Was fordert die Eidgenössische Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» (Pestizid-Initiative), über die am 13. Juni 2021 abgestimmt wird?

Das nachfolgende Listicle zeigt mit 6 Fakten, warum die Volksinitiative den Schweizer Landwirten den Einsatz von synthetischen Pestiziden komplett verbieten will – und welche Folgen das für die Schweizer Landwirtschaft, die Umwelt und die Konsumenten hätte.

Was fordert die Pestizid-Initiative?

Die Eidgenössische Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» (Pestizid-Initiative) fordert in der Bundesverfassung:

«Der Einsatz synthetischer Pestizide in der landwirtschaftlichen Produktion und Verarbeitung sowie in der Boden- und Landschafts-Pflege ist verboten. Die Einfuhr zu gewerblichen Zwecken von Lebensmitteln, die synthetische Pestizide enthalten oder mit Hilfe solcher hergestellt worden sind, ist verboten.»

Quelle: Initiativ-Text der Eidgenössischen Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide»

Das nachfolgende Listicle erklärt, wieso synthetische Pestizide (auch in der Bio-Landwirtschaft) eingesetzt werden – und welche Folgen ein Verbot von synthetischen Pestiziden für die Schweizer Landwirtschaft, die Umwelt und die Konsumenten hätte. Unter jedem Punkt ist die Quelle aufgeführt, damit sich die LeserInnen selbst ein Bild machen können.

Am Schluss des Listicle finden Sie die Parolen der Schweizer Parteien und Verbände zur Eidgenössische Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» (Pestizid-Initiative).

1. Was sind Pestizide?

Pestizide sind Stoffe zur Abwehr und Bekämpfung von Schädlingen, Krankheiten und Unkräutern. Diese Stoffe werden in drei Gruppen eingeteilt:

  • Pflanzenschutzmittel (wie Fungizide zur Bekämpfung von Pilzen)
  • Biozide zum Schutz der menschlichen Gesundheit oder zur Haltbarmachung von Materialien (Holzschutz-Mittel, Reinigungs- und Desinfektions-Mittel)
  • Tierarzneimittel (zum Beispiel Floh-Halsbänder)

Quellen: Wikipedia: «Pestizide»

2. Was sind synthetische Pestizide?

Synthetische Pestizide werden durch Synthese (Verbindung verschiedener chemischer Elemente) hergestellt. Synthetisch hergestellte Wirkstoffe können aber in der Wirkung naturidentisch sein. Bei synthetischen Pestiziden sind zwei Arten zu unterscheiden:

  • Naturidentische synthetische Pestizide wie Insekten-Pheromone (Botenstoffe), die Schädlinge anlocken oder verwirren, was die Eiablage und damit die Vermehrung verhindert. Die im Labor hergestellten Verbindungen haben die gleiche molekulare Gestalt wie die natürlich vorkommenden Stoffe.
  • Nicht-naturidentische synthetische Pestizide wie die Acetylsalicylsäure für das Aspirin, das in der Natur nicht so vorkommt.

Quelle: Swiss Food: «Begriffserklärung für Pestizide, Pflanzenschutzmittel, Biozide»

3. Wieso braucht es synthetische Pestizide?

Synthetische Stoffe werden im Labor mit den gewünschten Eigenschaften und in der benötigten Menge hergestellt. Aus der Natur gewonnene Wirkstoffe kann man oft nur in geringen Mengen und mit hochaufwendigen Verfahren gewinnen.

  • Synthetische Pflanzenschutzmittel sind in der Regel stabiler: Sie reagieren weniger empfindlich auf Licht oder Sauerstoff, wirken länger und besser auf den Pflanzen. Dadurch werden unnötige Durchfahrten mit dem Traktor verhindert.
  • Synthetische Pflanzenschutzmittel sind in der Regel spezifischer und wirksamer: Die Ausbringungsrate von Pflanzenschutzmitteln pro Hektar ist seit 1950 um 95 Prozent zurückgegangen. Heute wird eine massiv geringere Dosis angewendet, um dieselbe Wirkung zu erzielen.
  • Synthetische Pestizide sind viel sicherer geworden: Seit 2000 wurde kein neuer Wirkstoffe der Klasse 1 (sehr gefährlich) eingeführt, mehr als die Hälfte sind aus der Klasse U (wahrscheinlich ungefährlich). Zudem werden die neuen Wirkstoffe im Boden schneller abgebaut. Die Hälfte des Wirkstoffs wird in 53 statt 72 Tagen abgebaut.

Quelle: Swiss Food: «Begriffserklärung für Pestizide, Pflanzenschutzmittel, Biozide»

4. Setzen auch Bio-Landwirte synthetische Pestizide ein?

Auch die im Bio-Anbau gemäss FiBL-Liste zugelassenen Pflanzenschutzmittel Kupfer, Schwefel, Kaliumbicarbonat, Kaliseife und Eisenphosphat werden synthetisiert.

Über 40 Prozent der rund 2000 Tonnen in der Schweiz verkauften Pflanzenschutzmittel sind Bio. Tendenz steigend. Diese Bio-Pflanzenschutzmittel sind oft genauso gesundheitsschädigend und umweltgefährdend wie jene in der konventionellen Landwirtschaft.

Quelle: FiBL: «Reduktionspotenzial Pestizide in der Schweiz»

5. Sind synthetische Pestizide grundsätzlich problematisch?

In der Praxis ist es nahezu unmöglich, Pestizide in «synthetisch» und «nicht-synthetisch» («natürlich») einzuteilen. Nur sehr wenige Wirkstoffe werden heutzutage direkt aus der Natur gewonnen. Und dass ein Pflanzenschutzmittel synthetisch produziert wurde, sagt nichts über seine toxikologischen Eigenschaften aus.

  • Für das Bio-Insektizid Pyrethrum werden zum Beispiel in Afrika Chrysanthemen in grossen Monokulturen und konventionellem Landbau angepflanzt. Das aus den Blüten gewonnene Pyrethrum tötet Bienen und Pyrethrine sind Nervengifte, die auch das menschliche Zentralnervensystem angreifen können.
  • Paraffinöl kann bei Verschlucken und Eindringen in die Atemwege tödlich sein.
  • Schwefelkalk kann die Atemwege reizen und verursacht allergische Hautreaktionen.

Quellen: Wikipedia «Pyrethrum», Chemia «Paraffinöl», Wikipedia «Schwefelkalk»

6. Welche Folgen hat die Pestizid-Initiative bei einer Annahme?

Eine Annahme der Pestizid-Initiative hätte weitreichende und schädliche Folgen für die Schweizer Landwirtschaft, Lebensmittelindustrie und Lebensmittelsicherheit.

Bei einem vollständigen Verzicht auf synthetische Pflanzenschutzmittel würden die Erträge massiv zurückgehen:

  • In der konventionellen Landwirtschaft um 30 bis 50 Prozent, bei Obst und Gemüse sogar bis 80 Prozent. Der Bio-Landbau (mit 20 bis 30 Prozent weniger Ertrag als die konventionelle Landwirtschaft) hätte noch einmal bis 50 Prozent weniger Ertrag.
  • Ohne synthetische Biozide in der Stallhygiene, in der Verarbeitung und Lagerung von Lebensmitteln würden die Hygienevorschriften und die Lebensmittelsicherheit nur erschwert gewährleistet.
  • Die Pestizid-Initiative nimmt auf die Realitäten des Schweizer Lebensmittelmarktes keine Rücksicht. Die Anforderung von Handel und Konsumenten bezüglich der Produkte-Qualität sind sehr hoch. Blattläuse im Salat, Drahtwurm-Löcher in Kartoffeln oder Äpfel mit Schorf-Flecken werden nicht akzeptiert.
  • Die Pestizid-Initiative würde die landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz massiv verteuern. Ohne Pflanzenschutzmittel müsste mehr Handarbeit geleistet werden – und die Arbeitskosten sind in der Schweiz hoch.
  • Schweizer Lebensmittel würden mit günstigen Importen ersetzt. Ein pauschales Import-Verbot von Produkten, die mit synthetischen Pestizide hergestellt wurden, wäre mit dem WTO-Recht und den Vereinbarungen von abgeschlossenen Handelsabkommen kaum zu vereinbaren. Der Selbstversorgungsgrad würde von heute 58 Prozent auf Besorgnis erregende 42 Prozent sinken.

Quelle: Bundesamt für Landwirtschaft BLW: Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide»

Die Parolen von Parteien und Verbänden zur Pestizid-Initiative

Für die Eidgenössische Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» (Pestizid-Initiative) haben die Parteien und Verbände folgende Parolen gefasst:

Parteien

Grüne GPSJa
Grünliberale GLPStimmfreigabe
SPJa
EVPJa
Die MitteNein
FDPNein
SVPNein

Verbände

AgrarallianzKeine Parole
Bio SuisseJa
IG Bio Schweizer Bio-Lebensmittel-Unternehmer aus Handel, Verarbeitung und LogistikNein
IP SuisseNein
Kleinbauern-VereinigungJa
Schweizerische Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete SABNein
Schweizer Bauernverband SBVNein
Schweizerischer Bäuerinnen- und Landfrauen-Verband SBLVNein
Schweizer Milchproduzenten SMPNein
UniterreJa, aber

Quelle: Auskünfte und Mitteilungen der Parteien und Verbände