Die Rinder und Ochsen auf dem Betrieb Gründelematt haben ein aufregendes Leben. Sie werden zwischendurch für die Westernreiten- Disziplin «Rancharbeit» eingesetzt. Dabei lernen die Cowboys und Cowgirls, mit ihren Pferden die Rinder zu sortieren, zu treiben und einzufangen. Dafür müssen die Rinder auch oft transportiert werden. «Das hat seine Vorteile», sagt der Betriebsleiter Stefan Schreiber, «wenn wir die Tiere für ihre letzte Reise zum Schlachthof verladen, sind sie sich das Verladen und den Transport gewöhnt und haben keinen Stress.» Der Betrieb «Gründelematt», auch «Stone Ranch» genannt, liegt eingebettet in den sanften Hügeln der Jura- Ausläufer in Wegenstetten AG. Familie Schreiber betreibt hier seit 36 Jahren Milchvieh-Haltung. Das Ungewöhnliche an der «Gründelematt » ist, dass die männlichen Kälber aus der Milchvieh-Haltung so lange auf dem Betrieb bleiben, bis sie als fünf bis sechs Monate alte Mastremonten an einen Weidemast-Betrieb verkauft werden.

Kälber werden zum schlechtesten Zeitpunkt verschoben

Auf den meisten Milchvieh-Betrieben werden drei bis vier Wochen alte Kälber an einen Händler verkauft, der die Tiere an Mast-Betriebe weiterhandelt. Dass die Kälber zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt transportiert werden, ist kein Geheimnis (siehe Grafik unten). Die passive Immunität, die das Kalb durch die Mutter und deren Kolostrum in sich hat, baut sich langsam ab. Gleichzeitig baut sich die eigene Immun-Abwehr des Kalbes langsam auf. Genau dann, wenn der Immun- Status des Kalbes am tiefsten und das Kalb somit am empfänglichsten für Krankheiten ist, werden sie vom Händler abgeholt und kommen mit anderen Kälbern aus anderen Ställen in Kontakt. Das Management auf dem Mast- Betrieb kann noch so gut sein. Der Betriebsleiter auf dem Mast-Betrieb weiss in der Regel nicht, wie es den Neuankömmlingen in ihren ersten Lebenswochen ergangen ist. Dann der Stress des Transports, die neue Umgebung, die hohe Keim-Belastung. «Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass die Kälber krank werden», sagt Tierarzt Christoph Notz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau FiBL. «Der Transport zu diesem Zeitpunkt bewirkt in den meisten Fällen einen massiven Einbruch in der Entwicklung des Kalbes», erklärt Notz.

Doch was ist ein möglicher Lösungsansatz? «Im besten Fall verschiebt man keine Kälber mehr in der Abtränkphase », sagt Stefan Schreiber von der «Gründelematt».

Eine Aufzucht auf dem Geburtsbetrieb ist sinnvoll

Was aus gesundheitlicher Sicht für die Tiere am meisten Sinn macht, findet in der Praxis bis jetzt kaum Anklang. «Milch-Produzenten produzieren lieber mehr Milch, als Raufutter, Milch und Platz für Mastremonten einzusetzen, für die sie keinen kostendeckenden Preis erhalten», sagt Schreiber. Kann die Branche in Zukunft auf ein Kälber-Verschieben verzichten? Auch Franz Steiner vom FiBL beschäftigt sich mit diesen Fragen. Laut dem Experten für Rindvieh-Haltung wäre dies absolut möglich und auch gefragt. Denn über 80 Prozent der männlichen Milchrasse-Kälber aus Bio-Betrieben kommen auf konventionelle Mast-Betriebe. Und das, obwohl die Nachfrage nach Bio-Rindfleisch da wäre. Laut FiBL-Fachmann Franz Steiner braucht es ein branchenübergreifendes Verständnis und Kompromisse, etwa auch ökonomischer Art. Dazu müsste man Anreize schaffen, damit die Milchvieh-Betriebe ihre Kälber nicht abstossen (siehe Interview auf Seite 53).

Stefan Schreiber verbucht pro Kalb 700 bis 800 Kilo Milch

Auf der «Gründelematt» werden die Kälber seit jeher zu Mastremonten herangezogen. Hierzu hat die Familie Schreiber verschiedene Altersgruppen rund um den Milchvieh- und Mutterkuh-Stall installiert. Nach der Abkalbung bleibt die Kuh 24 Stunden beim Kalb in der Abkalbe- Box. Danach kommt es in die Kälber- Gruppe. Getränkt wird von Hand. «Nach fünf bis sechs Monaten und rund 800 Kilo Milch sind sie abgetränkt », sagt der Betriebsleiter. Bei einem Milchpreis von 70 Rappen pro Kilo Milch kostet die Fütterung eines Remonts mit Milch also 560 Franken. 440 Franken rechnet Stefan Schreiber als Verkaufspreis, den er für ein männliches, milchbetontes Kalb erhalten würde. Total ergibt das einen Betrag von 1000 Franken. Diesen Betrag verbucht Stefan Schreiber vom Betriebszweig «Mastremonten» an den Betriebszweig «Milch-Produktion». Als Basis-Remontenpreis gilt die Bio Weide-Beef (BWB) Remonten- Preisliste mit Referenzpreis-Basis 200 kg. «Wir können unsere Remonten im Durchschnitt für rund 1500 Franken verkaufen», erklärt der zukünftige Betriebsleiter Silvan Schreiber. Die Familie Schreiber setzt auf verschiedene Absatzkanäle. «Durch Remonten, eigenes Ranch Beef und Bio Weide-Beef sind wir breiter abgestützt, als wenn wir alles im selben Kanal absetzen.» Die Familie Schreiber arbeitet deshalb mit verschiedenen Mast-Betrieben zusammen.

Seit 2010 arbeiten Schreibers ohne Antibiotika

«Vertrauen zwischen den Geschäftspartnern ist wichtig», betont Stefan Schreiber. «Es kann nicht sein, dass ein Landwirt das Gefühl hat, ich gebe ihm die ‹schlechteren› Tiere als einem anderen Mast-Betrieb». Aus diesem Grund behalten die Schreibers die ‹weniger geeigneten›, also die Milchrasse-betonten Mastremonten, als Weide-Beef bei sich. Die Qualität der leerfleischigen Tiere stehe den vollfleischigen in nichts nach. Im Gegenteil, die Rückenstücke hätten eine ideale Grösse. Als Nachteil der Aufzucht von Milchvieh-Kälbern nennt Schreiber den hohen Arbeitsaufwand für das Tränken, Füttern und Misten während vier bis sechs Monaten. Aber die bessere Gesundheit der Tiere kompensiert das und wirkt sich auch ökonomisch aus: So werden auf der «Gründelematt» in der Milch-Produktion schon seit 2010 keine Antibiotika mehr eingesetzt. «Wir sind der Gesellschaft etwas schuldig», ist Stefan Schreiber überzeugt, «und wir als Landwirte haben vieles in der Hand». Er ist überzeugt, dass die Schweizer Landwirtschaft von einer Aufzucht auf den Geburts-Betrieben profitieren könnte, weil die Kälber gesünder aufwachsen. Die beiden Landwirte sind überzeugt: «Konsumenten und Grossverteiler würden das zu schätzen wissen».