«Die Pestizid-Höllen der Schweiz – die Daten fördern Brisantes zutage: Die verseuchten Gebiete erstrecken sich über das gesamte Mittelland, insbesondere in den Kantonen Bern und Aargau.»

Diese Schlagzeile in der «SonntagsZeitung» vom 9. Februar 2020 war der Ausgangspunkt für die Diskussionen um die Trinkwasser-Qualität, die nun am 13. Juni 2021 mit den Abstimmungen um die Trinkwasser-Initiative und die Pestizid-Initiative ein vorläufiges Ende finden.

Die Antwort des Berner Regierungsrates Christoph Ammann auf die reisserische Schlagzeile markierte denn auch gleich die Positionen, die sich seither gegenüberstehen:

  • Emotionen gegen Wissenschaft
  • Meinungen gegen Fakten
  • Medien und (grosse Teile der) Gesellschaft gegen Landwirtschaft

«Im ganzen Kanton Bern gibt es keine einzige Wasserfassung, bei der man von einem ernsthaften Gesundheitsrisiko sprechen müsste!» Das erklärte der Berner Regierungsrat Christoph Ammann kategorisch.

«Bei uns kann man bedenkenlos in jeder Gemeinde das Wasser aus jedem Wasserhahn trinken», erklärt auch Alda Breitenmoser, Leiterin des Amtes für Verbraucherschutz im Kanton Aargau, dessen Grundwasser am stärksten belastet ist: «Die Schlagzeilen von der Pestizid-Hölle sind reine Hysterie!»

Schnellbleiche in Gewässerschutz, Lebensmittelrecht und Chemie

Wer hat jetzt recht? Die Reporter der «SonntagsZeitung» oder die Verbraucherschützerin und der Regierungspräsident?

Die Fakten sind klar: In der Schweiz gilt bei Grundwasser, das als Trinkwasser genutzt wird, für Pflanzenschutzmittel-Wirkstoffe und deren Metaboliten (Abbauprodukte) ein Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter Trinkwasser:

  • 0,1 Mikrogramm sind
  • 0,0001 Milligramm oder
  • 0,0000001 Gramm oder
  • ein Zehntel eines millionstel Gramms oder
  • 1 Millimeter auf einer Strecke von 10'000 Kilometern

Der Wert von 0,1 Mikrogramm wurde nicht mit toxikologischen Studien ermittelt, er sagt also nichts über das Gesundheitsrisiko aus. Vielmehr ist es ein Grenzwert aus der Zeit, als man niedrigere Konzentrationen gar nicht messen konnte und das Wasser deshalb bei weniger als 0,1 Mikrogramm pro Liter als unbelastet und rein angesehen wurde.

Viele Labors im Ausland haben die Analyse-Methoden noch gar nicht, mit denen dieser Grenzwert überhaupt gemessen werden kann. Im Gegensatz zum Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag, das damit ungewollt die Hysterie um die «Pestizid-Hölle Schweiz» entfachte.

Chlorothalonil: Von unbedenklich zu toxikologisch und wieder zurück

Der Wirkstoff Chlorothalonil wird seit 1966 verkauft. Wie bei jedem Pflanzenschutzmittel wurden für dessen Genehmigung in der Schweiz rund 800 Anforderungen gestellt und über 200 Studien eingereicht. Geprüft wurden die Unbedenklichkeit bei sachgerechter Anwendung, die Abbaufähigkeit, Toxikologie und Ökotoxikologie.

Über fünfzig Jahre lang galt Chlorothalonil deshalb als unbedenklich. Die Schweizer Landwirte sprühten Chlorothalonil auf Kartoffeln, Getreide und Gemüse, um sie vor einem Totalverlust der Ernte durch Pilzbefall zu schützen.

Chlorothalonil ist auch in Holzschutzmitteln enthalten, weshalb das Fungizid in Gewässern weitab vom Ackerbau und auch in Innenräumen gefunden wird.

Die Landwirte konnten das Fungizid also mit gutem Gewissen einsetzen. Selbst für die Wissenschaft war Chlorothalonil bis vor wenigen Jahren im Trinkwasser nicht nachweisbar.

Als das Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag 2019 an 600 Messstellen das Trinkwasser analysierte, arbeitete es erstmals mit ganz neuen Analyse-Methoden, die
100 Mal feiner sind als die bisherigen Methoden.

Dabei wurde in einigen Gemeinden eine Konzentration von Chlorothalonil-Abbauprodukten (sogenannten Metaboliten) gemessen, die bis zu 25 Mal höher war als der neue Grenzwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter – umgekehrt aber vier Mal tiefer als der 100 Mal höhere Grenzwert, der in der Schweiz zuvor galt und in den Nachbarländern immer noch gilt.

Im Januar 2019 veröffentlichte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA eine neue Chlorothalonil-Studie mit dem Fazit: «Eine Gesundheitsgefährdung durch Abbauprodukte von Chlorothalonil kann nicht ausgeschlossen werden».

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV stufte Chlorothalonil und dessen Metaboliten als «toxikologisch relevant» ein. Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW verbot den Einsatz von Chlorothalonil in der Schweiz mit Wirkung auf den 1. Januar 2020.

Im Februar 2021 entschied das Bundesverwaltungsgericht wiederum, dass die Metaboliten von Chlorothalonil nicht als toxikologisch relevant bezeichnet werden dürfen.

Dazu passt, dass die Forscher des Schweizer Wasserforschungsinstituts Eawag sogar im Evian-Mineralwasser Chlorthalonil-Rückstände gefunden haben. Die Evian-Quelle liegt in einem Gebiet ohne jede Landwirtschaft. Das Regen- und Schmelzwasser sickert 15 Jahre lang durch das Gestein, bevor es in Flaschen abgefüllt wird.

Chlorothalonil ist harmloser als Whisky oder Erdbeeren

Alles wieder im grünen Bereich, sollte man meinen. Die «SonntagsZeitung» prangerte trotzdem die «Pestizidhöllen der Schweiz» an. Was einen Spezialisten aus dem Bundesamt für Landwirtschaft zum wenig charmanten Urteil brachte, dass die Zeitung «einen Furz im Wasserglas abgelassen» habe.

Andere Fachleute begegnen der Hysterie mit Galgenhumor. Der Berner Kantonschemiker Otmar Deflorin vergleicht Chlorothalonil mit Whisky. Dieser enthält mit 40 Prozent Alkohol ein Zellgift, das nachweislich Leberkrebs verursacht: «Mit einem einzigen Glas Whisky nehmen Sie eine viel grössere Menge an toxischen Substanzen ein, als wenn Sie einen Liter von unserem Wasser trinken», erklärt Otmar Deflorin im «Schweizer Bauer».

Und ich rechne: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA nennt für Chlorothalonil eine Erlaubte Tagesdosis ETD von 0,015 Milligramm pro Kilo Körpergewicht. Für mich
wären das:

  • 90 Kilo × 0,015 Milligramm Chlorothalonil
  • = 1,35 Milligramm Chlorothalonil pro Tag

Diese ETD von 1,35 Milligramm könnte ich medizinisch unbedenklich mein ganzes Leben lang jeden Tag einnehmen. Der Trinkwasser-Grenzwert liegt in der Schweiz bei 0,1 Mikrogramm (oder 0,0001 Milligramm) pro Liter. Ich müsste also Unmengen Wasser trinken, um diese Menge Chlorothalonil oder dessen Metaboliten aufzunehmen: 13'500 Liter Wasser oder den Inhalt von rund 100 Badewannen – notabene pro Tag.

Im Unterschied dazu gilt in der Schweiz zum Beispiel für Erdbeeren ein Grenzwert von 5 Milligramm Chlorothalonil pro Kilogramm Erdbeeren. Um die Erlaubte Tagesdosis ETD nicht zu überschreiten, dürfte ich nur zwei Handvoll Erdbeeren essen:

  • 5 Milligramm : 1,35 Milligramm
  • = 3,7
  • 1000 Gramm Erdbeeren : 3,7
  • = 270 Gramm Erdbeeren/Tag

Ein halbes Körbli Erdbeeren oder rund 13'500 Liter Trinkwasser pro Tag haben also die gleiche Wirkung. Das sind die Relationen, von denen wir bei der «Pestizidhölle Schweiz» sprechen.

Schnellbleiche zu synthetischen und natürlichen Pestiziden

Pflanzenschutzmittel müssen toxisch sein, weil sie das Wachstum von Unkräutern, die Entstehung von Schimmel oder den Befall durch tierische Schädlinge verhindern sollen. Die alten Römer haben deshalb die Begriffe

  • «pestis» (Schädling oder Seuche) und
  • «caedere» (töten)

zum Namen Pestizid zusammengesetzt. Nomen est omen.

Ein gesundes Pflanzenschutzmittel wäre ein Widerspruch in sich. Umgekehrt könnte eine Landwirtschaft ohne Pflanzenschutzmittel die Schweizer Nahrungsmittelversorgung nicht sicherstellen.

Ohne Pflanzenschutzmittel hätten konventionelle Landwirte bei den wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturen wie Zuckerrüben, Kartoffeln, Gerste, Mais oder Weizen Ernteverluste von 50 bis 80 Prozent. Und im dümmsten Fall mit 100 Prozent einen Totalausfall der Ernte.

Deshalb schützten schon die Römer und alle nachfolgenden Kulturen ihre Nutzpflanzen mit Pestiziden wie Arsen, Quecksilber, Blei und Kupfer. Im frühen 20. Jahrhundert kamen synthetische Pflanzenschutzmittel wie DDT und Lindan auf. Wie man heute weiss, alles Wirkstoffe mit einer todsicheren Erfolgsquote, auch beim Menschen.

Heute sind Tausende von natürlichen und synthetischen Pflanzenschutzmitteln verfügbar. Aus toxikologischer Sicht macht das keinen Unterschied. Die Synthetisierung kann sogar nachhaltiger sein. Und manchmal haben Pflanzenschutzmittel der Bio-Landwirtschaft schlimmere Auswirkungen als jene der konventionellen Landwirtschaft.

Kupfer und Pyrethrum sind Bio – gleichzeitig aber hochgiftig

Bio-Landwirte setzen zum Schutz von Obst, Weintrauben und Kartoffeln zum Beispiel eine natürliche Kupferkalk-Brühe ein – euphemistisch als «Bordeaux-Brühe» bezeichnet.

Im Schnitt sind es 2,5 Kilogramm pro Hektar und Jahr im Weinbau und 6 Kilogramm im Obstbau. Bis Mitte der 1970-Jahre waren es sogar horrende 60 Kilogramm Kupferkalk-Brühe pro Hektar und Jahr.

Bio-Landwirte (und immer mehr konventionelle Landwirte, die es gut meinen) brauchen das Schwermetall zur Sicherung ihrer Ernte und damit ihrer Existenz. Es tötet aber Vögel, Hasen, Maulwürfe, Mäuse, Igel, Regenwürmer und Fische – und ist für Menschen gesundheitsschädlich.

Und das natürliche Pflanzenschutzmittel Kupfer kriegt man nie wieder aus dem Boden – was man angesichts der 60 Kilogramm pro Hektar in früheren Jahrzehnten gar nicht wissen möchte.

Für das ebenfalls im Bio-Landbau zugelassene Insektizid Pyrethrum werden wiederum in Afrika, Südamerika und Tasmanien in riesigen konventionellen (also nicht Bio-)Monokulturen Dalmatinische und Kaukasische Insektenblumen angepflanzt. Für die weltweit verkauften 500 Tonnen Pyrethrum müssen auf Tausenden Hektaren über 20'000 Tonnen Blüten geerntet und getrocknet werden.

Bio-Landwirte setzen Pyrethrum unter anderem bei Obst und Beeren, Salaten und Küchenkräutern gegen Blattläuse und andere Krabbeltiere ein. Leider tötet Pyrethrum auch alle Bienen und andere Nützlinge. Und wenn es ins Wasser gelangt, vergiftet Pyrethrum die Fische.

Nur so nebenbei: Im Floh-Halsband für Hunde hat es auch Pyrethrum. Ich habe es lieber, wenn sich mein Hund mal kratzt …

Das Glyphosat in Lebensmitteln kommt meist aus dem Ausland

Glyphosat kam 1974 auf den Markt und ist heute mit 800'000 Tonnen pro Jahr das weltweit am weitesten verbreitete Herbizid. Lange Zeit galt Glyphosat als das beste Unkrautbekämpfungsmittel, weil es eine extrem breite Wirksamkeit hat und seine Auswirkungen auf Menschen, Säugetiere und Umwelt vergleichsweise moderat sind. Seit 2010 gibt es sogar ein Patent für Glyphosat zur Therapie von Malaria.

Aufgrund neuer Forschungsergebnisse verzichten viele Schweizer Landwirte freiwillig auf Glyphosat. In der Schweiz ist die Verkaufsmenge an Glyphosat seit 2008 um 45 Prozent auf 186 Tonnen zurückgegangen. Trotzdem ist Glyphosat heute noch in Lebensmitteln zu finden. Wieso?

2016 untersuchte das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit BLV 243 Lebensmittel. Im Unterschied zum Ausland nicht «querbeet» durch den Supermarkt – sondern nur jene Lebensmittel, bei denen explizit Glyphosat-Rückstände erwartet wurden. Und es wurde wie beim Trinkwasser die neue, feinere Analyse-Methode angewendet.

Das Resultat: In 40 Prozent der auf Verdacht ausgewählten Lebensmittel wurden Glyphosat-Rückstände nachgewiesen – die meisten davon kommen aus dem Ausland. «Die Konzentrationen liegen aber immer weit unter den geltenden Höchstwerten und sind gesundheitlich unbedenklich», betont das BLV.

Schnellbleiche: So viel muss man essen oder trinken bis zur Erlaubten Tagesdosis ETD

Die Erlaubte Tagesdosis ETD für Glyphosat beträgt 0,5 Milligramm pro Kilo Körpergewicht. Bestimmt wird diese ETD, indem die höchste Dosis, bei der keine (!) toxischen Effekte auftreten, durch 100 dividiert wird. Man gibt also einen Sicherheitsfaktor von 100 dazu auf einen Wert, bei dem keine Schäden auftreten.

Bei den oben erwähnten Untersuchungen hat das BLV in Teigwaren die höchste Konzentration gefunden: 0,421 Milligramm pro Kilogramm Teigwaren. Müssen wir jetzt unseren Italien-Urlaub rein Pestizid-technisch streichen? Ich rechne wieder:

  • 90 Kilo × 0,5 Milligramm Glyphosat
  • = 45 Milligramm Glyphosat pro Tag
  • 45 Milligramm : 0,421 Milligramm
  • = 107 Kilo Teigwaren pro Tag

«Questo mi fa piacere», juble ich: Ich kann für den Rest meines Lebens jeden Tag (!) 107 Kilogramm Teigwaren essen.

Auch von anderen Lebensmitteln müsste ich unglaubliche Mengen essen und trinken, um die Erlaubte Tagesdosis ETD zu erreichen: Zum Beispiel 982 Kilogramm Brot oder 2400 Liter Wein. Immer pro Tag gerechnet.

Das Fazit meiner Spurensuche zu den Pflanzenschutzmitteln Chlorothalonil und Glyphosat

Wenn ich mir alle Zahlen und Fakten anschaue, dann kann man tatsächlich bedenkenlos in jeder Schweizer Gemeinde das Wasser aus jedem Wasserhahn trinken. So, wie es Alda Breitenmoser erklärt hat, Leiterin des Amtes für Verbraucherschutz im Kanton Aargau.

Und es gibt keine einzige Wasserfassung, bei der man von einem ernsthaften Gesundheitsrisiko sprechen müsste. So, wie es der Berner Regierungsrat Christoph Ammann betont.

Das Schweizer Grundwasser und damit auch das Trinkwasser hat trotz den nun messbaren Rückständen von Pflanzenschutzmitteln – und vielen anderen Einflüssen – eine Qualität, die weltweit Spitzenwerte erreicht und in vielen Ländern schlicht undenkbar ist. Die Schlagzeile von der «Pestizid-Hölle Schweiz» ist – Tschuldigung – tatsächlich ein Furz im Wasserglas.

Dieser Text erschien in kürzerer Form 2020 im Online-Magazin watson.ch. Für «die grüne» haben wir den Text ergänzt und aktualisiert.