Im Laufe des Jahres 2022 stellen wir der Initiantin der Massentierhaltungs-Initiative MTI, Meret Schneider, und je einem Vertreter der Schweizer Züchter und Produzenten von Rindern, Schweinen und Geflügel dieselben fünf Fragen. So erhalten wir drei interessante «Pro & Contra»-Diskussionen zur Massentierhaltungs-Initiative MTI und deren Folgen.

Im ersten «Pro & Contra» stehen sich gegenüber:

  • Meret Schneider, MTI-Initiantin, Landwirtschaftliche Mitarbeiterin und Nationalrätin (Grüne ZH)
  • Stefan Müller, Geschäftsführer von Suisseporcs, dem Schweizerischen Schweinezucht- und Schweineproduzenten-Verband

DossierZwei Muttersauen mit ihren Ferkeln in einem Gruppensäugestall.Massentierhaltungs-Initiative MTIDonnerstag, 28. Oktober 2021 Abstimmungs-Termin für die Massentierhaltungs-Initiative MTI ist voraussichtlich der 25. September 2022.

«die grüne» befasst sich schon seit September 2021 intensiv mit der Schweizer Nutztier-Haltung, so dass Sie als LeserIn bis zum Abstimmungstermin ein umfangreiches Dossier in der Hand haben.


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Wo beginnt und wo endet Massentierhaltung?

Der Begriff Massentierhaltung bezeichnet sehr vage die Intensivhaltung einer grossen Anzahl von Tieren.Wo genau beginnt die Massentierhaltung für Schweine und wo sind die zumutbaren Grenzen nach unten resp. oben?

Meret Schneider: Massentierhaltung missachtet die Grundbedürfnisse der Tiere massiv und systematisch zur möglichst effizienten Gewinnung tierischer Produkte. Symptome dafür sind neben einer hohen Tierdichte auch Hochleistungs-Rassen, die schnell viel Fleisch ansetzen oder viele Ferkel gebären sollen.

Grundsätzlich beginnt Massentierhaltung dort, wo Grundbedürfnisse des Tieres ignoriert werden. Wenn also Schweine nicht wühlen und sich beschäftigen können, keinen Zugang ins Freie haben und auf zu engem Raum leben müssen.

In der EU stehen einem Schwein 0,75 m2 zu, in der Schweiz 0,9 m2 – «das beste Tierschutzgesetz der Welt» entspricht nicht einmal ansatzweise den Bedürfnissen der Schweine.

Stefan Müller: In der Schweiz gibt es keine Massentierhaltung. Wir haben im Vergleich zum Ausland kleine Strukturen: Der Schweizer Durchschnittsbetrieb hält 60 Muttersauen oder 300 Mastschweine. Europäische Betriebe sind 10 Mal grösser, in Asien und Amerika sogar 100 Mal grösser.

In der Schweiz ist der Höchstbestand durch eine Verordnung geregelt: 250 Zuchtsauen oder 1500 Mastschweine-Plätze pro Betrieb. Diese Grenzen dürfen auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht nach unten korrigiert werden.

Für ein Schwein ist nicht die Anzahl seiner Artgenossen auf einem Betrieb entscheidend, sondern moderne Stallungen und eine gute Betreuung.


Was kostet mehr Tierwohl den Landwirt?

Eine Reduktion der Schweine-Bestände auf die von der MTI geforderten Bio-Suisse-Richtlinien 2018 erfordert einschneidende Massnahmen. Wie hoch wäre der finanzielle Aufwand und wer soll das finanzieren?

Schneider: Gemäss BLW-Schätzungen würde die Umsetzung der Initiative für alle Tiere 400 Mio Franken kosten. Bei den Umbauten und der Umstellung auf geringere Tierbeständemüssten die Schweinebauern vom Bund unterstützt werden.

Ganz wichtig sind höhere Produzentenpreise und ein Wegfallen des Preisdruckes durch Importe, die nicht Schweizer Standards entsprechen. Damit würde die einseitige Marktmacht der Detailhändler endlich ins Wanken gebracht, da sie bei höheren Richtpreisen nicht mehr mit dem Import von Billigprodukten aus dem Ausland drohen könnten.

Müller: Die Hälfte der Schweinehalter würde aufgeben, denn Umbauten und Ersatzbauten werden wegen dem aktuellen Raumplanungsgesetz RPG nur schwer bewilligt. Das bedeutet rund 500 Mio Franken Wertschöpfungsverlust pro Jahr. Die Mengendifferenz zum Konsum beim Schweinefleisch würde importiert.

Von der verbleibenden Hälfte müssten 80 Prozent der Betriebe bauliche Massnahmen treffen, deren Kosten wir auf 700 bis 900 Mio CHF schätzen. Diese Kosten sind durch die Schweinehalter nicht tragbar.


Wie werden die Importe kontrolliert?

Darf mit der MTI billiges Schweinefleisch aus dem Ausland importiert werden? Oder sollte der Bund Import-Vorschriften erlassen? Wie können solche kontrolliert werden?

Schneider: Mit der Massentierhaltungs-Initiative würde der Import von Produkten verboten, die nicht den Schweizer Standards genügen. Die Schweizer Schweinebauern müssten nicht mehr mit Billigprodukten aus dem Ausland konkurrieren.

Import-Vorschriften sind Teil der Initiative und problemlos umsetzbar. Und Import-Verbote sind WTO-konform, wenn die importierten Produkte der «öffentlichen Moral» eines Landes widersprechen. Das funktioniert bereits bei Pelz oder Gänseleber aus Stopfmast.

Müller: Der Selbstversorgungsgrad beim Schweinefleisch liegt bei rund 93 Prozent. Diesen Anteil wollen wir auch in Zukunft in der Schweiz produzieren: Nahe beim Konsumenten, effizient und ökologisch.

Die Importvorgaben in der MTI widersprechen gemäss dem Bundesrat den WTO-Verträgen. Die Kontrolle über die Produktion im Ausland bzw. die Kosten der Gewährung der Rückverfolgbarkeit wären unverhältnismässig hoch oder gar nicht durchführbar.


Wie sieht der perfekte Schweinestall aus?

Wie sieht für Sie die perfekte Lebens-Umgebung für eine Muttersau und für ein Mastschwein aus?

Schneider: Idealerweise leben Schweine in kleineren Gruppen, können sich frei bewegen und ein natürliches Sozialverhalten ausleben. Stall und Liegebereich sollte gut eingestreut sein, damit sie wühlen und sich ihr «Bett» bereiten können.

Ausserdem brauchen Schweine Zugang auf eine Wiese mit der Möglichkeit zum Wühlen und Baden im Schlamm.

Die Massentierhaltungs-Initiative fordert aber sehr viel weniger als diese Idealbedingungen und kommt den Schweinebauern in der Umsetzung entgegen.

Müller: Wichtig sind eine bedarfsgerechte Fütterung, gute Betreuung in modernen Stallungen mit viel Luft und Licht sowie eine angemessene Gesundheitsversorgung.

Wir haben weltweit den höchsten Tierwohlstandard und entwickelt uns immer weiter. Über 60 Prozent der Mastschweine und Galtsauen haben heute Auslauf, mehr noch erfüllen die BTS-Anforderungen.

Kastration ohne Narkose, Kupieren und Vollspaltenboden sind ebenso verboten wie das geschlossene Abferkeln.


Wer bezahlt schliesslich das Tierwohl?

Wie schätzen Sie die Bereitschaft des Detailhandels und der Konsumenten ein, die mit der MTI nötigen Preiserhöhungen für Schweizer Schweinefleisch den Landwirten zu vergüten?

Schneider: Umfragen sowie die Freiland- und Bruderhahn-Eier zeigen, dass die KonsumentInnen bereit wären, für Tierwohl mehr zu bezahlen – wenn klar kommuniziert wird, was es konkret für das Tier bedeutet.

Solange den KonsumentInnen in fragwürdigen Aktionen aber Entrecôtes aus Uruguay hinterher geworfen werden,findet die tierfreundliche Haltung im Kaufverhalten noch zu wenig Niederschlag.

Hier braucht es ganz klar auch Druck von der Politik. Es braucht eine transparente Information und eine Absatzoffensive vom Detailhandel, in der klar wird, welcher tierwohlrelevante Mehrwert mit den höheren Preisen einhergeht.

Müller: Nach Annahme der MTI gälte Bio als Mindest-Standard. Kein Detailhändler bezahlt für den Mindeststandard einen Aufpreis! Warum sollte er auch?

Wir bieten schon heute das gesamte Sortiment von Bio über Label bis QM Schweizer Fleisch für den entsprechenden Preis an. Diese Marktsegmentierung braucht es auch in Zukunft.

Bis heute schaffen wir es nicht, mehr als ein Drittel unserer Schweine mit einer Labelprämie zu verkaufen. Die Schweinehalter könnten dieses Mengen-Angebot von heute auf morgen verdoppeln. Die Kundin entscheidet selber im Laden!

Wie berichtet «die grüne» über die Massentierhaltungs-Initiative MTI?

«die grüne» beschreibt die Nutztier-Haltung aus verschiedenen Perspektiven: Zu den Autoren gehören neben Redaktorin Deborah Rentsch und Chefredaktor Jürg Vollmer auch Fachleute wie Hansuli Huber (Ex-Geschäftsführer vom Schweizer Tierschutz STS).

Eine Besonderheit unserer Fachzeitschrift sind die Opposite Editorials (für die es keinen passenden deutschen Begriff gibt). Gemeint sind Kommentare, die bewusst von der Redaktionslinie abweichen. «die grüne» wird zum Beispiel der Initiantin Meret Schneider Raum geben, in dem die Nationalrätin ohne redaktionelle Eingriffe ihren Standpunkt vertreten kann.

Und natürlich veröffentlichen wir auch die Leserbriefe zu unseren MTI-Beiträgen. Schreiben Sie uns Ihre Meinung zur MTI in den Kommentaren!

Die Massentierhaltungs-Initiative MTI

Die vom Verein Sentience Politics und der Nationalrätin Meret Schneider (Grüne / ZH) lancierte Volksinitiative «Keine Massentierhaltung in der Schweiz» (Massentierhaltungs-Initiative MTI) will die Massentierhaltung in der Schweiz verbieten und die Würde der Tiere in der landwirtschaftlichen Nutztier-Haltung in die Verfassung aufnehmen.

Der Bund soll Kriterien für die Unterbringung, den Auslauf, die Anzahl gehaltener Tiere und die Schlachtung festlegen. Die Anforderungen sollen mindestens den Bio-Suisse-Richtlinien von 2018 entsprechen. Die neue Verfassungsbestimmung soll auch für den Import tierischer Produkte gelten.