Kaum etwas dürfte die Nutztierhaltung der nahen Zukunft derart beschäftigen, wie der Antibiotikaverbrauch. Und das, obschon man in jüngster Vergangenheit gute Resultate erzielt hat. So konnte die eingesetzte Menge Antibiotika in der Veterinärmedizin innert zehn Jahren halbiert werden. Natürlich ist das ein Erfolg, den die Branche kommunizieren darf. Vor allem auch deshalb, weil in den vergangenen Jahren die Antibiotika im Bereich der Veterinärmedizin wenig Innovation erfahren haben. Im Nutztierbereich sind kaum neue Wirkstoffe hinzugekommen. Innerhalb der Wirkstoffklassen gibt es nur sehr kleine Unterschiede zwischen den Molekülgewichten. Also ist die Gewichtsabnahme ein sicherer Wert, den positiven Trend abzubilden.

Ein weiterer Meilenstein ist die Erfassung des Antibiotika-Einsatzes auf den einzelnen Betrieben. Zum einen können die Tierkategorien verglichen werden, zum anderen die Tierhalter und Tierärztinnen. Es wird sichtbar, in welche Kanäle die grössten Mengen fliessen. Dass diese Daten öffentlich zugänglich werden und die Betriebsleitenden einen Vergleich erhalten, ist wertvoll – auch wenn dieser zuweilen etwas schmerzen mag.

Der jüngste Entscheid des Bundesrates, den Schweizer Tierärzten den Griff ins Ausland zu erlauben, sollte ein passendes Medikament in der Schweiz nicht verfügbar sein, ist ein weiterer wertvoller Schritt. Nachdem es um diese Thematik lange still geblieben ist, haben Corona und der Ukraine-Krieg verdeutlicht, dass eine Versorgungssicherheit auch in diesem Bereich gewährleistet werden muss. Nur schon deshalb, weil das Halten eines kranken, unbehandelten Tieres gegen das Tierschutzgesetz verstösst. Damit aber kranke Tiere therapiert werden können, müssen genügend geeignete Tierarzneimittel zur Verfügung stehen. Das sei zunehmend schwierig, da die Auswahl an Tierarzneimitteln stetig zurückgeht und diese fast ausschliesslich im Ausland hergestellt würden. Die Anpassung der Tierarzneimittelverordnung vereinfacht den Tierärztinnen und Tierärzten den Bezug von Medikamenten aus dem Ausland.

Alles gut. Aber noch weit weg vom Ziel. Denn eine Reduktion, eine Sicherung der Versorgung und eine hohe Transparenz genügen nicht, um den weltweit zunehmenden Antibiotikaresistenzen angemessen zu begegnen. Es braucht das Bewusstsein, dass durch diese Resistenzen die Gesundheit von Mensch und Tier in Gefahr ist.

Die Versorgungssicherheit darf sich nicht am Ausland orientieren. Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, dass Medikamente in der Schweiz produziert werden können. Ein Hauptproblem sind die Kosten im Bereich der Zulassungen. Wenn bewährte Impfstoffe von Schweizer Firmen ausgehen, weil es zu teuer ist, ihre Lizenzen zu ver-längern und sie weiter hierzulande zu produzieren, steigt die Abhängigkeit von Ländern wie China und Indien. Diese sind – wie Corona gezeigt hat – unsichere Partner. Zudem muss die Politik dafür sorgen, dass Alternativen wie Homöopathie weiterhin für die breite Öffentlichkeit zugänglich bleiben.

Die Tierärzte müssen ein Interesse daran haben, dass die Tierhalter wissen, welche Medikamente eingesetzt werden. Als Feuerwehr auf dem Platz zu erscheinen und als letztes Mittel noch ein kritisches Antibiotika einzusetzen, darf nicht mehr hingenommen werden. Die Angst davor, mit ehrlichen Interventionen Kunden zu verlieren, muss weichen. Es braucht einen offenen Umgang.

AboMastferkel stehen in der eingestreuten Bucht.Verbrauch von kritischen Antibiotika bei Schweinen sinktDienstag, 2. August 2022 Weiter muss die Branche als Ganzes aktiv werden. Die Schweiz ist in der Milchproduktion weltweit an der Spitze der Antibiotika-Vielverbraucher. Ein strenges Tierschutzgesetz und hohe Ansprüche an die Produktion sind die Hauptgründe dafür. Einen wichtigen Teil zu verantworten hat auch die Zucht. Während sich die Grossväter noch an unkomplizierte Kälber aus Milchkühen erinnern, ist Bauernkindern heutzutage die Lungenentzündung im Kälberstall bestens bekannt. Die Rassen haben zugunsten von Leistungsmerkmalen an Robustheit eingebüsst. Das mit Antibiotika wett zu machen, ist kein gangbarer Weg.

Und dann sind da noch die Bäuerinnen und Bauern. Sie sind es schliesslich auch, die am Pranger stehen, obschon sie Antibiotika weder bewilligen, noch produzieren oder verordnen –sie setzen sie höchstens nach Anleitung der Tierärzteschaft ein. Sie müssen sich emanzipieren. Einerseits im Wissenstand um die Gesunderhaltung der Tiere und andererseits im Kommunizieren der Verantwortlichkeiten. Wir sind noch lange nicht am Ziel.