Wenn man die Kommentare zur Sistierung der Agrarpolitik AP22+ liest, könnte man glauben, ein grossartiges Konzept sei hier beerdigt worden. Der Schweizer Landwirtschaft drohe jetzt der ökologische Stillstand, hiess es. Und das alles nur, weil einmal mehr eine angebliche Agrarlobby ihre Interessen im Parlament durchgesetzt habe.

So kann man allerdings nur schreiben, wenn man die Realität der Landwirtschafts-Politik in der Schweiz nicht kennt. Und genau das trifft bei den meisten Kommentatoren zu.

Die AP22+ war kein grosser Wurf. Vielmehr war sie die Fortsetzung eines widersprüchlichen Konglomerats von Massnahmen, die sich im Verlauf der Zeit aus unterschiedlichen Ansprüchen an die Landwirtschaft herausgebildet haben.

Landwirtschaft kann nicht hochproduktiv und gleichzeitig ökologisch sein

Zum einen sollen die Bauern immer ökologischer produzieren und das Tierwohl noch stärker berücksichtigen. Gleichzeitig sollen sie aber auch immer produktiver werden und möglichst alles digitalisieren. Und natürlich sollen sie auch noch unternehmerischer denken und sich vermehrt am Markt orientieren.

Das ist aber die Quadratur des Kreises, also ein Ding der Unmöglichkeit. Die Landwirtschaft kann nicht hochproduktiv und gleichzeitig ökologisch sein. Diese Widersprüche werden nicht gelöst, sondern durch immer ausdifferenziertere und komplexere Kategorien von Direktzahlungen übertüncht.

Wann immer die Schweizer Politik zusätzliche Anforderungen an die Bauern herantrug, wurden einfach weitere Ziele definiert und zusätzliche Zahlungs-Kategorien erfunden, um so immer mehr Aspekten gerecht zu werden. Landwirte erhalten heute Zahlungen für einen ausdifferenzierten Katalog unterschiedlichster Leistungen, von denen ein Grossteil nichts mehr direkt mit der Produktion von Lebensmitteln zu tun hat.

Eine naturgerechte und tiergerechte Lebensmittel-Produktion muss sich für die Bauern lohnen

Nun ist es richtig, dass die Landwirtschafts-Politik dafür sorgt, dass die Umweltbelastungen der landwirtschaftlichen Tätigkeit möglichst gering ausfallen. Doch eine naturgerechte und tiergerechte Produktion von Lebensmitteln muss sich für die Bauern auch lohnen. Das ist aber viel zu wenig der Fall.

Wenn Landwirtschafts-Betriebe etwa auf Bio-Produkte oder andere Label-Produkte umstellen, dann erhöht dies ihren Aufwand beträchtlich, nicht zuletzt auch wegen der damit verbundenen Bürokratie.

Doch während der Konsument dafür im Supermarkt einiges mehr für diese Produkte bezahlt, kommt beim Bauer oft nur wenig davon an. Die höheren Verkaufserlöse des Handels bleiben in der nachgelagerten Industrie und bei den Detailhändlern und gelangen nicht auf den Bauernhof.

Diese Problematik wird von der bisherigen Landwirtschafts-Politik und auch von der AP22+ weitgehend ignoriert. Es ist aber wichtig, dass Bauern wieder verstärkt an der Wertschöpfung in der Nahrungsmittel-Produktion partizipieren können. Solange sie mit immer tieferen Preisen konfrontiert werden, kann man keine Begeisterung für weitere drastische Umweltauflagen erwarten, wie zum Beispiel für den Verzicht auf Pestizide.

Die beschlossene Sistierung der Agrarpolitik AP22+ ist deshalb keine verpasste Chance, sondern eine Chance, die künftige Agrarpolitik neu auszurichten. Es geht darum, eine umweltgerechte Produktion von Lebensmitteln auch für die Bauern finanziell interessant zu machen.

Mathias Binswanger

Der Ökonom Mathias Binswanger (1962) ist Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW in Olten und Privatdozent an der Universität St.Gallen.

Das jährliche Ökonomen-Einfluss-Ranking der «Neuen Zürcher Zeitung» zählt Binswanger seit Jahren zu den drei einflussreichsten Ökonomen der Schweiz. Mathias Binswanger ist auch Autor mehrer Bücher, unter anderen:

«Mehr Wohlstand durch weniger Agrarfreihandel: Landwirtschaft und Globalisierung»
Mathias Binswanger
Picus Verlag, März 2020, 120 Seiten
ISBN 978-3711720948
Fr. 21.90

Besprechung des Buches «Mehr Wohlstand durch weniger Agrarfreihandel»