Der erste Volkswagen war – nein, nicht der «VW Käfer» – sondern der «Maikäfer». Dieser wurde nicht 1938 in der Volkswagen-Fabrik von Hitlers Lieblings-Ingenieur Ferdinand Porsche in Wolfsburg gebaut, sondern schon 1931 vom jüdischen Ingenieur Josef Ganz in der Ludwigsburger «Standard-Fahrzeugfabrik GmbH». Diese baute vorher den Motormäher Standard R 3 mit 5 PS und einer Zusatzvorrichtung zum Getreideschnitt oder zum Antrieb einer Güllepumpe oder einer Kreissäge.

[IMG 2] Der «Maikäfer» war klein – unglaublich klein. Und Ganz baute danach noch 1933 eine überarbeitete Version als Volkswagen «Standard Superior» sowie 1946 die «Rapid Voiturette G» (bekannt als «Silberfisch»). Von diesem es gibt heute in der Schweiz nur noch zwei: Einen dunkelroten «Silberfisch» von 1944 mit Benzinmotor und einen hellgrünen «Silberfisch» mit Elektromotor von 2021.

Aber lasst uns diese Geschichte von Anfang an erzählen. Im Jahr 1933 war der Ingenieur Josef Ganz ein Berater bei BMW und Daimler-Benz sowie Chefredaktor der angesehenen Auto-Zeitschrift «Motor-Kritik».

Zudem stand er in engem Kontakt mit dem Aerodynamik-Genie Paul Jaray, auch dieser war jüdischer Herkunft. Jaray lebte ab 1923 in der  Schweiz  und konstruierte für den tschechischen Automobilbauer Tatra atemberaubend aerodynamische schwere Limousinen. Josef Ganz wollte aber ein Auto, das sich jeder leisten konnte. Einen Volkswagen.

Die Autos von Ganz und Jaray konnten unterschiedlicher nicht sein – sie hatten aber ähnliche technische Konzepte.

Der Volkswagen-Erfinder durfte kein Jude sein

1933 präsentierte Josef Ganz den «Maikäfer» und 1934 die überarbeitete Version «Standard Superior» als Volkswagen an der Internationalen Automobilausstellung IAA in Berlin. Diese besuchte auch Adolf Hitler, der vom Volkswagen begeistert war. Für Josef Ganz hatte das ungeahnte Folgen.

Die Geheime Staatspolizei GeStaPo verhaftete ihn, konfiszierte alle Dokumente und Zeichnungen und übergab diese Hitlers Lieblings-Ingenieur. 1938 präsentierte Ferdinand Porsche dann mit Pomp und Gloria und vielen Hakenkreuzen den «Kraft durch Freude»- Wagen, der später zum Volkswagen «Käfer» umgetauft wurde.

Als Josef Ganz wieder freigelassen wurde, hatte er alles verloren und musste ins Ausland flüchten.

Das ist der unschöne Teil dieser Weihnachtsgeschichte. Der schöne Teil führt in die Schweiz, zum Landmaschinen-Hersteller Rapid – und zum «Silberfisch».

Der «Silberfisch» ist perfekterMinimalismus auf vier Rädern

In der Schweiz sorgte ab 1940 der «Plan Wahlen» für einen enormen Modernisierungs-Schub in der Landwirtschaft. Friedrich Traugott Wahlen war Agronomie-Professor, Chefredaktor unserer Fachzeitschrift «die grüne» und später Bundesrat. Dank ihm waren die Schweizer Landmaschinen-Hersteller nach dem Krieg technisch auf dem neusten Stand und wollten sich für die neue Zeit absichern.

Der Landmaschinen-Hersteller Rapid

Das Unternehmen wurde 1926 unter dem Namen Rapid Motormäher AG gegründet und brachte den ersten serienmässig hergestellten motorgetriebenen Balkenmäher auf den Markt.

Die Rapid Holding AG mit Sitz in Dietikon ZH ist der führende Hersteller von Einachs-Geräteträgern und Anbaugeräten für Landwirtschaft, Gartenbau und Kommunen.

Die Unternehmensgruppe beschäftigt 130 Mitarbeiter für die Marken Rapid (in Killwangen AG) und Brielmaier (im schwäbischen Deggenhausertal DE).

In Dietikon ZH zum Beispiel die Rapid Motormäher AG, für die Josef Ganz ab 1944 einen Nachfolger vom «Maikäfer» baute: Den Rapid Kleinstwagen, der den Übernamen «Silberfisch» erhielt – weil seine Aluminium-Karrosserie so schön glänzte. Offiziell hiess dieses minimalistische Auto «Rapid Voiturette G» – G wie Ganz oder Gegenkolben-Motor. Das Auto bot Platz für zwei Personen ohne Gepäck, immerhin mit einem grossen Handschuhfach.

[IMG 3] Alle Systeme – Achsen Karosserie und der Motor im Heck – waren an einem einzigen Rohr befestigt, das längs in der Fahrzeugmitte verläuft. In den landwirtschaftlichen Transportern von Reform, Lindner und Aebi lebt dieses Konzept noch immer weiter.

Der Antrieb der «Rapid Voiturette G» war ein Gegenkolben-Motor vom Schweizer Motorradhersteller Motosacoche mit 350 cm³ Hubraum und 8 PS. Ein kleiner Viertakter, dessen beide Kolben sich in einem einzigen Zylinder den Brennraum teilten. Der Motor lief so ruhig, dass man einen Bleistift senkrecht auf den laufen Motor stellen konnte.

Den Luxus eines Differential-Getriebes sparte man sich. Voll eingeschlagene Vorderräder wirken deshalb fast wie eine Handbremse. Dadurch wird aber auch die Geländegängigkeit besser – ein gutes Argument in einer Welt, in der es erst sehr wenige befestigte Strassen gab.

Um die Kräfte in der Achse nicht allzu gross werden zu lassen, war die Spur vorne breiter als hinten. Trotzdem konnte Josef Ganz mit dem kleinen Wagen flott über die damaligen Landstrassen fräsen. Für seine Testfahrten wählte er oft entlegene Gegenden und Waldsträsschen, um nicht aufzufallen.

Allerdings hatte Josef Ganz auch mit diesem Projekt kein Glück. Nach nur 36 hergestellten «Rapid Voiturette G» war schon wieder Schluss. Der Schweizer Volkswagen war zwar konkurrenzlos günstig. In der Serienproduktion sollte er nur 1200 Franken kosten. Doch die Schweizer kauften nach dem Krieg lieber den teureren VW «Käfer» von Ferdinand Porsche und den auffallend ähnlich designten Fiat «Topolino».

Und so verschwanden die «Rapid Voiturette G» von der Bildfläche – ebenso wie Josef Ganz. Der Ingenieur wanderte 1950 nach Australien aus, arbeitete dort für die lokale GM-Tochter Holden und starb 1967 verarmt und vergessen.

Die «Silberfisch»-Zeichnungen im Büro des Rapid-CEO

[IMG 4] Ähnlich ging es seinen Autos. Ein dunkelrot lackiertes Modell verstaubte als Kuriosität im Verkehrshaus Luzern – bis dort Mitte September 2020 der Film «How I lost my Beetle» gezeigt wurde (deutsch: «Josef Ganz: Die wahre Geschichte des VW-Käfers»), eine Dokumentation über das Leben und Wirken von Josef Ganz.

Daneben gab es im Verkehrshaus eine Sonderausstellung mit von ihm konstruierten Autos.

Dabei reifte bei einem Mitarbeiter von Rapid und beim «Swiss Car Register» (der Hüterin des kulturellen Erbes des Schweizer Fahrzeugbaus) der Gedanke, den Dornröschenschlaf der «Rapid Voiturette G» zu beenden.

Gleichzeitig – aber unabhängig voneinander – begannen das «Swiss Car Register» um Hansruedi Küpfer und das «Silberfisch»-Team von Rapid um Timo Waser nach Informationen zu suchen. Küpfer wollte den Oldtimer restaurieren und wieder strassentauglich machen, das «Silberfisch»-Team wollte das Fahrzeug neu bauen.

Die Wege der beiden Gruppen kreuzten sich und es entstand eine enge Zusammenarbeit. Verzweifelt suchte man nach den Original-Zeichnungen, die irgendwo liegen mussten.

Schliesslich tauchten die lange gesuchten Zeichnungen auf – ausgerechnet im Büro von Rapid-CEO Rolf Schaffner. «Hättet ihr doch gleich gesagt, das ihr die Zeichnungen sucht», sagte Schaffner, und zog die Ordner aus einem Gestell hinter seinem Büro-Sessel.

Der «Silberfisch» 2021: Art Déco in faserverstärktem Kunststoff

[IMG 5] Und so kam sie dann zustande, die kleine Reinkarnation vom grossen Traum des genialen Ingenieurs Josef Ganz, die «Rapid Voiturette R» (wie Replika). Aber mit modernen Mitteln: Das tragende Mittelrohr hat keinen runden, sondern einen quadratischen Querschnitt. Und die Karosserie ist nicht mehr aus Blech, sondern aus glasfaserverstärktem Kunststoff GFK. Die Hinterachse kam irgendwann mal als Muster in die Rapid-Fabrik und hat ein Differential. Sie stammt von einem indischen Tuk-tuk, also einer dreirädrigen Rikscha.

Elektronik, Antrieb und Batterie der «Rapid Voiturette R» sind jene des brandneuen Rapid Uri, dem ersten vollelektrischen Einachser von Rapid. Dessen modulare Konzeption hat sich bei der Replika als vielseitig erwiesen, die Möglichkeiten sind wohl noch lange nicht ausgereizt.

In den Werkhallen von Rapid bauten Timo Waser, Christoph Portmann, Christian Häfeli, Stephan Heiniger und Daniel Lüscher das Fahrzeug in monatelanger Freizeitarbeit nach.

Auch wenn die Materialien anders sind, die Form stimmt bis ins Detail: Die eleganten Art-Déco-Schwünge in der Karosserie sind dieselben. Und auch an die charakteristischen Lichter, die hinter einem Gitter versteckt sind, hat man gedacht. Minimalistisches 1930er-Design vom Feinsten.

Und wie alle Prototypen bockt der «Silberfisch» gerne. Mal will er nicht am Berg, mal ist die Elektronik nicht zufrieden. Innen geht es eng zu und her, die Pedale sind nahe zusammen. Mit Vorteil orientiert man sich nach dem Einsteigen erst einmal mit den Zehenspitzen und fährt dann mit dem Fuss der Lenksäule entlang zur Bremse.

Das Fahrgefühl der «Rapid Voiturette R» entspricht ein wenig einem Motorrad, auf dem man nebeneinander sitzt. Und genau das hiess es schon zu Zeiten von Josef Ganz: Der Wagen sei ein Bastard zwischen einem Auto und einem Motorrad.

Etwas, was es zu jener Zeit immer öfters gab. Etwa mit dem britischen «Morgan Threewheeler», einem Roadster mit zwei Vorderrädern, nur einem Hinterrad und einem Zweizylinder-Frontmotor. Der Morgan wurde bis 1952 produziert. 2012 kam eine Neuauflage auf den Markt, 2016 mit Elektromotor.

Je mehr er sich damit befasst, desto mehr ist Timo Waser begeistert vom Konzept und dem Potenzial des verkannten Genies Josef Ganz, das er 2021 elektrifiziert hat.

«So ein kleiner elektrischer Roadster für den Weg zur Arbeit liegt eigentlich wieder voll im Trend», meint er. Und die Wochen-Einkäufe passen locker auf den Beifahrersitz der «Rapid Voiturette R».

«Jedes Unternehmen braucht ein paar Spinner»

[IMG 6] Im Moment tastet und testet sich das Rapid-Team an die Möglichkeiten des Systems heran. 90 km/h und rund 200 Kilometer Reichweite liegenmit der «Rapid Voiturette R» drin. Mit zwei Batterien wiegt der Wagen nur 348 Kilogramm, 52 Kilogramm weniger als das Original.

Allerdings ist auch Timo Waser klar, dass die «Rapid Voiturette R» so wahrscheinlich keine Strassenzulassung bekäme. Und dass selbst für eine Kleinserien-Produktion noch ein gewaltiger Aufwand getrieben werden müsste. Sowohl für die Zulassung wie auch für den Bau von GFK-Formen, aber auch für die eigentliche Herstellung.

Denn mit Freizeitarbeit, für welche die Firma Rapid Werkzeuge, Antriebskomponenten und Werkhallen zur Verfügung gestellt hat, ginge das nicht mehr.

Aber das ist nicht wichtig. Alle Autohersteller bauen Studien, die nie in Serie gehen. Warum soll ein Landtechnik-Hersteller das nicht auch tun? Es geht darum, die Gedanken fliegen zu lassen und sich ein paar unvorstellbare Dinge vorzustellen.

Das erklärt auch die Unterstützung, welche die «Silberfisch»-Gruppe in der Firma bekommt. «Jedes Unternehmen braucht ein paar Spinner, die so etwas versuchen. Nur so kommt man auf neue Ideen», sagt Timo Waser. Zudem wird die Teamarbeit gefördert. Die beteiligten Mitarbeiter stammen nämlich aus den Abteilungen für Entwicklung und Versuche sowie aus dem Kundendienst.

Josef Ganz konnte sein Konzept nie in die Gross-Serienproduktion führen. Dem Rapid-Team um Timo Waser und Christoph Portmann wird dies mit ihrem Elektro-«Silberfisch» wohl auch nie gelingen.

Selbst wenn die «Rapid Voiturette R» mit dem Jahrgang 2021 ein Unikat bleibt – damit bleibt die Geschichte des genialen Ingenieurs Josef Ganz und vom Schweizer Volkswagen lebendig. Eine Weihnachtsgeschichte der anderen Art.