Immer wieder mal mache ich ähnliche Feststellungen auf dem Mühlehof: Eine Gabel ist kaputt oder nicht mehr an dem Platz, an dem sie immer zu sein hat. Eine Lampenfassung ist zerschmettert. Werk-zeug befindet sich nicht mehr am dafür vorgesehen Platz (am häufigsten betrifft das 10er-, 13er- und 17er-Schlüssel). Eine Leiter ist scheinbar spurlos verschwunden. Bits-Einsätze für die Bohrmaschine lösen sich in Luft auf.

Auf Nachfrage ist es dann natürlich meistens niemand gewesen. Nun gut, der Kreis der Verdächtigen ist zugegebenermassen auch relativ gross: Auf dem Mühlehof sind täglich sehr viele Menschen zugegen. Die Pensionspferde-Halterinnen samt Reitbeteiligungen, Grosseltern und Enkelkindern, sonstige Mieter und natürlich die zahlreichen Bauernhof-Touristen (klassischerweise Kleingruppen von zwei Müttern mit jeweils einem Kinderwagen).

Ich hingegen bin oft den ganzen Tag ausser Hof, auf dem Feld, in Werd oder in Oberlunkhofen. Jedenfalls nicht zu Hause am Kontrollieren, wer jetzt was genau anfasst.

Ausleihen erlaubt, versorgen erwünscht

Es gibt eigentlich eine Regel: Werkzeug mit einer geringen Verletzungsgefahr dürfen alle ausleihen und selbstständig wieder genau dort versorgen, wo es entnommen wurde. Ich bin ja froh, dass viele Leute Initiative zeigen und kleinere Reparaturen oder Anpassungen gleich selber vornehmen und ich davon unbehelligt bleibe.

Das klappt meistens recht gut – meistens, weil der Begriff «kleinere Anpassungen» dehnbar ist und das mit dem Zurückbringen des Werkzeuges nicht in jedem Fall so umgehend geschieht, wie ich mir das wünsche.

DossierSebastian Hagenbuch, Autor «die grüne»Dossier«Plötzlich Bauer» – Kolumne von Sebastian HagenbuchDonnerstag, 28. Oktober 2021 Wenn ich nun einen schlechten Start in den Tag habe, beispielsweise weil ich mein morgendliches Stallprogramm nicht ganz wie vorgesehen abspulen kann (weil etwa die Gabel verschwunden ist), neige ich zu Radikalität: «Jetzt ist fertig mit Selbstbedienung! Es gibt ein richterlich angeordnetes Zutrittsverbot zur Werkstatt, sämtliche Geräte, die mir gehören, werden beschriftet und mit Peilsender ausgestattet, im Stall wird eine Überwachungskamera montiert und alle Miet- und Pensionspreise werden per sofort um mindestens 20 Prozent angehoben! Wem’s nicht passt, der kann verreisen!» So ähnlich läuft das in meinem Kopf ab.

In den meisten Fällen klappt es mit der Ordnung

Zum Glück kommuniziere ich das nicht ungefiltert gegen aussen. Es gäbe nämlich mehr zu verlieren, als es zu gewinnen gibt. Denn wie gesagt: In den meisten Fällen klappt es gut. Ich bin sehr froh, dass die Pensionärinnen stets gut für Ordnung schauen und in der Lage sind, einen Zaun eigenhändig zu reparieren und die Hecke zurück schneiden. Ich bin dankbar, dass meine Mitbewohner den Gartenzaun neu streichen und den Rasen mähen.

Das entlastet mich über das Jahr gesehen so sehr, dass eine Stunde zusätzlicher Suchaufwand, einige neue Schraubenschlüssel, ein neues Set Bit-Einsätze und ein paar verbratene Nerven meinerseits eigentlich gut drin liegen. Und ich will nicht allen misstrauen müssen. Dann würde das aktuelle Betriebskonzept vom Mühlehof nicht mehr funktionieren.

Was nervt, ist nicht der materielle Schaden

Es geht auch nur vordergründig um materiellen Schaden, wenn ich mich aufrege. Es geht eher darum, dass ich das Gefühl habe, jemand nutzt die offenen Türen aus und steht nicht dazu, wenn er oder sie etwas kaputt macht. Aber ganz ehrlich: Kriminelle Energie unterstelle ich niemandem von diesen Leuten.

Und, besonders bitter: Neulich habe ich mich sehr über das Verschwinden des Geissfusses genervt. Nach diversen Befragungen konnte ich den Schuldigen nicht eruieren. Nach zwei Wochen (und bereits erfolgter Ersatzbeschaffung) fand ich das Werkzeug – an dem Ort, an dem ich selbst es zuletzt gebraucht und liegengelassen habe.

Es spricht also noch etwas für offene Türen: Wenn alle mein Werkzeug brauchen, besteht doch immerhin die Chance, dass ich nicht selbst schuld bin, wenn etwas fehlt.

 

«Plötzlich Bauer»

Sebastian Hagenbuch ist Landwirt und Agronom. Er bewirtschaftet mit seinen Eltern einen Betrieb mit zwei Standorten im Freiamt AG.
Hagenbuch erzählt in seiner Kolumne von Alltäglichem und Aussergewöhnlichem, wechselt ab zwischen Innen- und Aussensicht, immer mit kritischem Blick und einem Augenzwinkern.