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Kälbermast im Lohn und die Milch abliefern? Das Gesamtpaket muss stimmen.

Familie Hertig aus Arni BE hält die Mastkälber seit Frühling 2020 im Lohn und nicht mehr auf eigene Rechnung. Die Milch liefern sie seither der Cremo. Damit stieg die Wirtschaftlichkeit des Betriebes und das Risiko in der Kälbermast schrumpfte auf ein Minimum.


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Kurz & bündig

  • Die Familie Hertig verdiente mit der Kälbermast zu wenig.
  • Hertigs liefern die Milch nun ab und haben so ein regelmässiges und höheres Einkommen. Sie mästen 70 Kälber/Jahr im Lohn.
  • Integrator ist die Schneider Viehhandel AG aus Würenlingen. Ihr gehören die Kälber, sie liefert das Futter, bezahlt die Tierarztkosten und trägt das Risiko.
  • Integrator Jürg Schneider ist auch bei der Granovit AG tätig – eine Win-Win-Situation.

 Der Betrieb der Familie Hertig liegt erhöht auf einem Hügel im Emmental, in der Mitte zwischen Bern und Langnau. Die ersten Sonnenstrahlen fallen am frühen Morgen auf den Betrieb und locken ein paar Kälber an die warme Sonne.

Für Landwirt Philipp Hertig sind diese Kälber der dritte Umtrieb in der Kälber-Lohnmast. Vorher produzierte er auf eigene Rechnung, wie auch sein Vater vor ihm, der noch heute Präsident der Berner Kälbermäster ist.

Jeweils 150 Kälber pro Jahr mästeten Hertigs im Rein-Raus-Verfahren für das Label «Emmentaler Bauernkalb». Die Fütterung erfolgte kombiniert: Vollmilch der 18 Milchkühe und Milchpulver.

Finanzielles Trauerspiel in der Kälbermast

«Aber die Rechnung ging einfach nicht auf», sagt Philipp Hertig rückblickend. Der Landwirt arbeitet neben dem landwirtschaftlichen Betrieb in einem 80 Prozent-Pensum als selbstständiger Bauunternehmer.

«In der Kälbermast hatte ich einen Stundenlohn von nicht einmal 5 Franken», sagt er und rechnet vor: 800 Franken kostet ein schönes Tränkerkalb, dazu kamen das Milchpulver (100 kg à 385 Franken) und die Tierarztkosten. Für ein viermonatiges Mastkalb erhielt er etwa 2000 Franken.

«So haben wir im Schnitt 200 Franken pro Kalb verdient.» Fielen höhere Kosten beim Tierarzt an oder war der Schlachtkörper nicht mindestens ein T3, schrumpfte der Gewinn noch mehr. «Verlor ich ein Kalb, war der ganze Umtrieb – je nach Preisen – kaum mehr rentabel», sagt Hertig.

Das finanzielle Trauerspiel in der Kälbermast wollten Hertigs nicht mehr länger mitmachen. Sie entschieden sich im Herbst 2019, nur zwei Jahre nach der Betriebsübernahme, ihre Milch künftig abzuliefern, und dadurch ein sicheres und regelmässiges Einkommen zu haben.

Wöchentliche Besuche durch die Granovit AG

Eigene Mastkälber hat die Familie seither keine mehr – dafür kam es aber zu einer Zusammenarbeit zwischen Hertigs, der Schneider Viehhandel AG aus Würenlingen sowie dem Futtermittelhersteller Granovit AG. Denn neu sind Hertigs Lohnmäster. Sie sind damit den Marktschwankungen nicht mehr ausgesetzt. Und zusammen mit der abgelieferten Milch ist das für sie deutlich attraktiver.

Beim Besuch von «die grüne» bespricht Hertig das weitere Vorgehen in der Kälbermast mit Samuel Graber von der Granovit AG. In der Regel finden nur alle paar Wochen Aussendienstbesuche statt. Graber schaut jedoch wöchentlich bei Hertigs vorbei, bringt Milchpulver und Zusätze, kalibriert den Automaten, stellt das Wasser-Pulver-Verhältnis entsprechend dem Bedarf der Kälber ein, macht Reparaturen und steht Hertigs beratend zur Seite.

Der Grund für die hohe Besuchsfrequenz durch den Futtermittelhersteller ist das Mast-System. Denn Philipp Hertig mästet die Kälber seit Frühling 2020 für die Viehhandel Schneider AG aus Würenlingen. Der Inhaber Jürg Schneider arbeitet neben dem Viehhandel auch bei der Granovit AG – und so kam es zur Zusammenarbeit.

Der Integrator trägt in diesem Mast-System das Risiko

Die Kälber gehören der Schneider Viehhandel AG. Sie fungiert in diesem Mast-System als Integrator. Der Händler bringt die Kälber, holt sie ab, sobald diese schlachtreif sind, und erhält den Erlös für das Fleisch. Tierarztrechnungen gehen an die AG, so auch die Kosten für das Milchpulver und die Miete des Automaten.

Das Risiko trägt die Schneider Viehhandel AG vollumfänglich, währendem das Risiko für Philipp Hertig in der Rolle als Lohnmäster auf ein Minimum schrumpft. Hertig stellt in diesem Mast-System seinen Stall und seine Arbeitskraft zur Verfügung. Sein Lohn: Ein fixer Betrag pro gemästetes Kalb.

Die Schneider Viehhandel AG ist ein junges Unternehmen, das erst 2016 gegründet wurde. Mit rund 5'000 gehandelten Tieren gehören die Inhaber Jürg und Beatrice Schneider zu den kleinen Marktakteuren. Daneben arbeitet Jürg Schneider seit 18 Jahren bei der Granovit AG, aktuell als Marktleiter für die Deutschschweiz.

Mit zwei Betrieben, die für ihn im Lohn Kälber mästen, wurde er erst im Frühling 2020 zum Integrator. Auf Anfrage berichtet Schneider, dass er für die Granovit auf der Suche nach einem Betrieb war, der ein Milchpulver teste. So entstand schliesslich die Zusammenarbeit Hertig – Schneider Viehhandel – Granovit.

Durchsetzungskraft im Handel versus Verlust der Selbstständigkeit

«Es ist eine Win-Win-Situation für alle», sagt Jürg Schneider. Er als Viehhändler trage das Risiko, habe aber auch den Ertrag, wenn es gut läuft im Kälbermarkt. Für ihn sei es neben dem eigentlichen Viehhandel ein zusätzliches Standbein mit einer höheren Wertschöpfung.

Der Lohnbetrieb profitiere vom minimalen Risiko – der Verdienst pro Kalb sei immer gleich hoch, egal welche Kapriolen die Preise machen. «Und die Firma Granovit AG profitiert vom direkten Bezug zur Praxis», sagt Schneider. Neue Mischungen könnten beispielsweise in der Praxis getestet werden.

Viehhändler Schneider kennt die Bedürfnisse des Marktes

Das beschriebene Mast-System wird auch «Kettenproduktion» genannt und kommt in verschiedenen Formen vor, in der Schweiz vor allem in der Geflügelhaltung. Laut dem deutschen Fachmagazin «Top Agrar» glauben Befürworter dieses Modells der «Kettenproduktion», dass die Branche damit an mehr Durchsetzungskraft gegenüber dem sehr konzertiert auftretenden Lebensmittelhandel gewinnt. Gegner hingegen befürchten, dass der einzelne Landwirt seine unternehmerische Freiheit verliert und nur noch Handlanger der grossen Integratoren ist.

Die Zusammenarbeit zwischen Hertigs und der Schneider Viehhandel AG ist für beide Seiten sehr stimmig. Jürg Schneider profitiert von Hertigs grossem Erfahrungsschatz in der Kälbermast. Denn eine heikle Sache ist die Kälbermast nach wie vor, egal wie das Mast-System ausschaut. Der Landwirt entscheidet, wann der Tierarzt kommt, bezahlt wird die Rechnung aber vom Integrator. «Nur die guten Kälbermäster können auf dem Markt bestehen», ist Schneider überzeugt.

Viehhändler Schneider ist in direktem Kontakt mit den Metzgereien. Er weiss genau, welche Bedürfnisse (Menge und Qualität) diese haben. Wenn er Kälber zu «seinen» Lohnmästern bringt, weiss er auch sicher, dass der Absatz gewährleistet ist. Trotz dem sinkenden Absatz in den Restaurants aufgrund der Pandemie, trotz dem seit Jahren anhaltenden Abwärtstrend im Fleisch- und Kalbfleisch-Konsum, trotz der häufig in der Kritik stehenden Kälbermast aufgrund des Antibiotika-Verbrauchs.

Philipp Hertig hat auch als Lohnmäster seinen Mäster-Stolz

Philipp Hertig möchte nicht mehr zurück in die Kälbermast auf eigene Rechnung. Er sagt, dass es auch für andere Kälbermäster eine zu prüfende Alternative sein kann und ergänzt: «Ich denke, viele Betriebe mit Kälbermast wollen nicht wahrhaben, wie unterbezahlt sie wirklich sind.»

Landwirt Philipp Hertig verdient jetzt durch das Abliefern der Milch deutlich mehr, als wenn er die Milch an die Kälber vertränkt. Der Hauptbetriebszweig heute ist also die Milchproduktion und finanziell gesehen ist er auf die Kälbermast nicht mehr angewiesen. Doch der Stall, die Arbeitskapazität und das Wissen rund um die Kälber ist vorhanden. Deshalb ist die Familie Hertig mit der Lohnmast noch dabei.

«Und die QM-Kälber haben hier sogar einen Auslauf», sagt Hertig und schaut auf die Kälber, welche die Morgensonne sichtlich geniessen. Er werde den Auslauf auch in Zukunft so lassen, auch wenn es etwas mehr Arbeit gebe.

«Auch wenn ich Lohnmäster bin und pro Tier bezahlt werde, habe ich einen Mäster-Stolz und möchte möglichst gute Tiere abliefern», sagt Hertig. Und der Auslauf wirke sich absolut positiv auf die Entwicklung der Kälber aus.

Betriebsspiegel Familie Hertig

Philipp und Marlen Hertig mit Janine (13) und Felix (12) aus Arni BE

LN: 21 ha

Bewirtschaftung: ÖLN

Betriebszweige: Milchproduktion, Kälbermast im Lohn

Tierbestand: 18 Simmentaler-Milchkühe plus Nachzucht, 22 Sömmerungsrinder, 23 Lohnmastkälber (drei Umtriebe pro Jahr)

Arbeitskräfte: Betriebsleiterfamilie

 

Mastsysteme in der Kälbermast

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