Kurz & bündig

- Die Landwirte Andrea und Christian Müller machen 50 Prozent ihres Umsatzes mit Energie.
- Müllers produzieren Strom, Biogas für Fahrzeuge und Fernwärme.
- Sie versorgen 400 Wohneinheiten mit Strom. Wärme und Warmwasser erhalten 250 Wohneinheiten sowie vier Gewerbebetriebe und ein Schulhaus.
- Das Biogas reicht künftig für den Maschinenpark, die Kehrichtabfuhr und weitere Fahrzeuge.

 

Der Bauernhof Unterbuck in Thayngen SH, im nördlichsten Zipfel der Schweiz, ist ein stattlicher Betrieb. In dritter Generation betreiben Christian und Andrea Müller den Hof. Sie bewirtschaften etwa 100 Hektaren, halten 350 Rinder zur Muni-Mast und bauen Kartoffeln sowie Zwiebeln an.

Doch das ist nur die eine Hälfte ihrer Arbeit. Sie bauen auf ihrem Hof auch etwas an, was in Zukunft noch viel wichtiger werden dürfte und neue Wege für die Landwirtschaft aufzeigt. Christian und Andrea Müller bauen Energie an.

Biogas von der eigenen Tankstelle für Traktor und Kehrichtabfuhr

Landwirtschaftliche Betriebe mit Solaranlagen auf den grossen Ökonomiedächern sind keine Seltenheit mehr. Viele Bauern machen das und betrachten es meist als Nebenverdienst.

Über diese Phase sind Christian und Andrea Müller längst hinaus. Sie nennen sich «Land- und Energiewirte». Ihre neuste Errungenschaft ist die erste Biogas-Tankstelle auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der Schweiz. Hier wird zu 100 Prozent Biogas getankt.

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Mit der eigener Hofenergie fahren der gerade eben gelieferte neue New Holland T6-Traktor, mehrere lokale Kunden mit gasbetriebenen Autos und vor allem der Kehrichtwagen der lokalen Entsorgungsfirma Keller. Das Unternehmen hat zum Start der Biogas-Tankstelle auf dem Hof Unterbuck ein neues gasbetriebenes Kehrichtauto gekauft und ein weiteres bestellt. Ein solcher sicherer, permanenter Grossabnehmer wie die Kehrichtabfuhr war für Müllers wichtig, um die Investition in die Tankstelle zu riskieren.

Doch die Tankstelle ist nur der vorläufige Höhepunkt einer konsequenten Ausrichtung des Hofes auf Energiewirtschaft – mit sehr viel Beharrlichkeit und Nervenstärke. Den Anfang machten eine Holzschnitzelfeuerung und Photovoltaik-Anlagen.

Mittlerweile liefern 1200 Quadratmeter PV-Installationen auf den Dächern der Gebäude rund 200 000 Kilowattstunden Strom pro Jahr. Ein Wärmeverbund wurde nach und nach auf- und ausgebaut, vom eigenen Haus zum Heizsystem für die angrenzenden Quartiere.

Sieben Jahre bis zur Baubewilligung der Biogasanlage

Die Idee für eine Biogasanlage hatten Müllers bereits im Jahr 2006. Allerdings dauerte es sieben Jahre, bis die Baubewilligung endlich auf dem Hof Unterbuck eintraf – die üblichen Einsprachen und Bedenkenträger verhinderten eine schnellere Realisierung.

Unhygienisch sei so eine Anlage, der Gestank würde den Wert des Baulandes reduzieren, ein schier endloser Kampf durch die Instanzen, bis Müllers ihre Idee 2014 endlich realisieren konnten. «Viele der damaligen Gegner sind heute Kunden von unserem Wärmeverbund», sagt Christian Müller.

Denn es stinkt nichts an ihrer Biogasanlage. Sie verwertet nicht nur den eigenen Hofabfall, den Mist der Rinder und die nicht verwertbaren Reste der Kartoffel- und Zwiebelproduktion, sondern auch die biogenen Abfälle verschiedener Bauernbetriebe sowie aus den umliegenden Gemeinden. Die Landwirte können jeweils der Menge ihres abgelieferten Hofdüngers entsprechend, die flüssigen Gärreste aus der Biogasanlage als Dünger abholen. So kommen jährlich 10'000 Tonnen Mist und biogene Reststoffe zusammen, welche auf Unterbuck zu Strom und Wärme werden.

Mittlerweile kann die Biogasanlage von Andrea und Christian Müller jährlich zwei Millionen Kilowattstunden Strom erzeugen, zehnmal so viel wie die Solaranlage auf den Dächern des Hofes. Allein die Biogasanlage erzeugt so den Strom für 400 Haushalte. Zudem versorgt sie 250 Wohneinheiten, vier Gewerbebetriebe und ein Schulhaus mit warmem Brauchwasser und Heizenergie.

Die Anlage hat dabei einen doppelt positiven Effekt fürs Klima. Denn Methan, aus dem Biogas zum grössten Teil besteht, hat einen viel stärkeren Einfluss aufs Klima als Kohlendioxid. Über einen Zeitraum von 100 Jahren ist seine erwärmende Wirkung 28 Mal stärker, über einen kürzeren Zeitraum von 20 Jahren sogar 86 Mal stärker. Wenn das Methan in einer geschlossenen Biogasanlage aufgefangen wird, statt dass Mist und Grüngut offen kompostiert werden und Methan freisetzen, entfällt schon mal die grosse Methan-Belastung.

Zusätzlich entfallen CO2-Belastung und die weiteren Schadstoffe wie Schwefeldioxid oder Stickoxid der substituierten fossilen Energieträger wie Gas und Heizöl.

Die Produktion der Biogasanlage lässt sich regulieren

Bei den Heizungen wurden vor allem ältere Öl- und Gasheizungen durch den Wärmeverbund ersetzt. Der hat den riesigen Vorteil, dass er nicht nur heizt, sondern in einem Gasmotor mit 360 kW Leistung sowohl Strom- und Wärme erzeugt. Er verfügt damit über einen sehr viel höheren Wirkungsgrad als ein System, das allein Energie zur Wärmeerzeugung verbrennt.

Zudem lässt sich die Strom- und Wärmeproduktion der Biogas-Anlage regulieren – je nach Wärmebedarf der angeschlossenen Häuser. Mit den unterschiedlichen Erzeugern kann das ganze Energiesystem auf dem Unterbuck-Hof sehr genau den Lastschwankungen seiner Energie-Kunden folgen.

Der Ausbau der Biogasanlage ermöglichte zudem, deutlich mehr Kunden ans Fernwärmenetz anzuschliessen, weil dadurch die Biogasanlage die Grundlast übernimmt und die Holzschnitzelheizung, die sich innert Minuten ein- und ausschalten lässt, nur noch die grösseren Lastspitzen abdecken muss.

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«Ende letzten Jahres haben wir angefangen, strassenweise weitere Hauseigentümer in der Nachbarschaft anzuschreiben, ob sie sich an unser Fernwärmenetz anschliessen wollen», erzählt Christian Müller. «Es kamen laufend Zusagen herein und die Liste der anvisierten zusätzlichen 60 Kunden füllten sich zusehends. Dann kam der 24. Februar 2022, als Russland die Ukraine angriff. Und plötzlich hatten wir eine Flutwelle von Anschlussgesuchen. Jetzt haben wir viel mehr Interessenten, als wir überhaupt mit Energie bedienen können.»

Müllers kommt nun zugute, dass sie von Anfang an grosszügig gedacht und geplant und den Energiebereich nie nur als ein kleines «Dazu» betrachtet haben. Für sie war Energie von Anfang an ein wichtiges finanzielles zweites Standbein zur Landwirtschaft.

Das war schon so, als sie vor zehn Jahren die Zuleitung zum Dorf für die Fernheizanlage so gross dimensionierten, dass alle meinten: «Das ist viel zu gross und ineffizient. So viele Wärmekunden, dass sich das lohnt, bekommt ihr nie im Leben!» Jetzt sind sie froh um die grosszügig dimensionierte Leitung. Ohne sie wäre der Anschluss der neuen Kunden sehr viel teurer, langwieriger und mühseliger.

Im Sommer gibt es mehr Material und mehr Bedarf für Biogas

In diesem Kontext des Vorausdenkens steht auch die erste Biogas-Hoftankstelle der Schweiz. Sie ist die Fortsetzung des jahrelangen Aufbaus des Energiegeschäfts und sie ergänzt sich mit dem bestehenden System.

Vor allem im Sommer fallen erntebedingt mehr Rüstabfälle oder sonstige landwirtschaftlichen Abfallstoffe für die Biogasanlage an. Somit kann zusätzliches Gas für die Tankstelle produziert werden. Der Treibstoff wird auf diese Weise zu jenen Zeiten produziert, wenn auch die Traktoren ihre Arbeitsspitzen haben.

Gleichzeitig wird die Nahrungsmittelproduktion auf Unterbuck nach und nach klimaneutral. Je nach Bedarf an Heizung und Traktionsenergie lässt sich die Produktion sehr genau steuern. Schon jetzt produziert die Anlage genug Gas, um neben den Kehrichtfahrzeugen und den laufend zahlreicher werdenden Privatfahrzeugen in der Umgebung auch alle fünf Traktoren des Hofes mit Biogas zu betreiben – zumindest theoretisch.

Der Hersteller New Holland kann noch nicht genügend Fahrzeuge liefern. Auch die jetzt gerade in Dienst gestellte Zugmaschine konnte der Landmaschinenhändler nur mit sehr viel diplomatischem Geschick in Deutschland beschaffen.

Die Produktion der Gastraktoren ist eben erst angelaufen. Der von FPT in Arbon, der Motorenabteilung des ehemaligen Schweizer Lastwagenbauers Saurer, entwickelte Sechszylindermotor entstand aus gasbetriebenen Aggregaten für Lastwagen, die sich in Sattelschleppern schon seit mehreren Jahren bewähren.

Elektrische und gasbetriebene Traktoren ergänzen sich

Zwar bieten mittlerweile andere Hersteller elektrische Traktoren an. Doch dies sind meist kleinere Fahrzeuge, die sich vor allem für kommunale Dienste und die Arbeit direkt auf dem Hof eigenen.

Im Ackerbau, wie ihn Müllers betreiben, sind aber bei Pflüg-, Sä- und Erntearbeiten sehr grosse Kräfte über längere Zeiträume gefragt. Für solche Arbeiten sind Verbrennungsmotoren nach wie vor prädestiniert. Biogas-Traktoren sind deshalb keine Konkurrenz zu elektrischen Traktoren. Die beiden Systeme ergänzen sich.

Allerdings besteht bei beiden Systemen noch Entwicklungsbedarf. Elektrische Traktoren können mittlerweile praktisch alle Aufgaben eines Hoftraktors erfüllen. Allerdings sind sie noch so teuer, dass sie eher von Gemeinden oder Spezialbetrieben wie etwa Reitställen gekauft werden.

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Dagegen können Biogastraktoren preislich problemlos mit Dieselmaschinen mithalten. Ihr Problem liegt noch in der Reichweite. Sie sind im Moment noch darauf angewiesen, nicht allzu weit von der Tankstelle entfernt zu operieren. Sonst dauern die Tankfahrten zu lange. Müllers tanken am Morgen und dann am Mittag. Der Tankvorgang dauert gleich lang wie bei einem Dieselfahrzeug.

Den New Holland T6 gibt es zwar mit einem Zusatztank auf der Fronthydraulik. Er erlaubt mit einer einzigen Betankung eine wesentlich längere Arbeitszeit. Eine abnehmbare Variante des Tanks existiert zwar, ist aber noch nicht zugelassen. Doch für Müllers ist die Fronthydraulik bei jedem Traktor absolut unverzichtbar. Drum kommt der Zusatztank erst in einigen Monaten.

Die Hälfte des Umsatzes machen Müllers mit Energie

Doch diese technischen Details sind alle lösbar und kein Vergleich zu den Problemen, welche Andrea und Christian Müller auf ihrem Weg zur klimaneutralen Landwirtschaft bereits gelöst haben. Mittlerweile machen sie die Hälfte des Umsatzes ihres Betriebes mit Energie.

Das hätten sie sich am Anfang ihrer Energieprojekte wohl nie träumen lassen. Sie zeigen damit den Weg, die Möglichkeiten und die Rolle auf, die eine moderne, ökologische Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten spielen kann. Ein moderner Betrieb wird Nahrungsmittel und Energie produzieren. Die Bauern sind dann nicht «nur» Landwirte, sondern auch Energiewirte.

Betriebsspiegel Hof Unterbuck

Andrea und Christian Müller, Thayngen SH
LN: 100 ha ÖLN/IP Suisse
Kulturen: Kartoffeln und Zwiebeln
Tierbestand: 350 Rinderzur Muni-Mast
Weitere Betriebszweige: Energiedienstleistungen
www.unterbuck.ch