kurz und bündig

  • Die Milchproduktion und die Zahl der Milchproduzenten sind 2019 gesunken, die Produktion pro Betrieb ist weiter gestiegen.
  • Der Milchpreis ist insgesamt stabil bis leicht steigend. Einerseits, weil der B-Milchpreis anzieht, andererseits, weil der Grüne Teppich den A-Milchpreis leicht erhöht.
  • Einfacher wird es im Milchmarkt aber nicht: Die Konkurrenz aus dem Ausland ist stark, die Erwartungen der Konsumenten sind viel
fältig und teils widersprüchlich.

1. Wie hat sich die Produktion entwickelt?

Die Milchproduktion hat 2019 um 1,6 Prozent abgenommen. Gemäss dem Marktlagebericht der Schweizer Milchproduzenten SMP entspricht der Rückgang einer Menge von 55'157 t. Insgesamt wurden im letzten Jahr
3'399'271 t Milch abgeliefert. Die Produktion stellten dabei gemäss Zahlen des Bundesamtes für Landwirtschaft BLW noch 19'048 Milchproduzenten sicher. Pro Betrieb lieferten sie im Durchschnitt 172'669 kg Milch.

2. Was sind die Gründe für den Mengenrückgang?

Für den Rückgang verantwortlich sind einerseits die nach wie vor sinkende Zahl der Schweizer Milchproduzenten und damit der kleiner werdende Milchkuhbestand und andererseits geringe Futtermengen und -Qualitäten. Ersteres resultiert aus dem Strukturwandel, der in der Milchbranche im vergangenen Jahr tiefer ausfiel als in den Vorjahren. Letzteres ist eine Folge des zu trockenen Sommers 2018.

3. Was hat es mit dem Strukturwandel auf sich?

Der Strukturwandel in der Schweizer Milchproduktion ist im Jahr 2019 erstmals seit zehn Jahren wieder unter drei Prozent gesunken. So blieben von den 19'568 im Dezember 2018 gezählten Höfen deren 19'048 bis Ende 2019 im Geschäft, während 520 Höfe aufgelöst, fusioniert oder stillgelegt wurden. In den Vorjahren war der Rückgang stärker und betrug jährlich bis zu 879 Betriebe (2013).

4. Wie hat sich der Milchpreis entwickelt?

Das ist schwer zu sagen. Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW unterscheidet vier Milchpreise:

  • für den gesamten Milchmarkt
  • für konventionelle Molkereimilch
  • für konventionelle Käsereimilch
  • für Bio-Milch

 In der langfristigen Betrachtung haben sich die Milchpreise in der Schweiz seit 2016 weitestgehend stabilisiert:

  • Durchschnittlicher Milchpreis
    von 60.64 auf 64.24 Rappen gestiegen
  • konventionelle Molkereimilch
    von 54.51 auf 58.05 Rappen gestiegen
  • konventionelle Käsereimilch
    von 71.26 auf 72.95 Rappen gestiegen
  • Bio-Milch
    von 78.29 auf 81.57 Rappen gestiegen

Zwar liegt das Preisniveau nach wie vor unter den Rekordjahren 2008 und 2014, als die durchschnittlichen Preise bei 78.29 respektive 68.23 Rappen lagen. Wie das BLW errechnet hat, liegt der durchschnittliche Produzentenpreis um 0.66 Rappen über dem Zehnjahres-Durchschnitt.

Dass sich das Preisniveau insgesamt stabilisiert hat, zeigt nicht nur der Produzentenpreis, sondern auch der Molkereimilchpreis-Index. Dieser ist seit Herbst 2016 eigentlich kontinuierlich angestiegen und wieder auf dem Niveau von 2011 angekommen.

Der Molkereimilchpreis-Index setzt sich aus verschiedenen Komponenten zusammen und wird vom BLW erhoben. Für die Milchbranche ist er deshalb relevant, weil er als Gradmesser für Anpassungen beim A-Milch-Richtpreis eingesetzt wird:

  • Liegen der Index (respektive der basierend auf dem Index berechnete Milchpreis und Richtpreis) mehr als 1.5 Rappen auseinander, ist eine Richtpreisanpassung möglich.
  • Liegen sich die Branchen-Akteure wegen den Richtpreisen in den Haaren, gilt der Index als Referenzwert und Ersatz des Richtpreises.

5. Verdienen Bauern heute mehr als zur Zeit der Kontingentierung?

Das ist schwierig zu sagen. Denn der Verdienst ist vom Umsatz und den Kosten abhängig. Der Umsatz, der mit der Milchproduktion pro Betrieb erzielt werden kann, ist in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen. Grund dafür ist weniger die Entwicklung der Milchpreise, als vielmehr die Vergrösserung der Betriebe. Deutlich wird das an einer einzigen Zahl: Den abgelieferten Milchmengen pro Betrieb.

Diese Mengen sind markant gestiegen – und zwar von rund 108'000 kg im Jahr 2006 auf über 172'000 kg im Jahr 2019. Übersetzt auf eine Milchkuh-Herde mit einem 7000-kg-Durchschnitt heisst das, dass jeder Milchproduzent seine Herde seit 2006 um neun Tiere vergrössert hat.

Die Wirkung auf den Umsatz ist dabei augenfällig: 2006 setzte ein Milchproduzent mit dem Verkauf von Milch knapp 80'000 Franken um – 2019 waren es knapp 111'000 Franken.

Gemäss der zentralen Auswertung der Buchhaltungsdaten im Agrarbericht 2019 ist das landwirtschaftliche Einkommen ebenfalls leicht steigend:

  • 2016: 55'000 Franken landwirtschaftliches Einkommen
  • 2018: 59'320 Franken landwirtschaftliches Einkommen

Das Einkommen von ausserhalb der Landwirtschaft ist dabei im gleichen Zeitraum von 27'660 auf 28'376 Franken gestiegen.

Unter dem Strich und über die ganze Schweiz betrachtet, scheinen die Milchwirtschaftsbetriebe von den mit der Betriebsvergrösserung verbundenen Skalen-Effekten zu profitieren.

Zwar zeigen Durchschnittszahlen einen positiven Trend, sie lassen aber ausser Acht, dass die Produktionsmenge der Mehrheit der Betriebe unter dem Durchschnitt liegen. Grund dafür ist die Verteilung der Betriebe nach Grössenklasse. Demnach produzieren die meisten Betriebe 50'000 bis 100'000 kg Milch.

6. Wie wird die Milch verarbeitet?

2019 wurden folgende Milchprodukte hergestellt (in Klammern die Entwicklung gegenüber dem Vorjahr):

  • 868'022 t Molkereiprodukte (-1,6 %)
  •    195'114 t Käse (+2,0 %)
  •    40'079 t Butter (-5,1 %)
  •    23'468 t Magermilchpulver (-6,2%)
  •    14'667 t Vollmilchpulver (+8,4 %)

7. Was passiert im Biomilch-Markt?

Der Schweizer Biomilch-Markt ist derzeit nicht ganz im Gleichgewicht: Das Angebot ist seit Anfang 2020 aufgrund 155 neuer Knospe-Produzenten grösser als die Nachfrage.

Die Konsequenz ist bekannt: die neuen Vollknospe-Betriebe müssen bis Ende 2020 in den konventionellen Kanal und zu konventionellen Preisen liefern. Bio Suisse will damit den Zusammenbruch des Biomilch-Marktes verhindern.

Zwar ist die Produktion und der Absatz von Schweizer Biomilch seit 2005 kontinuierlich gestiegen, ein Mengenwachstum von zusätzlichen 23'000 t Biomilch lässt die Nachfrage durch die Konsumenten bisher nicht zu. Für die milchstarken Monate im Frühling ist mit erheblichen Milchüberschüssen zu rechnen – in den milchschwachen Sommermonaten derweil mit Engpässen.

8. Werden die Schweizer Milchbauern bestohlen?

Vielleicht. Einerseits entscheidet jeder selbst, ob er Milch produziert. Andererseits ist die Abhängigkeit zu Milch-Abnehmern und -Verarbeitern offensichtlich. Ebenso deren Abhängigkeit von den beiden Detailhändler Migros und Coop.

Der Wettbewerb ist aber in keinem anderen landwirtschaftlichen Teilmarkt so stark wie im Milchmarkt:

  • Die Konsumenten haben die Wahl zwischen zahlreichen inländischen Angeboten.
  • Die Konsumenten können aber auch (billigere) Import-Produkte kaufen.

Dieser Wettbewerb hat zur Folge, dass die Margen vergleichsweise schmal sind und die Preis-Weitergabe insgesamt funktioniert – das wenigstens zeigen Agroscope-Studien.

Dass der Markt insgesamt funktioniert, wird mit den tiefen Milchmengen deutlich: Einzelne Verarbeiter haben Mühe, zu den tiefen Preisen genügend Milch zu beschaffen. Selbst Emmi-CEO Urs Riedener sagt in einem Interview mit der «BauernZeitung», dass die tiefen Milchmengen einen marktbereinigenden Effekt haben.

9. Was bringt der Grüne Teppich?

Der Grüne Teppich bringt höhere Anforderungen für die Produktion und einen Preis-Bonus von drei Rappen je Kilo Milch für A-Milch.

Gleichzeitig haben seit Juli 2019 die B-Milch-Anteile deutlich zugenommen. Das höhere Interesse an B-Milch ist gemäss Marktlagebericht Januar bei den Vorgaben zum Grünen Teppich zu suchen. So ist die Produktionsmenge von Industriekäse, der aus B-Milch hergestellt werden darf,  deutlich gestiegen. Laut SMP sorgt der Grüne Teppich als Branchenstandard nun dafür, dass die Milchkäufer sauber gemäss Reglement nach A- und B-Milch abrechnen würden. Bisher hätten einzelne Milchkäufer A-Milch für Exportprodukte zu Preisen weit unter dem Richtpreis eingekauft.

Ausserdem ist der Konsum von Milch, Joghurt und Rahm rückläufig, was die Nachfrage nach A-Milch zusätzlich drückt.

Immerhin: Die steigende Nachfrage nach B-Milch führt zu steigenden Preisen. So liegt der Preis für verkäste B-Milch seit November 2019 wieder über dem LTO+-Preis, dem Mindestpreis für Käsereimilch.

Wie die SMP sagen, haben sich bereits 8000 Milchproduzenten für den Standard angemeldet – rund zwei Drittel der Molkereimilch ist bereits für Swissmilk Green angemeldet.

10. Wie wirkt sich der Grüne Teppich auf die Käsereimilch-Produzenten aus?

Es gilt der Beschluss der BO Milch: Der Standard gilt für sämtliche Milch, die Produzenten müssen sich dafür bei der DB Milch registrieren. Für Molkereimilch des A-Segments muss zudem ein Zuschlag von drei Rappen bezahlt werden.

Sortenkäse dürfen das Swissmilk-Green-Logo einsetzen – sofern sie wollen. Es müssen sich aber genügend Produzenten angemeldet haben, damit der Käser die Einhaltung der Massenbilanz gewährleisten kann.

Es gibt Produzenten, welche die Anmeldung bei DB Milch auch bei Käsereimilch von einer Preiserhöhung bei den ausbezahlten Milchpreisen abhängig gemacht haben. Eine Vorgabe durch die BO Milch gibt es hier allerdings nicht.

Für Hart-, Halbhart- und Weichkäse, die mit Molkereimilch – im Prinzip Silomilch – hergestellt werden, muss der Nachhaltigkeitszuschlag gemäss Reglement der BO Milch ebenfalls separat auf der Milchgeld-Abrechnung ausgewiesen werden.

Für Silomilch-verarbeitende Käser ist die Anforderung schwer umsetzbar. Sie argumentieren, dass der mit dem Branchenstandard verbundene Preisaufschlag am Markt nicht geltend gemacht werden kann.

11. Kann der Grüne Teppich das gesamte Preislevel erhöhen?

Das ist der Plan. Wie stark der Effekt tatsächlich sein wird, muss sich erst noch zeigen und ist nicht zuletzt davon abhängig, ob sich Swissmilk Green an der Ladenfront etablieren kann.

Rein rechnerisch hat die Erhöhung des Richtpreises für A-Milch um drei Rappen von September bis Dezember 2019 zu einer zusätzlichen Wertschöpfung von 26 Mio Franken geführt.

Umgerechnet auf den durchschnittlichen Landwirtschaftsbetrieb hat der Grüne Teppich demnach den Umsatz um 1300 Franken gesteigert.

Für die Berechnung wurden folgende Annahmen getroffen:

  • A-Milch-Richtpreis von 68 Rappen franko Rampe im Szenario ohne Branchenstandard
  • Nicht berücksichtigt sind Abzüge (u.a. Importabwehr, Transportkosten)

12. Wie gross kann die Preisdifferenz zum Ausland sein?

Die Milchpreis-Differenz zum Ausland stieg im Herbst 2019 erneut an. Gemäss dem BLW-Marktbericht vom Oktober/November 2019 lag der durchschnittliche Milchpreis in den drei Nachbarländern je Kilo Milch massiv unter dem Schweizer Milchpreis:

  • Deutschland30.81 Rappen
  • Österreich 29.52 Rappen
  • Frankreich 28.84 Rappen

Noch höher war die Preisdifferenz 2015 und 2016. Damals hat die Branche entschieden, das Preisgefüge im Inland mit einem damals verhältnismässig hohen A-Milch-Preis von 68 respektive ab April 2016 mit 65 Rappen je Kilo Milch franko Rampe zu stabilisieren.

In dieser Zeit kam es zu heftigen Diskussionen darüber, wie viel der Richtpreis überhaupt wert ist – weil die Differenz zwischen den tatsächlich ausbezahlten Preisen und dem Richtpreis zunahm und dessen Glaubwürdigkeit gefährdete. Erst mit der Marktbereinigung in der Schweiz und in der EU hat sich die Diskussion beruhigt.

13. Büssen die Milchproduzenten mit der AP 22+ weiter Wettbewerbsfähigkeit ein?

Das ist noch abhängig von der anstehenden Parlamentsdebatte zur Agrarpolitik AP 22+. Die Schweizer Milchproduzenten haben im Februar 2020 bereits angekündigt, dass noch einiges zu klären bleibt.

Unter anderem wird der erwartete Rückgang beim Selbstversorgungsgrad sowie die Abwesenheit von besseren wirtschaftlichen Perspektiven kritisch betrachtet.

Unter dem Strich deutet im Moment wenig auf eine substanzielle Verbesserung hin. Das ist insofern bedauerlich, als dass die Milchproduzenten schon mit der Agrarpolitik 2014-17 unter die Räder gerieten und sich erst noch im einzigen teil-liberalisierten Agrarmarkt der Schweiz behaupten müssen.

14. Was erwarten die Konsumenten von den Milchbauern?

Das ist schwierig zu sagen. Einerseits sagte der Präsident der Schweizer Milchproduzenten, Hanspeter Kern, an der SMP-Delegiertenversammlung 2019, «die Konsumenten erwarten nachhaltig hergestellte Produkte». Bei Milch könnten das sein:

  • Wiesenmilch, bei der die Kühe dafür sorgen, dass durch den Weidegang CO2 gebunden wird.
  • Heumilch, bei der auch die Kühe dafür sorgen, dass durch den
    Weidegang CO2 gebunden wird.
  • Nach neustem Stand der Technik mit Hochleistungs-Kühen produzierte Silomilch, bei welcher der Ressourcen-Verbrauch pro Kilo Milch am tiefsten ist.

Was nachhaltig hergestellte Produkte genau sein sollen, ist also eine Definitionsfrage.