Kurz & bündig

  • Brigitte Kägi lässt ihre Kälber sieben bis acht Wochen bei den Müttern saugen, die ersten 7 bis 10 Tage in der Abkalbebucht, danach drei Mal täglich im Auslauf.
  • Das Schlecken der Kuh animiert das Kalb zum Saugen.
  • Die Mutter-Kalb-Bindung funktioniert auch beim Melken mit Roboter und Weidehaltung.
  • Die Kälber werden an der Mutter besser gestillt, sie besaugen sich nicht.
  • Manchmal rufen Kuh und Kalb beim Absetzen nacheinander.

Kälber werden auf Milchwirtschaftsbetrieben in der Regel gleich oder einige Stunden nach der Geburt der Mutter weggenommen und mit künstlichen Tränken aufgezogen. Diese Praxis hat sich so sehr etabliert, dass man kaum mehr daran denkt, Kälber über längere Zeit an der Mutter saugen zu lassen. In den letzten Jahren haben Milchviehhalter allerdings verschiedene Varianten der sogenannten muttergebundenen Kälberaufzucht entwickelt. Brigitte Kägi vom Tannenhof im thurgauischen Affeltrangen lässt zum Beispiel ihre Kälber sieben bis acht Wochen bei der Mutter saugen. Danach reduziert sie den Mutter-Kalb-Kontakt bis zum Absetzen sukzessive. Die ersten sieben bis zehn Tage darf das Kalb dauernd in der Abkalbebucht bei der Mutter bleiben und saugen, wann es möchte. Die Nähe des Kalbes nach der Geburt stimuliert die Kuh.

Die Kuh ist dadurch aktiver

«Sie ist aktiver und hat eine Aufgabe», erklärt Landwirtin Brigitte Kägi. Sie ist auf dem Familienbetrieb zuständig für die Geburt und Betreuung der Kälber und das Besamen der Kühe.

Das Kalb wecke bei der Mutter positive Gefühle, fährt sie fort. Denn der Mutterinstinkt ist auch bei Milchkühen vorhanden und nicht weggezüchtet. Das Zusammensein von Mutter und Kalb fördert das Wohlbefinden und die Gesundheit von beiden. Besonders deutlich werde dies, wenn eine Kuh Anzeichen von Festliegen zeige. Dann bewirke die Nähe des Kalbes, dass die Kuh eher wieder aufstehe. Auch dem Kalb bringt die Nähe zur Mutter Vorteile. Indem die Mutter das Neugeborene abschleckt, animiert sie es, dass es schneller nach dem Euter sucht und saugt.

Die Kuh kümmert sich um ihr Kalb, die Landwirtin beobachtet

Die Kuh übernimmt vieles, was sonst die Landwirtin tun müsste. Ganz ohne Aufgabe bleibt Brigitte Kägi aber nicht. Sie muss Mutter und Kalb gut beobachten. Findet das Kalb in den ersten Tagen die Zitzen nicht, weil das Euter sehr tief sitzt, dann hilft die Landwirtin mit einem «Schoppen» nach.

Zwei Mal täglich holt die Landwirtin die Mütter aus der Abkalbebucht zum Melkroboter. Da auf dem Tannenhof die Kühe das ganze Jahr hindurch kalben, befinden sich meistens mehrere Kühe in der Abkalbebucht; sie ist ein regelrechter Mutterschaftsbereich.

Die erst Trennungsphase dauert fünf bis sechs Wochen

 

 

Nach dieser Phase des dauernden Zusammenseins gibt es eine erste, befristete Trennung. Dazu kommen die Kälber in eine Bucht auf Tiefstreu und die Mütter zurück zur Herde. Die Kälberbucht liegt direkt an den Laufbereich der Kühe an, so dass die Mütter Kontakt zu ihren Kälbern aufnehmen können. Sie dürfen ihr Kalb jetzt allerdings nur noch drei Mal am Tag säugen, nämlich morgens, mittags und abends. Dazu lässt die Landwirtin die Mütter und ihre Kälber in einen separaten Auslauf. Schnell sind die Kälber bei einer der Kühe und saugen am Euter.

Es muss nicht immer die eigene Mutter sein, erklärt die Tierbeobachterin. Je nach Kuh und Kalb ist das ganz verschieden. Nach dem Saugen kommen die Kühe wieder zur Herde und die Kälber gehen in ihren Kälberschlupf zurück.

Diese Phase dauert etwa fünf bis sechs Wochen. Die Dauer richtet sich auch danach, wie viele Kühe gekalbt haben und ob genügend Platz vorhanden ist.

 

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Die Kälber sind gesünder

Entwickeln sich die Kälber mit diesem System besser als ohne ihre Mutter? Diese Frage beantwortet die Landwirtin mit einem klaren «Ja, viel besser». Die Kälber seien vor allem gesünder. Vielleicht liegt es daran, dass die Mütter ihren Kälbern die Abwehrstoffe liefern, solange deren Immunsystem noch schwach ist, oder auch daran, dass sie so viel trinken können, wie sie wollen.

Natürlich bleiben die Kälber nicht von allen Krankheiten verschont, präzisiert die Landwirtin. Ein Durchfall reguliere sich aber meistens von selbst oder mit Hilfe von homöopathischen Mitteln.

Im Alter von etwa acht Wochen werden die Kälber ganz von der Mutter getrennt. Sie kommen in einen separaten Kälberstall und erhalten die Milch am Tränkeautomaten.

Fremde Kälber lenken die Mütter nach dem Absetzen ab

Die ersten Tage nach dem Absetzen seien für Mütter und Kälber nicht immer einfach. Sie rufen sich gegenseitig. Besonders stark rufen diejenigen Kälber, welche das Saugen am Tränkeautomaten noch nicht gelernt und deswegen Hunger haben. Bei den Müttern gibt es grosse, individuelle Unterschiede, wie sehr sie ihre Kälber vermissen und «möggen».

Am besten sei es, die Kälber am Abend zu «zügeln», wenn die Mütter beim Fressen sind. Dann realisieren diese oft erst am anderen Tag, dass das Kalb nicht mehr da ist. Sehr unruhigen Kühen gibt die Landwirtin Zugang zu anderen Kälbern, die noch nicht abgesetzt sind. Manchmal versucht dann ein fremdes Kalb zu saugen und lenkt die Kuh so ab.

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Das System ist ein Kompromiss

Ganz ohne das unliebsame «Möggen» gehe es aber oft nicht, sagt die Bäuerin offen. Das allmähliche Absetzen ist ein Kompromiss zwischen dem Wunsch der Landwirtin, die Kühe zu melken und dem Bedürfnis von Mutter und Kalb, zusammen zu bleiben.

Brigitte Kägi stellt fest, dass die Kuh mit dem Kalb besser in die Laktation startet, als wenn es ihr gleich nach der Geburt weggenommen wird. «Die Kuh kann als Mutter Stressfaktoren besser auffangen», begründet sie es. Dass die Kuh mehr Milch gibt, als das Kalb benötigt, sei kein Problem. Oft halte man beim Tränken die Kälber zu kurz. «Kälber darf man nicht gross hungern», betont sie. Das Kalb trinkt an seiner Mutter nicht mehr Milch, als es verwerten kann.

Die Kälber sind besser gestillt, wenn sie bei der Mutter trinken

Bis zum Einbau des Melkroboters vor drei Jahren hat die Landwirtin ihre Kälber die ersten zwei Tage bei der Mutter gelassen und sie dann in eine Gruppe gebracht, wo sie an einer «Milchbar», einem Behälter mit mehreren Nippeln, gefüttert wurden. Die Löcher der Nippel waren klein, so dass die Kälber kräftig saugen mussten. Es kam vermutlich deshalb schon damals kaum zu einem gegenseitigen Besaugen. Doch das jetzige System komme dem natürlichen Verhalten besser entgegen. «Die Kälber sind nach dem Saugen entspannt. Sie sind besser gestillt als beim Saugen am Tränkenippel», beobachtet die Landwirtin.

Auch arbeitswirtschaftlich bringt es Vorteile. Die Bäuerin muss die Milch nicht mehr aufwärmen, die Milchmenge nicht anpassen und auch kein Trinkgeschirr reinigen. «Ich finde es einfacher. Auf diese Art lassen sich Managementfehler umgehen», fasst sie zusammen.

Nicht nur die Gesundheit der Kälber, sondern auch ihre Zunahmen geben der Landwirtin recht, denn sie mästet die meisten Tränkekälber. Diese erreichen schon nach 100 bis 120 Tagen das Schlachtgewicht. Mit dem neuen System geht dies deutlich schneller als früher, als die Kälber bei der Geburt von der Mutter getrennt wurden.

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Der Weg für eine muttergebundene Kälberaufzucht in der Milchviehhaltung steht offen

Das Abliefern der Milch bei gleichzeitigem Saugenlassen des Kalbes befand sich rechtlich gesehen lange in einer Art Grauzone. Art. 32 der Verordnung über Lebensmittel tierischer Herkunft (VLtH) definierte Milch als das ganze Gemelk der Tiere, die regelmässig gemolken werden. Der Begriff «ganzes Gemelk» schloss das Saugen durch das Kalb aus. Anfangs Juli 2020 wurde in der Revision der Verordnung dieser Begriff entfernt. Damit wurde der Weg frei für die Vermarktung von Milch aus der sogenannten mutter- und ammengebundenen Kälberaufzucht (MAgKa).

Lautes Muhen von Kuh und Kalb

Das Entwöhnen des Kalbes von der Mutter ist etwas vom Schwierigsten bei der muttergebundenen Kälberhaltung, sagt FiBL-Beraterin Claudia Schneider. Der Absetzstress hängt von der Rasse ab und ist individuell sehr verschieden. Schneider rät, die Trennung langsam zu machen, zum Beispiel das Kalb mit der Zeit zuerst nur noch zwei Mal und dann einmal bei der Mutter saugen zu lassen. Das bedinge aber, dass man das Kalb noch zusätzlich tränke. Eine andere Möglichkeit ist, das Kalb eine Zeit lang an Ammenkühen saugen zu lassen. Die Trennung des Kalbes von Milch und Mutter sollte nicht zusammen stattfinden, empfiehlt Schneider. Bekomme das Kalb genügend Milch, rufe es weniger nach der Mutter und animiere diese nicht zusätzlich, zurückzurufen.

Nicht ganz auf Milchleistungsprüfung verzichten müssen

Für Zuchtbetriebe ist die Milchleistungsprüfung wichtig. Claudia Schneider weiss von einem Landwirt, der dazu seine Kälber einmal in der Woche an die Milchaufnahme am Tränkenippel gewöhnt, um am Tag der Milchleistungsprüfung von der Mutter das ganze Gemelk zu erhalten. Die Frage ist, wie gut die Kühe dann die Milch herunterlassen.

Mögliche Lösungen zur Anerkennung eines Standardlaktationsabschlusses sind gemäss Schneider noch in Diskussion. Die Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Rinderzüchter ASR verlange eine erste Wägung vor dem 80. Laktationstag. Das Kalb müsste zuvor abgesetzt werden.

Mit wenigen Tieren starten

Wer mit mutter- und ammengebundener Kälberaufzucht starten will, kann in einem ersten Schritt mit wenigen Tieren anfangen und Schritt für Schritt Erfahrungen sammeln, ohne grosse Investitionen tätigen zu müssen. Wenn die Abläufe gefunden sind, können bei Bedarf Stallumbauten geplant werden, rät Claudia Schneider.

www.mu-ka.ch

www.dgrn.ch/fibl-merkblatt-mgka

Genaue Erhebung der Milchleistung ist nicht notwendig

Doch wie lässt sich die Milchleistung der Kuh ermitteln, wenn das Kalb an ihr saugt? Familie Kägi legt keinen Wert auf eine Reinzucht von Kühen. «Wir sind keine Züchter», sagt die Landwirtin. Die Herde ist bunt gemischt mit Braunvieh-, Fleckvieh- Holsteinkühen und Kreuzungen.

Die Milchmengen-Erhebungen des Melkroboters genügen den Landwirten als Anhaltspunkt, wie viel Milch ihre Kühe geben. Wie viel Milch die Kälber trinken, kann Brigitte Kägi nur abschätzen. Selbst, wenn die Mütter die meiste Zeit auf der Weide sind – der Betrieb praktiziert die Vollweide – kommen sie zurück zu ihren Kälbern. Sie vergessen ihre Kälber, die im Stall bleiben müssen, nicht. Es pendelt sich ein Rhythmus ein.

Da die Kälber nicht gleichmässig an allen vier Vierteln saugen, bestünde beim Melken mit der Melkmaschine die Gefahr des Blindmelkens. Der Melkroboter misst den Durchfluss an jeder Zitze und hängt den Melkbecher ab, wenn keine Milch mehr fliesst. So wird das Euter der Kuh geschont.

Einfache und situationsbedingte Lösungen anstreben

 

 

[IMG 5]Die Mutter schleckt das Neugeborene und animiert es zum Saugen. (Bild B. Kägi)

 

Auch wenn Brigitte und ihr Mann Bruno Kägi die Kälber bei den Müttern saugen lassen, möchten sie noch lange nicht zur Mutterkuh-Haltung wechseln. Das Hauptstandbein ihres Betriebes ist die Produktion von Käsereimilch. Es braucht etwas Mut von einer Landwirtin, die Kälber saugen zu lassen und auch noch zu melken. Brigitte Kägi ist dabei schrittweise vorgegangen und hat Anpassungen vorgenommen.

Am besten fange man mit wenigen Kühen an und mache sich mit der neuen Situation vertraut, rät die Landwirtin. «Die Lösungen müssen situationsbezogen sein.» Es komme darauf an, wo und wie viel Platz im Stall vorhanden ist. «Erfinderisch sein und einfache Lösungen suchen», rät sie. Auch in einem Anbindestall könne man Mutter und Kalb in einer Abkalbebucht gemeinsam halten. Um sie zeitweise voneinander zu trennen, braucht es einen Kälberschlupf.

Ganz ohne ein «Möggen» der Kühe beim Absetzen werde es wohl nicht gehen. Doch die Landwirtin hat den Eindruck, dass die Kühe über die Jahre hinweg wissen, wie das Absetzen vor sich geht und sich anpassen. Ein Versuch scheint es ihr jedenfalls wert zu sein.

 

Betriebsspiegel Tannenhof

Brigitte und Bruno Kägi, Affeltrangen (Thurgau)

LN: 65 ha

  • 40 ha Grünland mit 23 ha Kunstwiese, 12 ha Weide und 5 ha Ökofläche.
  • 20 ha Ackerland mit 12 ha Weizen und 8 ha Mais.
  • 5 ha Wald

Bewirtschaftung: ÖLN

Tierbestand: 70 Milchkühe verschiedener Rassen, Vermarktung vor allem als Käsereimilch, 2/3 Mastbesamungen, 1/3 Remonten. Zudem 50 Damwild-Muttertiere plus Jungtiere (Direktvermarktung)

Weitere Betriebszweige: Lohnunternehmen für Mähdreschen und Ballen pressen.

Arbeitskräfte: Betriebsleiter-Ehepaar Bruno und Brigitte Kägi mit Lehrling, Söhne Cédric (Landmaschinenmechaniker EFZ) und Morris Kägi (Landwirt EFZ) als Aushilfen und im Lohnunternehmen.

www.kaegi-tannenhof.ch