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Landwirtschaft in der Val Müstair GR: 1 Hof, 2 Länder, 3 Generationen

Der Hof der Familie Ruinatscha aus Müstair GR liegt einen Steinwurf von der Grenze zu Italien entfernt. Wie lebt es sich im östlichsten Dorf der Schweiz als Landwirt? Eine Reportage über ein Bauernleben an der Grenze.


Es liegt Schnee im Münstertal GR, viel Schnee. Und dies bereits seit zwei Monaten. «Wir hatten anfangs November mehr als einen Meter Neuschnee», erinnert sich Landwirt Jon Ruinatscha.

So früh im Jahr ist das selbst für das Dorf Müstair aussergewöhnlich, das 1248 Meter über Meer hoch liegt. Einige Bauern konnten ihre Gülle-Löcher und Mist-Stöcke nicht rechtzeitig leeren, Ruinatscha hingegen hatte Glück: «Ich hatte eine Dichtigkeitsprüfung meiner Hofdünger-Lager und habe das Gülle-Loch deshalb bereits im September geleert», ist er froh.

Jon Ruinatscha hat die Bain Valatscha, wie der Betrieb heisst, vor neun Jahren von seinem Vater übernommen. Im neu angebauten Laufstall sind 23 Kühe zu Hause, je 6 Original Braune und 17 Brown Swiss. Dazu leben 10 Kälber und 11 Rinder auf dem Hof.

Der Betrieb wird seit 1994 biologisch bewirtschaftet, wie die meisten Höfe im Münstertal. Ruinatschas füttern Heu, Emd und etwas Kraftfutter.

Im Münstertal wird der Tal-Dialekt Jauer gesprochen, eine Unterart des Unterengadiner Romanisch. Für die 1500 Einheimischen – «ils Jauers» – ist es denn auch die Val Müstair. Richtig, die Val, denn «das Tal» ist im Rätoromanischen weiblich.

Das ist nicht die einzige Besonderheit. Auch bei der Arbeit auf dem Hof spürt Jon Ruinatscha immer wieder den Sonderfall, den sein Hof und sein Tal bilden. «Wir haben Pachtland und sogar etwas Eigenland in Italien», so der Bündner. Diese Flächen verursachen zusätzlichen administrativen Aufwand.

«Zwei Wochen bevor ich das Gras mähe, muss ich dem Zoll-Zentrum die geschätzte Erntemenge melden», erklärt Ruinatscha. Bei der Ernte selbst kann er das Heu dann in der Regel problemlos mit dem Ladewagen über die Hauptstrasse oder über die grüne Grenze auf seinen Betrieb führen.

«Es kann aber sein, dass wir am Zoll auf die Waage müssen», so Ruinatscha. Kontrollen finden aber selten statt. Um auf der sicheren Seite zu sein, sei es vorbeugend wichtig, die Ernte nicht zu knapp einzuschätzen. «Wenn ich weniger Futter in die Schweiz bringe als gemeldet, reklamiert niemand.»

Direkt an der Grenze ist natürlich auch der Einkaufstourismus ein Thema. «Beim Fleisch gibt es einen recht deutlichen Preisunterschied», weiss Ruinatscha. Er selber hat auch schon Gemüse in Italien einkauft. «Gemüse haben wir im Münstertal ja meistens auch nicht selber, und die Qualität in Italien ist sehr gut», erklärt er.

Was ihm aber deutlich mehr zu denken gibt als das Gemüse: In den Läden in Italien wird die Milch teurer verkauft als in der Schweiz.

Der Milchpreis ist für die Produzenten in Italien besser als für Schweizer Landwirte

Ruinatscha bekommt für seine biologisch produzierte Heumilch 64 Rappen pro Liter. «Auf der anderen Seite der Grenze, im Südtirol, erhalten konventionelle Landwirte mit Silomilch bis zu 55 Cent pro Liter. Ist die Milch silofrei produziert, erhalten die Bauern bis zu 60 Cent, und Bio-Milchproduzenten, die ohne Silage produzieren, bekommen sogar bis zu 80 Cent», sagt Ruinatscha.

Das sind rund 20 Rappen mehr, als er selbst im Hochpreis-Land Schweiz bekommt. Eine bittere Pille, denn dem tiefen Erzeugerpreis stehen hohe Produktions-Kosten gegenüber. «Die Kraftfutter-Preise in der Schweiz sind massiv höher als jene im Südtirol», weiss Ruinatscha.

In Kombination mit den zunehmend strengeren Vorschriften von Bio Suisse ist er zum Handeln gezwungen. «Wir müssen den Kraftfutter-Einsatz noch weiter senken. Mit den Brown Swiss-Kühen bekommen wir so jedoch Probleme mit der Fruchtbarkeit», hat Ruinatscha festgestellt. Es kann sein, dass er künftig den Anteil Original Braune weiter ausbaut.

Ruinatscha hat es trotz Nachteilen bei den Produktions-Kosten und beim Milchpreis nie bereut, auf der Schweizer Seite der Grenze zu Hause zu sein, Gleichzeitig pflegt er zu seinen italienischen Nachbarn guten Kontakt.

«Wir helfen uns auch mit Maschinen aus. Und die Bewässerung der Weiden läuft sowieso in Absprache mit den Italienern. Ich habe einen guten Austausch mit einem Berufskollegen im Südtirol. Wir besprechen da auch Themen rund um die Fütterung zusammen», sagt Jon Ruinatscha.

Diesel ist im Südtirol eher teurer als in der Schweiz, hier kommt Einkaufstourismus für den Münstertaler Landwirt also nicht in Frage.

Landmaschinen kauft der Münstertaler Jon Ruinatscha Bauer in Italien

Ruinatscha hat jedoch schon Landmaschinen in Italien gekauft. «Die Differenz zur Schweizer Offerte war leider so gross, dass es aus wirtschaftlicher Sicht ein Blödsinn gewesen wäre, nicht das italienische Angebot zu berücksichtigen», so der Bergbauer aus der Val Müstair.

Zumal der nächste Landmaschinen-Mechaniker auf Schweizer Seite in Zernez gelegen ist – also über 40 Kilometer entfernt auf der anderen Seite des 2149 m ü. M. hohen Ofenpass im Unterengadin.
Ansonsten ist es Ruinatscha aber wichtig, Aufträge und Einkäufe innerhalb der Schweiz zu tätigen. «Beim Stallbau haben regionale Handwerker gearbeitet. Wir produzieren schliesslich auch für den Schweizer Markt, und die Direktzahlungen stammen von Schweizer Steuerzahlern», sagt Ruinatscha.

Wer an der Grenze wohnt, muss sich auch Fragen zum Thema Schmuggel stellen. Ruinatscha lächelt verschmitzt und erinnert sich. «Zu Grossvaters Zeiten ist es schon vorgekommen, dass Zigaretten, Pelze und sonstige Waren den Weg heimlich über die Grenze fanden. Und zwar in beide Richtungen», sagt er.

Heute hat Jon Ruinatscha die Strasse gut im Blick und weiss daher, wer regelmässig im Südtirol einkaufen geht. Verboten ist das aber nicht.

Besondere Herausforderungen stellen sich dem Betrieb in der Val Müstair nicht nur wegen der Grenzlage, sondern auch wegen der Höhenlage. Wolf und Bär bereiten den Landwirten zwar noch keine schlaflosen Nächte.

Der Bergbetrieb in der Val Müstair kämpft mit besonderen Herausforderungen

Wichtig ist aber der Umgang mit den Hirschen, die jeweils im Winter hinunter bis ins Dorf Müstair kommen. Die Landwirte müssen verhindern, dass das Wild an das Raufutter für die Kühe gelangt. «Fahrsilos müssen eingezäunt werden, ebenso wie Silo-Ballen, das Futter-Tenn oder der Mist-Stock, sofern Heu darauf liegt», erklärt Ruinatscha.

Schuld daran ist die Tuberkulose. Hirsche können diese ansteckende Krankheit auf Rinder oder sogar Menschen übertragen, weshalb ein Kontakt unbedingt vermieden werden muss. «Wenn ein Hirsch auf unserem Betrieb Heu frisst und dabei gesehen wird, bekomme ich eine Busse», sagt Ruinatscha.

Jon Ruinatscha und seine Frau Simona haben vor zehn Wochen mit Luca ihr erstes Kind bekommen, sie sind glückliche Eltern.

Ob es für die beiden wichtig ist, dass der Betrieb auch in Zukunft von der Familie bewirtschaftet wird? Jon Ruinatscha überlegt lange und sagt dann: «Mit unserer wirtschaftlich schwierige Perspektive bin ich mir gar nicht sicher, ob ich meinem Sohn empfehlen würde, den Betrieb zu übernehmen.»

Die wirtschaftliche Zukunft der Bauern in der Val Müstair hängt von den Direktzahlungen ab

Die Jugendlichen verlassen das Tal zur Ausbildung und kehren selten nach Hause zurück. Die demografischen Prognosen sind deshalb düster, die Val Müstair verlor seit dem Jahr 2000 ein Drittel der Einwohner. Industrielle Neuansiedlungen sind kaum in Sicht.

«Das Münstertal ist sehr abgelegen und zählt nur gerade 1500 Einwohner. Bis unsere Produkte einen grösseren Marktplatz erreichen, müssen sie mindestens über zwei Alpenpässe gekarrt werden. Das ist ein grosser Wettbewerbsnachteil», weiss Ruinatscha.

Aufhören ist für den Bergbauern Jon Ruinatscha in der Val Müstair keine Option

Seine Milch wird in der neu gebauten «Chascharia Val Müstair» im Tal weiterverarbeitet. Unter dem Namen «Agricultura Val Müstair» wollen die Landwirte für ihre Produkte aus der «Biosfera Val Müstair» einen Mehrwert am Markt generieren.

Wären die Nischen-Produktion oder Agro-Tourismus eine Option? «Mit der Nischen-Produktion ist das Problem vom Marktzutritt nicht gelöst. Und bezüglich Tourismus gibt es bereits einige Bauern, die auf diese Karte setzen. Der Markt ist ziemlich gesättigt.»

Er sei sich manchmal selbst nicht ganz sicher, ob es schlau gewesen ist, den Betrieb zu übernehmen. «Aufhören ist aber keine Option. Wir haben gerade in den Stall und das Wohnhaus investiert, und ich arbeite sehr gerne mit den Tieren.»

Diese Arbeit droht für Jon Ruinatscha manchmal vor lauter Büro, Kontrollen und administrativen Aufgaben manchmal etwas ins Hintertreffen zu geraten. «Ich bin ganz sicher nicht Landwirt geworden, weil ich das Büro gesucht habe», sagt Ruinatscha.

Jon Ruinatscha ist Hockeyspieler, Postauto-Chauffeur und Bauer in Personalunion

Je nachdem, wie sich der Milchpreis und die Agrarpolitik entwickeln, wird sich der Bergbauer anpassen müssen. «Es ist denkbar, den Betrieb zu extensivieren und etwas mehr auswärts zu arbeiten», sagt der Landwirt, der seinen Nebenerwerb als Postauto-Chauffeur schätzt und beibehalten möchte.

Aufgegeben hat er hingegen vor zwei Jahren sein Hobby, das Eishockeyspiel. «Wenn wir am Wochenende ein Auswärtsspiel hatten, kam ich erst um 1 Uhr nachts ins Bett. In den Stall muss ich jeweils um 4 Uhr früh. Und wenn anschliessend noch eine Schicht als Postauto-Chauffeur anstand, wurde das zuviel», sagt Ruinatscha. Mit der Geburt seines Sohnes Luca haben sich die Prioritäten ohnehin etwas verschoben.

Zum Familieneinkommen trägt auch Ehefrau Simona Ruinatscha bei. Sie bietet medizinische Massagen auf dem Betrieb an. Ein zweiter Nebenerwerb, der ziemlich gut läuft.

Simona Ruinatscha ist aus Samnaun GR, dem Grenzort und schweizerischen Zollausschluss-Gebiet im Unterengadin. Wenn sie ihre Familie besucht, fährt Simona von Müstair in der Schweiz über das Südtirol in Italien und das Tirol in Österreich nach Samnaun wieder in die Schweiz. Eine 60 Kilometer lange Odyssee über die Staatsgrenzen.

«Als ich das erste Mal ins Münstertal kam, dachte ich: Das ist ja furchtbar abgelegen, und hier ist gar nichts los», erinnert sie sich und lacht. Noch schlimmer: Eigentlich wollte Simona Ruinatscha auch nie einen Bauern heiraten. Beides ist anders gekommen, beides bereut sie bis heute nicht.

Betriebsspiegel: Hof «Bain Valatscha»

Jon Ruinatscha, Müstair GR

LN: 20 ha (Bergzone 3), davon rund 9 % Ökofläche 7 ha im Südtirol (I)
Tierbestand: 23 Milchkühe (6 Original Braune, 17 Brown Swiss), 10 Kälber, 11 Rinder
Durchschnittliche Milchleistung: 6000 Liter (4,12 % Fett, 3,19 % Eiweiss
SAK: 1,6
Arbeitskräfte: Jon Ruinatscha (Betriebsleiter), Simona (Ehefrau), Gilbert und Matilda (Eltern).
Nebenerwerb: Postauto-Chauffeur (Jon), Medizinische Massagen (Simona)

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