Kurz & bündig
- Alternative Beizmittel wirken kürzer und weniger breit, wodurch einzelne Parzellen besonders gefährdet sind.
- Präzisionstechnik, biologische Mittel und agronomische Massnahmen müssen zusammen eingesetzt werden, um wirksam zu sein.
- Standardisierte Vorgaben verhindern punktuelle Massnahmen, doch gezielte Förderung und eigenverantwortliche, standortgerechte Strategien können Abhilfe schaffen.

Der Rückzug chemischer Beizmittel ist ein Thema, das Ertragssicherung und Pflanzenschutz unmittelbar betrifft. Ein anschauliches Beispiel im Zuckerrübenanbau liefert Andreas Keiser, Dozent für Ackerbau und Pflanzenzüchtung an der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL). Auf einem Betrieb mit mehreren Zuckerrübenparzellen mit insgesamt über zehn Hektaren kam es zu Erdflohschäden. Eine Parzelle von zwei Hektaren wurde stark geschädigt. Der Rest blieb unversehrt. Der Betrieb konnte jedoch nicht behandeln. Eine Spritzung dieser Parzelle hätte den Verlust des Beitrags für den Verzicht auf Pflanzenschutzmittel (PSM) für die gesamte Zuckerrübenfläche bedeutet. Der Betriebsleiter musste dabei zusehen, wie die Rüben auf der betroffenen Parzelle vollständig zerstört wurden und musste ein zweites Mal säen. Diese Regelung verunmöglichte eine standort- und parzellenspezifische Bewirtschaftung.

«Agronomische Expertise muss wieder mehr in agrarpolitische Entscheide einfliessen.»

Stefan Vogel, HAFL

Schutzlücken nach dem Neonikotinoid-Verbot

Laut den Agroscope-Forschenden, die für den Artikel Antworten geliefert haben, bot bei Zuckerrüben bis 2018 die Beizung mit Neonikotinoiden Schutz gegen Erdflöhe, Blattläuse und die Übertragung der virösen Vergilbung. Heute steht den LandwirtInnen noch Tefluthrin gegen Drahtwürmer zur Verfügung.

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Die neueste Saatgutbeizung für Zuckerrüben (für die Aussaat 2026) «Buteo Start» enthält den Wirkstoff Flupyradifuron. Diese neue Beizung schützt die junge Pflanze in den ersten vier bis sechs Wochen nach der Saat gegen unterirdische Schädlinge wie Drahtwürmer, Moosknopfkäfer und Tausendfüssler und bietet zusätzlich eine Teilwirkung gegen den Rübenerdfloh. «Diese Beizung wirkt jedoch nur zeitlich begrenzt, sie wirkt nicht so breit und weniger effektiv als das bis 2018 benutzte Gaucho», ergänzt Stefan Vogel, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der HAFL.

Das Risiko für einzelne Parzellen, insbesondere bei kapitalintensiven Kulturen wie Zuckerrüben oder Kartoffeln, bleibt hoch. Die Situation verdeutlicht: Gezielte Strategien auf Parzellenebene sind in der Praxis entscheidend, besonders wenn wirksame Beizmittel wegfallen.

Warum Schutzlücken bestehen bleiben

«Die Forderungen der Umweltverbände sind ja nicht einfach aus der Luft gegriffen», erklärt Andreas Keiser. «Systemische Beizmittel wie Gaucho wurden aufgrund ihrer Toxizität für Bienen verboten. Nur gibt es hier Zielkonflikte, denn der Verzicht auf Beizmittel führt zu einer Zunahme von Flächenbehandlungen, meist mit breit wirkenden Pyrethroiden. Es ist auch im Interesse der Landwirtschaft, dass diese sehr gezielt eingesetzt werden, um Nützlinge und Gewässer zu schonen.»

Der Rückzug systemischer Beizmittel wie Neonikotinoide oder Fipronil hat den Pflanzenschutz in der Schweiz stark verändert. Neue Präparate wirken oft nur punktuell und lösen Probleme bei den Schädlingen weniger effizient. Zugleich steigt das Resistenzrisiko in verschiedenen Kulturen, wenn immer die gleichen Wirkstoffe verwendet werden.

«Generell handelt es sich bei den Beizmitteln,die vom Markt genommen werden, um systemische Wirkstoffe, die in der Pflanze selbst eine lang anhaltende Wirkung entfalten», fasst Andreas Keiser zusammen. Gerade diese Mittel – wie zum Beispiel Gaucho – waren besonders wirksam, entfalten ihre Wirkung jedoch auch auf Kosten der Umwelt. Ihr Rückzug zeigt die Herausforderung: Die chemischen Saatgutbeizungen, die am effektivsten gegen Schädlinge schützen, sind oft auch sehr schädlich, z. B. für Bienen und andere Nützlinge, weshalb sie nicht mehr eingesetzt werden dürfen. «Alternative Beizungsmethoden wie eine Dampfbehandlung oder Elektronenbehandlungen wirken gegen samenbürtige Pilzkrankheiten, leider gibt es solche Alternativen nicht gegen Insektenbefall», sagt Andreas Keiser.

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Doch nicht alle Kulturen sind in jedem Fall gleich vom Rückzug chemischer Beizmittel betroffen. Laut den Agroscope-Forschenden zeigen sich grosse Risiken in der Praxis bei Kartoffeln. Drahtwurmbefall kann zu Deklassierungen führen und sich somit sehr auf den Erlös auswirken. «Die Ertragsausfälle durch Drahtwürmer sind im nationalen Durchschnitt gering, können aber einzelne Betriebe stark treffen», betonen die Agroscope-Forschenden.

Agrarpolitische Rahmenbedingungen verschärfen die Situation: Ganzbetriebliche Extenso-Massnahmen verhindern punktuelle Eingriffe auf Einzelparzellen.

Ein weiteres Problem sind Notfallzulassungen und Sonderbewilligungen: Sie erlauben kurzfristig chemischen Schutz, ersetzen aber keine dauerhafte Lösung.

Auswirkung auf Produktion und Qualität

Der Wegfall der Beizmittel führt in vielen Kulturen zu einem höheren Arbeitsaufwand. Felder müssen häufiger kontrolliert werden, und beim Überschreiten von Bekämpfungsschwellen steigt die Anzahl der Flächenbehandlungen.

Auch im Gemüsebau verschärft der fortschreitende Rückzug von Pflanzenschutzmitteln die Lage. «Der Rückzug von Beizmitteln stellt den Gemüsebau vor grosse Herausforderungen», sagt Simone Meyer vom Verband Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP). Wichtige Bausteine des integrierten Pflanzenschutzes fehlen, wirksame Alternativen sind oft nicht oder nur eingeschränkt verfügbar. Dies führt zu höherem Arbeits- und Kostenaufwand sowie zu möglichen Ertrags- und Qualitätseinbussen. Die unbefriedigende Bewilligungssituation und die langen Zulassungsverfahren zwingen die Gemüsebranche zunehmend zu Notfallzulassungen und erschweren eine nachhaltige Produktions- und Saisonplanung.

«Der Rückzug von Beizmitteln stellt den Gemüsebau vor grosse Herausforderungen.»

Simone Meyer, VSGP

Schwierige Abschätzung von Ertrags- und Marktfolgen

Die Auswirkungen auf Ertrag und Qualität lassen sich nur schwer eindeutig zuordnen. Wetterbedingungen, Fruchtfolge und andere Pflanzenschutzmassnahmen spielen ebenfalls eine zentrale Rolle. «Bei Zuckerrüben etwa sind gesunkene Zuckergehalte in den letzten Jahren hauptsächlich auf das Syndrome Basses Richesses (SBR) zurückzuführen – nicht auf den Wegfall der Neonikotinoid-Beizung», so Agroscope. Wie stark der Ertragsrückgang durch den Rückzug chemischer Beizmittel ausfällt, ist noch unklar. Zudem nimmt der Importdruck zu, wenn Extensivierungsmassnahmen die Produktionskosten erhöhen und gleichzeitig die Erträge sinken. Besonders bei Kulturen mit hoher Wertschöpfung kann dies die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen.

Präzisionstechnik als Chance nutzen

Gezielte Applikationstechniken wie Spot-Spraying oder Bandspritzung könnten den Pflanzenschutz effizienter und umweltfreundlicher machen. «Bislang fehlen jedoch Anreize und Förderungen, um Techniken in der Praxis wirklich breit einzusetzen. Innovative Landwirte zeigen aber, dass damit ohne Ertragseinbussen deutlich weniger Mittel eingesetzt werden», sagt Andreas Keiser.[IMG 4] Stefan Vogel ergänzt: «Die Zulassung und Förderung betrachten oft nur Flächenbehandlungen.» Dabei würde eine präzise Anwendung die Schadwirkung deutlich reduzieren und gleichzeitig Ressourcen sparen.

Ein Beispiel ist das System von Ecorobotix, das im Grünland bereits eingesetzt wird und auch in Reihenkulturen Potenzial zeigt. Im Acker- und Gemüsebau werden diese Technologien bislang jedoch nur begrenzt eingesetzt, obwohl sie einen wichtigen Beitrag zum gezielten und umweltschonenden Pflanzenschutz leisten könnten. Ziel dieser Ansätze ist es, Ressourceneffizienz zu steigern und Pflanzenschutzmassnahmen stärker an den tatsächlichen Befall anzupassen.

Biologische und agronomische Alternativen

Neben Technik spielen auch biologische und agronomische Massnahmen eine wachsende Rolle. Robuste Sorten können die Anfälligkeit gegenüber Schädlingen reduzieren. Angepasste Fruchtfolgen, frühe Aussaattermine und optimierte Saatbettbereitung helfen, Schädlingsdruck zu senken.

In Kartoffeln werden beispielsweise entomopathogene Pilze als Ergänzung zu chemischen Strategien getestet. Diese biologischen Verfahren erreichen bislang nicht die gleiche Wirksamkeit wie frühere Beizmittel, können jedoch Teil integrierter Lösungen sein.

Pflanzenschutz strukturell weiterdenken

Der Wegfall der Beizmittel zeigt deutlich, dass Pflanzenschutz nicht isoliert über einzelne Wirkstoffe funktioniert. Erfolgreiche Strategien basieren auf der Kombination von Technologie, Agronomie, Biologie und betrieblicher Anpassung. Agronomisch gesehen lassen sich viele Risiken durch gezielte Strategien minimieren. «Entscheidend ist, die verfügbaren Methoden fachgerecht und unter Berücksichtigung der jeweiligen Standortbedingungen zu kombinieren», erklärt Andreas Keiser. Das bedeutet zugleich, dass die Massnahmen unbedingt auf die einzelnen Parzellen zugeschnitten sein sollten, wie etwa beim Beispiel des Erdflohs in den Zuckerrüben.

«Ich beobachte eine zunehmende Frustration auf Acker- und Gemüsebetrieben», sagt Keiser: «Standardisierte, ganzbetriebliche Vorgaben entmündigen die Produzenten und nehmen ihnen die Motivation, eine kompetente, standortgerechte Bewirtschaftung umzusetzen und vorhandenes Wissen zu nutzen. Die Optimierung der Beiträge wird wichtiger als die standortgerechte, ressourceneffiziente Produktion von Lebensmitteln. Dies ist nicht der Fehler der LandwirtInnen, sondern Folge der aktuellen agrarpolitischen Anreize.»

Vogel betont die Lösung: «Innovation in der Landwirtschaft wird leider ausgebremst. Es braucht wieder Anreize für standortgerechte Bewirtschaftung anstelle von standardisierten Massnahmen. Wirkungsbasiertes Handeln und Selbstverantwortung müssen wieder stärker in den Fokus rücken.»

Ressourcenprojekte zeigen: Wenn ProduzentInnen mitdenken und eigene Varianten entwickeln können, werden Massnahmen besser getragen und wirken erfolgreicher. Vogel bringt es auf den Punkt: «Agronomische Fachexpertise muss wieder stärker in die agrarpolitische Planung einfliessen.»

Auswirkungen des Beizmittel-Entzugs

Kartoffeln: Das Hauptproblem sind Drahtwürmer, die Produktionssicherheit und Ertrag stark beeinträchtigen können. Der bisherige Wirkstoff Fipronil wurde bis 2013 eingesetzt und steht heute nicht mehr zur Verfügung. Eine Alternative sind entomopathogene Pilze im Produkt Attracap, die Insekten krank machen oder töten. Die Wirkung ist mit rund 30 bis 40 % jedoch deutlich tiefer.

Winterweizenund andere Getreidearten: Vereinzelt treten Drahtwurmschäden auf, insbesondere auf einzelnen Parzellen. Neonikotinoide waren bis 2019 verfügbar, fehlen aber nun. Die Ertragsverluste sind in der Regel gering, und es gibt derzeit keine gleichwertige chemische Alternative.

Zuckerrüben: Hauptprobleme sind Drahtwürmer, Erdflöhe und frühe Blattläuse. Bis 2018 wurden Neonikotinoide eingesetzt. Heute schützt Tefluthrin nur noch gegen Drahtwürmer. Für den Blattlausbefall sind Notfallzulassungen nötig.

Mais: Der Hauptschaden entsteht durch Vogelfrass. Der Wirkstoff Korit (Ziram) ist weiterhin verfügbar, sodass aktuell Schutzmassnahmen bestehen.

Sonnenblumen: Nach dem Rückzug von Thiram kommt es vermehrt zu Schäden durch Vogelfrass. Es bestehen derzeit keine gleichwertigen Alternativen.

Raps: Ein Problem sind Erdflöhe. Neonikotinoid-Beizen waren bis 2013 möglich. Heute können Pyrethroide nur noch mit einer Sonderbewilligung des Kantons eingesetzt werden.