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Kreuzverhör mit Agroscope-Leiterin Eva Reinhard zu Agrarpolitik und Forschung, Pflanzenzüchtung und Tierschutz

Agroscope-Leiterin Eva Reinhard beantwortet im Kreuzverhör kritische Fragen zur Agrarpolitik, zu Pflanzenzüchtung, zum Tierschutz und zur Zusammenarbeit in der landwirtschaftlichen Forschung.


Eva Reinhard ist seit April 2018 die Leiterin von Agroscope, dem Kompetenzzentrum der Schweiz für landwirtschaftliche Forschung. Im Kreuzverhör von «die grüne» beantwortet Eva Reinhard kritische Fragen zur Agrarpolitik, zu Pflanzenzüchtung, zum Tierschutz und zur internationalen Zusammenarbeit in der landwirtschaftlichen Forschung. Die Fragen stellen Chefin vom Dienst Dominique Eva Rast und Chefredaktor Jürg Vollmer.

Eva Reinhard über die Kritik an Landwirtschaft, Agrarpolitik und Agroscope

Frau Reinhard, es gibt viel Kritik an der Landwirtschaft. Welche Punkte halten Sie für berechtigt?

Eva Reinhard: Wie in jeder Branche passieren auch in der Landwirtschaft Fehler, gibt es gute und weniger gute Unternehmer. Ich kenne Betriebe, die Verbesserungspotenzial haben. Da ist Kritik auch angebracht.

Was ich aber nicht verstehe und auch nicht akzeptiere, ist pauschale Kritik und Schwarz-Weiss-Denken: Nur so ist es richtig und alles andere ist falsch, nur Landwirtschaft ohne Pflanzenschutz ist gut, alles andere ist schlecht.

Als Wissenschaftlerin ist das für mich keine Option. Natürlich hat die Landwirtschaft ihren Anteil zum Beispiel am CO2-Fussabdruck. Aber andere Menschen hinterlassen mit dem Auto und mit Freizeitvergnügen einen mindestens so hohen CO2-Fussabdruck. Und ich frage mich, warum das nicht stärker hinterfragt wird und die Lebensmittelproduktion nicht einen höheren Stellenwert geniesst.

Gibt es auch Punkte in der Landwirtschaft, bei denen es für Sie keine Toleranz gibt?

Wenn ein Landwirt nicht gut zu seinen Tieren schaut. Egal, ob es Rinder, Schweine oder Hühner sind. Da gibt es überhaupt keine Toleranz, das geht gar nicht. Das lebende Tier muss das höchste Gut des Landwirtes sein. Verstösse gegen das Tierschutzgesetz darf man nicht akzeptieren.

Oder beim Gewässerschutz. Da musste ich auch schon sehen, dass ein Landwirt den Spritzbalken nicht abstellt, wenn er wendet und dann sogar noch über ein Flüsslein spritzt. Das geht gar nicht, auch da gibt es keine Toleranz.

Kritisiert wird ja häufig auch die Landwirtschaftspolitik ...

In der Landwirtschaftspolitik diskutieren unglaublich viele Leute mit, mit unglaublich vielen verschiedenen Interessen. Und am Schluss ist die alle vier Jahre erneuerte Agrarpolitik der grösstmögliche gemeinsame Nenner – der aber gespickt ist von Einzelinteressen, für die man eine Mehrheit im Parlament gefunden hat. Und das sollte man verbessern. Agrarpolitik muss ein in sich stimmiges System sein.

Es ist aber einfacher, ein Gesundheits- oder Umweltschutzgesetz zu machen. Das eine hat ausschliesslich den Menschen im Fokus und das andere ausschliesslich die Umwelt.

Das Bundesamt für Landwirtschaft ist die einzige Bundesbehörde, die ein breites Systemdenken an den Tag legen muss. Die Agrarpolitik reguliert aber in ganz verschiedene Bereiche hinein, von der Umwelt und dem Tierschutz über die Wirtschaft bis ins Soziale.

Als Leiterin von Agroscope sind Sie ein Aushängeschild dieses Systemdenkens. Das führt auch zu Kritik. Wie gehen Sie damit um?

Man muss lernen, damit zu leben. Ich versuche immer zu verstehen, warum der andere kritisiert. Umwelt- und Tierschutz-Organisationen müssen zum Beispiel laut kritisieren, um Spenden zu bekommen.

Wenn der Ursprung der Kritik nur indirekt auf die Sache zurückzuführen ist, dann bringt es kaum etwas, mit wissenschaftlichen Argumenten dagegen zu halten.

Gegenrede kommt aber auch von Agroscope-Mitarbeitern, die das sogenannte Zukunftsprojekt kritisieren.

Eine Forschungsanstalt kann 2020 nicht mehr gleich aufgestellt sein wie vor fünfzig Jahren. Wir haben heute andere Methoden, andere Arbeitsweisen und andere Fragestellungen. Das Zukunftsprojekt von Agroscope nimmt diese Entwicklung auf.

Ich verstehe, dass Mitarbeitende verunsichert und auch mal verärgert sind, nachdem sie in den letzten zehn Jahren oft kaum wussten, ob sie im nächsten Jahr noch eine Stelle bei Agroscope haben, wo diese Stelle geografisch angesiedelt sein wird und wer dann ihr Chef sein wird. Dass da ein innerer Widerstand entsteht, verstehe ich.

Aber meine Aufgabe ist, Agroscope in eine erfolgreiche Zukunft zu führen und der Land- und Ernährungswirtschaft praktische Lösungen zu bieten. Während der Mitarbeiter die Aufgabe hat, sein Projekt bestmöglich durchzuführen und das mit seinem Familienleben zu vereinbaren. Aus diesen verschiedenen Sichtweisen kann man nicht immer gleicher Meinung sein.

Agroscope-Leiterin Eva Reinhard über die Pflanzenzüchtung

Rund 80 Prozent des kommerziellen Saatgutes kommt von vier Agrarkonzernen – und die stellen Saatgut und Pflanzenschutzmittel her. Das führte zu einer sehr ungesunden Entwicklung («Super-Unkräuter»). Gibt es Pläne, dass Agroscope für die wichtigsten Kulturen eigenes Schweizer Saatgut entwickelt, um diese Spirale aufzuhalten?

Eigentlich finde ich es nicht schlecht, wenn eine Firma auch in Systemen denkt, die einzelnen Prozess-Schritte aufeinander abstimmt und deshalb auch Saatgut und Pflanzenschutzmittel produziert, die aufeinander abgestimmt sind.

Es stimmt aber, dass das zu einem Problem geführt hat. Nicht, weil man Saatgut und Pflanzenschutzmittel aufeinander abgestimmt hat – sondern, weil man an viel zu vielen Orten auf dieser Welt viel zu viel einer identischen Kombination ausgebracht hat. Ich erinnere an Paracelsus: Die Menge macht das Gift.

Dass die Politik nun immer mehr Pflanzenschutzmittel verbietet, verschlimmbessert es nur. Die Landwirte und Landwirtinnen müssen stattdessen die verbleibenden Pflanzenschutzmittel in grösseren Mengen einsetzen, weil Alternativen fehlen. Und wenn wir so weitermachen, werden wir in Zukunft mit noch mehr Resistenzen zu kämpfen haben.

Umgekehrt beobachte ich mit Sorge, dass nur noch so wenige Firmen kommerziell züchten. Die Anforderungen an eine wirtschaftliche Züchtung sind heute aber so hoch, dass sich das ein Kleiner fast gar nicht mehr leisten kann. Deshalb hat sich die Züchtung dort konzentriert, wo das Geld und die Entwicklungsmöglichkeiten sind.

Und Agroscope könnte das nicht?

Die Züchtung von Agroscope hat international einen sehr guten Ruf. Aber es ist unrealistisch zu glauben, dass Agroscope sämtliches Saatgut für die Schweizer Bauern herstellen könnte. Das ist für eine Forschungsanstalt alleine unmöglich, deshalb suchen wir Möglichkeiten zur Zusammenarbeit mit öffentlichen und privaten Partnern.

Heute gibt es aber in der Schweiz nur noch 4 Mio Franken öffentliche Gelder für Pflanzenzüchtung, u.a. für Weizen- und Soja-Züchtung sowie Futterpflanzen und Obst. Werden diese Gelder weiter gekürzt?

Nein, ganz sicher nicht. Agroscope forschte zum Beispiel zwanzig Jahre nach der «perfekten» Birne. Unter Tausenden von Genotypen haben wir eine besonders resistente und geschmackvolle Birnensorte gefunden, die unter dem Namen «Fred» seit 2018 auf dem Markt ist.

Die Züchtung bietet sich als Lösung für nachhaltige Lebensmittelproduktion unter den Herausforderungen der Zukunft an. Zum Beispiel mit robusten Pflanzen gegen Hitze, Trockenheit, alte und neue Schädlinge und Krankheiten.

Das Bundesamt für LandwirtschafT BLW hat 2016 mit Agroscope, ETH, FiBL und privaten Züchtern eine Strategie «Pflanzenzüchtung 2050» erarbeitet. Auf mich macht diese Strategie nur den Eindruck einer Absichtserklärung.

Ganz und gar nicht. Es ist seither klar mehr Geld in die Pflanzenzüchtung geflossen. Und wir haben weitere Projekte eingereicht, die grösstenteils auch bewilligt und finanziert werden.

Als wichtige Massnahme der Strategie «Pflanzenzüchtung 2050» war auch ein Swiss Plant Breeding Center geplant. Bis heute nur ein Papiertiger oder habe ich da etwas übersehen?

Das Breeding Center hätte ich sehr gerne schon realisiert. Es ist entschieden – hat aber noch keine rechtliche Grundlage, die wäre in der Agrarpolitik AP22+ geregelt. Dieselbe Lücke haben wir im Tiergesundheitsbereich, wo wir auch ein Kompetenzzentrum aufbauen möchten.

Agroscope konzentriert mit dem Zukunftsprojekt die Pflanzenzüchtung im Reckenholz. Zusammen mit dem künftigen Breeding Center sowie den Top-Wissenschaftlern der ETH und der Universität Zürich wollen wir dort einen Cluster mit internationaler Ausstrahlung schaffen.

Aber wir arbeiten mit der Züchtung in einem Spannungsfeld, das mir Sorge bereitet. Die Gesellschaft scheint nicht mehr willens zu diskutieren, mit welchen Methoden man züchten darf. Schweigen bedeutet Ablehnung und Verbot. Und das bremst die Züchtung neuer, dringend benötigter Sorten extrem.

Es stehen vielversprechende Technologien bereit, die wir morgen anwenden könnten. Aber wir wissen nicht, ob diese Technologien als GVO taxiert werden oder nicht.

Zum Beispiel die Methode der Blühverfrühung, mit der neue Apfelsorten in fünf statt fünfundzwanzig Jahren gezüchtet werden könnten.

In einem Zwischenschritt wird ein fremdes Gen eingebaut, das aber wieder entfernt wird, wenn der gewünschte Apfel gefunden ist. Agroscope kann diese Methode nicht anwenden, weil sie wohl als GVO taxiert würde.

Auch andere neue Züchtungsmethoden, wie CRISPER/Cas, für die der Nobelpreis 2020 verliehen wurde, stehen uns und unseren europäischen Kollegen nicht zur Verfügung, da die Produkte als GVO gelten. In den USA wird dagegen das Produkt auf dem Feld beurteilt – und nicht der Prozess, der zu diesem Produkt geführt hat.

Gleichzeitig fordert die Gesellschaft von unseren Landwirten, dass sie neue resistente Sorten anbauen. Beides zusammen geht aber nicht, zumindest nicht so schnell, wie es die Gesellschaft fordert.

Agroscope-Leiterin Eva Reinhard über den Tierschutz

In der Schweiz und auch in der EU ist die Ferkelkastration ein grosses Thema. Auch für Agroscope?

In der Schweiz haben wir das Problem lösen können, weil man die Ferkel nur noch unter Narkose mit Schmerzausschaltung kastrieren darf.

Da sind wir einen grossen Schritt weiter als in der EU. Uns hilft dabei, dass die Schweiz klein ist und deshalb der Tierarzt für die Ferkelkastration salopp formuliert in Rufweite ist, während er in den meisten EU-Ländern eine lange Anfahrt hat. Die Ferkelkastration ist aber auch ein Beispiel dafür, dass der gesellschaftliche Diskurs andere Lösungen verhindern oder verzögern kann. Aus wissenschaftlicher Sicht wäre die Immunokastration eine sehr gute Methode: Eine Art Impfstoff, mit dem die Bildung der Geschlechtshormone für begrenzte Zeit verhindert wird.

Die Immunokastration schadet dem Ferkel nicht – ist aber ein starker Eingriff in dessen Entwicklung, der in der Gesellschaft auf Widerstand stösst.

Ist es nicht frustrierend für Wissenschaftler, wenn die Forschung von der Gesellschaft bestimmt wird?

Der Wandel in der Gesellschaft gegenüber dem Tierwohl, das einen unglaublich viel höheren Stellenwert bekommen hat, ist grundsätzlich begrüssenswert. Solange wir Fleisch essen, muss ein Landwirt dafür Tiere halten, die getötet werden müssen.

Kann denn ein Landwirt überhaupt noch der immer schnelleren gesellschaftlichen Entwicklung folgen?

Unsere Landwirte und Landwirtinnen stehen vor Herausforderungen und Problemen, die sie alleine gar nicht mehr lösen können. Und sie brauchen Unterstützung, weil sie mit einem unlösbaren Zielkonflikt mitten in diesem Spannungsfeld zwischen Natur, Wirtschaftlichkeit und Sozialem stehen.

Und wie unterstützt Agroscope die Schweizer Landwirte konkret?

Bei der Ferkelkastration zum Beispiel können wir messen, ob ein Tier Schmerz empfindet oder nicht. Das ist eine wissenschaftlich-medizinische Frage, die wir für die Praxis beantworten können.

Und mit der AP 22+ möchte man noch viel mehr in die Tiergesundheit und in die Prävention investieren – und nicht erst in die spätere Heilung. Es soll ein gesundes Gesamtsystem betrieben werden, in dem das Tier gar nicht erst krank wird.

Agroscope-Leiterin Eva Reinhard über die Zusammenarbeit in der landwirtschaftlichen Forschung

Agrarforschung findet nicht im stillen Kämmerlein statt, da gibt es viele Beteiligte. Wie und mit wem arbeiten Sie in der Schweiz zusammen?

Mit sehr vielen unterschiedlichen Partnern. In der Digitalisierung arbeiten wir mit Firmen zusammen, an die wir vor zehn Jahren nicht mal gedacht hätte.
Mit ihnen entwickeln wir zum Beispiel bildgebende Methoden für Drohnen und Satelliten, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden können. So entsteht zwischen Grundlagenforschung und Praxisanwendung ein wertvoller Wissenstransfer.

Gehört dazu auch das Netzwerk von Praxisbetrieben, das Agroscope aufbaut?

Genau. Unsere Forschenden gehen auf die Betriebe, reden mit den Landwirten und machen mit diesen zusammen Versuche auf deren Boden oder in deren Ställen. Die dezentralen Versuchsstationen sind über die ganze Schweiz verteilt, um die regional verschiedenen Konditionen und Probleme abzubilden.

Die Landwirte finden wir über die kantonalen Landwirtschaftsverbände. Es gibt aber auch viele innovative Landwirte, die selber auf Agroscope zukommen.

Und was bringt den Schweizer Landwirten die Zusammenarbeit von Agroscope in internationalen Projekten?

Die internationale Zusammenarbeit bringt Agroscope und der Schweizer Landwirtschaft mehr Wissen in kürzerer Zeit. Die Landwirtschaft steht weltweit vor sehr ähnlichen Herausforderungen. Es nützt uns allen, wenn wir uns international austauschen. Und es macht viele Forschungsprojekte erst möglich, weil sie von mehreren Staaten finanziert werden.

Zum Beispiel die Rebenzüchtung, die wir mit dem Nationalen Forschungsinstitut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt INRAE Colmar (F) erforschen. Gemeinsam sind wir international führend in der Forschung zur Graufäule und Mehltau-Resistenz. Und mit diesen neuen pilzwiderstandsfähigen Rebensorten (PIWI) können wir den Pflanzenschutzmittel-Einsatz massiv senken.

Und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Firmen? Diese öffentlich-privaten Partnerschaften (Public-private-Partnership PPP) wie zum Beispiel in der Swiss Future Farm sind ja nicht unumstritten.

Natürlich müssen wir schauen, dass wir nicht Unternehmens-Interessen mit Bundesgeldern unterstützen. Umgekehrt haben viele Unternehmen sehr gute Forschungsabteilungen. Wenn wir uns da an die rechtlichen Grundlagen halten, können gemeinsame Forschungsprojekte für beide Seiten zu einem Mehrwert führen.

Und gerade bei der Swiss Future Farm in Tänikon TG könnten wir uns die dafür benötigten Landmaschinen gar nicht leisten. Da erhalten wir mit der PPP eine erstklassige Infrastruktur für unsere Forschungen.

Eva Reinhard über die Zukunft von Agroscope

Wo steht Agroscope in zehn Jahren? Wörtlich: Stehen in vier Jahren alle 1000 Mitarbeiter in Posieux?

Der Bundesrat hat im Frühling 2020 entschieden, dass der neue Hauptsitz von Agroscope in Posieux FR sein wird. Dort rechnen wir ab 2025 mit rund 450 Arbeitsplätzen.

Daneben gibt es weiterhin je ein regionales Zentrum mit rund 200 Arbeitsplätzen im Reckenholz ZH und mit 150 Arbeitsplätzen in Changins VD (bei Nyon) sowie ein Dutzend dezentrale Versuchsstationen.

Die Denkfabrik Avenir Suisse hat 2018 die Auflösung von Agroscope gefordert. Stattdessen sollten die Grundlagenforschung in die ETH Zürich und die anwendungsorientierten Teile von Agroscope in die Fachhochschulen integriert werden. Ich nehme an, das dürfte nicht ganz in Ihrem Sinne sein.

Nein und es ist auch nicht im Sinne der Schweizer Politik, wie in den letzten Monaten diverse Abstimmungen im Parlament gezeigt haben.

Agroscope hat eine andere Aufgabe und ist anders aufgestellt als eine ETH, Uni oder Fachhochschule. Diese würde ich als Technoparks bezeichnen, in denen sich unterschiedliche Gruppen aus finanziellen Gründen eine Forschungseinrichtung teilen. Sie arbeiten nicht zwingend zusammen und haben ihre Partnerschaften über die ganze Welt verteilt.

Agroscope hingegen muss im System forschen und denken. Wir haben auch sehr viel mehr permanente Forschungsstellen als an einer ETH oder an einer Uni. Das heisst, wir müssen nicht forschen und auf Teufel komm raus publizieren, damit wir in der Wissenschaftswelt ein höheres Renommee bekommen. Wir müssen alltagstaugliche Lösungen erarbeiten, die in der Praxis funktionieren und möglichst keine Zielkonflikte generieren. Wer macht denn das sonst, wenn es Agroscope nicht mehr gibt?

Und wo steht die Schweizer Landwirtschaft in zehn Jahren?

Die Landwirtschaft ist für die Schweiz sehr wichtig. Ich kann und will mir nicht vorstellen, dass wir nicht zumindest einen Teil unserer Nahrung selbst produzieren. Aus dieser Verantwortung können wir uns nicht herausziehen. Die Frage ist viel eher, wie und was produzieren wir selbst? Und wo sagen wir, dafür ist die Schweiz nicht geeignet, das importieren wir besser. Die Schweiz hat nicht die Ressourcen, ein hundertprozentiger Selbstversorger zu sein. Deshalb müssen wir uns gut überlegen, was machen wir selbst und wo zählen wir auf Partnerschaften mit dem Ausland und entsprechende Importe.

Wird es den typischen Schweizer Landwirtschaftsbetrieb mit 21 Hektar Land noch geben? Oder wird es auch in der Schweiz Grossbetriebe geben, wie beispielsweise im Osten Deutschlands?

Grossbetriebe haben Vorteile gegenüber Kleinbetrieben – und umgekehrt. Ich denke, dass unsere Landwirtschaft künftig diverser sein wird. Wir werden ganz kleine Nischenbetriebe haben und daneben Grossbetriebe, die grosse Mengen produzieren.

Vielleicht müssen wir mit einem Teil unserer Landwirtschaftsbetriebe künftig auch kulturelle und soziale Bedürfnisse abdecken: Landwirtschaft löst bei der Bevölkerung auch positive Gefühle aus. Es ist schön zu sehen, wie ein Nahrungsmittel entsteht und die Landschaft gepflegt wird.

Der Familienbetrieb würde damit zum Freilichtmuseum? Und produziert wird irgendwo anders auf einem Grossbetrieb?

Das ist eine Möglichkeit. Das bestimmt die Agrarpolitik. Meiner Ansicht nach können wir den aktuellen Selbstversorgungsgrad nur mit Kleinbetrieben nicht halten und müssten noch mehr als heute importieren.
Ist denn dieses Szenario bereits in der Agrarpolitik AP 22+ drin?

Nein, die AP 22+ rechnet immer noch ganz klar mit dem Familienbetrieb. Und ich glaube, der wird auch nie aus der Schweiz verschwinden. Wo sonst ist die Stadtbevölkerung so nahe bei einem Landwirtschaftsbetrieb? Jeder Schweizer kann mit dem Fahrrad zum nächsten Landwirtschaftsbetrieb fahren und dort auch einkaufen, wenn es einen Hofladen gibt.

Unsere Kinder müssen wissen, woher ihr Essen kommt. Sie müssen wissen, wie die Lebensmittel produziert werden. Sonst werden auch in Zukunft zu viele Diskussionen von Leuten geführt, welche die Probleme der Landwirtschaft und der Lebensmittelproduktion nicht kennen. Die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz hat für mich nicht nur den Wert von Kalorien, sondern auch einen Wert von Ethik, Verantwortung und Moral.

Eva Reinhard, Agroscope-Leiterin

Eva Reinhard (1961) ist seit April 2018 die Leiterin Agroscope. Vorher war sie 2008 bis 2014 Vizedirektorin, dann stellvertretende Direktorin des Bundesamtes für Landwirtschaft BLW.

Zusammen mit dem Leiter der Einheit Ressourcen sowie mit den Leitenden der drei Kompetenzbereiche und der sieben strategischen Forschungsbereiche bildet Eva Reinhard die Geschäftsleitung Agroscope.

Eva Reinhard hat im Bereich Grundlagenforschung Entwicklungsneurobiologie an der ETH Zürich studiert und am Friedrich-Miescher-Institut in Basel promoviert.

Sie verfügt über eine breite Forschungserfahrung u.a. im Europäischen Chemikalienbüro ISPRA in Italien, an der Duke University, an der University of Oregon und der Stanford University in den USA sowie bei Sandoz in Österreich.

Seit mehr als zwanzig Jahren hat Eva Reinhard Führungspositionen inne, davon achtzehn Jahre in der Bundesverwaltung.

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