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Kühe sind keine Klimakiller, sie verursachen nur 4,7% der Treibhausgas-Emissionen

Nutztierhaltung soll für 18 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich sein. Dieses Fazit einer Studie der UNO-Landwirtschaftsorganisation FAO ist falsch, erklärt Frank Mitloehner, Professor für Tierzucht an der University of California.


von Frank Mitloehner
Publiziert: 31.10.2019 / 18:00

Nutztierhaltung belastet das Klima mit 18 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen mehr als der gesamte Verkehr. Das glauben viele Menschen aufgrund einer Studie der UNO Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO mit dem Titel «Livestock's Long Shadow» aus dem Jahre 2006.

Eine vom Worldwatch Institute in Washington veröffentlichte Analyse mit dem Titel «Livestock and Climate Change» aus dem Jahr 2009 behauptet sogar, dass 51 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen aus der Aufzucht und Verarbeitung von Nutztieren stammen.

Weil die Nutztierhaltung vom Fleischkonsum der Konsumenten abhängt, appellieren Natur- und Umweltschutzorganisationen wie der WWF, für den Klimaschutz weniger Fleisch zu essen. Andere Organisationen sind radikaler und fordern sogar eine Fleisch-Steuer, damit die Menschen weniger Fleisch essen.

Die korrekten Zahlen über die Nutztierhaltung und Treibhausgase

Die Behauptung, dass die Fleisch-Produktion weltweit mehr Treibhausgase erzeugt als der gesamte Verkehrs-Sektor, ist nachweislich falsch. Sie wurde aber so oft im Brustton der Überzeugung wiederholt, dass sich die falschen Annahmen über den Zusammenhang zwischen Fleisch und Klimakrise in den Köpfen festgesetzt haben.

Tatsächlich sind nach Angaben der US-Umweltschutzbehörde Environmental Protection Agency EPA die grössten Quellen für die Treibhausgas-Emissionen der USA (2016 in Prozent der Gesamt-Emissionen):

  • 28 % Stromerzeugung
  • 28 % Verkehr
  • 22 % Industrie
  • 5,1 % Landwirtschaft, ohne Vieh
  • 3,9 % Landwirtschaft, nur Vieh

Die gesamte US-Landwirtschaft produziert also «nur» 9 Prozent der Treibhausgas-Emissionen der USA. Die Nutztierhaltung sogar «nur» 3,9 Prozent – also 5 Mal weniger als die FAO behauptet und sogar 13 Mal weniger als das Worldwatch Institute behauptet.

Und auch das offizielle Treibhausgas-Inventar von Kanada (Canada’s official greenhouse gas inventory) aus dem Jahre 2015 zeigt für die gesamte (!) kanadische Landwirtschaft einen ähnlich tiefen Anteil:

  • 45 % Stromerzeugung
  • 28 % Verkehr
  • 8 % Lecks und unbeabsichtigte Emissionen der Öl-/Gas-Gewinnung
  • 7 % Industrie
  • 8 % Landwirtschaft mit Vieh
  • 4 % Abfallverbrennung und Abwasserreinigung

Die gesamte kanadische Landwirtschaft produziert also «nur» 8 Prozent der nationalen Treibhausgas-Emissionen. Wenn man davon die Hälfte der Nutztierhaltung zurechnet, ist das 4,5 Mal weniger als die FAO behauptet und sogar 13 Mal weniger als das Worldwatch Institute behauptet.

Das liest sich ganz anders als die Behauptung, dass Vieh mehr Treibhausgas-Emissionen verursacht als der Verkehr.

Die Treibhausgas-Emissionen von Nutztieren sind im Vergleich zu fossilen Brennstoffen nicht vernachlässigbar, aber recht gering.

Woher kommt das Missverständnis? Im Jahr 2006 veröffentlichte die UNO Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO ihre Studie mit dem Titel «Livestock's Long Shadow», die international grosse Beachtung fand. Darin heisst wörtlich:

«Der Viehzucht-Sektor ist ein wichtiger Akteur und verantwortlich für 18 Prozent der Treibhausgasemissionen, gemessen in CO2-Äquivalenten. Dies ist ein höherer Anteil als der Verkehr.»

Diese Behauptung ist nachweislich falsch. Der leitende Autor des Berichts, Henning Steinfeld, hat sie inzwischen korrigiert.

Die FAO-Studie zu den Treibhausgas-Emissionen von Nutztieren hat einen fatalen methodischen Fehler

Das Problem war, dass FAO-Analysten bei den Klima-Auswirkungen der Nutztiere eine umfassende Ökobilanz zogen. Für den Verkehr verwendeten sie aber eine andere Methode.

Bei der Tierhaltung berücksichtigten die FAO-Forscher alle mit der Fleisch-Produktion verbundenen Faktoren:

  • Emissionen aus der Düngemittel-Produktion
  • Umwandlung von Wälder in Weiden
  • Anbau von Futtermitteln
  • Direkte Emissionen von Tieren (Rülpsen beim Wiederkäuen, Gülle) von der Geburt bis zum Tod

Als sie sich jedoch den CO2-Fussabdruck des Verkehrs ansahen, ignorierten die FAO-Forscher fatalerweise viele Auswirkungen auf das Klima wie:

  • Emissionen bei der Herstellung und Montage von Fahrzeugen
  • Emissionen bei der Instandhaltung von Strassen, Brücken und Flughäfen

Stattdessen betrachteten die FAO-Forscher nur die Abgase der fertig produzierten Autos, Lastwagen, Züge und Flugzeuge. Damit verzerrte die FAO den Vergleich des Treibhausgas-Ausstosses von Nutztieren mit denen des Transports.

Auf diesen Fehler habe ich schon in einem Referat am 22. März 2010 in San Francisco hingewiesen, was zu einer Flut von Medienberichten führte. Zur Ehrenrettung der FAO muss ich sagen: Sie hat ihren Fehler sofort eingesehen.

Leider war die anfängliche Behauptung der Organisation, dass das Vieh für einen grossen Anteil der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sei, bereits weit verbreitet. Bis heute kämpfen wir darum, die Zahl aus der Welt zu räumen.

In ihrer jüngsten Analyse mit dem Titel «Tackling Climate Change through Livestock» von 2013 schätzte die FAO, dass die Nutztierproduktion 14,5 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verursacht.

Für den Verkehr gibt es keine vergleichbare vollständige Ökobilanz. Der leitende Autor Henning Steinfeld hat aber gezeigt, dass die direkten Emissionen aus dem Verkehr gegenüber dem Viehbestand vergleichbar sind.

Der Verzicht auf Fleisch von Vegetariern und Veganer wird das Klima nicht retten

Viele Menschen glauben nach wie vor, dass es einen erheblichen Einfluss auf das Klima hat, wenn man auf Fleisch verzichtet.
Aber selbst wenn zum Beispiel die Amerikaner alle tierischen Proteine komplett aus ihrer Ernährung streichen, würde das gemäss einer aktuellen Studie die Treibhausgas-Emissionen der USA um nur 2,6 Prozent reduzieren.

In den USA gab es – wenn auch aus anderen Gründen – bereits im Ersten und Zweiten Weltkrieg einen «Meatless Monday»: Die Zivilisten assen am Montag fleischlos, damit die Soldaten im Feld genug Fleisch im Blechnapf hatten.

Unsere Studien an der University of California, Davis, haben ergeben: Würden alle Amerikaner Montags kein Fleisch essen, würde der Ausstoss von Treibhausgas-Emissionen der USA nur um 0,5 Prozent sinken.

Die Landwirtschaft muss mehr Fleisch produzieren für die Entwicklungs- und Schwellenländer

Darüber hinaus hat sich die Landwirtschaft weltweit in den vergangenen 70 Jahren stark verändert: In der Technologie, in der Genetik und im Management wurde die Tierproduktion viel effizienter.

Die Landwirtschaft verursacht aber auch immer weniger Treibhausgase. Laut der statistischen FAO-Datenbank sind die direkten Treibhausgas-Emissionen der Viehhaltung in den USA seit 1961 um 11,3 Prozent zurückgegangen, während sich die Fleischproduktion gleichzeitig mehr als verdoppelt hat. Die Nachfrage nach Fleisch steigt vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern. Dabei spielen der Nahe Osten, Nordafrika und Südostasien eine führende Rolle.

Der Pro-Kopf-Fleischkonsum in diesen Regionen hinkt jedoch immer noch dem der Industrieländer hinterher. 2015 betrug der durchschnittliche jährliche Pro-Kopf-Fleischverbrauch:

  • 92 kg in den Industrieländern
  • 24 kg im Nahen Osten & Nordafrika
  • 18 kg in Südostasien

In den Entwicklungsländern wird in den nächsten Jahrzehnten ein starkes Bevölkerungswachstum erwartet.

In Afrika wird ein Bevölkerungswachstum von 1,26 Mrd. Menschen auf 2,5 Mrd. im Jahr 2050 und sogar auf 4,5 Mrd. Menschen im Jahre 2100 erwartet. Mehr Menschen, die mehr Fleisch essen – unsere Industrieländer werden dort ihre nachhaltigen Aufzucht-Methoden einbringen können.

Eine Landwirtschaft ohne Vieh in den Industrieländern dagegen, würde die Treibhausgas-Emissionen nur minim senken. Dafür würde die Nahrungsmittelversorgung erschwert. Viele Kritiker der Tierhaltung betonen, dass Landwirte, die nur Pflanzen züchten, mehr Kilo Nahrung und mehr Kalorien pro Person produzieren könnten. Aber der Mensch braucht für seine Gesundheit auch essenzielle Mikro- und Makro-Nährstoffe.

Im Gegensatz zur Kuh kann der Mensch kein Gras verdauen

Und nicht alle Pflanzenteile sind essbar oder schmecken gut. Die Viehhaltung ist eine Möglichkeit, der Pflanzenzucht einen ernährungsphysiologischen und wirtschaftlichen Mehrwert zu verschaffen.

So ist zum Beispiel die Energie in Pflanzen, die Nutztiere fressen, am häufigsten in Zellulose enthalten. Und diese ist für den Menschen und viele andere Säugetiere unverdaulich. Kühe, Schafe und andere Wiederkäuer können aber Zellulose abbauen und die in dieser riesigen Ressource enthaltene Sonnenenergie freisetzen.

Laut FAO sind bis zu 70 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche weltweit Weideland, das nur als Weidefläche für Wiederkäuer genutzt werden kann. Wenn die Weltbevölkerung bis 2050 auf 9,8 Mrd. Menschen ansteigt, bringt die Ernährung so vieler Menschen immense Herausforderungen mit sich. Herausforderungen, die mit tierischem Eiweiss bewältigt werden können.

Fleisch ist pro Portion nährstoffreicher als vegetarische Produkte. Und Wiederkäuer fressen Futter, das nicht für den Menschen geeignet ist.

Die Viehzucht bietet zudem auch den Kleinbauern in den Entwicklungsländern ein dringend benötigtes Einkommen. Weltweit liefert Viehhaltung die ökonomische Lebensgrundlage für rund 1 Mrd. Menschen.

Das Fazit meiner Forschungen:

  1. Der Klimawandel erfordert dringende Aufmerksamkeit. Und die Tierhaltung hat einen grossen ökologischen Fussabdruck, der sich auf Luft, Wasser und Boden auswirkt.
  2. Zusammen mit der schnell wachsenden Weltbevölkerung sind das überzeugende Gründe, weiterhin an der Effizienz in der Tierhaltung zu arbeiten. Dabei sollte der Anfang allerdings mit wissenschaftlich fundierten Fakten gemacht werden.

Transparenz-Box

Frank Mitloehner ist im Department of Animal Science an der University of California UCLA in Davis bei Sacramento Professor für Tierzucht und Luftreinhaltung.

Der gebürtige Deutsche forscht dort an umweltfreundlichen Systemen in der Nutztierhaltung.

Der englische Original-Text wurde unter dem Titel «Yes, eating meat affects the environment, but cows are not killing the climate» in «The Conversation» veröffentlicht. «The Conversation» ist ein weltweites Nonprofit-Onlineportal von Wissenschaftlern und Forschern.

Der Text wurde von «die grüne»-Chefredaktor Jürg Vollmer aus dem Englischen übersetzt und in Zusammenarbeit mit Frank Mitloehner aktualisiert und ergänzt.

 

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