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StandPunkt: Agrarpolitik – wie weiter im Pflanzenschutz?

StandPunkt von Dr. Robert Finger, Professor für Agrarökonomie und Agrarpolitik an der ETH Zürich

· Agrarpolitik
StandPunkt von Dr. Robert Finger, Professor für Agrarökonomie und Agrarpolitik an der ETH Zürich

Pflanzenschutzmittel (PSM) stehen im Zentrum aktueller Diskussionen: drei wichtige Neonikotinoide wurden verboten, Glyphosat-Debatten halten an, die Trinkwasserinitiative und die Initiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» stehen, vielleicht nicht vollkommen chancenlos, vor der Tür. Darüber hinaus wird die Privatwirtschaft in Zukunft stärker für Einschränkungen beim Pflanzenschutz sorgen, da die aktuellen Diskussionen «glyphosatfrei» und «pestizidfrei» zu einem guten Marketingargument machen.

Klar ist, dass die durch PSM hervorgerufenen Risiken für Mensch und Umwelt reduziert werden müssen. Der Aktionsplan PSM geht dabei in die richtige Richtung. Jedoch zeigt die aktuelle Dynamik, dass aus Sicht der Gesellschaft ambitioniertere und transparentere Schritte aller landwirtschaftlichen Akteure nötig sind. 


Es braucht einen Systemwechsel, der mit Vehemenz aber auch Augenmass vollzogen wird. Alternativen zum Einsatz von PSM müssen gestärkt und besonders riskante PSM-Anwendungs-Strategien ersetzt werden. Dazu braucht es sowohl eine Förderung von Alternativen als auch griffige Anreizmechanismen, um Veränderungen anzustossen. Anforderungen im ÖLN und spezifischen Direktzahlungsprogrammen könnten schrittweise angepasst, aber auch alternative und neue Strategien gezielt unterstützt werden. Dabei sollte ein breites Portfolio aus ackerbaulichen, biologischen und mechanischen Strategien, aber auch neuen Technologien und Ansätzen, zur Anwendung kommen. 


Breit angelegte Verbote von PSM, die über die im Zulassungsprozess verankerten Eckpfeiler hinausgehen, sollten dabei nicht im Vordergrund stehen. Statt den Einsatz bestimmter oder aller PSM kurzfristig zu verbieten, soll dieser mittel- bis langfristig sinnvoll reduziert werden.  


Eine differenzierte Lenkungsabgabe auf PSM kann in einem Strategie- und Massnahmenbündel eine sinnvolle Ergänzung sein. Wir zeigen in unseren Arbeiten, dass dabei PSM mit höheren potenziellen Risiken für Umwelt und menschliche Gesundheit mit höheren Abgaben belegt werden sollten. Höhere Preise für risikoreichere Produkte geben Anreize zur Substitution hin zu weniger risikoreichen Produkten sowie alternativen Strategien. Diese Ausgestaltung bedeutet zudem eine klare Anbindung an die Risikoreduktionsziele im Aktionsplan des Bundesrats. Einnahmen aus einer Lenkungsabgabe sollen rückvergütet und damit Instrumente gefördert werden, die das Risiko des PSM-Einsatzes weiter reduzieren und so zusätzliche Hebelwirkungen auf den PSM-Einsatz ermöglichen. Diese umfassen insbesondere Instrumente ohne negative Auswirkung auf Erträge, zum Beispiel durch Förderung besserer Ausbringungstechnik, alternativer Anbauverfahren, des biologischen Pflanzenschutzes, innovativer technischer Lösungen, Beratung usw. Durch diese Art der Rückvergütung in den Sektor bleiben sowohl negative Einkommens- als auch Ertragswirkungen gering. So kann eine Lenkungsabgabe den benötigten Systemwechsel nachhaltig unterstützen.


Es braucht jedoch bei allen Schritten eine holistische agrarpolitische Perspektive. Einschränkungen des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln können zum Teil negative Effekte für andere Agrar-Umweltziele implizieren. Zum Beispiel kann ein Verzicht auf Herbizide kurzfristig zu mehr Erosion, Emissionen und Bodenverdichtung führen. Zudem können Kosten des Pflanzenschutzes steigen und die Qualität von Nahrungsmitteln aus Sicht der Konsumenten sinken. Diese Zielkonflikte sind zumindest kurzfristig nicht völlig auszuschliessen und müssen akzeptiert und quantifiziert, sowie mittelfristig vermieden werden. Ziel unserer Forschung ist es, in diesem Spannungsfeld notwendige Entscheidungsgrundlagen zu erarbeiten.

www.agrarpolitik-blog.com
 

StandPunkt im November-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

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