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Perlhühner mit einem Touch «Wild»

Auf dem Wendelinhof der Familie Vock in Niederwil AG leben 120 Perlhühner

· Tierhaltung

Jung & Wild | Auf dem Wendelinhof der Familie Vock in Niederwil AG leben 120 Perlhühner. Dazu kommen Gänse, Truten, Poulets und eine grosse Mutterkuhherde. Vielseitigkeit auch in den Ackerkulturen gehört zur Philosophie des Biohofs.

Esther Vock leitet zusammen mit ihrem Mann und ihren Schwiegereltern den Wendelinhof im aargauischen Niederwil. Ein vielstimmiges Geschnatter begrüsst einem auf dem Kiesweg, der zum Hof führt. Rechts weidet eine Herde Gänse, links stehen die Ställe für die Mastpoulets, geradeaus ist ein Perlhuhn zu hören. Die Hühner werden alle in Aussenställen auf Weiden gehalten. Das erlaubt ihnen, ihren natürlichen Bedürfnissen wie Staubbaden, Picken und Scharren nachzugehen. 

«Die Betriebsgeschichte hat vor vierzig Jahren begonnen», erzählt Esther Vock. Ihr Schwiegervater Hans Vock habe damals von Milchkühe auf Mutterkühe umgestellt. Seine Berufskollegen hätten ihn ausgelacht. Hans Vock liess sich davon nicht beirren, er stellte den Hof zusätzlich auf Bio um. Schliesslich begann er mit der Geflügelhaltung und begründete die KAG Freiland mit. «Er ist ein Pionier», sagt Esther Vock. Seither wird auf dem Hof das Geflügel nach den Richtlinien von Bio Suisse und KAG Freiland gehalten. Geflügel ist auf dem Wendelinhof mehr als Poulets: Es gibt auch Truthähne und Gänse. Am Ende kamen noch die Perlhühner dazu.

Sie sind richtig speziell. Denn die Schweizer Perlhuhnproduktion findet in einer kleinen Nische statt. Die grossen Perlhuhnlieferanten in Europa sind an erster Stelle Frankreich, gefolgt von Italien. Bereits im Altertum war das zarte, aromatische Fleisch mit dem Touch «Wild» bei Feinschmeckern beliebt. Die Familie Vock beliefert fünf Globus-Filialen in den grossen Schweizer Städten mit biologisch produziertem Perlhuhn-Fleisch. Der komplette Verzicht auf Antibiotika in der Geflügelhaltung gehört für die Familie Vock an vorderste Stelle in der Tierhaltung. Zudem erzählt Esther Vock (nicht ohne Stolz), dass das das Geflügel seit vielen Jahren sehr gesund sei. Sie führt das auch darauf zurück, dass sich die Tiere tagsüber auf einer Weide aufhalten können. Die Weiden werden nach jeder Schlachtung gewechselt.

Esther Vock muss Überzeugungsarbeit leisten und die höheren Preise erklären

Ganz ohne ist die Produktion nicht. Die Familie Vock versucht, die Kosten für die Fleisch-Produktion so tief wie möglich zu halten. Die Futterpreise sind ein Thema. Denn ganz ohne Eiweiss-Träger geht es auch in der extensiven Geflügelmast nicht.

Esther Vock muss einiges an Überzeugungsarbeit leisten. «Leute, die sich nicht mit der Thematik Bio auseinandersetzen, verstehen oft den Grund für den hohen Kilopreis nicht», sagt sie. Sie will die die Kundenzufriedenheit hoch halten. Dies sei manchmal bei den Bestellungen schwierig, wenn das Tier schwerer oder leichter ist als bestellt. Beim Perlhuhn sei dies kein sehr grosser Gewichtsunterschied, bei den Truthähnen oder den Gänsen könne dieser allerdings beträchtlich sein.


Die Hygiene beim Schlachten sowie die Kühlkette sind zusätzliche Faktoren, die absolut stimmen müssen. Dafür hat die Familie beträchtliche Summen in die Kühlung investiert, um auch den strengen Kontroll- und Lagerungsvorschriften gerecht zu werden. 

Das Geflügel wird auf der hofinternen Schlachterei stressfrei und professionell geschlachtet. Das Fleisch wird im Hofladen oder über Drittverkäufer vermarktet. Sogar im Tessin hat der Hof einen Abnehmer. Die Geflügelschlachterei, erklärt die Landwirtin, sei auch für andere Betriebe eine Herausforderung. Denn Rinder oder Schweine würden an vielen Orten in der Schweiz geschlachtet.

Betrachtet man die Situation beim Geflügel, so zeige sich, dass es schweizweit nicht viele Schlachthöfe gebe. Die langen Transportwege würden sich nicht nur auf das Wohlbefinden der Tiere, sondern auch auf die Preise auswirken.

Die artgerechte Haltung von Geflügel ist aufwändig, hat aber Zukunftspotenzial

Kundenorientierung ist für Esther Vock sehr wichtig. Sie hat ursprünglich in der Werbung gearbeitet. Auf dem zweiten Bildungsweg hat sich für die Landwirtschaft entschieden.

Das Marketing und der persönliche Kundenkontakt helfen, die Leute auf die Preisfrage zu sensibilisieren und auf die Produkte-Qualität aufmerksam zu machen. Sie schätzt es sehr, wenn die Leute, vor allem fürs Weihnachtsgeflügel, in den Laden kommen.

«Kommunikation ist das Wichtigste am Verkauf. Deshalb arbeite ich auch sehr gerne mit Metzgern zusammen, die unsere Philosophie vertreten», erklärt Esther Vock. Wenn die Konsumentinnen und Konsumenten eine Vertrauensperson wie den Metzger hätten, der ihnen sein Wissen weitergebe, so sei dies ein guter Vermarktungskanal. 

Die Landwirtin sieht durchaus Potenzial in der Produktion von Perlhuhnfleisch, aber auch in der ganzen Geflügelproduktion allgemein. Ein wichtiger Aspekt sei die artgerechte Haltung. «Viele Leute», erzählt sie weiter, «essen kein Pouletfleisch mehr, weil es nach Fischmehl schmeckt.» Mit gut gehaltenen und gesunden Tieren könnte dieser Meinung entgegengewirkt werden.

Dazu zählt auch eine korrekte Positionierung in Läden und Supermärkten. Denn: Liegt das Bio-Perlhuhn neben jenem aus Frankreich, werde oft das billigere französische Perlhuhn gekauft. Esther Vock findet es wichtig, dass das Verkaufspersonal den Kunden den Mehrwert des Schweizer Bio-Perlhuhns erklärt.

Die Kunden, die Perlhühner auf dem Hof kauften, seien meist Stammkunden, erzählt sie. Dank der Schlachterei hat der Hof den Vorteil, dass die Produzenten auf die Nachfrage reagieren können. Werden beispielsweise nicht alle Perlhühner oder Geflügelarten ganz verkauft, werden sie zerlegt und als Einzelstücke (Schenkel, Brust oder Flügel) verkauft, womit auf die Nachfrageänderungen schnell und unkompliziert reagiert werden kann.


Esther Vock wünscht sich für die Zukunft, dass die Konsumierenden die tiefen Fleischpreise hinterfragen. Wie kann ein solch tiefer Fleischpreis zustande kommen? Was verdient der Produzent am Beginn der Wertschöpfungskette?

Der Besuch auf dem Wendelinhof stimmt nachdenklich. Es haben nicht alle Geflügelarten das Glück, so viel Freiheit und Natur geniessen zu können.

Die aufwändige und personalintensivere Haltung rechtfertigt den höheren Preis für das Geflügel. Eine Tierhaltung, wie sie auf dem Wendelinhof betrieben wird, hat Zukunftspotenzial. 

Bericht im Oktober-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Laila Grillo

Bild: Mareycke Frehner

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