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«Swissmilk Green» – der umstrittene Branchen-Standard für Schweizer Milch

Der Branchen-Standard «Swissmilk Green» stärkt ab 1. September 2019 das Image der Schweizer Milch und bringt den Bauern einen Zuschlag von 3 Rappen je Kilo A-Molkereimilch. Der Weg dorthin sorgte mehr als einmal für rote Köpfe.


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Kurz & bündig

  • Am 1. September wurde «Swissmilk Green» als Basis-Standard für Schweizer Molkereimilch eingeführt.
  • Produzenten erhalten auf A-Milch einen Preiszuschlag von 3 Rappen/kg.
  • Dafür müssen sie zehn plus zwei Anforderungen erfüllen.
  • Das Label und das dazugehörige Reglement wurden von der Branchenorganisation BO Milch (franz. IP Lait) in den letzten vier Jahren entwickelt.

Die neue Auszeichnung für nachhaltige Schweizer Milch heisst «Swissmilk Green». Sie wird am 1. September 2019 im Detailhandel eingeführt.

Die «Swissmilk Green»-Produzenten müssen zehn Pflicht-Kriterien und zwei (von acht) Wahlpflicht-Kriterien erfüllen. Dafür erhalten sie auf die gelieferte A-Molkereimilch einen Zuschlag von drei Rappen je Kilo Milch.

Mit dem neuen Branchen-Standard «Swissmilk Green» soll sich Schweizer Milch auf dem Markt behaupten können, wenn sich die Grenzen zum Ausland weiter öffnen. Der Standard soll die Rechtfertigung für eine Preisdifferenz zum Ausland sein.

Die Entwicklung des Branchen-Standards «Swissmilk Green» verlief «harzig». Das Resultat wurde schliesslich an der Präsentation vom 13. August 2019 in Bern selbst von Bundespräsident Ueli Maurer gerühmt. Nachfolgend eine Chronologie, in der wir die «einordnenden» Elemente kursiv gesetzt haben.

15. Januar 2015: Die Nationalbank hebt den Mindestkurs auf

Es ist ein ruhiger Wintertag, als die Nationalbank im Schweizer Milchmarkt ein kleines Erdbeben auslöst. Mit der Aufhebung der Euro-Franken-Untergrenze werden nämlich die Käse-Exporte in die EU auf einen Schlag um 15 Prozent verteuert.

Am 11. März 2015 beschliesst der Vorstand der Schweizer Milchproduzenten SMP die «Sondermassnahmen Euro-Wechselkurs» und schichtet einen Teil des Marketing-Budgets für die Kampagne «Swissmilk inside» um. Mit dem Aufkleber soll Schweizer Milch speziell ausgelobt werden. Dieses Label war die Grundlage für «Swissmilk Green».

7. September 2015: Strategieseminar der BO Milch

Im Herbst 2015 lädt die Branchenorganisation BO Milch zum Strategie-Seminar in Zäziwil BE ein. Rund 100 Personen diskutieren über die grundlegenden und langfristigen Herausforderungen für die Schweizer Milchbranche.

Die zentrale Frage: Was muss die Milchbranche tun, um bei «den sich abzeichnenden offeneren Grenzen die Wertschöpfung für alle Akteure erhalten zu können»?

Im Fokus stehen die tiefen Milchpreise in der Schweiz, das Ende der Milchquote in der EU und das von Russland verhängte Import-Embargo für europäischen Käse. Die Öffentlichkeit nimmt vom Strategie-Seminar der BO Milch kaum Notiz.

30. Oktober 2015: Start für die Qualitäts- und Mehrwertstrategie

Der Vorstand der BO Milch beschliesst, eine Qualitäts- und Mehrwert-Strategie für Schweizer Milch zu lancieren.

Das Projekt mit dem Namen «Milchbranche 2025» wird die Grundlage für den Nachhaltigkeits-Standard schaffen. Die Projektleitung und der Steuerungsausschuss erhalten bis Ende 2016 Zeit, in einem Bericht ein Konzept zu entwickeln.

12. Januar 2017: Stefan Kohler präsentiert erstmals das Konzept

Stefan Kohler stellt am ersten Tag der Swiss Expo in Lausanne VD die ersten Ergebnisse des Mehrwert-Konzepts der Öffentlichkeit vor.

Stefan Kohler ist seit 2014 Geschäftsführer der Branchenorganisation BO Milch (und war vorher von 2001 bis 2013 «die grüne»-Chefredaktor). Er zeigt auf, dass Schweizer Milch anhand von sieben Mehrwerten verkauft werden könne:

  1. GVO-freie Fütterung
  2. Mehr Tierschutz und Tierwohl
  3. Mehr Ökologie und Naturnähe
  4. Höherer Raufutteranteil
  5. Mehr Lebensmittelsicherheit
  6. Bessere Produktqualität
  7. Swissness

Überraschend ist die Feststellung von Stefan Kohler, dass nicht alle sieben Argumente gleich stark für Preis-Verhandlungen geeignet sind.

«Aus unserer Sicht ist Punkt 1 (GVO-freie Fütterung) zwar sehr wichtig, aber langfristig nicht unbedingt als Differenzierungs-Merkmal zum Ausland tauglich.» Mit Technologien wie Crispr-Cas werde eine klare Abgrenzung von GVO- und GVO-frei immer schwieriger.

Auch die Punkte 5 und 6 (Lebensmittel-Sicherheit und Schweizer Qualität) schaffen wenig Differenzierungs-Potenzial. Beide Kriterien seien Grund-Voraussetzungen für Milchprodukte aus der Schweiz.

Der definitive Bericht zur Qualitäts- und Mehrwertstrategie verzögerte sich immer wieder. Der Grund sind branchenpolitische Diskussionen über einzelne Inhalte des Papiers. Unter anderem darüber, ob die GVO-Freiheit tatsächlich kein Verkaufsargument sei.

Schliesslich publiziert die BO Milch am 23. August 2017 die revidierte Fassung des Schlussberichts «Mehrwert-Strategie Schweizer Milch 2025».

In der Zwischenzeit diskutiert und verabschiedet die BO Milch die Reglemente für die Nachfolgelösung des Schoggigesetzes und wählt Ständerat Peter Hegglin (CVP/ZG) zum neuen Präsidenten für den zurückgetretenen Markus Zemp.

23. Juni 2017: Die Migros tritt aus der BO Milch aus

Überraschend gibt die Migros im Juni 2017 ihren Austritt aus der BO Milch per Ende Jahr bekannt. Als Gründe nennt sie die Verzögerungen an der Nachhaltigkeits-Strategie.

«Leider muss die Migros heute feststellen, dass ihre konstruktive und loyale Haltung von einzelnen Mitgliedern der BO Milch nicht mitgetragen wird. Verschiedene Akteure haben die Diskussion um den Milchpreis für ihre Partikular-Interessen genutzt und sich dabei wiederholt nicht an Abmachungen gehalten.»

Mit dem Austritt der Migros verändert sich die Dynamik innerhalb der Milchbranche. Denn Migros startet für ihr eigenes Nachhaltigkeits-Programm ein Pilotprojekt. Migros untersucht darin, wie hoch das Ambitions-Niveau sein kann, um die Kunden-Interessen und die Ausgangslage auf den Höfen bestmöglich zu verbinden. Mit dem Migros-Austritt wächst der Druck auf die in der BO Milch verbleibenden Akteure, eigene Programme zu lancieren.

26. Januar 2018: SMP wollen gemeinsamen Standard

Am 25. Januar 2018 stellt der Vorstand der Schweizer Milchproduzenten SMP fest, dass sie einlenken müssen: «Der SMP-Vorstand ist sich sehr klar, dass sich Schweizer Milch und Milchprodukte auch bezüglich Nachhaltigkeit gegenüber der ausländischen Konkurrenz unterscheiden müssen. Dazu wäre es hilfreich, nur einen einzigen Standard für die Schweiz zu haben. Aus diesem Grund sehen die SMP es als Ziel für 2018, diese Diskussion unter den Produzenten proaktiv zu führen.»

Voraus geht eine lange und zähe Diskussion darüber, wer für den Standard – die heutige «Swissmilk Green» – und die darin gestellten Anforderungen verantwortlich ist. Für die SMP war der Entscheid schwierig, da er den Vorstand potenziell zwischen die Fronten bringt:

  • Einerseits soll der Entscheid Maximalforderungen gegenüber Abnehmern und Handel vertreten.
  • Andererseits braucht es dafür Transparenz, wie gut die Schweizer Milchproduktion tatsächlich ist.
  • Am 18. April 2018 – die SMP haben schon die Marketing-Kampagnen mit der Kuh «Lovely» angepasst und öffentlich immer offensiver zugunsten eines gemeinsamen Standards Position bezogen – präsentiert SMP-Direktor Hagenbuch zum ersten Mal den «Grünen Teppich».

18. April 2018: Der «Grüne Teppich»

Wenn die SMP zu ihrer traditionellen Delegiertenversammlung nach Bern einladen, dann steht reichlich Käse, Brot und Wasser auf dem Tisch. Eine «Überlebens-Ration», welche die Delegierten brauchen. Das Referat des neuen SMP-Direktors Stephan Hagenbuch ist eine technokratisch-trockene Abhandlung darüber, wie sich der Milchmarkt entwickelt hat.

Bis Hagenbuch auf den Branchen-Standard für nachhaltige Milch zu sprechen kommt, hat er schon erklärt, warum die SMP die Marketing-Kuh «Lovely» neu auf die grüne Wiese stellt. Die SMP wollen die Herkunft (Schweiz) und die Produktionsgrundlage (Gras) in ein besseres Licht rücken.

Auf einer Folie zeigt der SMP-Direktor eine grüne Fläche. Darauf montiert sind unter anderen die Logos von Heumilch, Wiesenmilch und Bio-Milch. Je weiter oben und je weiter rechts das Logo, desto höher die Anforderungen und der Preis. Die Botschaft: der Standard für nachhaltige Schweizer Milch bildet die Grundlage für die Entwicklung der gesamten Branche.

Dass es für die SMP nicht einfach war, von sich aus über die konkreten Anforderungen an einen Grund-Standard zu sprechen, zeigt sich Tage später an der Delegiertenversammlung der BO Milch.

23. April 2018: Antibiotika sorgen für Diskussionen

Die DV der BO Milch verläuft ruhig. Bis BO Milch-Geschäftsführer Stefan Kohler den Delegierten zeigt, dass die Schweizer Milchproduzenten bei der Antibiotika-Abgabe ins Euter die unrühmlichen «Europameister» sind. Antibiotika sei ein Problem für den Konsumenten und letztlich für den Branchen-Standard für nachhaltige Schweizer Milch.

Gleich drei Milchproduzenten betonen daraufhin, dass die Sache nicht ganz so einfach sei, wie es für den Konsumenten aussehe:

  • «Wir müssen dann auch über die Qualität sprechen», sagt etwa Andreas Hitz, heute Präsident der Mittelland Milch. Man könne nicht tiefe Zellzahlen erwarten und gleichzeitig möglichst tiefen Antibiotika-Einsatz haben.
  • BO Milch-Vizepräsident und Milchbauer Ruedi Bigler bezweifelt, dass die Schweizer Zahlen stimmen.
  • Und der Freiburger Milchbauer Heribert Rudaz stellte die Qualität der Zahlen im Ausland in Frage.

Die Diskussion um den Antibiotika-Einsatz flacht rasch ab. Die SMP macht sich stattdessen daran, das Anforderungsniveau für den Branchen-Standard auszuarbeiten. In mühsamer Kleinarbeit mit Produzenten wird festgelegt, wie hoch die Anforderungen an den Branchen-Standard aus Sicht der Produzenten sein können. Das Resultat ist ein Katalog von zehn Pflicht-Kriterien und acht Wahlpflicht-Kriterien. Am 8. August kommuniziert die SMP die Vorschläge an die BO Milch.

6. September 2018: BO Milch verabschiedet die Kriterien

Einen knappen Monat nach Eingabe der SMP an den BO Milch-Vorstand wird der Kriterien-Katalog der Produzenten für die spätere «Swissmilk Green» diskutiert. Der Vorstand lässt die Produzenten-Vorschläge in allen wesentlichen Punkten stehen.

Ausserdem kommuniziert die BO Milch, dass der Zuschlag für die Erfüllung des Anforderungskataloges zwei Rappen je Kilo Milch betragen und für nicht verkäste Milch in allen Segmenten gelten solle. Der Branchen-Standard soll am 1. Juli 2019 eingeführt werden.

Bei der Auswahl der Anforderungen habe man darauf geachtet, dass «keine neuen externen Betriebskontrollen notwendig sind». Nur die Zugriffsrechte auf die Daten müssten sichergestellt werden. Damit könne garantiert werden, dass «sämtliche als nachhaltige Milch auf den Markt kommende Milch tatsächlich nach den definierten Kriterien produziert worden ist».

Die Sitzung vom 6. September 2018 ist für den Branchen-Standard der entscheidende Meilenstein. Erst die definierten Anforderungen erlauben den BO Milch-Mitgliedern nämlich, die Umsetzung im Markt konkreter zu prüfen.

Dabei zeigt sich rasch, dass der Branchen-Standard im Export nicht für eine Preiserhöhung eingesetzt werden kann. Schweizer Milch und Käse werden im Ausland oft mit genau den Eigenschaften beworben, die im Inland an eine Preiserhöhung gekoppelt werden sollen. «Wir können nicht sagen, dass wir für die gleiche Milch jetzt plötzlich zwei Rappen mehr haben müssen», erklären Vertreter der Milchindustrie und des Käsehandels.

Im Winter 2018 setzt sich die Erkenntnis durch, dass der Standard in der am 6. September 2018 beschlossenen Form nicht umsetzbar ist.

1. Januar 2019: Die Migros führt ihr eigenes Preismodell ein

Nach drei Jahren Vorbereitungszeit führt Migros Anfang 2019 ihr eigenes Preismodell für ihr eigenes Nachhaltigkeits-Programm ein. Der Grossverteiler stellt damit den Rest der Branche vor vollendete Tatsachen.

Das Migros-Preismodell sieht vor, dass die Direktlieferanten einen Migros-Basispreis sowie einen Zuschlag für Nachhaltigkeits-Massnahmen erhalten. Wie hoch der Zuschlag dabei tatsächlich ist, wird erst im Nachhinein festgelegt und abgerechnet. Wer sich als Migros-Lieferant nicht am Programm beteiligt, muss einen leicht tieferen Milchpreis hinnehmen.

3. April 2019: Umsetzung wird angepasst und verschoben

Am 3. April 2019 beschliesst der BO Milch-Vorstand, den Nachhaltigkeits-Zuschlag nur für A-Milch auszurichten und dafür von zwei auf drei Rappen zu erhöhen. Der Zuschlag soll «explizit» über das Richtpreis-System abgebildet werden.

Die Einführung des Standards wird auf den 1. September 2019 verschoben, «weil ab dann die gekennzeichneten Produkte in den Läden verfügbar sind.»

Der BO Milch-Vorstand macht zuhanden seiner Delegierten vier Vorschläge:

  • Im Reglement werden die Ziele, das Kontrollsystem und die Anforderungen auf Stufe Produktion, Erstmilchkauf, Verarbeitung und Kennzeichnung integriert.
  • Der Nachhaltigkeits-Zuschlag zugunsten der Produzenten wird im Reglement festgeschrieben. Er beträgt 3 Rappen für Molkereimilch im A-Segment.
  • Eine Kennzeichnung für Milchprodukte, die den Branchenstandard erfüllen, wird zusammen mit den da-mit verbundenen Marketing-Massnahmen aufgebaut und kann ab Sommer 2019 von den Markt-Akteuren verwendet werden.
  • Der Nachhaltigkeitszuschlag wird ab dem 1. September 2019 ausbezahlt, weil ab dann die gekennzeichneten Produkte in den Läden verfügbar sind.

Die BO Milch-DV ist auf den 2. Mai 2019 angesetzt.

Hinter der Anpassung des Vorschlags stehen zwei wesentliche Überlegungen:

  1. Die Anpassung hat für die Produzenten keine negativen Konsequenzen. Es spielt praktisch keine Rolle, ob zwei Rappen über alle Segmente oder drei Rappen nur im A-Segment als Zuschlag ausbezahlt werden.
  2. Der BO-Milch-Vorstand anerkennt, dass er – wenn überhaupt – nur im Schweizer Markt eine gewisse Wirkung entfalten kann.

Der Beschluss vom 3. April 2019 führt innerhalb der BO Milch zu Spannungen, weil die Käser sich damit schwertun. Die Milchproduzenten dagegen sind relativ geschlossen für den Standard.

17. April 2019: Die Stunde der Wahrheit an der SMP-DV

An der SMP-Delegiertenversammlung am 17. April 2019 steht wieder reichlich Brot, Käse und Wasser auf den Tischen. Und ein dickes Bündel Unterlagen für die Delegierten.

SMP-Präsident Hanspeter Kern erklärt, die BO Milch habe die Einführung des Branchen-Standards «eindeutig beschlossen», die Milchkäufer hätten die entsprechende Umsetzung in Aussicht gestellt.

«Wir wissen, dass es nichts gratis gibt, werden diese Gelegenheit aber wahrnehmen. Es kommt die Stunde der Wahrheit.»

Nach Kern betont SMP-Direktor Stephan Hagenbuch den Delegierten, dass eine Ausnahme des Standards für Käsereimilch nicht sinnvoll sei. Würde der Zuschlag nur auf der Molkereimilch im A-Segment ausbezahlt, dann könnte man rund 40 Prozent der Schweizer Milchmenge abdecken. Aus Sicht der SMP ist das aber zu wenig.

Ausserdem erklärt Hagenbuch, dass für die Umsetzung des «Grünen Teppichs» zwei Jahre nach der Einführung eine Warenfluss-Trennung vorgenommen werden soll. Das heisst: Milch, die unter dem Label des Grünen Teppichs verkauft wird, muss separat gesammelt und verarbeitet werden.

Hanspeter Kern stellt zudem klar, dass die SMP erwarten, dass alle Produzenten beim Grünen Teppich mitmachen. «Sonst funktioniert die Übung nicht!»

Das Anforderungsniveau des Grünen Teppichs ist für die Mehrheit der Milchproduzenten tragbar. Wenigstens für die Zeit der Übergangsfrist von vier Jahren besteht ausserdem kein Zwang, den Standard zu erfüllen.

Die SMP macht mit dem Mittragen des Entscheides der BO Milch aber unmissverständlich klar, dass sie unwillige Produzenten nicht im Markt haben will. Nach Ablauf der Übergangsfrist muss die nachhaltige Schweizer Milch separat gesammelt und verarbeitet werden. Ob deshalb überhaupt noch Milch transportiert wird, die nicht gemäss dem Standard produziert wurde, wird deshalb bezweifelt.

Unklar ist im April 2019 auch, ob die Lösung praxistauglich ist. Einige Käser befürchten, dass sie den Preisaufschlag nicht an ihre Kunden weitergeben können. Die Stunde der Wahrheit für den Grünen Teppich schlägt also nicht erst mit der Einführung im Herbst, sondern schon an der DV der BO Milch, die am 2. Mai 2019 stattfindet.

25. April 2019: Die Käser wollen doch nicht mitmachen

Fromarte erklärt, dass die gewerblichen Käser keine Möglichkeit sehen, den Nachhaltigkeits-Zuschlag für Milch am Markt durchzusetzen. «Die Rückmeldungen der Sortenorganisationen und der Marktakteure zeigen, dass Preiserhöhungen für Käse zugunsten eines Nachhaltigkeits-Zuschlages sowohl im Inland wie auch im Export zur Zeit nicht umsetzbar sind.»

Fromarte macht auch klar, dass «Beschlüsse für Preis-Anpassungen beim Käse durch die Sortenorganisationen und die Marktpartner gefällt werden – und nicht durch die BO Milch.» Fromarte werde die Einführung des Branchenstandards ablehnen, «solange keine Einigung betreffend die Begriffe Molkereimilch, industrielle Käsereimilch und gewerbliche Käsereimilch herrscht.»

Mit der Medienmitteilung von Fromarte steigt eine Woche vor der BO Milch-DV die Nervosität in der Branche. Das Problem für Fromarte ist, dass man den Zuschlag von drei Rappen für Hart-, Halbhart- und Weichkäse aus Silomilch nicht am Markt zurückholen kann. Diese Produkte zählen gemäss BO Milch aber zur Molkereimilch; entsprechend müsste der Standard eingehalten werden.

2. Mai 2019: BOM-DV rollt den Grünen Teppich aus

An der BO Milch-Delegiertenversammlung kommt es wie erwartet zu Spannungen. Zunächst verwirft die Mehrheit der BO Milch-Delegierten den Antrag der Käser, die Definition von A-Molkereimilch wird nicht verändert.

Dann, vor dem grundsätzlichen Beschluss über das Reglement, beanspruchen die Käser eine Pause von fünf Minuten. Sie müssen sich absprechen, ob sie ihre Sperr-Minorität nutzen und den Branchen-Standard zum Absturz bringen wollen.

Nach der Pause erklärt Fromarte-Präsident Hans Aschwanden, dass er nicht glücklich sei. Trotzdem würden die Käser die Interessen der Branche höher gewichten als die eigenen und dem Reglement zustimmen.

Ein paar Käser enthalten sich dann der Abstimmung, wenige Käser stimmen gegen den Standard. Grossmehrheitlich wird der neue Branchen-Standard genehmigt. Aschwanden tönte an, dass angesichts der Situation ein Austritt der Käser aus der BO Milch durchaus zum Thema werden könnte.

Mit dem Beschluss der BO Milch-Delegierten steht dem Branchen-Standard nichts mehr im Weg. Die Diskussionen im Mai 2019 zeigen aber, wie schwer es für die Milchbranche ist, sich auf gemeinsame Nenner zu verständigen. Hinzu kommt die Tatsache, dass das Migros-Preismodell den Nachhaltigkeits-Zuschlag marktorientiert ausschüttet, derweil der Branchenstandard an einen Zuschlag gekoppelt ist. Laut Fromarte-Präsident Hans Aschwanden macht es der Migros-Standard schwierig, einen Preis-Aufschlag durchzusetzen.

22. Mai Der BO Milch-Vorstand passt Definitionen an

Drei Wochen nach der Delegiertenversammlung kommt der BO Milch-Vorstand erneut auf die Definition von A-Molkereimilch zurück. Die Vertreter verständigen sich darauf, dass Käse aus silofreier Milch mit dem Nachhaltigkeits-Zuschlag ausgelobt werden darf, ohne das ein zusätzlicher Preis-Zuschlag umgesetzt werden muss.

Der BO Milch-Vorstand beschliesst, den Richtpreis für A-Milch per 1. Sep-tember 2019 von 68 auf 71 Rappen zu erhöhen. Grund dafür sind die Einführung des Branchen-Standards Nachhaltige Schweizer Milch und die «prospektiven Markteinschätzungen».

Der Branchen-Standard ist damit in trockenen Tüchern und Teil der Richtpreis-Verhandlungen im A-Milch-Segment. Noch nicht kommunizieren will die BO Milch, wie der Standard künftig ausgelobt werden soll. BO Milch-Geschäftsführer Stefan Kohler sagt nur, dass die entsprechenden Entscheide vorbereitet und in den verschiedenen Gremien diskutiert werden.

23. Mai: Fromarte verbleibt in der BO Milch

Einen Tag später verschickt Fromarte eine Medienmitteilung und zeigt sich erfreut darüber, dass der BO Milch-Vorstand den Käsern entgegenkommt. Von einem Austritt aus der BO Milch sieht Fromarte ab.

13. August 2019: «Swissmilk Green» wird mit Bundespräsident Ueli Maurer lanciert

Im Bundeshaus-Café «Galerie des Alpes» hat sich alles versammelt, was in der Schweizer Milchbranche Rang und Namen hat – bis hin zum früheren Geschäftsführer des Zürcher Bauernverbandes, dem heutigen Bundespräsidenten Ueli Maurer.

Vor den Bundeshaus-Journalisten und Agrar-Journalisten trinkt Maurer ein Glas Milch und spricht von einem Leuchtturm-Projekt mit Strahlkraft für die gesamte Agrar-Politik.

Der Bundespräsident, der als kleiner Bauernbub im Zürcher Oberland melken konnte, bevor er schreiben lernte, bezeichnet den neuen Branchen-Standard «Swissmilk Green» als «Win-Win-Situation, von der alle profitieren: Produzenten, Verarbeiter, Detailhandel und auch die Umwelt und die Tiere. Ein besseres Label könnten wir nicht haben.»

13. August 2019: Der WWF findet den Standard nicht so gut

Nicht alle sind so begeistert wie der Bundespräsident. Für den WWF Schweiz ist der neue Branchen-Standard «zwar ein Schritt in die richtige Richtung, der aber viel ambitionierter daherkommen müsste, um die Auszeichnung ‹green› zu verdienen.»

Der WWF anerkennt, dass aus Sicht des Tier-Wohls der Standard einen kleinen Schritt in Richtung Verbesserung gehe. In Bezug auf Nährstoff-Einträge, Ammoniak-Belastung und den hohen Kraftfutter-Verbrauch sei mit «Swissmilk Green» keine Verbesserung zu erreichen.

Ebenso würden die Fragen zur Nahrungsmittel- und Flächenkonkurrenz in der Milchproduktion fehlen, obwohl sie in den Berichten des Welt-Klimarates thematisiert würden.

Die WWF-Kritik teilt Geschäftsleiterin Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz SKS: Der Branchen-Standard sei «eine überflüssige Kennzeichnung, da er den Konsumenten einen Mehrwert verspricht, der nicht vorhanden ist.»

Das mit dem SKS konkurrierende Schweizer Konsumentenforum SKF hat dagegen die Charta zur «Swissmilk Green» mitunterzeichnet. Was Beobachter zur spitzen Bemerkung veranlasst, dass Sara Stalder wieder einmal eine Profilierungs-Aktion brauchte.

Wie schon während der vierjährigen Entstehungsgeschichte sorgt «Swissmilk Green» also auch bei der Einführung für rote Köpfe.

Anforderungs-Niveau für «Swissmilk Green»

«Swissmilk Green» – der neue Branchen-Standard für Nachhaltige Schweizer Milch ist so ausgestaltet, dass der grösste Teil der Schweizer Milchproduzenten die Anforderungen heute schon erfüllen:

  • 86 Prozent der Betriebe und 91 Prozent der Milchkühe entsprechen den Anforderungen der Tierwohl-Programme BTS oder RAUS.
  • 73 Prozent der Betriebe und 65 Prozent der Milchkühe erfüllen das Kriterium der GVO-freien Fütterung.
  • 23 Prozent der Betriebe und 27 Prozent der Milchkühe erfüllen alle drei Standards.
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