Kurz & bündig

  • Schlupfwespen parasitieren Fliegenlarven.
  • Bruno Kessler streut sie in den Liegeboxen und im Kälberstall.
  • Trotz häufigem Misten ist der Einsatz von Schlupfwespen nötig.
  • Den Mist an den Rändern lässt er liegen. Sie sind eine «Überlebensinsel» für die Schlupfwespen.
  • Ergänzend setzt er Raubmilben ein. Sie fressen Fliegeneier und -puppen.
  • Mit einem Wasservorhang schützt Kessler seine Kühe vor Stechfliegen im Melkstand.

 

Bruno Kessler aus Herisau AR öffnet den Deckel der Dose. Zwischen den Sägespänen liegen die Fliegenpuppen. Sie sind parasitiert mit Schlupfwespen: «Wenn es jetzt warm wäre, ginge das explosionsartig los und hier drin würde innert Kürze alles zappeln.»

Es ist Mitte Mai und «die grüne» hat sich just die Eisheiligen ausgesucht, um Kessler beim Ausbringen der Schlupfwespen zu begleiten. Von Zappeln keine Spur – dafür ist es viel zu kalt.

Die Wände waren schwarz vor lauter Fliegen

Seit fast 20 Jahren setzt Bruno Kessler Schlupfwespen gegen Fliegen ein. Der Grund war die Umstellung auf Bio im Jahr 1999. «Bis dahin setze ich das LarvizidNeporex ein», sagt Kessler.

Weil er als Biobetrieb Neporex nicht mehr einsetzen konnte, vermehrten sich die Fliegen explosionsartig zu einer regelrechten Fliegen-plage – im Kälberstall wie auch in den Tiefboxen der Milchkühe.

Die Tiere waren unruhig, die Zellzahlen waren hoch und wegen der Stechfliegen konnte Kessler kaum melken. Er erinnert sich gut: «Die Wände waren teils schwarz vor lauter Fliegen.»

«Die Fliegen sind nur das, was man sieht», sagt Kessler, «das wahre Problem ist im Mist.» Damit spricht Kessler den Zyklus der Fliege an. Denn nur etwa 15 bis 20 Prozent der Fliegen sind an der Oberfläche. Der Rest der Population befindet sich als Eier, Larven oder Puppen im Mist oder auf der Schwimmschicht der Gülle. Siehe Listicle. 

Deshalb setzt Bruno Kessler bei der Fliegenkontrolle nicht auf Klebstreifen gegen ausgewachsene Fliegen, sondern geht das Problem bei der Ursache an – mit Nützlingen.

Solange es nicht gefriert, nehmen die Schlupfen keinen Schaden

Bruno Kessler setzt in seinem Stall Schlupfwespen gegen Fliegenpuppen und Raubmilben gegen Fliegeneier und Larven ein.

Schlupfwespen setzt man im Tretmist und in der Tiefstreu ein. Kessler streut die Schlupfwespen, sobald es im Frühling etwas wärmer wird. «Aber den richtigen Zeitpunkt zu finden, ist nicht einfach», sagt der Landwirt. Denn je feuchter und wärmer, desto schneller die Entwicklung der Fliegen und Schlupfwespen. Zu früh im Jahr möchte sie Kessler aber auch nicht ausbringen. Auch weil sein Betrieb mit knapp 900 m ü. M. etwas höher liegt, verschiebt sich das erste Aussetzen der Schlupfwespen bis in den Mai hinein.

Auf Nachfrage bei Andermatt Biovet heisst es, dass beim Aussetzen der Schlupfwespen Fliegenpuppen oder Fliegen vorhanden sein sollten. Und dazu muss es nicht einmal allzu warm sein: «Fliegen überwintern oft als Puppenstadium oder als Erwachsene», erklärt Elena Disch, Produktmanagerin bei Andermatt Biovet. Ab 9 Grad können dann die Schlupfwespen freigelassen werden.

Doch was passiert, wenn es nochmals kalt wird? «Solange es nicht gefriert ist es nicht schlimm», erklärt Disch. «Die Entwicklungsdauer verzögert sich einfach bei tieferen Temperaturen.» Wenn man die Schlupfwespen zu früh frei lässt, würden sie im schlimmsten Fall verhungern. «Oder sie suchen sich einen anderen Ort, wo sie Nahrung finden», sagt Disch. Schlupfwespen leben bis zu 30 Tage.

Eine Schlupfwespen-Population muss man kontinuierlich stärken

Der Aufbau einer starken Schlupfwespen-Population erfordert gemäss Andermatt Biovet 8 bis 12 Freilassungen im Abstand von zwei bis drei Wochen. «Die Vermehrung der Schlupfwespen ist langsamer als die der Fliegen», erklärt Elena Disch. Deshalb seien die Schlupfwespen mit nur einer Aussetzung zu wenig effektiv. «Die Population der Schlupfwespen muss man kontinuierlich stärken, damit ein Gleichgewicht zwischen Nützling und Schädling entsteht», sagt Disch.

Bruno Kessler muss seine Schlupfwespen-Population jeden Frühling neu aufbauen. Anders wäre es in einem Warmstall. Dort sterben die Schlupfwespen im Winter nicht und können deshalb ganzjährig eingesetzt werden.

Bruno Kessler hat ein Abonnement für acht Freilassungen. Er setzt pro Freilassung zwei Dosen ein. Diese reichen für eine Fläche von 200 Quadratmeter. Kostenpunkt: 86 Franken pro 200 Quadratmeter und Freilassung inkl. Porto. Geliefert werden die Schlupfwespen mit Kühlelementen. «Die Kosten summieren sich», sagt Kessler. Er habe vor Jahren die Freilassungen reduziert, beziehungsweise ganz ausgesetzt. Die Retourkutsche kam prompt und die Fliegen vermehrten sich wieder ungebremst.

Kein Miststock in den Sommermonaten

Einen Teil der Schlupfwespen setzt Bruno Kessler in den Liegeboxen aus. Vor dem Bugbalken und unter den Boxentrennbügeln im Kopf-Bereich. «Diese Orte sind vor Viehtritt geschützt und ein beliebter Brutplatz der Fliegen», weiss Kessler.

Den zweiten Teil setzt Kessler entlang der Wand bei den Kälbern aus. «Sie müssen vor Viehtritt und Staunässe geschützt sein», erklärt er. Bei den Kälbern mistet Kessler alle drei Wochen aus. «Aber den Mist an den Rändern lasse ich drin», erklärt Kessler.

Diese «Überlebensinseln» seien wichtig, damit die Schlupfwespen-Population erhalten bleibt, sagt Elena Disch. Sie fügt an, dass bei Kälbern auch eine Vermehrung in der Fläche stattfinden kann, da die Jungtiere leicht sind. In Kälberboxen empfiehlt sie gar, die Dosis um 30 bis 50 Prozent zu erhöhen, da Kälberkot und Futterreste Fliegen besonders anziehen.

Das wenige, was alle drei Wochen an Mist anfällt, kippt Kessler während der warmen Jahreszeit nicht auf dem Miststock, sondern in den Güllekasten. Denn auf dem Miststock seien die Fliegen oft schwieriger zu kontrollieren.

«Auf dem Miststock herrschen nicht isolierte Bedingungen wie im Stall», sagt Elena Disch. «Kommt noch hinzu, dass der Miststock bei der Fliegenbekämpfung oft vergessen geht und sich die Fliegen ungestört vermehren können.»

Der Mist der Laufflächen geht in zwei Güllekästen. Dort hat Kessler keine Probleme mit Fliegen, denn eine Schwimmschicht, wo sich Fliegen vermehren können, bildet sich dort nicht. Der Grund: Kessler rührt die Gülle regelmässig mit dem Haspelrührwerk.

Für Betriebe mit Spaltenböden und grösseren Mengen an Gülle empfiehlt sich der Einsatz von Güllefliegen: Ein Nützling, der lichtscheu ist und sich in der Schwimmschicht aufhält.

Raubmilben ergänzen die Schlupfwespen

Im Gegensatz zu den Schlupfwespen braucht man Raubmilben nur ein- bis dreimal pro Jahr auszusetzen, damit sie ihre Population halten können. Die Temperatur muss hierfür mindestens 12 Grad betragen. Pro Freilassung auf 250 Quadratmeter kostet das Kessler 157 Franken.

Die Raubmilben sind eine gute Ergänzung zu den Schlupfwespen. Raubmilben fressen Fliegeneier und -larven. Schlupfwespen parasitieren Fliegenpuppen. Auch auf dem Miststock sind Raubmilben ideal. Denn dort hat es eine besonders hohe Konzentration an Fliegeneier und -puppen.

Selbst gebaut: Fliegen-Schleuse im Melkstand gegen Stechfliegen

Ein besonders grosses Problem war die Situation im Melkstand. Wer kennt es nicht: Die Kühe sind beim Melken den Stechfliegen ausgeliefert und schlagen nach ihnen. Es dauert nicht lange und es fliegt auch das Melkgeschirr.

Die Not machte Kessler erfinderisch: Drei fix installiere Spritzdüsen, sprühen Wasser auf die beiden Eingänge und auf den Ausgang des Melkbereichs. Der Wasservorhang wirkt wie eine Fliegen-Schleuse. «Die Kühe bleiben gar unter dem Wasser stehen und kühlen sich ab», erzählt Kessler. In der Decke zieht ein Ventilator die warme Luft ab.

«Dieses System funktioniert nur, weil unser Melkstand in einem geschlossenen Raum ist», erklärt Kessler. Und der positive Nebeneffekt: Die Temperatur sinkt im Melkstand um zwei bis drei Grad.

Schwalben schweben wie Kolibris und picken Fliegen ab

Auf Klebefallen gegen erwachsene Fliegen verzichtet Kessler fast vollständig. Denn Schwalben und Fledermäuse verheddern sich schnell darin (siehe Listicle). Das Einzige sind Fliegenschnüre nahe an der Decke, die er hin und wieder im Kälberstall einsetzt.

Auch natürliche Feinde findet man auf dem Betrieb: Rauchschwalben. «Wenn es kühl ist, sind sie am effizientesten», sagt Kessler, «denn bei warmen Temperaturen jagen sie draussen.» Die Fliegen befinden sich bei kühlen Temperaturen über dem Laufstall an den Balken. Kessler schmunzelt und erzählt: «Die Schwalben schweben dann wie Kolibris in der Luft und picken die Fliegen ab.»

«Ganz frei von Fliegen ist man nie», sagt Bruno Kessler

Bruno Kessler zieht ein Fazit: «Durch die Nützlinge gibt es sicherlich eine grosse Entlastung der Fliegenplage». Die Tiere seien ruhiger, die Zellzahlen im grünen Bereich. Aber Wunder erwarten, dürfe man nicht. «Den richtigen Zeitpunkt erwischen und konsequent dran bleiben sind wichtig.»

Ist der Zeitpunkt ideal für die Schlupfwespen, sei er auch ideal für die Fliegen. «Passt man nicht auf, hinkt man mit den Massnahmen hinterher», sagt Kessler. «Und ganz frei von Fliegen ist man sowieso nie», sagt er. «Aber ich bin mit den Nützlingen und dem Wasser-Vorhang einigermassen der Herr der Lage.»

 

Betriebsspiegel Betrieb Vierwinden

Karin und Bruno Kessler mit Reto (19), Anja (17), Florian & Benjamin (15) aus Herisau AR

LN:36 ha

Bewirtschaftung: Bio

Kulturen: Grünland, 100 Hochstamm-Obstbäume

Tierbestand: 30 Milchkühe, 18 Aufzuchttiere, 58 Mastschweineplätze, 15 Schafe

Betriebszweige: Milchproduktion, Aufzucht, Schweinemast

Arbeitskräfte: Betriebsleiterehepaar, Vater Werner Kessler, ein Lernender

 

Fünf gute Gründe für Schlupfwespen

Auf Biobetrieben ist der Einsatz von Nützlingen verbreitet. Bis auf ein paar wenige biologische (und teure) Larvizide gibt es keine Alternative zur Fliegenbekämpfung. Gemäss Elena Disch Andermatt von Andermatt Biovet werden viele Nützlinge auf Nicht-Biobetriebe verkauft. Die Gründe sind vielfältig:

  • Ursachen-Bekämpfung (Eier, Puppen, Larven)
  • Nützlinge erreichen Stellen, die mit Larviziden vergessen gehen.
  • Keine Resistenzen möglich (bei Neporex gibt es vermehrt Resistenzen)
  • Keine Gesundheitsrisiken für Mensch und Tier
  • Kostengünstiger als Larvizide

 

Kostenvergleich: Neporex vs. Schlupfwespen

Neporex: 12 Behandlungen für 100 m2: 6 x 5 kg-Sack à 135 Franken = 810 Franken. Das ist der günstigste von fünf geprüften Neporex-Anbietern.

Schlupfwespen: 12er-Abonnement für 100 m2 = 551 Franken inkl. Porto.

 

Die zwei häufigsten Arten der Stallfliege

Die Grosse Stubenfliege (Musca domestica), gemeinhin «Stallfliege» genannt, verbreitet Keime, zum Beispiel aus Kot, Wundsekret oder Speichel. Damit schafft sie ein grosses hygienisches Problem.

Der Wadenstecher (Stomoxys calcitrans) lebt besonders in Rindvieh-Ställen in grosser Zahl. Im Unterschied zur Stubenfliege hat er einen Stechrüssel, mit dem er als adulte Fliege am Blut der Nutztiere saugt.

Katrin Erfurt in «die grüne» 3/2018