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Pick-up-Serie | VW Amarok Double Cab «Canyon»

Der «Canyon» begeistert auf dem Hof der Mühle Lamperswil im Thurgau.

· Landtechnik
Pick-up-Serie | VW Amarok Double Cab «Canyon» begeistert auf dem Hof der Mühle Lamperswil im Thurgau.

Pick-up-Serie | Mit dem Amarok lancierte VW erst 2010 und damit sehr spät einen Pick-up. Dennoch rollte der Amarok aus dem Stand in die Spitze der Verkaufsstatistik. Und
begeistert auf dem Hof der Mühle Lamperswil im Thurgau.

Ein bisschen geht es hier zu wie in der Mühle von «Krabat» aus dem gleichnamigen Jugendbuch. Eben erklärt Marc Nyffenegger noch ein Mahlwerk – und schon ist er verschwunden. Als wäre er davon geschwebt. Zauberei? Nein, der mühlentypische Bremsaufzug: Rasant und lautlos fliegen die Mitarbeiter der Mühle Lamperswil TG über die seilbetriebene Plattform ein Stockwerk höher, statt sich auf der Treppe mühsam unter Rohren und Leitungen durchzuschlängeln.

Nichts zu hören von Klappern und Bachrauschen, dafür Kindergeschrei vom nahen Freizeitpark Connyland. Und das Tickern und Tackern der Schäl- und Mahlwerke. Die ältesten sind von 1934, vom Zürcher Betrieb Daverio und Cie. gebaut.

Vor über 470 Jahren wurde die Mühle Lamperswil erstmals erwähnt. Nachdem sein Urgrossvater sie 1872 übernahm, betreibt Müller Urs Wahrenberger sie heute in vierter Generation.

Mehr als 3000 Tonnen Getreide werden hier jedes Jahr zu Futtermittel oder Mehl verarbeitet. Hinzu kommen jedes Jahr 1000 bis 2000 Tonnen Dinkel. Der Dinkel wird vorwiegend unter dem Label UrDinkel angebaut, das lokale Produktion mit kurzen Transportwegen und den Erhalt der Kulturlandschaft in traditionellen Anbauregionen sichern soll. 90 Prozent des Dinkels werden in Lamperswil geschält und dann aus Kapazitätsgründen an andere Mühlenbetriebe weitergegeben. Aus den übrigen 200 Tonnen mahlt Wahrenberger sein eigenes Dinkelmehl.

Die 25 Mehl- und Korn-Produkte auf der Preisliste – von Knöpflimehl bis zu Weizenkernen – vertreibt er direkt ab Mühle und beliefert Bäckereien und einige Detailhändler; hinzu kommen noch mehrere Futtermischungen für die Tierzucht.

Eine Menge zu tun für einen Pick-up wie den VW Amarok. Das Korn kommt per Lastwagen, aber für die Feinverteilung der Produkte wäre er mit einer knappen Tonne Nutzlast genau richtig. Natürlich wird nichts davon einfach auf die Pritsche gekippt, auch wenn sie mit einem federbetätigten Alu-Roll abgedeckt ist.

Mit dem Amarok machte es Volkswagen 2010 wie meistens: Man wagt sich erst spät in ein neues Segment – aber schiesst dann wie mit dem Bremsaufzug in der Mühle auf Platz 1 bei den Verkaufszahlen.

Das Design fügt sich zwischen die VW-Personenwagen, das Interieur sieht aus wie in jedem Volkswagen. Viele Ausstattungsdetails wurden übernommen. Ausserdem hat der Amarok die breiteste Ladefläche der Klasse am entscheidenden Punkt zwischen den Radhäusern. Und echte 3,5 Tonnen Anhängelast. In Lamperswil könnte so eine Menge Mehl aufs Mal ausgeliefert werden. Den Testwagen in Quietsch-Orange und Canyon-Ausstattung hat VW auf Abenteuer gebürstet: Hinter der Doppelkabine ragt ein Lampenbügel auf, der mit Scheinwerfer-Bestückung bei 2,10 Metern Höhe allerdings viele Parkhäuser zur Tabu-Zone macht. Ausserdem wurden die Oberflächen im Interieur verbessert und ein neues Navi montiert. «Sehr schön gemacht», lobt Urs Wahrenberger. Beim Schliessen der Tür merkt man jedoch: Der Amarok ist und bleibt ein Nutzfahrzeug.

In der Mühle Lamperswil treiben rund 100 Elektromotoren die Schäl- und Mahlwerke an; einen Teil des Stroms liefert dabei eine Francis-Wasserturbine im Souterrain.

Im Amarok bleibt es aber beim Dieselmotor; des hohen Drehmoments wegen. Der Volkswagen ist der einzige im Segment, der nur mit einem V6-Turbodiesel angeboten wird. Allerdings in verschiedenen Leistungsstufen mit 163, 204 oder 224 PS. Künftig wird zusätzlich auch eine 258-PS-Version lieferbar sein.

Nötig im Nutzfahrzeug? Definitiv nicht, aber die höhere Laufruhe gegenüber einem Vierzylinder soll wohl mehr Privatkunden locken. Die Leistungsentfaltung der 204 PS des Testwagens ist bestechend, ebenso die Fahreigenschaften. Ausserdem ist der Geradeauslauf hervorragend; es gibt nur wenige Pick-ups, die so nahe an das Fahrgefühl eines normalen Autos herankommen.

Bis auf das Basismodell mit Hinterradantrieb ist im Amarok immer ein 4×4-Antrieb an Bord – zuschaltbar mit manuellem Getriebe oder permanent mit Achtstufen-Automatik. Letztere Kombination lässt sich so nur beim Amarok ordern und verteilt die Antriebskraft im Verhältnis von 40:60 zwischen Vorder- und Hinterachse.

Einst klapperten alleine im Thurgau über 200 Mühlen – heute sind es in der Schweiz nicht einmal mehr 50. Die vier Grossmühlen darunter mahlen mit insgesamt 4 Mio Tonnen rund 86 Prozent des in der Schweiz verarbeiteten Getreides.

Wahrenberger sieht dennoch positiv in die Zukunft seiner Mühle: Mit Marc Nyffeneger steht schon ein Nachfolger bereit. Regionale Produkte und Dinkelmehl gewännen weiter an Bedeutung bei der Kundschaft. «Ausserdem kann man bei uns das Mehl sozusagen direkt ab Mahlwerk kaufen. Wir und die Kunden schätzen den direkten Kontakt.» Beiden gehe es nicht um schiere Menge, sondern um Qualität. Auslieferung mit dem Lastwagen? Dann doch lieber mit einem Pick-up.

Der Autor Andreas Faust ist Soziologe, Ex-Chefredaktor der «Auto-Illustrierten» und heute Managing Director der Bärtschi Media AG (Auto-Testberichte u.a. für «Blick», «SonntagsBlick» und das «Migros-Magazin»)

Bericht im Oktober-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Andreas Faust

Bild: Mattias Nutt

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