Kurz & bündig
- Der Bauernhof Aemisegg bietet Care Farming Raum für eine Wohn- und Lebensgemeinschaft von Menschen, die eine gewisse Betreuung benötigen.
- Jeder Bewohner soll seine Fähigkeiten einbringen, wo er es möchte, aber sich auch zurückziehen können.
- Das Gebrauchtwerden für die Gemeinschaft soll das Selbstvertrauen stärken und Sinn stiften.
- Wer Menschen auf dem Bauernhof betreuen möchte, sollte sich durch Weiterbildung soziale Kompetenzen erarbeiten.
- Eine Kleinheim-Anerkennung ist die Voraussetzung für die finanzielle Unterstützung durch die Sozialversicherung.

Immer häufiger nehmen Bauernhöfe Menschen mit Beeinträchtigung bei sich auf, um ihnen zu helfen, Halt im Leben zu finden. Care Farming – das Leben in der Gemeinschaft und im Rhythmus mit der Natur tut deren Seele gut. Oft sind es junge Menschen von ausserhalb der Landwirtschaft, die wegen einer Sucht oder Überforderung nicht mit dem Alltag in ihrer Umgebung zurechtkommen.

Beim Care Farming arbeiten betreute Menschen wie früher auf dem Hof

Die Wohngemeinschaft Aemisegg in St.Peterzell SG hingegen bietet weniger jungen Menschen einen attraktiven Lebensort – als eher älteren Menschen, die in der Landwirtschaft verwurzelt sind und aus Gesundheits- oder Altersgründen nicht mehr selbst einen Hof führen können.

Werner, mit 82 Jahren der älteste Bewohner, sitzt auf einer Bank neben dem Haus hinter dem Hühnerstall mit Blick auf den Alpstein und die Glarner Berge. Er lebt seit drei Jahren auf der Aemisegg, rüstet dort das Holz für die Heizung und betreut Hühner und Enten. Bis zur Pensionierung hatte er allein einen kleinen Hof geführt.

«Wir sind kein Altersheim», betont Margrit Knaus, die Leiterin der Wohngemeinschaft. Besser passe «50 +» zu ihnen.

Urs zum Beispiel zählt noch keine 60 Lenze. Auch er hat einen Landwirtschaftsbetrieb geführt, bis ihn die Parkinson-Krankheit befiel und er seinen Hof versteigern musste. Man sieht ihm die Krankheit nicht an, aber er wird schnell müde. Dank Medikamenten kann er sein Leben aktiv gestalten. Er fährt gerne Traktor, hilft beim Heuen und produziert das Joghurt für die Wohngemeinschaft.

Werner und Urs leben beide gerne auf der Aemisegg. «Es ist ein Daheim», sagt Urs.

Die Ausbildung zur Arbeitsagogin hilft beim Care Farming

Das Haus wurde 1836 von der Gemeinde St.Peterzell gekauft. Es sollte älteren und bedürftigen Menschen ein Dach über dem Kopf, Essen und Arbeit bieten. Heute bietet es Wohnraum für sieben betreute Menschen, eine separate Wohnung für die Familie Knaus und auch Zimmer für Pilger des anliegenden Jakobsweges sowie eine Ferienwohnung.

Familie Knaus hatte Haus und Hof zuerst in Pacht und erwarb sich das Anwesen im Jahr 1998. Zum Eigenbedarf wäre das Haus selbst für die sechsköpfige Familie viel zu gross gewesen.

Margrit Knaus, ausgebildete Bäuerin und Krankenschwester, suchte eine Betätigung, in der sie ihre Fähigkeiten einbringen konnte. Sie nahm Menschen auf, die in anderen sozialen Einrichtungen nicht hineinpassten. Bald aber merkte sie, dass ihr berufliches Wissen dazu nicht ausreichte. Deswegen liess sie sich berufsbegleitend zur Arbeitsagogin ausbilden (siehe Kasten).

Berufsbild des Arbeitsagogen
ArbeitsagogInnen begleiten Menschen, deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt vermindert sind, beispielsweise durch Beeinträchtigung, Unfall, Krankheit, Sucht. Sie helfen diesen, eigene Stärken einzubringen sowie Lob und Kritik anzunehmen. Arbeitsagogen lernen auch, den Kontakt mit Behörden, Beratungsstellen und anderen Fachleuten zu pflegen.

Die Ausbildung dauert berufsbegleitend anderthalb bis zwei Jahre und wird mit dem eidg. Fachausweis abgeschlossen. Die Ausbildung ist mit Modulen aufgebaut. Ausbildungen bieten die Academia Euregio Bodensee (St. Gallen und Olten), Agogis (Zürich, Olten,St. Gallen) oder das Institut für Arbeitsagogik IfA, (Luzern und Region) an.

Weitere Infos: www.berufsberatung.ch

Auf dem Hof Selbstvertrauen gewinnen und Sinn finden

Viele Menschen haben nach ihrer Pensionierung eine Krise, sagt die Leiterin der Wohngemeinschaft WG. Margrit Knaus möchte deren Selbstvertrauen über die Arbeit stärken und helfen, dass sie wieder Sinn in ihrem Leben finden. Sie unterstützt die in der WG lebenden Menschen, indem sie ihnen einen Rahmen gibt, in dem sie sich einbringen können.

Jeder soll ein normales Leben führen können. Das heisst, keiner wird zu einer Arbeit gezwungen. Jeder soll selbstbestimmt leben und dort Verantwortung übernehmen dürfen, wo es für ihn stimmt. Das Mittagessen, das gemeinsam von Angestellten und den Bewohnern gekocht wird, ist der Treffpunkt der WG. «Meine Aufgabe ist das Stärken und Begleiten», fasst Knaus zusammen.

«Beim Care Farming leistet jeder einen Beitrag zum Zusammenleben auf dem Bauernhof»

Zu einem Landwirtschaftsbetrieb im Toggenburg gehört auch ein Stall mit Milchvieh. Die Plaketten an der Stallwand zeigen, dass Landwirt Köbi Knaus ein begeisterter Züchter ist, der Wert auf eine hohe Lebensleistung seiner Kühe legt.

Hier, im Stall bei den Tieren, fühlt sich Albert wohl. Albert ist ein «Buuresohn», wie er sich nennt. Da er lange Zeit in der Gastronomie gearbeitet hatte, war er auf der Aemisegg zuerst in der Küche tätig. «Es hat mich wieder zu den Kühen gezogen», erzählt Albert. Die Frage des Landwirtes, ob er ihm im Stall helfen könne, kam ihm gerade recht. Auch wenn ihm manchmal der Rücken wegen Bandscheibenproblemen schmerzt, das Wohl der Kühe und Kälber geht ihm vor. Auch er stellt seine Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft.

Genau wie Karin, die Bauerntochter, die schon seit zehn Jahren auf der Aemisegg arbeitet. An jeweils drei Tagen in der Woche macht sie die Wäsche. Alice, eine weitere Mitbewohnerin, zeichnet sich durch ihre akkurate Arbeit aus, sie pflegt die Räume und hilft beim Kochen.

«Es braucht nichts Besonderes. Es sind die kleinen Sachen, die glücklich machen», sagt Knaus. Gemeint sind das Aufgenommen- und Geborgensein in einer Gemeinschaft und die Anerkennung der Arbeit. «Jeder leistet einen Beitrag», bringt es die Heimleiterin auf den Punkt.

Betriebsspiegel Hof Aemisegg
Margrit und Köbi Knaus, St. Peterzell SG

LN: 32 ha, alles Grünland in Bergzone II
Bewirtschaftung: ÖLN
Tierbestand: 30 Milchkühe, 40 Stück Jungvieh und Aufzucht-kälber, 20 Hühner, 6 Appenzeller Ziegen,
Arbeitskräfte: Betriebsleiter, Teilzeit Sohn, Mithilfe aus der Wohngemeinschaft

www.aemisegg.ch

«Ein schönes, aufgeräumtes Daheim auf der Aemisegg»

Die Gemeinschaftsräume sind schön hergerichtet. Es soll ein schönes, aufgeräumtes Daheim sein, sagt die Leiterin, deren kreative Hand an vielen Details, sei es an den Einrichtungen oder den Blumen, sichtbar ist. Jeder Bewohner hat ein eigenes Zimmer, in das er sich zurückzuziehen kann.

Nach dem Kauf des Hauses hat Familie Knaus das Haus renoviert und entsprechend den kantonalen Vorschriften für Brandschutz mit einer aussen anliegenden Nottreppe versehen, die sie gleichzeitig zu einem Balkon-Sitzplatz ausgebaut hat.

Neben dem Wohnen in einer Gemeinschaft bietet Familie Knaus auch Gästezimmer an. Nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, wie Knaus ausführt, sondern auch, um «die Welt ins Haus zu holen». Einerseits bereichern die Gäste die Wohngemeinschaft durch ihr Wesen und ihre Erzählungen. Andererseits profitieren auch sie von der WG, indem sie erfahren, wie sich soziale Arbeit und Gemeinschaft anfühlen. Nicht zuletzt wird die grosszügige Infrastruktur durch die Gästezimmer besser ausgenutzt. Margrit Knaus legt Wert darauf, dass die eigentliche Wohngemeinschaft nicht zu gross wird: «Es soll wie eine Familie sein.»

Auf Ergänzungsleistungen angewiesen

Der Tagesansatz für ein Zimmer inklusive Kost beträgt 100 Franken je Tag. Die Tarife für besondere Hilfe- oder Betreuungsleistungen, Fahrdienste usw. sind in einer Preisliste zusammengefasst. Die meisten Bewohner sind auf Ergänzungsleistungen EL der AHV-Kasse angewiesen.

Um solche EL auszulösen, braucht es eine Kleinheim-Anerkennung. Wie das genau funktioniert, ist in jedem Kanton anders, erklärt Knaus. Die Anlaufstelle dafür ist jeweils das Amt für Soziales. Eine Globalversicherung schützt die Bewohner vor den Folgen von Krankheit und Unfall.

Ob ein Landwirtschaftsbetrieb im Nebenverdienst Menschen betreuen will und kann, müsse vorher genau abgeklärt werden: Sind Zeit, Ausbildung und Wohnraum vorhanden? «Alle müssen mitmachen», betont die Bäuerin. Aber auch die Bauernfamilie benötigt ein Privatleben, deswegen sollte der Wohnraum der Familie von derjenigen der Gemeinschaft immer getrennt sein.

Nachfrage für Betreuungsplätze in Landwirtschaftsbetrieben wächst
Betreuung von Menschen auf dem Bauernhof findet immer mehr Anklang. Familie Knaus führt nach anfänglicher Zusammenarbeit mit der Gemeinde heute die Wohngemeinschaft selbstständig und hat sich mit dem Verein Carefarming vernetzt. Viele Landwirtschaftsbetriebe arbeiten mit sozialen Institutionen zusammen, die sie bei der Vermittlung und Betreuung unterstützen. Wie sich bei unserer Recherche zeigte, werden meistens Plätze für psychisch beeinträchtigte Menschen von ausserhalb der Landwirtschaft angeboten und weniger für alleinstehende Menschen, die in der Landwirtschaft verwurzelt sind, aber nicht mehr die ganze Arbeitslast tragen können.

Informara-Liste sozialer Institutionen oder Organisationen für die soziale Betreuung auf dem Bauernhof:
www.dgrn.ch/liste-inforama

Der Schweizer Bauernverband SBV hat eine umfassende Wegleitung für soziale Dienste auf dem Bauernhof zusammen-gestellt, angefangen von den persönlichen Voraussetzungen bis zu den rechtlichen Grundlagen und den Versicherungen:
www.dgrn.ch/wegleitung-sbv

Der Verein Carefarming ist keine Vermittlungsstelle für soziale Dienstleistungen, sondern bietet ein Netzwerk an. Bauernhöfe können dort auch ihr Angebot online anbieten:
www.carefarming.ch