Barbara Kunz (49) ist Bäuerin FA. Mit ihrem Mann bewirtschaftet sie einen gemischten Betrieb mit Ackerbau und Milchvieh in Ersigen BE. Die Familie hat fünf Kinder, die zwischen 15 und 26 Jahre alt sind. Barbara Kunz ist zudem seit 2020 Präsidentin des Verbands Berner Landfrauenvereine. Der Verband hat rund 10'000 Mitglieder.

Das Thema «soziale Absicherung» ist kein angenehmes. Welche Lösung haben Sie als Mitbesitzerin Ihres Betriebs in Ersigen BE gefunden?

Barbara Kunz: Wir haben den Betrieb gemeinsam aus der Erbengemeinschaft der Geschwister meines Mannes gekauft. Da wir kleine Kinder hatten und zwei Brüder meines Mannes auch eine landwirtschaftliche Ausbildung haben, hat uns der Buchhalter nahe gelegt, uns Gedanken zu machen: Was, wenn meinem Mann etwas zustösst?

Deshalb haben wir einen Ehe- und Erbvertrag, der uns zu gleichen Teilen begünstigt. Wir splitten unser Einkommen und zahlen AHV. Ich bin als selbstständig Erwerbende bei der AHV angemeldet.

Wieso haben Sie sich für diese Lösung entschieden?

Damals war es das einfachste und bis heute überzeugt uns unser Modell für unseren Betrieb: Mein Mann arbeitet zum Beispiel noch auswärts, das Geld gehört dann zum Betriebseinkommen – ich übernehme ja seine Arbeit, wenn er nicht auf dem Betrieb ist. Ich habe kleine Nebeneinkommen, wie einen Znüni-Service, den ich mit anderen Frauen zusammen vor 12 Jahren aufgebaut habe. Aber ich stehe nirgends in einem Anstellungsverhältnis.

Wie sorgen Sie neben der AHV fürs Alter vor?

Da wir als selbständig Erwerbende nicht in die zweite Säule einzahlen, haben wir eine Lebensversicherung abgeschlossen. Ergänzend haben wir ein Säule-3a-Konto bei einer Bank, welches wir flexibel bedienen können. Aktuell diskutieren wir gerade, was noch nötig ist, und was wir ergänzen könnten. Diese Fragen werden wir in einer Beratung klären.

Gibt es einen konkreten Anlass?

Unser ältester Sohn ist 24 und Landwirt: Wenn er den Hof übernehmen möchte, muss er das machen, bevor er 35 wird, um Anspruch auf die Starthilfe anzumelden. Wir beide bewirtschaften den Betrieb schon lange, möchten das nicht noch 15 Jahre machen und können uns vorstellen, uns beruflich zu verändern.

Deshalb diskutieren wir jetzt in einem ersten Schritt in der Familie, wie wir die Hofübergabe angehen könnten. Sobald es konkret wird, brauchen wir dann eine fachlich kompetente Beratung.

Als Sie übernommen hatten: War es Ihnen und Ihrem Mann klar, dass Sie eine Absicherung brauchen oder mussten Sie unangenehme Gespräche führen?

Wir hatten zum Glück einen Buchhalter, der uns im Kauf-Prozess gesagt hat, wir sollten dieses Thema nicht vergessen. Ich bin in einem offen denkenden Betrieb aufgewachsen und mein Mann war ein fortschrittlich und partnerschaftlich denkender junger Mensch.

Ich habe eine Lehre als Gärtnerin gemacht und einige Jahre auf dem Beruf gearbeitet. Als Angestellte ist es selbstverständlich, dass die Abzüge gemacht werden.

«Bis die soziale Absicherung selbstverständlich ist, dauert es noch eine Generation.»

Barbara Kunz, Bäuerin, Ersigen BE

Was erleben Sie in Ihrem Umfeld: Wird über die Absicherung der Bäuerin geredet?

Bei den jungen Bäuerinnen ist das Thema sehr präsent: Sie arbeiten länger in ihrem angestammten Beruf und machen oft auch nach der Familiengründung weiter. Sie tragen das Thema in die Branche und in die Familien, und das ist gut.

Die ältere Generation merkt, dass sie unter Umständen etwas verpasst hat – denn die Minimalrente ist wirklich minimal. Es ist gut, dass endlich darüber geredet wird.

Was raten Sie Bäuerinnen, die sich Gedanken über die Situation (vor allem im Alter) machen?

Zuerst: Es gibt keine Universallösung. Was für unseren Betrieb stimmt, muss nicht allen passen. Doch jede Frau muss sich Gedanken machen: Was will und brauche ich? Wie wollen wir zum Beispiel im Alter wohnen? Sinnvoll sind Beratungen bei Leuten, welche die Branche kennen.

Ich bin ein Sicherheitsmensch und will alle Eventualitäten abdecken.

Wie sieht es mit dem Thema Scheidung aus?

Das ist extrem schwierig. Denn bei einer Scheidung etwa stehen Existenzen auf dem Spiel. Ich kenne Fälle, bei denen sich Frauen nicht scheiden lassen, weil der Nachfolger sonst den Betrieb nicht übernehmen kann. Vielleicht hat die Frau eine Erbschaft in den Betrieb gesteckt, die sie bei einer Scheidung bräuchte.

Oft macht man sich keine Gedanken, dass auch in Bauernfamilien Scheidungen vorkommen. Man idealisiert den Lebenshof Bauernhof und geht davon aus, dass schon nichts passiert.

Deshalb bin ich dafür, dass die soziale Absicherung in der Bildung und Beratung noch stärker thematisiert und verankert wird. Eindrücklich sind immer Beispiele, gerade auch solche, die nicht funktioniert haben.

Und die nackten Zahlen sind eindrücklich: Wer weiss, dass die Minimalrente knapp 1200 Franken pro Monat ist, macht sich eher Gedanken über seine Altersvorsorge.

Auch die Mutterschaftsentschädigung ist ein Teil der AHV …

Das ist etwas, das junge Menschen unbedingt wissen müssen: Wenn eine Frau nicht bei der AHV angemeldet ist, gibt es keine Entschädigung. Diese Entschädigung ist wichtig, nicht nur als Wertschätzung der Mutterschaft. In der ersten, anstrengenden Zeit kann es durchaus sinnvoll sein, eine Hilfe anzufordern. Vor allem wenn man noch familienfremde Mitarbeiter beschäftigt, welche Kost und Logis erwarten.

Wie gehen Sie in Ihrer Funktion als Präsidentin des Verbands Berner Landfrauenvereine mit dem Thema um?

Wir hatten für diesen Herbst einen Tag mit Kurzvorträgen der Agrisano geplant, den mussten wir pandemiebedingt absagen. Unsere Aufgabe ist nicht die Beratung, wir möchten aber Möglichkeiten aufzeigen, wo Frauen Unterstützung bekommen.

Die Checkliste «Meine Situation» halte ich für ein geniales Mittel, um in einem ersten Schritt die eigene Situation einzuschätzen. Als zweiten Schritt braucht es das Gespräch mit dem Partner. Da ist die Hemmschwelle oft gross oder es geht im Tagesgeschäft unter.

Als Verband wollen wir dranbleiben und das Thema immer wieder aufnehmen. Wir müssen auch Vorbild sein für die Jüngeren. Aber bis es völlig selbstverständlich ist, dass Bäuerinnen sozial abgesichert sind, dauert es wohl noch eine Generation.