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Tierwohl & Tierleistungen – der «One Welfare»-Ansatz

Der «One Welfare»-Ansatz geht weiter als Tierschutz: Er verbindet Tierwohl, menschliches Wohlergehen und funktionierende Ökosysteme.

· Tierhaltung
Der «One Welfare»-Ansatz geht weiter als Tierschutz: Er verbindet Tierwohl, menschliches Wohlergehen und funktionierende Ökosysteme.

Wenn es um das Tierwohl geht, fühlen sich Landwirte auf der sicheren Seite. Schliesslich gibt nur eine gesunde Kuh viel Milch und Fleisch. Der «One Welfare»-Ansatz geht weiter und verbindet das Wohl von Mensch, Tier und Umwelt.

Der «One Welfare»-Ansatz verbindet das Wohl der Tiere mit dem der Menschen und mit funktionierenden Ökosystemen. In der Praxis sind nämlich Faktoren wie Bodenbeläge, Spielzeug oder Besatzdichten für das Wohl der Nutztiere komplett irrelevant, wenn der Landwirt kein Futter bereitstellt, nicht sauber macht oder kranke Tiere nicht erkennt und behandelt.


Der bekannte Tierwohl-Professor an der kanadischen University of British Columbia, David Fraser, hat dazu im Dezember 2016 einen Vortrag auf der Konferenz der Weltorganisation für Tiergesundheit OIE gehalten. Fraser weist explizit auf das Problem der Vernachlässigung hin.


Fraser erklärte, dass in Dänemark und Irland durchgeführte Studien zur Verbindung von Mensch- und Tierwohl belegen: Krankheit, Depression oder finanzieller Druck des Tierhalters sind die Hauptgründe für eine Vernachlässigung von Nutztieren.


Seit Jahrzehnten erforschen die Wissenschaftler die Interaktionen zwischen Mensch und Tier. Sie wollen besser verstehen, welche Eigenschaften Herdenmanager neben dem nötigen Fachwissen mitbringen müssen, damit sich die Tiere in ihrer Anwesenheit nicht unwohl fühlen. Langsam wird es Zeit für das nächste Level, schliesslich ist der Mensch im Stall nicht nur ein Baustein im System. Die körperliche wie mentale Gesundheit der Menschen ist elementar wichtig für das Wohl der Tiere.


Probleme in der Tierhaltung werden sich nicht vermeiden lassen. Ebenso wenig lässt es sich verhindern, dass Menschen die Arbeit und Verantwortung für den Betrieb über den Kopf wachsen – mit den bekannten schlimmen Folgen für die Tiere. Wichtig ist, dass wir den Fokus auf die eigentlichen Probleme legen, so viel fältig diese im Detail sein mögen. Dazu kann der «One Welfare»-Ansatz innerhalb wie ausserhalb der Landwirtschaft einen Beitrag leisten.


Der «One Welfare»-Ansatzkann die eigentlichen Probleme für das Tierwohl identifizieren


Dazu muss man erst einmal das «Tierwohl» definieren. Weil es keine wissenschaftlich anerkannte, einheitliche Definition gibt, hilft die Definition der Weltorganisation für Tiergesundheit OIE.


Unter Wissenschaftlern, die sich mit dem Tierwohl in der Landwirtschaft beschäftigen, sorgt schon die Verknüpfung von Tierwohl und Leistungen für Unmut. Denn mit dieser Verknüpfung werden die Tiere aus ihrer Sicht zur Ware degradiert.


In der heutigen Zeit, in der Landwirte ihre Arbeit in der Öffentlichkeit rechtfertigen müssen, sollte dieses Argument deshalb mit Vorsicht verwendet werden.


Dabei ist die Verbindung von Tierwohl und Leistungen gar nicht so verkehrt. Kühe, die sich in Anwesenheit des Landwirtes gestresst fühlen, geben weniger Milch. Das ist Physiologie. Schlimmstenfalls etablieren sich Krankheiten leichter im Körper, während das Immunsystem nach einer adäquaten Antwort auf den Stress-Stimulus sucht. Das gilt ebenso für Schweine und Geflügel.


Es bringt nichts, die Tiere täglich durch den Stall zu scheuchen. Es geht dadurch nicht schneller, nur schlechter – für Tiere und Tierhalter. Landwirte und Tierärzte wissen das, sie haben das in der Landwirtschaftsschule, an der Fachhochschule oder Uni gelernt.


Besonders wichtig ist dieses Wissen immer dann, wenn skandalöse Zustände in einem tierhaltenden Betrieb bekannt werden. Wenn in den Medien Bilder von kranken, verletzten oder gar toten Nutztiere gezeigt werden. Dann ziehen Aussenstehende schnell den (Kurz-)Schluss, wo das Übel liegt: In der intensiven Tierhaltung.


Der Landwirt oder Tierarzt weiss aber, dass ein gesundheitlich angeschlagener Bestand nur Verluste bringt. Die Probleme müssen also woanders liegen, zum Beispiel in der Gesundheit des Tierhalters.
Schicksalsschläge, Krankheit, Existenzangst oder Depression – all das wirft Menschen aus der Bahn. Wer sich dabei noch rund um die Uhr um seine Tiere kümmern muss, stösst schnell an seine Grenzen. Dann leidet auch das Tierwohl.


Ausserhalb der Agrar-Branche verstehen nur wenige Menschen etwas von Nutztierhaltung


Die Verknüpfung von Tierwohl und messbarer Leistung wie Milchmenge, Gewichtszunahme oder Legeleistung hat durchaus ihre Daseins-Berechtigung – wenn man vom Fach ist.


Ausserhalb der Agrar-Branche sind aber die wenigsten Menschen mit den physiologischen Grundlagen unserer Nutztiere vertraut. Deshalb wirkt diese Argumentation auf Aussenstehende eher wie eine Vorlesung in Betriebswirtschaft, in der Tiere nur Produktionsfaktoren sind.


Dasselbe gilt für die Argumentation, dass das Management für das Tierwohl entscheidend sei. Auch das ist richtig.


Leider verbinden Aussenstehende mit dem Wort Management eher einen Anzugträger im Audi, BMW oder Mercedes. Und keinen Landwirt, der in Landi-Gummistiefeln die DeLaval-Melkmaschine reinigt und mit dem Fendt aufs Feld fährt. Es besteht also noch ein grosser Erklärungsbedarf.

Der Autor Sören Schewe ist deutscher Wissenschafts-Blogger mit einer Leidenschaft für Landwirtschaft, Tierhaltung, Zoos und Naturschutz.

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