Kurz & bündig

  • Corinne Müller fährt als wohl einzige Frau in der Schweiz Mähdrescher.
  • Die 28-jährige Agronomin aus Beggingen SH achtet auf maximale Qualität, minimale Verluste und maximalen Durchsatz.
  • Corinne Müller ist als Kind bei ihrem Vater mitgefahren und hat das Mähdrescher fahren Schritt für Schritt gelernt.
  • Mit 18 Jahren hat sie die Verantwortung für einen Mähdrescher des Lohnunternehmens ihres Vaters übernommen.

Mähdreschen, das ist wie eine Sucht», sagt Corinne Müller. Und sie strahlt, während sie in den Lexion 430 einsteigt, losfährt und in Beggingen SH ein Triticale-Feld erntet.

Ihre Begeisterung steckt an – die schwere Maschine wendet elegant, der Ausblick aus der Kabine runter auf den Ährenwirbel zieht einen in den Bann. Und die Technik in dem brummenden Fahrzeug ist raffiniert. Corinne Müller erstaunt die neu entdeckte Begeisterung der Journalistin nicht. In Gesprächen mit Kollegen hört sie immer dasselbe: «Wer einmal im Sommer mit Dreschen beginnt, kommt nicht mehr vom Fahren los.»

Die 28-Jährige lebt mit ihrer Familie in Beggingen. Gelernt hat sie das Mähdreschen bei ihrem Vater, Landwirt und Lohnunternehmer Felix Ruh in Buch bei Stein am Rhein SH. Schon als kleines Mädchen war sie von den grossen Maschinen fasziniert.

«Ich wollte nie in die Badi, aber nicht mehr raus aus der Kabine. Und manchmal habe ich dann halt quer auf dem Kabinenboden eingerollt geschlafen, während mein Vater weitergearbeitet hat.» Die Aufforderungen der Mutter, endlich heimzukommen, habe sie einfach überhört …

Zu Beginn habe sie gar nicht gemerkt, dass sie beim Mitfahren gelernt hat. Unbewusst habe sie mitbekommen, wie ihr Vater den Joystick bedient hat und welche Einstellungen er am Computer vorgenommen hat.

Sie, die Wissen aufsaugt, hat nach und nach Verantwortung übernommen: Zuerst hat noch ihr Vater das Anmähen erledigt, dann hat sie Schritt für Schritt auch die tägliche Wartung übernommen.

«Gerade, wenn wir Grassamen dreschen, ist das ein riesiger Aufwand: Die ganze Maschine muss blitzblank sein, da reinige ich mit Staubsauger und Handbesen. Sonst ist der Samen am Ende nicht sortenrein», erklärt Corinne Müller.

Corinne Müller hat die langen Tage auf dem Mähdrescher in schöner Erinnerung

Mit 14 hat Corinne Müller begonnen, in den Schulferien für ihren Vater zu fahren. Und mit 18 wurde sie fix Fahrerin, mit dem «eigenen» Mähdrescher, einem Claas Lexion 430. «Zu Beginn haben mich die Kunden angestarrt», erinnert sie sich.

Und sagt: «Als Frau muss ich drei Mal beweisen, dass ich mein Metier beherrsche. Doch ich habe es gern, wenn die Kunden mitfahren, das sind gute Gespräche.»

Corinne Müller ist wohl die einzige Frau in der Schweiz, die Mähdrescher fährt. Wieso das so ist, versteht sie nicht: «Wenn man etwas mit Leidenschaft macht und sich dafür interessiert, spielt das Geschlecht keine Rolle. Es gibt ja auch Busfahrerinnen – ich sehe keinen Grund, wieso eine Frau kein grosses Fahrzeug bedienen soll.»

Die langen Tage, während denen sie Stunde um Stunde bis weit nach Mitternacht gefahren ist, hat sie als schön und sogar erholsam in Erinnerung. «Ich möchte diese Zeit nicht missen. Obwohl ich nach der Erntesaison dann schon müde war.» Auch während ihrem Agronomie-Studium an der ETH Zürich war sie in den Semesterferien stets auf dem Mähdrescher. Einmal hat sie einen Prüfungsblock verschoben und ist für den Vater eingesprungen, der unfallbedingt ausfiel.

Beim Praktikum bei Claas andere Modelle kennengelernt

Verbunden hat Corinne Müller den Studien-Unterbruch dann gleich noch mit einem halbjährigen Praktikum bei Claas in Harsewinkel (Norddeutschland). Dabei konnte sie zwei Monate bei den Verkäuferschulungen mitarbeiten – was ihr die Gelegenheit gab, nicht nur Claas-Modelle, sondern auch andere Marken zu testen.

«Andere Dreschwerke an ihre Leistungsgrenze zu fahren war eine tolle Erfahrung. Den Unterschied zwischen Schüttler-, Rotor- und Hybridmaschinen live zu testen, war genial.»

Im «Mähdrescher Camp» sass sie dann neben Verkäufern aus aller Welt, wenn diese Mähdrescher Probe fuhren. Entdeckt hat sie für sich den Claas Lexion 670: «Das ist mein neuer Liebling», sagt sie. «Und es mag komisch klingen: Aber ich fühle mich immer als Partnerin meiner Maschine. Ohne mich fährt sie nicht, ohne sie ernte ich nicht.» Ins Philosophieren gerät Corinne Müller aber kaum. Viel lieber erklärt sie, wie sich die Druschqualität steigern lässt.

Maschinen mit ihren tausenden von Einzelteilen faszinieren sie. Mit ihrem Mann, dem Landmaschinen-Mechaniker Dominic Müller, diskutiert sie gern über seine Konstruktionen. «Oft ergeben sich spannende Diskussionen aus seinem Mechaniker-Wissen und meinem theoretischen Hintergrund.»

Corinne Müller ist fasziniert vom Dreschen, aber auch von Futtermischwagen

2015 ist Corinne Müller bei ihrem Mann ins Unternehmen Landtechnik Müller in Siblingen eingestiegen. Neben Buchhaltung und Marketing hat sie auch die Koordination der Werkstatt-Arbeiten erledigt.

«Das lief Hand-in-Hand mit den Mitarbeitenden. Ich bin nicht Mechanikerin. Aber weil ich die Landwirtschaft kenne, konnte ich abschätzen, welche Arbeiten Priorität haben: Während der Saison muss ein Mähdrescher sofort repariert werden, der Grubber hat dann etwas Zeit.»

Die Agronomin ist nicht nur von der Technik fasziniert – auch Pflanzen und Tiere mag sie. Deshalb findet sie präzise Applikationstechniken für Pflanzenschutzmittel wichtig.

Bei der Tierhaltung wird ihrer Beobachtung nach in der Schweiz etwas weniger Wert auf hochwertige Futtermischwagen gelegt als etwa in Frankreich: «Ich bin überzeugt, dass es im Bereich Futteraufbereitung noch Potenzial gibt.»

Die Vielfalt der Kulturen in der Schweiz bringt Abwechslung ins Mähdreschen

Die Erntesaisons 2019 und 2020 hat Corinne Müller weniger aktiv begleitet: Sohn Thierry steht seit Sommer 2019 im Mittelpunkt. Corinne Müller arbeitet weiterhin für Landtechnik Müller, ihr Büro ist nun aber daheim.

«Aber ich springe sehr gerne ein, wenn unsere Dresch-Crew oder mein Vater Unterstützung beim Dreschen brauchen.» Denn Mähdrescher fahren, das sei eine Faszination, die sich nicht verliere.

In der Schweiz schätzt sie auch die Vielfalt an Kulturen, die es zu dreschen gibt: Angefangen beim Gras-samen (Raigras, Wiesenschwingel), gefolgt von Gerste, Eiweisserbsen, Weizen, Raps, Triticale, Dinkel und Roggen, Einkorn, Emmer. Rotklee, Esparsette als Sämereien für die Vermehrung folgen. Im Herbst machen Sojabohnen und Sonnenblumen den Abschluss.

Spannend findet sie, dass die Maschine zwar eine Standardeinstellung für jede Kultur hat. «Aber diese sehe ich eher als Vorschlag an. Ich liebe es, die Einstellung im Bestand laufend zu verbessern und alles aus der Maschine herauszukitzeln.»

Sie wähle die Grundeinstellung an, verbessere und kontrolliere draussen, ob es Verluste gebe und im Tank, ob Bruchkorn entstanden sei.

Zügig fahren sei sinnvoll – auch wenn die Landwirte häufig den Eindruck hätten, die Drescher seien zu schnell unterwegs. «Maximale Qualität, minimaler Verlust und maximaler Durchsatz», das sind ihre Ziele beim Dreschen.

Vor dem Studium war Corinne Müller in Australien: «Eigentlich wollte ich auf einem Ackerbaubetrieb arbeiten. Doch da wollte niemand eine Frau, alle haben Mechaniker gesucht und das konnte ich nicht bieten.» Die Stelle als Melkerin sei dann aber spannend und lehrreich gewesen.

«Mähdreschen ist in Australien weniger abwechslungsreich», hat Corinne Müller erlebt

Dennoch wollte Corinne Müller die Ernte miterleben. Auf einem Ackerbaubetrieb konnte sie dann einen Überladewagen fahren.

Und auf einen Mähdrescher hat sie es auch noch geschafft: «Es war spannend, diese Weiten zu erleben, mal 600-Hektaren-Schläge zu sehen. Aber ehrlich gesagt: Das Dreschen an sich ist in der Schweiz spannender und abwechslungsreicher.»

Weil es weniger Sorten habe und die Felder riesig seien, brauche es in Australien den Menschen beim Dreschen kaum. Viel laufe über Lenksysteme. Zudem seien die Bedingungen über Wochen die gleichen – das mache die Arbeit fast öde. Was sie in Australien dagegen sehr geschätzt hat, war das Verständnis der Bevölkerung für Landwirtschaft: «Wenn ich mit einer grossen Maschine unterwegs war, sind die Leute ausgewichen und haben freundlich gewinkt.»

In der Schweiz hingegen sei es ein Frust, mit einer Landmaschine unterwegs zu sein: «Ich habe einen Mähdrescher von Schaffhausen zum Bodensee gebracht: Wer überholte, hat mir den Stinkefinger gezeigt oder wütend mit den Händen gefuchtelt.»

Sie wünscht sich mehr Wertschätzung: «Die Landwirtschaft produziert unsere Nahrung. Und das hat einen viel zu tiefen Stellenwert in den Köpfen der Menschen.»