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«Plötzlich Bauer» – Fazit nach einem halben Jahr

Wie es Sebastian Hagenbuch beim Versuch ergeht, seine Ideen und zwei Höfe unter einen Hut zu bringen.

· Tierhaltung,Landleben
«Plötzlich Bauer» – Fazit nach einem halben Jahr

Es folgt hier keine Abhandlung über den Gebrauch von Smartphones, den Konsum von Algen-Babykiwi-Smoothies oder die Pflege üppiger Hipster-Bärte. Mein neuer Lifestyle beinhaltet anderes, obwohl auch ich ein Smartphone nutze und einen Bart trage – letzteres allerdings eher aus praktischen denn aus stilistischen Gründen. Nein, nach einem halben Jahr auf dem Mühlehof ist jetzt der Moment für ein erstes Zwischenfazit gekommen.

Praktisch betrachtet kann ich sagen, dass auf dem Mühlehof nun doppelt so viele Pensionspferde sind wie zu Beginn des Jahres. Dass wir den Stall umgebaut und von der Muttersauenhaltung auf reine Mast umgestellt haben. Wir haben schöne Süsskartoffeln, Popcornmais und auch sonst überwiegend erfreuliche Kulturen auf unseren Feldern. Trockene Jahre sind im Reusstal gute Jahre. Die Wohnung ist neu vermietet, wir haben Störche und Turmfalken beim Flügge-Werden beobachtet und das Haus neu eingerichtet. Die obligatorischen Geranien natürlich nicht zu vergessen.

Nichts ist mehr, wie es war. 

Man hätte es ja erahnen können. Vor kurzem noch war ich Student (mit Nebenjobs), gefolgt vom Zivildienst in Äthiopien. Dass da der Start ins Hofleben mit der Verantwortung über den Mühlehof einem Bruch gleichkommt, leuchtet ein, und doch hat es mich rückblickend überrascht. Vermutlich, weil man sich das Meiste gar nicht richtig vorstellen kann, wenn man es nicht erlebt hat. Und selber auf einem Hof Verantwortung zu tragen, das kannte ich so noch nicht.

 

In den ersten Tagen war ich primär nervös. So viel Neues, so viele Fragezeichen, so viele Zweifel, ob ich dem allem gewachsen sein würde. Das alles ist nun einigermassen gewichen, aber vermutlich aus einem grossen Hauptgrund: Ich habe nicht mehr gross Zeit, allen Fragezeichen und Zweifeln nachzuhängen. 

 

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Ich arbeite zwar genug, aber sicherlich gibt es unter Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, sehr viele, die deutlich mehr leisten – und das nicht erst seit sechs Monaten, sondern seit Jahren und Jahrzehnten. Dieses «Leisten» nimmt naturgemäss viel Raum ein. Es sollte aber nicht der einzige Gradmesser für einen Bauer sein.

 

Ein Freund sagte mir einmal, dass es als Landwirt schwieriger sei, weniger zu arbeiten, als Tag und Nacht zu krampfen und dass er es fast mehr bewundere, wenn sich jemand ein vernünftiges Leben neben der ganzen Arbeit organisieren kann. Die Arbeit ist nämlich omnipräsent, sobald man aus der Tür geht, während das Nichtstun bewusst geplant sein muss.

 

Ohne zu sehr in Seelenstriptease abzugleiten, möchte ich festhalten, dass mich dieses halbe Jahr verändert hat. Ich wurde ausgeglichener (oder konstanter?), was wohl damit zu tun hat, dass ich immer etwas zu tun hatte. Keine längeren Momente, in denen nichts auf dem Programm stand, keine Zeit für Leere, Sinnfragen und Ähnliches. Aber auch weniger Zeit für Freunde, Familie und Hobbies. Für Wanderungen, Bücher lesen oder Pingpong spielen.

 

Das soll hier kein Gejammer sein, sondern eine Feststellung. Ich empfinde meine Situation durchaus als Privileg. Es gibt so viele Möglichkeiten, und unser Leben ist vielseitig und abwechslungsreich. Wir wohnen sehr schön, haben gute Nachbarn und sind gesund. Ich bin jedenfalls gespannt, wozu wir in Zukunft «Ja», aber auch, wozu wir «Nein» sagen werden. 
 

Text: Sebastian Hagenbuch

Bild: Bruno Muff

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