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SchweizerDeutsch rund um die Kartoffel: «Mit Ägeri-Härdöpfel gegen den Hunger»

Die Dialekt-Kolumne von Urs Schweizer rund die Kartoffel

· Landleben
Die Dialekt-Kolumne von Urs Schweizer rund die Kartoffel

Die aus Kartoffeln gebratene Rösti ist eine uralte Tradition? Tatsache ist, dass wir die Kartoffel erst mit einer Hungersnot entdeckt haben.

Wir Schweizer haben die Kartoffeln nicht freiwillig entdeckt. Im Gegenteil. Noch im 18. Jahrhundert warnte man: «Hüet dich sunderbar vor Erdöpfel!» Was sicher daran lag, dass man damals die Knollen roh essen wollte, was zum «Tutswitt» (sofortigem Durchfall) oder Schlimmerem führte.

Die Kartoffeln könne man nur dazu brauchen, um Läuse loszuwerden: «Wasch dein Haupt mit dem Saft von Erdöpfel, also werden die Niss getödt», die Eier der Kopfläuse.

Erst mit der grossen Hungersnot 1816 landeten die Kartoffeln im doppelten Sinne des Wortes in den Kochtöpfen. Und notgedrungen gab es Kartoffeln bis zum Gehtnichtmehr:

«Am Morge sur» (an saurer Brühe), «z’Mittag in der Mundur» (Schale), «z’Nacht gschwellt und ane gschtellt», beklagte sich ein Bürger. 

An anderen Tischen war man dankbar für die Kartoffeln, welche die Familie vor dem Verhungern retteten: «Man söll zwei Mal am Tisch beten, wenn man Härdöpfel hat».

Die ärmsten Familien erhielten «ein Blätz Land zur Anpflanzung von Härdöpfeln», weshalb sie abschätzig als «Härdöpfler» bezeichnet wurden. Die Kinder dieser armen Hungerleider wurden wegen ihren Hungerbäuchen und aufgedunsenen Gesichtern als «Härdöpfel-Buch» und «Härdöpfel-Gsicht» verspottet. Zum Schluss aber etwas Positives und Gluschtiges zum Ausprobieren: Findige Innerschweizer Bäuerinnen unterbrachen nämlich die eintönige Kost mit «Ägeri-Härdöpfel». Sie schnitten Kartoffeln in fingerdicke Scheiben, «die gesotten und mit einer Tunke aus Birnenhonig ohne Salz und Butter verspeist werden». En Guete!

Die SchweizerDeutsch-Kolumne im September-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Urs Schweizer

Bild: Fotolia

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