Kurz & bündig

  • 13 Junglandwirte optimierten im Rahmen einer Wahlfachwoche zwei Milchviehställe nach der Theorie der Kuhsignale.
  • Die sechs Freiheiten der Weide (Ruhe, Raum, Luft, Licht, Wasser, Futter) wurden im Stall direkt umgesetzt.
  • Das Entfernen einer Wand vor den Liegeflächen hat vier gute Effekte: Mehr Licht, bessere Luft, mehr Raum zum Aufstehen und bessere Übersicht für den Landwirt.

Action im Milchviehstall: Kompressor, Bohrmaschinen und Trennscheiben laufen auf Hochtouren, daneben fressen die Kühe ruhig. 13 Junglandwirte in der Ausbildung am bzb Rheinhof Salez sind eifrig am Werk.

Im April 2021 haben sie unter Anleitung von Kuhsignal-Trainer Christian Manser vom Landwirtschaftlichen Zentrum St. Gallen zwei Milchviehställe in St. Peterzell, St. Gallen, und Grub, Appenzell Innerrhoden, zuerst kritisch beobachtet und dann optimiert. Die 13 Junglandwirte konnten während der Wahlfachwoche umsetzen, was sie einige Wochen zuvor in der Schulstube gehört hatten: Kuhsignale verstehen. Mansers Auftrag ganz zu Beginn der Woche war klar: «Schaut die Kühe an und lernt zu verstehen, was sie euch erzählen».

Dazu ging er um 7.30 Uhr mit den jungen Männern in den Kuhstall. Die Theorie half den Junglandwirten, kleine Verletzungen, die Art und Weise des Aufstehens und das Bewegungsverhalten der Kühe bewusster wahrzunehmen und zu analysieren. Besondere Beachtung galt dabei stets den schwächsten Kühen. Sie zeigen am besten, ob ein Stall den Bedürfnissen einer Kuh gerecht wird.

Der nächste Schritt: Die Beobachtungen zusammentragen und Verbesserungsvorschläge ableiten. Und dann ging es los: Bereits am Nachmittag begannen die Optimierungsarbeiten mit Spitzhammer und Bohrmaschine.

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Mehr Luft ohne Aussen, Seiten- und Frontwände

Die «sechs Freiheiten der Weide» sollen in die Ställe gelangen. Der Luftaustausch war in beiden Betrieben knapp. «Wenn man in einen Stall geht, sieht man entweder Kühe oder Kot verschmierte Wände. Was seht ihr lieber?», fragte Christian Manser seine Schüler. Durch das Entfernen der Aussenwände sowie der Seiten- und Frontwände bei den Liegeboxen gelangt nun mehr Luft an die Nase der Tiere.

Mehr Licht dank gereinigten Lampen und Fenstern

Als die Mauern noch vorhanden waren, wirkten die Ställe düster und waren unübersichtlich. Die Lampen und Fenster wurden gereinigt, die Decken und Wände gewaschen, und die Wand beim Futtertenn weiss gestrichen.

«Ich war erstaunt, wie viel heller und grösser ein Stall wirkt, wenn die Wände gewaschen und gestrichen oder gar herausgeschlagen werden», so Junglandwirt David Aemisegger. «Jetzt ist alles viel übersichtlicher. Wenn ich in den Stall gehe, sehe ich sofort alle Kühe», ergänzt Markus Rechsteiner.

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Mehr Ruhe ohne Mauern und mit flexiblen Boxenbügeln

Nur wer ohne Hindernis aufstehen kann, legt sich gerne hin. Besonders grosse Kühe hatten Mühe beim Aufstehen und zögerten, weil sie zu wenig Platz für den Kopfschwung hatten.

Die Schüler entdeckten viele Kühe mit «Dinosaurier-Buckeln» auf der Wirbelsäule. Das entsteht durch zu tief angebrachte Seitentrennbügel. «Seit dieser Wahlfachwoche schaue ich die Kühe genauer an. Dabei konnte ich in einem Stall beobachten, wie eine Kuh vor dem Abliegen lange in der Liegebox ‹täppelte› und zögerte. Als sie sich dann hinlegte, knallte sie voll an den Boxenbügel», so Junglandwirt Bruno Gähler.

Diese Probleme wurden gelöst, indem Mauern vor den Liegeboxen herausgeschnitten und die Boxenbügel aus Stahl durch flexible ersetzt wurden. «Die Kühe rutschen jetzt nicht mehr auf den Knien retour, um aufstehen zu können. Manchmal hat eine liegende Kuh das Vorderbein gestreckt, diese Möglichkeit hatten sie vorher nicht», so Junglandwirt Simon Raschle.

«Am meisten beeindrucken mich die neuen Liegeboxen. Die grossen Holstein-Kühe haben jetzt mehr Platz. Es geht ihnen sichtlich besser, die Milchleistung ist bereits etwas gestiegen», sagt Markus Rechsteiner.

Mehr Raum, weniger Verletzungen durch hervorstehende Schrauben

Ein weiteres Problem war die Verletzungsgefahr durch hervorstehende Schrauben, Ecken und Kanten. Das konnte an kleinen Verletzungen insbesondere bei grossen Kühen beobachtet werden. Hervorstehende Schrauben wurden entfernt, Ecken an den Fensterrahmen abgeschliffen und Lecksteinhalter auf mindestens 1,60 Meter montiert.

Raum entstand auch dadurch, dass die Kratzbürste und die Tränke im schmalen Fressbereich entfernt wurden. Schwächere Kühe haben jetzt mehr Raum zum Ausweichen. «Die kleinen Verletzungen sind bereits gut verheilt», so Markus Rechsteiner. Im Laufhof arbeitet eine neue elektrische Kratzbürste.

Die Tränken im Fressbereich waren sehr hoch befestigt und oft verschmutzt. Sie wurden von den Kühen gemieden. Zwei neue, einfach zu reinigende Tränken sind nun im Quergang und Laufhof (Wasseroberfläche auf max. 60 cm) montiert.

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Sauberes Wasser dank leistungsfähigem Becken

Zwei Schüler mussten den Wasserdurchfluss beim Zungentränkebecken in der Abkalbebox messen. Er betrug gerade einmal 2 Liter pro Minute. Eine frischgekalbte Kuh mit einem Bedarf von 100 Liter Wasser müsste 50 Minuten pro Tag trinken. Auch diese Tränke wurde durch ein leistungsfähiges Becken ersetzt.

Nach dem Umbau:Mehr Platz im Fressbereich

Die Schüler beobachteten, dass zuvorderst und zuhinterst an der Fressachse deutlich mehr Futter gefressen wurde als in der Mitte. Der schmale Fressgang bietet im Zentrum nur wenig Platz zum Ausweichen. Umso wichtiger war es, Einrichtungen umzuplatzieren oder ganz zu entfernen.

Am Freitagnachmittag präsentierten sich die beiden Schülergruppen ihre Optimierungen. «Alles lief wie am Schnürchen, wir hatten ein sehr motiviertes Team. Es ist erstaunlich, was wir in drei Tagen alles umsetzen konnten», so Simon Raschle.

Begeistert, dass Verbesserungen so rasch sichtbar sind

Am meisten gefiel dem Junglandwirt Andreas Inauen, dass er die Theorie zum Thema «Kuhsignale» gleich in die Praxis umsetzen durfte und Ende Woche die Verbesserungen sah. «Ich war überrascht, dass es mit den Kühen so gut ging, obwohl sie witterungsbedingt im Stall bleiben mussten.» Das eindrückliche Verhältnis zwischen Aufwand und Ertrag überzeugte letztlich sämtliche Teilnehmer.

 

Geraldine Zutter studiert an der HAFL Agronomie mit Schwerpunkt Tierhaltung und hat als Praktikantin von Christian Manser die Wahlfachwoche begleitet.