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Die Fondation Rurale Interjurassienne: Die nicht ganz gewöhnliche Schule

Seit 2004 gibt es die Fondation Rurale Interjurassienne. Die private Stiftung bildet an an den Standorten Courtemelon und Loveresse Landwirte, Bäuerinnen und Fachleute der Hauswirtschaft auf allen Stufen aus, berät und führt rund 100 Projekte pro Jahr durch.


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Kurz & bündig

  • Die Fondation Rurale Interjurassienne FRI mit den Standorten Courtemelon in Courtetélle JU und Loveresse BE ist seit 2004 eine private Stiftung.
  • Im Auftrag der Kantone Jura und Bern bildet die Stiftung Lernende im Berufsfeld Landwirtschaft und Hauswirtschaft auf allen Stufen aus.
  • Die FRI bietet Beratungen im Bereich Tierhaltung, Pflanzenbau und Umwelt, Regionalprodukte und Unternehmensführung an.
  • Zudem führt die FRI in enger Zusammenarbeit mit regionalen Produzenten Projekte durch.

«Zum Glück regnet es», flüstert Andreas Sütterlin seinem Banknachbar Jean Leuenberger zu. Die beiden sitzen im Buchhaltungs-Unterricht von Pierre-André Odiet, im ersten Jahr der Betriebsleiterschule der Fondation Rurale Interjurassienne FRI Courtemelon.

Drei Stunde lang haben sie zugehört, nachgefragt, Beträge Kostenstellen zugeordnet und den Unterschied zwischen Debitoren und Kreditoren erklärt bekommen. Nun schickt Odiet seine Schüler mit einem Berg Hausaufgaben in die Mittagspause.

Die Mittagspause verbringt nicht nur die Klasse von Sütterlin und Leuenberger in der Schulkantine: Diese ist ein öffentlich zugängliches Restaurant, zwei Polizisten sitzen neben Schülerinnen, Schülern und Angestellten der FRI. Das Restaurant bildet zwei Lehrlinge der Hauswirtschaftsschule aus, jeder scheint jeden zu kennen: Fröhliches Stimmengewirr begleitet das Mittagessen.

Pierre-André Odiet isst an einem grossen Tisch zusammen mit Olivier Boillat. Odiet unterrichtet nicht nur Buchhaltung. Er ist Ausbildungsverantwortlicher der FRI und ein alter Hase im Ausbildungswesen: Seit über 29 Jahren unterrichtet er. Boillat ist Verantwortlicher für Kommunikation und Internationales, unterrichtet Marketing und Kommunikation und macht Beratungen.

Die FRI ist eine landwirtschaftliche und hauswirtschaftliche Schule, die im Jurabogen die ganze Ausbildungspalette anbietet. Speziell an ihr: Sie ist seit 2004 eine private Stiftung.

Olivier Boillat betont im Gespräch auch immer wieder, dass jedes Projekt, das die FRI anpackt, aus eigenen Mitteln oder durch Sponsoring finanziert werden muss. In seinem Marketing-Unterricht mahnt er die BLS-Klasse: «Vergesst nie das Logo eines Sponsors auf dem Flyer!» Als die Klasse kichert, erzählt er, dass Sponsoren immer zuerst auf dem Flyer nach dem eigenen Logo suchen – und sich sofort melden, wenn dieses fehlt. Boillat kann auch von Erfolgen berichten: Seit 2005 organisiert die FRI alle zwei Jahre den Schweizer Wettbewerb der Regionalprodukte.

Die Veranstaltung ist mittlerweile so erfolgreich, dass auch die UNO darauf aufmerksam geworden ist. Mit der Folge, dass die FRI in Zusammenarbeit mit der UNIDO (Organisation der Vereinten Nationen für industrielle Entwicklung) und mit weiteren Stellen ein Büchlein verfasst hat, das eine Anleitung für solche Wettbewerbe gibt. Was im Jura ausgetüftelt wurde, findet mittlerweile auch in Marokko, Tunesien statt und bald auch in Georgien, Ägypten und Serbien.

Die Stiftung hat breite Unterstützung

Der Wettbewerb der Regionalprodukte ist sicher das Vorzeigeprojekt der FRI. Dennoch – er ist eines von gut hundert Projekten der Fondation. Ein Brennereimuseum in Porrentruy gehört genauso dazu wie kleinere Anlässe, etwa Degustationen der lokalen Produkte. Die FRI leitet auch Projekte in der Produktionstechnik und Betriebswirtschaft, dies in Zusammenarbeit mit anderen Regionen und Partnern in der Schweiz, in Frankreich oder in Deutschland. Die Ideen kommen von den Produzenten, unabhängig davon, ob sie im Kanton Bern oder im Kanton Jura wohnen.

Im Stiftungsrat der Fondation ist die Verteilung klar geregelt: Je drei Vertreter der Landwirte aus den Kantonen Bern und Jura sowie je drei Regierungsvertreter bilden das Gremium. Dieses entscheidet, welche Projekte die Fondation anpacken darf und wohin die Zukunft führt.

Ausbildungen im Auftrag der Kantone Bern und Jura

Die beiden Kantone beauftragen die Fondation mit der landwirtschaftlichen und hauswirtschaftlichen Ausbildung ihrer jungen Leute und bezahlen dafür 4,1 Millionen Franken (Kanton Jura) beziehungsweise 1,7 Millionen Franken (Kanton Bern) pro Jahr. Auf der Stufe Betriebsleiterschule reicht das Einzugsgebiet bis in den Kanton Neuenburg, in Zusammenarbeit mit der landwirtschaftlichen Schule von Cernier. In Sachen Unterrichtsort ist Boillat pragmatisch: «Wir unterrichten dort, wo die Mehrheit unserer Schüler ist.»

Praktisch heisst das, dass der Unterricht manchmal am Standort Courtemelon in Courtetélle JU stattfindet, manchmal am Standort Loveresse BE und manchmal in Cernier NE. Mit einem Mobility-Auto fahren dann Lehrer und Schüler zu den Kollegen.

Die FRI bietet auch Weiterbildungen an. Das können Kurse sein wie «Mise en valeur des poules en fin de ponte», also die Verarbeitung von Legehennen. Beim Besuch von «die grüne» zaubert die Kursgruppe aus Suppenhühnern etwa Pasteten und Burger. Die Schulküche ist topmodern mit Kameras und Bildschirmen ausgerüstet.

Eine breite Palette von Kurse in den verschiedenen Bereichen Betriebswirtschaft, Pflanzenbau, Tierproduktion, Umwelt, Hauswirtschaft wird jedes Jahr erneut angeboten.

Dazu stehen Interessierten aber auch Kurse der höheren Ausbildungen offen, quasi als «Gasthörer». «Es lohnt sich nicht, für vier Leute einen Kurs zu organisieren», sagt Pierre-André Odiet, «dafür sind sie in den regulären Klassen willkommen.»

Zurück im Klassenzimmer von Olivier Boillat. Die Schülerinnen und Schüler treffen sich erst zum zweiten Mal, stellen sich mit Vor- und Nachnamen und Ort vor. Boillat filmt und projiziert die Bilder auf einem grossen Bildschirm. «Als Landwirte steht ihr unter Beobachtung, gewöhnt euch daran», sagt er.

Die angehenden Betriebsleiter sind recht jung, haben aber klare Vorstellungen. «Ich will lernen, wie ich meinen Betrieb erfolgreich führe», sagt Andreas Sütterlin. Die Ausbildung sei anspruchsvoll, sagt der junge Landwirt, der Vollzeit auf dem Betrieb der Eltern arbeitet. Und mit einem Blick auf die Hausaufgaben sagt er, es sei auch eine Aufgabe, die Zeit richtig einzuteilen.

In den Lektionen «Marketing und Kommunikation» arbeitet Boillat sehr praxisorientiert: Seine Schülerinnen und Schüler analysieren Flyer, die für Produkte oder Dienstleistungen aus der Region werben und müssen in einem zweiten Schritt den eigenen Betrieb bewerben. «Auf einem Blatt, das absichtlich klein ist», sagt Boillat. «Fasst euch kurz, eure Kunden haben wenig Zeit.»

«Das Bild der Landwirtschaft hat sich verändert»

Auch Pierre-André Odiet versucht, seine Schülerinnen und Schüler auf den Umgang mit den Konsumenten vorzubereiten. Im Vergleich zu den 1990er Jahren habe sich bis in den letzten Jahren das Bild der Landwirtschaft bei den Konsumenten klar verbessert, beobachtet Odiet: «In den zwei, drei letzten Jahren lassen sich aber Einzelstimmen sehr kritisch gegen gewisse Aspekte der Landwirtschaft hören.»

Als er zu unterrichten begonnen habe, habe noch die Subventions-Politik gegolten. Danach seien die Landwirte näher zu den Konsumenten gerückt, ist er überzeugt: «Die Landwirtschaft hat grosse Anstrengungen unternommen und sich entwickelt, etwa in der ressourcenschonenden Produktion.» Doch nun tue sich wieder ein Graben auf, den er auch den Sozialen Medien anlastet. Diese gereizte Stimmung belaste die Eltern seiner Schülerinnen und Schüler stärker als die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sagt er. «Die jungen Leute sind motiviert, sie wollen lernen und in der Landwirtschaft arbeiten.»

Motiviert ist auch Odiet, seine Lehrziele sind klar strukturiert. Auf Stufe Betriebsleiter bringt er seinen Lernenden bei, den Betrieb nach technischen, ökonomischen und finanziellen Zielen zu analysieren und zu führen. Die strategische Weiterentwicklung hingegen bringt er dann auf der Stufe Meisterlandwirt ein.

Landwirtschaft hat in der Jura-Region Zukunft

Jedes Jahr schliessen rund 30 junge Leute ihre Grundausbildung in der Landwirtschaft an der FRI ab sowie etwa 20 die Hauswirtschafts-Schule. Die Jura-Region mit ihren rund 1000 Betrieben habe Zukunft. «Wer gut in Unternehmensführung und Marketing ist, kann zum Beispiel auch mit Gemüse einen erfolgreichen Betriebszweig aufbauen», sagt Boillat.

Das Interesse an den Ausbildungen ist da, darin sind sich Boillat und Odiet einig. Und das Interesse an all den Projekten sowieso: Im Juni 2020 empfängt die FRI die 10. Internationale Konferenz für nachhaltige Tierproduktion.

Die Fondation Rurale Interjurassienne FRI in Courtemelon und Loveresse

Die Fondation Rurale Interjurassienne mit den zwei Standorten Courtemelon in Courtetélle (Jura) und Loveresse (Bern) ist seit 2004 eine private Stiftung. Im Auftrag der Kantone Jura und Bern bildet die Stiftung Lernende im Berufsfeld Landwirtschaft und Hauswirtschaft aus. Das Jahresbudget beträgt 10, 6 Millionen Franken.

Pro Jahr schliessen rund 30 Landwirtschafts-Lernende ab (2019: 9 Agropraktiker, 37 EFZ). Die höhere Berufsbildung haben 2019 fünf Bäuerinnen mit eidg. Fachausweis und im 2018 zwei Bäuerinnen mit Diplom HFP abgeschlossen. Zehn Landwirte erreichten 2019 den eidg. Fachausweis als Betriebsleiter, fünf Landwirte schlossen ihre Ausbildung als Meisterlandwirt HFP ab.

Die Fondation Rurale Interjurassienne FRI hat den Betrieb ums Schulgelände herum verpachtet. Die FRI beschäftigt 80 Personen in Bildung, Beratung und Administration. Die Schülerinnen und Schüler stammen aus den Kantonen Bern und Jura, auf der Stufe «höhere Berufsbildung» stossen auch Lernende aus dem Kanton Neuenburg dazu.

Neben dem Schul- und Weiterbildungsbetrieb bietet die FRI Beratungen im Bereich Tierhaltung, Pflanzenbau und Umwelt, Regionalprodukte und Unternehmensführung an. Die FRI führt in enger Zusammenarbeit mit den Produzenten der Region Projekte durch. Dazu gehört etwa der Schweizer Wettbewerb der Regionalprodukte, der 2019 zum achten Mal durchgeführt wurde. 

 

Landwirtschafts-Ausbildungen in der Schweiz

Das Berufsfeld Landwirtschaft umfasst sechs Berufe. Die Ausbildungen werden nach einer dreijährigen Grundbildung mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis (EFZ) abgeschlossen.

Dazu kommt die Lehre als Agrarpraktikerin. Das ist eine zweijährige Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA). Die Berufe Landwirt, Geflügelfachfrau, Gemüsegärtnerin, Obstfachmann, Winzerin und Weintechnologin sind EFZ-Abschlüsse.

Die Attest-Ausbildung als Agrarpraktiker gibt es in den Fachrichtungen Landwirtschaft, Spezialkulturen und Weinbereitung.

Landwirtschaftliche Schulen gibt es in der ganzen Schweiz, nicht jede bietet sämtliche Ausbildungen an.

Die höhere Berufsbildung ist im Berufsfeld Landwirtschaft modular aufgebaut. So können angehende Meisterlandwirte oder diplomierte Bäuerinnen Alltag und Ausbildung an den verschiedenen Schulen in der ganzen Schweiz kombinieren.

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