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Neuer Anbindestall dank Crowdfunding-Projekt «Rettet unser Heimetli»

Die Familie Käslin aus Ennetmoos NW bezog im Herbst 2020 mit ihren Kühen den neuen Anbindestall. Die Finanzierung war nur dank Crowdfunding möglich. Der Stall ist sehr übersichtlich und überzeugt durch hohen Kuh-Komfort.


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Kurz & bündig

  • Wegen Einsturzgefahr musste die Familie Käslin in Ennetmoos NW ihren 200-jährigen Stall abreissen.
  • Es war lange unsicher, ob die Finanzierung für einen Neubau zustande kommt.
  • Auf der Crowdfunding-Plattform Funders waren Käslins mit ihrem Projekt «Rettet unser Heimetli» sehr erfolgreich.
  • Fast 700 Leute unterstützten das Projekt mit insgesamt rund 200'000 Franken.
  • Der neue Kaltstall überzeugt durch hohen Kuh-Komfort.

 

Der neue Stall der Familie Käslin ist eine Augenweide. Und wer den alten Stall einmal gesehen hat, der traut seinen Augen kaum. Er ist das komplette Gegenteil zu vorher: Geräumig, hell, viel frische Luft, übersichtlich und mit einer effizienten und kraftsparenden Futterbereitstellung.

Doch der Weg dorthin war nicht einfach. Ob und wie die Finanzierung zustande kommen würde, war eine nervenaufreibende Sache. Vor einem Jahr, Ende Februar 2020, besuchte «die grüne» den Betrieb der Familie Käslin im Rahmen der Exkursion «Anbindestall optimieren» (siehe unseren Beitrag in «die grüne», 4/2020, www.dgrn.ch/anbindestall).

200-jähriger Stall: niedrig, dunkel und einsturzgefährdet

Andreas Käslin zeigte auf eindrückliche Weise, wie er das Maximum an Kuhkomfort im 200-jährigen Stall herausholt. Käslins Devise, kurz zusammengefasst: Kalk-Strohmatratze, Anbindung an Kette anstatt Nackenrohr, Verzicht auf Trennbügel, flexibler Gummilappen anstatt Bugbalken. Das Ergebnis: Höhere Fruchtbarkeit, durchschnittlich 800 kg höhere Milchleistung und das bei tiefsten Zellzahlen.

Betreffend Luft- und Lichtqualität war der Stall ungenügend. Zudem war es körperlich sehr anstrengend, in diesem Stall zu arbeiten. Wegen Einsturzgefahr musste Andreas Käslin den Stall mit Stützen unterstellen. «Es konnte so nicht mehr weitergehen», sagen Käslins. Sie mussten entweder viel Geld in einen neuen Stall investieren oder aufhören.

Die Finanzierung war ein Hürdenlauf

Eine neue Hypothek zu erhalten war nicht einfach. «Im Jahr 2016 bauten wir das Wohnhaus neu, was an sich schon eine grosse finanzielle Belastung ist», erklärt Martina Käslin. Für die Aufnahme einer weiteren Hypothek waren Käslins auf Eigenkapital angewiesen. Sie hofften auf Unterstützung einer Stiftung, wie zum Beispiel die Schweizer Berghilfe oder die Albert Köchlin-Stiftung.

Doch das stellte sich als schwierig heraus. «Die Gründe gingen alle in eine ähnliche Richtung», erklärt Martina Käslin. Einerseits war das Investitionsvolumen mit 1 Mio Franken hoch und zudem baue «man» heute doch keine Anbindeställe mehr. «Also rechneten wir einen Laufstall», erzählt Andreas Käslin.

Doch damit stieg die zu verbauende Fläche auf der kleinen Hofparzelle massiv an, und damit auch das Investitionsvolumen um etwa 100'000 Franken. «Es war aussichtslos, für unser Projekt von den Stiftungen Gelder zu erhalten», erklärt Martina Käslin, «also versuchten wir es auf eine andere Art: Mit Crowdfunding.»

Crowdfunding mit Funders: «Rettet unser Heimetli»

Doch ganz so einfach fiel den beiden dieser Schritt nicht. «Die Verzweiflung war gross», sagt Andreas Käslin, «aber es war unsere letzte und einzige Möglichkeit den Landwirtschaftbetrieb zu erhalten.» Aber ob es Leute geben würde, die das Projekt unterstützen würden, wussten Käslins nicht.

Das Finanzierungsziel zu definieren war schwierig, denn wenn das Projekt die Fundingschwelle nicht erreicht, bekommt man gar keine Gelder. Käslins entschieden sich für eine Schwelle von 100'000 Franken. Das Fundingziel lag bei 150'000 Franken. Höchst selten werden bei Funders so grosse Projekte finanziert.

Die Vorbereitung für das Crowdfunding-Projekt hatte es in sich. Mit Hilfe von Freunden und Bekannten drehten Käslins mit der ganzen Familie ein Erklär-Video und erstellten Texte für ihr Projekt bei Funders «Rettet unser Heimetli». Ausserdem legten Käslins die Gegenleistungen fest. Das waren zum Beispiel selber gemachte Alpen-Teeli, ein Augenschein auf der Alp Dossen mit «Zabig-Plättli» oder ein Exklusiv-Konzert im neuen Stall mit dem Jodlerklub Wiesenberg, dem Andreas Käslin angehört.

Was dann passierte, übertraf die Erwartungen von Martina und Andreas Käslin völlig. Fast 700 Leute unterstützen innerhalb von zwei Monaten das Projekt. Gemäss Funders kamen 221'000 Franken zusammen, also weit mehr als das Funding-Ziel von 150'000 Franken. Nach weiteren Abzügen (wie nicht eingetroffene Spenden sowie die 7 % Funders-Bearbeitungsgebühr und Gegenleistungen) standen der Familie Käslin rund 200'000 Franken für die neue Hypothek zur Verfügung.

Das erfolgreiche Projekt war eine grosse Erleichterung für die Familie. Besonders die Stallarbeit seit jetzt um ein Vielfaches leichter. Dennoch: Die Hypothek muss abbezahlt werden. «Es ist wichtig, dass man das berücksichtigt, denn das stellt eine sehr grosse Belastung dar», erklärt Martina Käslin. Sie und ihr Mann seien mehr denn je auf den Nebenerwerb angewiesen. Martina Käslin arbeitet in einem 20 Prozent-Pensum bei der Spitex, Andreas Käslin während den Wintermonaten in einem Vollzeit-Pensum als Zimmermann.

Das Crowdfunding-Projekt sei auch nach erfolgreichem Abschluss noch sehr intensiv, denn zum Beispiel die Augenscheine werden die Familie noch viele Monate beschäftigen. «Aber das sind immer spannende Begegnungen», hält Martina Käslin fest.

In knapp einem Jahr: Crowdfunding, bauen, beziehen

Parallel zum Crowdfunding lief der Endspurt der Planung. Kurz nach dem abgeschlossenen Crowdfunding Anfang April 2020 erhielten Käslins die Zusicherung für die neue Hypothek. Die Baueingabe und die Baubewilligung folgten Schlag auf Schlag.

Die Bauphase war intensiv. «Wir konnten auf die Unterstützung von Familie und Freunden zählen», erzählt Martina Käslin, «und ohne die beiden Zivildienstleistenden wäre es niemals möglich gewesen, die ganze Arbeit zu bewältigen.» Denn Käslins bewirtschaften die Alp Dossen bei Wolfenschiessen NW. Martina und Andreas Käslin brauchte es aber den ganzen Sommer auf dem Heimbetrieb. Der straffe Zeitplan ging auf und im Herbst 2020 bezogen die 15 OB-Kühe den neuen Stall.

Mit dem Neubau sind viele Möglichkeiten offen

Beim Rundgang durch den Stall erklärt Andreas Käslin, worauf er ein besonderes Augenmerk gelegt hatte. Martina und Andreas Käslin war es wichtig, dass sie sich und ihren Kindern mit dem Neubau viele Möglichkeiten offenlassen. «Er ist so gestaltet, dass man ihn nicht zwingend als Milchviehstall nutzen muss», erklärt Andreas Käslin. Schliesslich wüssten sie ja nicht, ob einmal und in welcher Form eines der Kinder den Betrieb übernehmen möchte. Käslins ordneten die Remise und den Stall so an, dass man auf dieser Fläche auf die doppelte Anzahl GVE erweitern könnte. «Es wäre sogar ein Laufstall möglich, wenn wir die Remise zur Liegehalle umgestalten würden», erklärt Andreas Käslin.

Der Stall ist sehr hoch und geräumig. «Wir haben bewusst nicht auf der ganzen Fläche Zwischenböden eingebaut», erklärt Käslin. Benötige er später mehr Raufutterlager, sei dies problemlos nachträglich machbar.

Übersichtlicher Stall erhöht Sicherheit für Mensch und Tier

Martina und Andreas Käslin war es wichtig, dass der Stall sehr übersichtlich wird und nicht unnötig Wände die Sicht versperren. Einerseits wegen der Kinder, aber auch wegen der Tierbeobachtung. «Wenn ich mit dem Kran arbeite, habe ich immer die volle Sicht auf den Boden und den ganzen Arbeitsbereich», erklärt Käslin.

Die Arbeit mit dem Kran macht der Familie besonders Freude und ist eine grosse Arbeitserleichterung. Die beiden ältesten Kinder Lara und Beno gehen damit schon genau so souverän um, wie ihre Eltern. «Im alten Stall war ein Kind schon ein Kind zu viel im Stall – es war gefährlich», sagt Martina Käslin. Jetzt sei das überhaupt kein Problem mehr, auch wenn alle sechs Kinder im Stall sind. «Das Wichtigste an einem Stall ist Luft, Raum und Licht», erklärt Andreas Käslin. Dass der neue Stall ein Kaltstall sein würde, lag auf der Hand.

Besonders markant sei die bessere Tiergesundheit bei den Kälbern. «Wir hatten noch nie so gesunde, vitale Kälber wie in diesem Winter», sagt Käslin sichtlich zufrieden.

Kaltstall wirkt sich positiv auf die Tiergesundheit aus

Bezüglich Kuh-Komfort hatte Andreas Käslin schon im alten Stall viele gute Erfahrungen gemacht.

«Wir bauten die alte Kalk-Strohmatratze wieder ein», erklärt der Landwirt. Auch hat er wieder auf sämtliche seitlichen Trennbügel, das Nackenrohr und den Bugbalken verzichtet. «Die Kühe liegen schnurgerade in ihrem Läger, wenn man ihnen vorne viel Raum lässt», sagt Andreas Käslin. Die Stützen mit der Kettenbefestigung sind so weit nach vorne versetzt, dass sie den Kühen nicht im Weg sind und sie ihren Kopf frei bewegen können.

Der Stall funktioniert einwandfrei dank genauer Planung

Die Planung und der Bau erfolgten durch die a&l Holzbau AG aus Dallenwil NW. Andreas Käslin arbeitet dort im Winterhalbjahr als Zimmermann.

Bei der Planung kam es auch mal zu hitzigen Diskussionen zwischen Andreas Käslin und seinem Cousin Ruedi Arnold, dem Inhaber der a&l Holzbau. «Ich sagte jeweils sehr klar, was ich im Stall drinhaben wollte», erzählt Käslin und schmunzelt. Es war nicht alles genau so umsetzbar, ein Konsens musste her. «Solche Diskussionen sind wichtig und haben sich gelohnt», sagt Käslin bestimmt, «der Stall funktioniert einwandfrei.» Einzig den Kuhtrainer vermisse er hin und wieder. Der Zusatzaufwand sei jedoch überschaubar bei dieser Tierzahl.

Trotz neuem Stall, die Arbeit auf dem Betrieb Käslin geht in Zukunft bestimmt nicht aus. Die Alphütte hat eine Renovation nötig. Und Martina Käslin überlegt sich sogar, ein Agrotouristisches Angebot aufzuziehen und die Wertschöpfung auf dem Betrieb zu steigern: «Feriengäste würden sehr gut zu uns passen.»

Betriebsspiegel Betrieb «Halten»

Martina und Andreas Käslin mitLara (13), Beno (11), Sina (9),Kira (8), Jael (6) und Elin (4), Ennetmoos NW

LN: 15,5 ha Grünland und 42,0 ha Alp «Dossen»

Tierbestand: 15 GVE

Betriebszweige: Milchproduktion für die Kälbermast, Aufzucht Original Braunvieh

Arbeitskräfte: Familie Käslin

«Rettet unser Heimetli» hat den Nerv der Zeit getroffen

Daniel Lütolf ist Leiter Vertrieb Funders.ch bei der Luzerner Kantonalbank AG. Er erklärt, worauf was es bei einem erfolgreichen Crowdfunding-Projekt ankommt.

 

Warum war das Projekt «Rettet unser Heimetli» so erfolgreich?

Daniel Lütolf: Erfolgreiche Projekte haben meist folgende Gemeinsamkeiten: Sie sind einfach zu verstehen, sie sind nachvollziehbar, sind sympathisch und sie wecken positive Emotionen. «Rettet unser Heimetli» hat offenbar einen Nerv in der Öffentlichkeit getroffen. Dadurch ist eine Eigendynamik entstanden, die sich so nie planen lässt. Dass die Projektstarter – besonders Andreas Kälin – mit den Jodlern in der Öffentlichkeit stehen, hat sicher auch bei der Verbreitung des Projektes geholfen.

Welches sind die grössten Stolperfallen beim Crowdfunding?

Das Wichtigste ist, dass die Community vor dem Projektstart aufgebaut werden muss. Es gibt immer wieder Projektstarter, die ein Crowdfunding-Projekt starten wollen, mit dem Ziel, Reichweite zu generieren. Dies ist klar ein falscher Ansatz und ein Denkfehler. Reichweite entsteht durch eine bereits vorhandene Community und kann so vergrössert und erweitert werden. Vielfach sind Projekte unklar formuliert und die Ziele sind zu vage.

Ebenso wird der Aufwand für ein Crowdfunding-Projekt oft unterschätzt. Bei grösseren Projekten haben wir oftmals eine Vorbereitungszeit von bis zu einem halben Jahr. Es braucht ein «gutes» Video, einen klaren Projekt-beschrieb sowie einen Marketing- und Kommunikationsplan. Dies beinhaltet z. B. Social Media Accounts, Newsletter, Website usw. sowie mögliche «Offline-Events», um Aufmerksamkeit zu wecken (z. B. mittels Flash-Mobs). Ein Crowdfunding-Projekt kann auch als Markttest gesehen werden: Funktioniert das Projekt überhaupt nicht, müssen die Starter wieder zurück auf Feld 1. Und dies beinahe kostenlos. So gesehen kann auch ein erfolgloses Projekt ein erfolgreiches Projekt sein.

Wie wichtig sind die Gegenleistungen?

Gegenleistungen sind grundsätzlich sehr wichtig und sind ein wesentlicher Treiber für den Projekterfolg. Gegenleistungen sollten immer attraktiv, limitiert und exklusiv sein. Also Leistungen, welche ich ausschliesslich beim Crowdfunding-Projekt erstehen kann (exklusiv). Vielfach machen wir auch einen klassischen Abverkauf von Produkten: Ganz nach dem Motto «der Schnellere hat es günstiger» (attraktiv). Die künstliche Verknappung einer Gegenleistung ist auch eine gute Möglichkeit (limitiert).

Klassische Spenden (also ohne Gegenleistungen) gibt es ab und zu bei sozial gelagerten Projekten. Aber der Umfang vom «Rettet unser Heimetli» ist sehr aussergewöhnlich und sehr selten. Sie haben – wie bereits erwähnt – wohl einen Nerv in der Öffentlichkeit getroffen.

Weitere Links

Käslins Crowdfunding-Video: www.dgrn.ch/video-rettet-unser-heimetli

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