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Same Traktoren, Don Camillo & Peppone

Landtechnik-Serie: Same hat in Tevigio (I) eine der modernsten Traktoren-Fabriken gebaut

· Landtechnik
Unternehmens-Portrait der SDF-Gruppe: Im norditalienischen Treviglio bauen sie Traktoren von 70 bis 150 PS in schier endloser Vielfalt: Deutz-Fahr, Hürlimann und Lamborghini – und natürlich Same.

Landtechnik-Serie | Die SDF-Gruppe baut im norditalienischen Treviglio Traktoren von 70 bis 150 PS in schier endloser Vielfalt: Deutz-Fahr, Hürlimann und Lamborghini – und natürlich Same. Pro Tag werden bis zu 100 Traktoren produziert.

Der Wasserturm mit dem Same-Logo zeigt in Treviglio schon von weitem den Standort der SDF-Traktorenfabrik. Die Stadt liegt zwischen Mailand und den Alpen. In den Schwarzweiss-Filmen aus den 1950er Jahren fetzten sich hier die Streithähne Don Camillo und Peppone. Don Camillo ist der zweifelnde Priester und Peppone als überzeugter Kommunist der Bürgermeister, Dorf-Schmied und Traktoren-Mechaniker.


Traktoren waren der Stolz italienischer Arbeiter. Die Mechanisierung der italienischen Landwirtschaft war mit ihrem wärmeren Klima, den Obst-Plantagen, Weinbergen und Oliven-Hainen immer schon vielfältiger als nördlich der Alpen. Entsprechend vielfältig entwickelte sich die Industrie.
Im Verkehrskreisel von Treviglio steht heute noch ein Traktor. Und am Giorni di Libertà – dem Tag der Befreiung – fährt eine Parade historischer Traktoren durch die Stadt. Ein Erlebnis für alle Freunde der gepflegten Feinstaub-Entwicklung und des ohrenbetäubenden Lärms langsamarbeitender, grossvolumiger und selbstzündender Einzylinder-Motoren.


Same hat in Treviglio (I) eine der modernsten Traktoren-Fabriken Europas aufgebaut


Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es in Norditalien eine schier unüberblickbare Menge kleiner Traktoren-Hersteller. Die Dorf-Schmiede reparierten sie alle. Manchmal auch mit brachialer Gewalt, etwa wenn Peppone, alle Heiligen verfluchend, mit dem grossen Hammer auf einen bockenden Traktor einschlug, während Don Camillo danebenstand und dachte: «O Herr, lass mich nicht werden wie dieser da!» (Filmausschnitt in Youtube: www.dgrn.ch/peppone, 2:39 Min.)


Mittlerweile haben sich die Traktoren-Hersteller nach und nach konsolidiert. In der SDF-Gruppe sind neben Same als Stammmarke von Treviglio auch Lamborghini, Hürlimann und Deutz-Fahr aufgegangen.


Die hier hergestellten Traktoren von 70 PS bis 150 PS erfreuten sich schon früh grosser Beliebtheit in der Schweiz. Der Grund dafür war vor allem der zentrale Allrad-Antrieb. Damit wurden die italienischen Traktoren zum Renner in den Bergen.


Heute ist Treviglio eine der grössten und modernsten Traktoren-Fabriken Europas, in der 100 Maschinen pro Tag produziert werden. Bei unserem Besuch um 11 Uhr vormittags zeigt eine grosse Anzeigentafel, was schon produziert wurde: 31 Traktoren, 39 Getriebe, 28 Kabinen und 29 Motoren.
Die Produktionszahlen sind unterschiedlich, weil nicht alle Traktoren eine Kabine haben und Teile oder ganze Traktoren für andere Marken gebaut werden. Neben dem Same-Rot, Deutz-Fahr-Grün, Hürlimann-Grün und Lamborghini-Weiss fahren grüne oder gar dunkelrote Traktoren anderer Marken übers Montageband. Die Konkurrenz schätzt die Produkte aus Treviglio und verkauft sie unter eigenem Namen, wenn es mal eine Lücke im Sortiment gibt.


Arbeiter für Präzision und Sorgfalt, die Maschinen für das rekordverdächtige Tempo


Treviglio ist eine Fabrik, in der buchstäblich die Späne fliegen. Allerdings nicht wie früher durch die ganze Halle, sondern kontrolliert hinter den Glasscheiben der computergesteuerten Fertigungszentren. Dafür umso schneller. Hier wird gebohrt, geschraubt und gefräst. Dort türmen sich Motorblöcke. Eine Halle weiter werden Kabinen geschweisst, dahinter die Vorderachsen montiert.


«Die Arbeit in der SDF-Fabrik hat sich in den letzten Jahren grundsätzlich gewandelt», betont Andres Graf. Er arbeitet seit 1981 mit Same-Traktoren und ist seit 1995 bei der Schweizer Tochtergesellschaft der SDF-Gruppe angestellt.


Graf kennt die SDF-Fabrik in Treviglio in- und auswendig: «Dank stetig hohen Investitionen und Umbauten können die Werker heute viele arbeitserleichternde Werkzeuge nutzen. In den Pausenräumen können die Mitarbeiter miteinander plaudern. Danach werden die Arbeiten mit höchster Konzentration und dank der neuen Beleuchtung und Lüftung im Rhythmus des Ruhe-Pulses ausgeführt.»


Die Ruhe hat System. Von den Angestellten wird Präzision und Sorgfalt verlangt. Das verträgt sich nicht mit Hetze. Für die Geschwindigkeit sind die Maschinen zuständig. In Treviglio gibt es keine gemächlich vor sich hindrehenden Drehbänke mehr. Stattdessen werden in den Hochgeschwindigkeits-Fertigungszentren im Rekordtempo Werkzeuge gewechselt und Teile ausgespuckt.


Damit ist SDF ein beliebter Arbeitgeber in der Region. Gleichzeitig aber immer noch ein Familienbetrieb, der für die eigenen Arbeiter und für die vielen Zulieferer rund um Treviglio sorgt.


Von den 100 Traktoren pro Tag ist keine einzige Maschine mit einer anderen vergleichbar


Dabei besteht ein grosser Teil der Arbeit in der Fabrik nicht aus Produktion, sondern aus Koordination. «Noch in den 1980er Jahren wurden die Traktoren mit wenig Optionsmöglichkeiten auf Halde gebaut. Händler und Kunden konnten nur aus wenigen verschiedenen Modellen auswählen», erzählt Andres Graf.


«Heute wird jeder Traktor genau nach den Wünschen des Käufers konfiguriert und auf Bestellung produziert.» Kein Traktor auf der ganzen Produktionslinie ist identisch. Alleine aufgrund der unterschiedlichen Achsbreiten und Felgenvarianten sind Traktoren von 1,7 Meter bis 2,55 Meter Aussenbreite möglich.

Sichtbar wird dies bei den extremen Schmalspur-Traktoren vom Typ Same Frutteto für Weinberge oder Oliven-Plantagen («die grüne» Heft 8/2018). «Mit diesen kleinen, wendigen Traktoren können die historischen Kulturlandschaften schonend bewirtschaftet werden, die Jahrhunderte vor der Erfindung des Dieselmotors angelegt wurden», erklärt Andreas Graf. Same ist deshalb Weltmarktführer bei den Schmalspur-Taktoren. Und selbst bei diesen gibt es alle Varianten mit Schaltgetriebe, Lastschaltgetriebe oder stufenlosem Getriebe.

Die Vielfalt auf dem Montageband ist gigantisch. Es gibt Einstiegsmodelle, die aufs reine Ziehen ausgerichtet sind. Daneben werden Traktoren ohne Kabine oder mit hochluxuriöser Kabine gebaut, und solche mit klappbarem Sturzbügel, deren höchster Punkt das Lenkrad ist. Solche Niedrigst-Traktoren werden vor allem in Folientunnels gebraucht.


Die Ausstattung der Traktoren variiert auch länderspezifisch. In der Schweiz, wo der Besteller meist den Traktor selber fährt, werden komfortablere Maschinen verkauft. In grosslandwirtschaftlichen Betrieben, die von angestellten Managern geführt werden, entscheiden sich die Finanzchefs oft für weniger Optionen. Dafür kaufen sie gleich mehrere Traktoren «auf einen Rutsch».


Komfort in der Kabine ist wichtig für die Gesundheit der lenkenden Landwirte


Immer wichtiger werden die Kabinen. Sie galten lange als verzichtbarer Luxus, waren anfangs kaum mehr als ein Dach gegen den Regen. Erst später bekamen die Kabinen Seitenwände und Verglasungen – und sind heute hochkomplizierte Konstrukte. Die Kabine soll den Fahrer schützen, ihm möglichst guten Überblick ermöglichen und ein Arbeitsumfeld bieten, in dem er acht und mehr Stunden täglich konzentriert arbeiten kann.


Heutige Kabinen sind deshalb nicht mehr einfach Aufsätze auf den Traktor, in die Löcher für Lenkrad und Pedalerie gebohrt werden. Sie sind eigenständige Konstruktionen, komplett dicht und ohne Durchbrüche.


So gibt es im Gegensatz zu einem Auto keinen mechanischen Lenktrieb mehr, sondern das Lenkrad betätigt direkt den aussen an der Kabine angebauten hydraulischen Lenk-Servo-staten. Dadurch lassen sich die Temperatur sowie der Lärm ausserhalb der Kabine konstant halten.


Und es können Komfortfunktionen wie eine Schnelllenkung realisiert werden, die bei Same SDD genannt wird. Durch Knopfdruck kann der Fahrer die Zahl der nötigen Lenkrad-Umdrehungen mit SDD halbieren, was sich vor allem bei Rangiermanövern positiv auswirkt. Und selbstverständlich ist die Kabine von Vibrationen abgekoppelt, optional gefedert, die Luft klimatisiert und gefiltert.
 

Die Traktor-Türe bläst den Staub aus dem Filter in der Kabine und schützt damit den Fahrer


Das kann man als Luxus betrachten, ist aber auf einem Traktor wichtiger als im Auto. Wer einen Arbeitstag lang auf einem Traktor sitzt, ist viel grösseren Mengen an Staub und Vibrationen ausgesetzt, als während einer Stunde täglich mit dem Auto auf einer sauberen Asphaltstrasse. Und für die Gesundheit zählt jedes Staubkorn, das vorher weggefiltert wird und somit nicht in die Lunge gerät.


Die grossen, vollverglasten Kabinen mit ihren riesigen Glastüren bringen aber Probleme mit sich, die man beim Auto so nicht kennt. Die Traktor-Türen sind so gross geworden, dass sie ohne Luftauslass in der Kabine nur mit entsprechender Kraft geschlossen werden können. Denn beim Schliessen der Türen drücken sie so viel Luft in die Kabine, dass Entlüftungen eingebaut werden müssen.


Aber auch dafür hat Same eine clevere Lösung. In den modernen Kabinen wird die von den Türen in die Kabine gepresste Luft durch die Luftfilter wieder nach aussen geleitet. Damit werden die Filter jedes Mal von innen heraus ausgeblasen und gereinigt, wenn die Kabinentür geschlossen wird.


Angesichts neuer Technologien wie dem CVT Getriebe und weiterer Finessen würde der grobmotorig veranlagte Peppone aus den Schwarzweiss-Filmen der 1950er-Jahre mit seinem grossen Hammer ratlos vor dem Traktor stehen. Heutige Landmaschinen-Mechaniker sind hoch qualifizierte Spezialisten.


In der Schweiz gibt es gut 150 SDF- Landmaschinen-Händler – 50 alleine für Same – oft über Generationen gewachsene Familienbetriebe, die aus Dorfschmieden entstanden sind. Einer dieser Betriebe betreut den ganzen Kanton Tessin. Der Chef ist aufgrund seines Engagements bei den Kunden sehr geschätzt und gut vernetzt. Das ist entscheidend in der Branche.


Oder wie Don Camillo sagen würde: «Peppone ist der Chef dieser gottlosen Kommunisten-Bande. Aber Signor Giuseppe Bottazzi (Peppone ist der Rufnahme für Guiseppe) ist der Bürgermeister und ein ehrenwerter Mann.»

Bericht im September-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Andreas Schwander
Bild: zVG

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