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Kannibalismus im Schweinestall

Praxis-Report der Tierärzte vom Schweinegesundheitsdienst der Suisag (SGD)

· Tierhaltung
Kannibalismus hat verschiedene Ursachen – vom ungünstigen Klima über mangelhafter Futter- und Wasserversorgung bis hin zu fehlender Beschäftigung. Praxis-Report der Tierärzte vom Schweinegesundheitsdienst der Suisag (SGD)

Kannibalismus hat verschiedene Ursachen – vom ungünstigen Klima über mangelhafter Futter- und Wasserversorgung bis hin zu fehlender Beschäftigung. Mit geeigneten Massnahmen kann Kannibalismus oft verhindert werden, aber nicht immer.

Der Auslöser für Kannibalismus im Schweinestall ist oft ungünstiges Klima: Zugluft, zu hohe oder zu niedrige Temperaturen, starke Temperatur-Schwankungen oder Schad-Gase. Durch diese Faktoren wird die Aktivität der Tiere und damit auch die Aggressivität erhöht.


Die Vorgaben der Tierschutzgesetzgebung zur Belegungsdichte sind das absolute Minimum. Jüngere Tiere haben einen grossen Spieltrieb und Bewegungsdrang, sie benötigen dementsprechend viel Platz. Schweine sind vor allem in den frühen Morgenstunden und Nachmittagsstunden aktiv. Während dieser Zeit sollten die Tiere nicht umgruppiert oder anderweitig gestresst werden, da diese vermehrte Unruhe wiederum zu Kannibalismus führen kann.


Neben dem ungünstigen Klima sind mangelhafte Futter- und Wasserversorgung die Auslöser


Aber auch die Fütterung hat grosse Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Schweine. Eine optimale Zusammensetzung des Futters versorgt die Hochleistungs-Tiere von heute mit allen nötigen Aminosäuren, Mineralstoffen und Vitaminen.


Eine Belastung des Futters und somit des Tieres mit Mykotoxinen oder anderen Giftstoffen führt zu Unruhe, die Kannibalismus auslösen kann. 
Daher sollte nur einwandfreies Futter, das eventuell einen Mykotoxin-Binder enthält, unter optimalen hygienischen Bedingungen eingesetzt werden.


Die Schweine müssen rund um die Uhr Zugang zu frischem, sauberem Trinkwasser haben. Die Wasserversorgung ist insbesondere um den Absetz-Zeitpunkt sehr wichtig, damit der «Flankenbeiss-Effekt» verhindert wird. Die Wassertemperatur ist wichtig, da zu kaltes Wasser von den Absetzferkeln weniger gut getrunken wird und zu Unwohlsein und Durchfall führen kann.
 

Beschäftigungs-Möglichkeiten sind eine Möglichkeit, Kannibalismus zu verhindern
 

Auch Krankheiten mit Störungen des Allgemeinbefindens (Fieber, Schmerzen, Bauchweh) können Kannibalismus auslösen. Hautveränderungen durch Sonnenbrand oder bakterielle Erkrankungen sind oft mit starkem Juckreiz und Unruhe verbunden. Die betroffenen Schweine empfinden dann das «Anknabbern» als angenehm. Wurmbefall kann zu Juckreiz am Anus führen.
Um auch vorübergehende Stresssituationen und damit verbundene Unruhe ohne Probleme zu überstehen, müssen den Schweinen jederzeit Beschäftigungs-Möglichkeiten zur Verfügung gestellt werden. 

Das Beschäftigungs-Material muss beweglich, kaubar, gesundheitlich unbedenklich und in ausreichender Menge verfügbar sein. Körbe mit Stroh oder Heu sind sehr zu empfehlen. Sie können einfach und schnell befüllt werden, und befriedigen den Spieltrieb der Tiere, da sich die Körbe bewegen. Das Raufutter kommt nicht mit dem Kot in Berührung und bleibt sauber, frisch und attraktiv.


In einigen Fällen kann keine klare Kannibalismus-Ursache gefunden werden. Es kommt in den schönsten Label-Ställen vor. Wichtig ist, dass sofort richtig reagiert wird.


Massnahmen bei Kannibalismus:

Separieren: Wenn nur ein Tier die Schwänze anbeisst, muss der Beisser von den anderen Tieren getrennt werden. Wenn der Beisser nicht eruiert werden kann oder schon mehrere Beisser vorhanden sind, müssen die verletzten Tiere in die Krankenbucht verstellt werden.


Behandeln der betroffenen Tiere: Betroffene Tiere mit einem entzündeten Schwanzstummel müssen mit Antibiotika behandelt werden. Die Behandlung muss in jedem Fall über mehrere Tage erfolgen, da es sonst trotz Behandlung zur Bildung von Abszessen kommen kann. Diese können einerseits auf den Wirbelkanal drücken und zu Hinterhandlähmungen führen. Andererseits kann es im Rahmen der Fleischkontrolle zu Beanstandungen kommen.


Eingesetzte Medikamente müssen im Behandlungsjournal eingetragen werden. So kann im Zweifel bewiesen werden, dass betroffene Tiere behandelt wurden (Tierschutz-Aspekt). Die Wartefristen vor der Schlachtung müssen in jedem Fall eingehalten werden.


Ablenkung in den Buchten: Sofort muss mehr Beschäftigung angeboten werden, um die Tiere auf andere Gedanken zu bringen. Dafür sind Heu und Stroh im Korb besonders gut geeignet. Brennnesseln, Papiersäcke oder Weisstannen-Äste in die Bucht geben, Salz am Boden verstreuen oder als Leckstein anbieten. Beim Salz-Einsatz auf genügend Tränke-Möglichkeiten achten. Anschliessend sollte die mögliche Ursache des Kannibalismus eruiert und eliminiert werden (siehe Checkliste).


Homöopathische Unterstützung: Im Gegensatz zur Schulmedizin kann mit der Homöopathie das Gemüt der Tiere erreicht werden und so der Stress-Level der Schweine gesenkt werden.


Wenn die Aggressivität der Tiere deutlich erhöht ist, wenn sie einem in die Stiefel beissen und wild mit den Schwänzen wedeln wie Hunde, ist Nux vomica (Brechnuss) oft das Mittel der Wahl. Zeigen sie ein feiges Verhalten, wehren sich nicht gegen ranghöhere, stärkere Tiere, zeigen aber Aggressivität gegenüber rangtieferen Tieren, ist Lycopodium (Keulenbärlapp) in gewissen Fällen hilfreich.


Es gibt weitere Stressmittel wie Stramonium (Stechapfel), wenn Tiere wild, jähzornig und aggressiv erscheinen und starken Bewegungsdrang haben. Oder Hyoscyamus (Bilsenkraut), wenn die Tiere rasend vor Wut sind mit einem Verlangen zu beissen und zu kämpfen, gleichzeitig aber eher ängstlich sind. Für ein bösartiges Einzeltier, welches versucht zu verletzen oder zu töten, ist Aurum (Gold).


Die Verabreichung soll in der akuten Phase stündlich gemacht werden. Einfach geht es mit einem nur für Homöopathika eingesetzten Wasserzerstäuber direkt auf die Schleimhäute der Rüsselscheibe, Maul und Augen. Da die Haut der Rüsselscheibe keine gute Resorption ermöglicht, soll genügend Flüssigkeit aufgebracht werden, dass die Tiere ihre Nase mit der Zunge ablecken. Sobald auch dank zusätzlicher Beschäftigung und Entfernung des Übeltäters aus der Bucht wieder Ruhe in der Gruppe eingekehrt ist, soll mit der Behandlung aufgehört werden. 

Bericht im September-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Anna Müller-Keller

Bild: Suisag

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