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«Plötzlich Bauer» – Über Schweine

Wie es Sebastian Hagenbuch beim Versuch ergeht, seine Ideen und zwei Höfe unter einen Hut zu bringen.

· Tierhaltung

Ich bin nicht mit Schweinen aufgewachsen. Sicher, ich kannte Grossvaters alten leeren Schweinestall. Das war ein dunkles, muffiges Loch, das ich beim «Versteckis» spielen gemieden habe. Erstmals etwas mehr mit Schweinen zu tun hatte ich in der Lehre in Vechigen. Dort hielten wir Mastschweine mit Auslauf. Ich lernte, wie mit den Tieren umzugehen ist, wie man Futter in den Trog schüttet, mistet und ein krankes Tier behandelt, ohne dass die ganze Nachbarschaft Verdacht auf Tierquälerei schöpft. Ansonsten interessierte ich mich aber deutlich mehr für die anderen Tätigkeiten auf dem Hof. Im abschliessenden Lehrjahr in Hermetschwil hielten wir zwar keine Schweine. Dort lernte ich jedoch etwas über die Vorzüge der Schweinegülle. Als ich auf den Mühlehof ging, war ich etwas skeptisch, was die Schweinehaltung anging. Ich könnte nicht sagen, dass ich bis dahin wirklich gerne mit diesen Tieren gearbeitet habe. Zudem werden sie – anders als beispielsweise die Mastmuni – zu unsäglichen Zeiten mitten in der Nacht verladen, was mich immer etwas gestresst und aus dem Rhythmus gebracht hat. Meine Beziehung zu den Vierbeinern mit Ringelschwänzchen konnte sich also eigentlich nur verbessern. Fakt ist, dass auf dem Mühlehof ein Schweinestall steht. Also übernahm ich den Stall samt Tieren, ohne mir gross Gedanken zu machen. Und meine Beziehung zu den Schweinen, die besserte sich mit der Zeit markant. Aus folgenden Gründen:

Da wäre zunächst einmal das Verständnis für die Tiere. Wie sie funktionieren, was sie mögen, was nicht. Das langsame Entwickeln eines «Gschpüris», wenn etwas nicht ganz in Ordnung ist. Und natürlich auch die Freude an guten Zunahmen. Je besser man etwas versteht, desto eher bereitet es einem auch Freude. Zumindest in jener Phase, in der die Zunahme an Erkenntnissen ähnlich gross ist wie die Gewichtszunahme der Tiere.


Ebenfalls war es eine schöne Arbeit, den Stall umzubauen und mit dem Einzug der ersten Jager zu schauen, ob alles so funktioniert, wie wir uns das vorgestellt haben.

Die Schweine sind auch äusserst unterhaltsame Tiere. Sie haben auf dem Mühlehof Auslauf. Zahlreiche Passanten mit Kindern amüsieren sich jeweils, wenn die Allesfresser Äpfeln oder ihren Artgenossen hinterherjagen oder sich bei der Sprinkleranlage abkühlen. Sollte man je unter Komplexen aufgrund mangelnder Aufmerksamkeit leiden, so empfehle ich eine «Gummistiefel-im-Schweinestall»-Therapie. Mehr Aufmerksamkeit geht nicht.

Da wäre dann noch die Sache mit der Verpflichtung, die Tiere mit sich bringen. Bis jetzt stört es mich nicht, «angebunden» zu sein. Nicht zuletzt, weil Schweine mehr Flexibilität zulassen als beispielsweise Milchvieh. Im Gegenteil: Oftmals schätze ich die Routinearbeit im Stall als Einstieg in den Arbeitstag. Das gibt eine gewisse Struktur, auch wenn es auf dem Feld drunter und drüber geht. Das gibt auch Zeit, wach zu werden, die Gedanken zu ordnen und den Tag grob zu planen.

Natürlich machen Schweine nicht bloss einfach glücklich. Kranke Tiere im Stall schlagen auf die Laune, und je nach Windrichtung kann die Duftnote der Tiere sehr intensiv sein. Ebenfalls ist die tägliche Verpflichtung mit den Stallarbeiten teilweise auch eine Belastung. Das letzte Problem sollte sich aber organisatorisch beheben lassen.

Über Geld habe ich bisher gar noch nicht gesprochen. Das kann ich auch noch nicht, dazu muss erst einmal ein ganzes Jahr ausgewertet werden. Wenn am Schluss nur Gülle und nichts im Portemonnaie bleibt, dann werden wir kaum den Durchlauferhitzer spielen – Struktur im Alltag und Freude an den Tieren hin oder her.

StandPunkt im November-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Sebastian Hagenbuch 

Bild: Bruno Muff

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