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Mit Steyr verstehen sich die Schweizer

Landtechnik-Serie: Die österreichischen Steyr-Traktoren sind in der Schweiz sehr beliebt.

· Landtechnik
Steyr-Traktoren sind in der Schweiz sehr beliebt.

Konstrukteure der österreichischen Traktoren-Marke funken auf derselben Wellenlänge wie die Schweizer Bauern. Die Mentalität und die Wertvorstellungen sind ähnlich. Rivalität gibt es nur bei Ski-Rennen.

Steyr – das ist Österreich, das ist Berggebiet, das ist Schweiz. Nur ein bisschen anders. Da sind allein schon die vielen Geschichten und Anekdoten aus der Schweizer Armee, von denen sich viele um Steyr ranken. Die Pinzgauer, Haflinger und Puch G, die heute von Daimler als Mercedes G-Klasse verkauft werden, stammen alle aus der Steyr-Fabrik in Graz.

Allerdings haben die heutigen Steyr-Traktoren mit der Fabrik in Graz mittlerweile nichts mehr zu tun. Wie bei so vielen Firmen in der Landtechnik wurde abgespalten, fusioniert, verkauft, umstrukturiert.

Steyr landete im Portfolio des US-Landtechnik-Konzerns CNH, zusammen mit den aus den Fusionen von Fiat Agri und Ford entstandenen Traktoren von New Holland und der US-Marke Case IH. Diese ist vielleicht noch besser bekannt unter dem alten Namen «International Harvester».

Verantwortlich für den Verkauf in der Schweiz für all diese Marken ist die Firma Bucher in Niederweningen ZH.

Gleiche Berge, gleiche Ideen, gleiche Probleme, nur beim Skifahren gibt es Rivalitäten

Trotz all dem italienischen und vor allem amerikanischen Einfluss ist das Österreichische an Steyr nicht verloren gegangen.

Wieso? Patrik Busslinger, Verkaufschef von Steyr in der Schweiz, erklärt: «Wir merken sehr gut, wie die Konstrukteure auf unseren Bedürfnissen eingehen und dass sie gleich ticken wie wir.»


Das hängt damit zusammen, dass sich die Entwicklung und ein grosser Teil der Fabrikation noch immer im niederösterreichischen St. Valentin befinden. Die Topographie, in der Ingenieure und Arbeiter leben, ist dieselbe wie in der Schweiz. Aber auch die Mentalität und die Wertvorstellungen sind ähnlich. Man passt zusammen und versteht sich – trotz einer angeblichen Rivalität, die in Tat und Wahrheit ohnehin nur bei Skirennen existiert.


In der Mitte zwischen der Produktion und Entwicklung in Österreich und dem Markt in der Schweiz liegt der Bodensee. Dort in Arbon ist die Heimat der Firma FPT, Fiat Power-train mit ihren tiefen Wurzeln in der Firma Saurer, mit ihren Postautos, Sattelschleppern und Allrad-Militärlastwagen. FPT entwickelt Motoren für die Iveco-Lastwagen, wie auch für die Traktorenmarken von CNH.


Das hat den grossen Vorteil, dass sich FPT sehr gut in allen neu aufkommenden Abgasvorschriften auskennt. Fiat Powertrain hat jedes Problem schon einmal bei einem Lastwagenmotor gelöst. Denn da läuft die Entwicklung jeweils den Traktoren etwas voraus.


Im Gegensatz zu andern Herstellern gab es deshalb nie irgendwelche Schwierigkeiten bei der Einhaltung der sich laufend verschärfenden Abgasvorschriften.

Das Lastschalt-Getriebe des populärsten Steyr-Traktors stammt aus Friedrichshafen

Produziert werden die in Arbon entwickelten Motoren in gigantischen Stückzahlen in der Nähe von Mailand. Das hält die Preise tief und die Qualität hoch. Auch bei den Getrieben funktioniert die Achse Österreich-Bodensee-Schweiz schon seit Jahren.


Noch bevor der heutige Marktführer mit stufenlosen Getrieben in den Markt eintrat, gab es in Zusammenarbeit mit der «Zahnradfabrik Friedrichshafen» ZF im deutschen Friedrichshafen einen Steyr-Traktor mit stufenlosem Getriebe.


Die «Zahnradfabrik Friedrichshafen» wurde von Graf Ferdinand von Zeppelin gegründet. Ziel der Fabrik: Die Kegelrad-Getriebe herstellen, welche die Kraft der Motoren an die aussen am Luftschiff befestigten Propeller übertrugen. Und wie alle Zeppelin-Firmen war ZF angehalten, auch ausserhalb des Luftschiffbaus Aufträge zu suchen, um die Kosten zu decken.


Daraus ist mittlerweile ein international operierender Konzern geworden. Die Bodensee-Region verdankt Graf Zeppelin einen Grossteil ihrer florierenden Wirtschaft.


Steyr hat die Zusammenarbeit mit ZF beim Lastschalt-Getriebe weitergeführt und pflegt sie auch heute noch. Der in der Schweiz so beliebte Steyr Multi läuft deshalb mit einem 32/32 Lastschalt-Getriebe aus Friedrichshafen.


Auch eingebettet in einen Grosskonzern ist die Individualität der Marke wichtig. «Steyr wird im Konzern wie ein kleiner Diamant behandelt», erklärt Patrik Busslinger.

Der Grosskonzern pflegt den kleinen Diamanten und seine «Steyr-Landschaft»

 

Die unter dem Steyr-Brand fabrizierten Traktoren haben den kleinsten Anteil am Gesamtvolumen. Gerade deshalb legt man Wert auf die Haptik, auf das Gefühl beim Anfassen eines Hebels oder eines Lenkrades, auf die Materialien und das ausgeklügelte Bedienkonzept. Das gab es bei Steyr schon sehr viel früher als bei andern Herstellern.

Patrik Busslinger betont deshalb, dass jemand der bisher mit Steyr gearbeitet hat, sich in jedem neuen Traktor sofort zurechtfindet, weil er da seine gewohnte «Steyr-Landschaft» vorfindet.


Wie wichtig das ist, musste der CNH-Konzern auf dem harten Weg lernen. Denn wie überall, wo optimiert wird, kommt einmal ein Erbsenzähler vorbei, der entscheidet, dass es eine billigere Lösung zum selben Preis auch tut.


In einem Grosskonzern ist diese Versuchung besonders gross. Und so wurde 2003 in den USA entschieden, dass der kleine Steyr Kompakt auch auf der Basis eines billigeren Traktors gebaut werden könne. Nicht mehr mit flachem Kabinenboden und wieder mit einem Getriebetunnel zwischen den Beinen des Fahrers, wie in den 1970er-Jahren.


Das kam bei den Stammkunden von Steyr sehr schlecht an. Ihr neuer Traktor sollte weniger bieten und weniger komfortabler sein als das Vorgängermodell, mit dem sie seit 20 Jahren arbeiteten? Da behielten sie lieber die alte Maschine. Bei den Verkäufern und Importeuren rauchten die Köpfe. Mittlerweile gibt es auch die Kompakt-Serie wieder mit flachem Kabinenboden, mit wertigen Materialien und einer aufgeräumten Heck-Hydraulik. So, wie es sich die Schweizer Bauern von ihren österreichischen Lieferanten gewohnt sind, egal wie gross oder wie klein der Traktor ist.


Schnellere Entwicklung beim «Precision Farming» dank einem Grosskonzern im Rücken
Aber es hat für eine kleine Marke auch Vorteile, zu einem grossen Konzern zu gehören. Dauerte es früher rund zehn Jahre, bis ein neues Modell auf den Markt kam, ist heute die Kadenz viel höher. Allein schon durch die Forderungen der immer schärfer werdenden Abgasvorschriften.


Ein kleineres Unternehmen könnte diese Engineering-Leistung alleine nie stemmen. Die rund 80 Steyr-Händler in der Schweiz haben deshalb die ganze Engineering-Leistung des CNH-Konzerns im Rücken. Das hilft vor allem im Bereich Ackerbau, wo der Trend immer stärker zu High-Tech geht. Dazu gehört «Precision Farming». Dabei wird satellitengestützt auf den Zentimeter genau gefahren, gesät und geerntet. Die Idee stammt aus den USA. Da sind die Stammlande des CNH-Konzerns in den grossen Ebenen, den «Great Plains» im mittleren Westen der USA. Allein für die Schweiz und den fragmentierten europäischen Markt würden sich solche Entwicklungen nie lohnen. Doch in den USA gehen ungenaues Fahren und zu grossen Überlappungen beim Säen und Ernten bei den einzelnen Streifen schnell einmal mit Zehntausenden von Dollars ins Geld. Da wird grossen Wert auf diese Präzisions-Systeme gelegt.


Doch auch der Schweizer Bauer profitiert davon mit mehreren tausend Franken jährlich. Er muss keinen nennenswerten Aufpreis für die Systeme bezahlen, dank der grossen Serie hinter der kleinen Traktorenmarke aus Österreich. Dort spricht man (fast) die gleiche Sprache, wohnt zwischen denselben Bergen und lacht über die gleichen Witze. Nur beim Skifahren, da scheiden sich die Geister immer noch.

Landtechnik-Bericht im August-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Andreas Schwander

Foto: Mareycke Frehner

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