überwacht und wenn nötig kann sofort nachbetäubt werden.
- Der Transport ins Schlachthaus geschieht zügig. Der Zeitpunkt der Betäubung ist auf dem Begleitdokument vermerkt.
- Die Hygiene muss hochgehalten werden. Insbesondere muss das Stichblut aufgefangen und im Schlachthaus abgegeben werden.
- Bei der Hoftötung muss das Betäuben und Entbluten des Schlachtviehs mindestens einmal jährlich von einem amtlichen Tierarzt überwacht werden.
- Bei der Weidetötung muss der Abschuss immer von einem amtlichen Tierarzt überwacht werden.