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Der Landwirt verdient nur soviel, wie der Konsument bereit ist zu zahlen

Die Frage, wie viel Konsumenten für ihre Lebensmittel bereit sind zu zahlen, hat auch in Österreich weitreichende Konsequenzen.

· Agrarpolitik
Auch in Österreich verdient der Landwirt nur soviel, wie der Konsument bereit ist zu zahlen. Recherche zwischen Bauernhof und Supermarkt.

Die Frage, wie viel Konsumenten für ihre Lebensmittel bereit sind zu zahlen, hat weitreichende Konsequenzen. Auch im Nachbarland Österreich, wo Thomas Trescher zwischen Bauernhof und Supermarkt recherchiert hat.

Nehmen wir den Einkauf von Anna Gruber in einem Wiener «Spar», «Hofer», «Billa», «Merkur», «Markant» oder «Lidl» mit ein paar Standard-Produkten: Im Wagerl landen ein Liter Milch, zehn Eier, ein halbes Kilo Schweinsschnitzel und ein Kilo Brot. Irgendjemand ruft «Zweite Kassa bitte» – Augenblicke später werden die Waren über den Scanner gezogen und die Kassiererin sagt: «Macht 6 Euro 10.»
Alles zurück, dasselbe nochmal. Nur am Ende sagt die Kassiererin: «Macht 19 Euro 84». Anna Gruber hat die gleichen Produkte im Wagerl, nur diesmal tragen sie Labels wie «premium», «bio» oder «Freilandhaltung». Ihr Einkauf ist plötzlich mehr als doppelt so teuer, sie muss 13 Euro und 74 Cent mehr hinlegen.
Beide Beträge sind echt, errechnet anhand von aktuellen Preisen in österreichischen Supermärkten. Das wirft viele Fragen auf. Die erste ist ganz offensichtlich: Wie kann das sein? Und: Ist es das wert, für die gleichen Lebensmittel 20, statt 6 Euro zu bezahlen?
Für die meisten Österreicher ist die Antwort klar: Nein. Einige haben keine andere Möglichkeit, weil sie nicht genug verdienen. Aber das ist nur ein Teil der Antwort. Die Österreicher geben insgesamt immer weniger ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel und nicht-alkoholische Getränke aus, aktuell sind es 11,8 Prozent. 2005 waren es noch 14,2 Prozent.
Für die längerfristige Perspektive zahlt sich aber ein Blick weiter zurück aus: 1954 gingen 45 Prozent des Haushalts-Einkommens für Lebensmittel drauf. Es war eine Zeit, bevor die österreichische Durchschnitts-Familie Gruber ein Auto, Smartphones und Laptops hatte. Insofern hinkt der Vergleich ein bisschen. Aber Fakt ist: Lebensmittel sind uns weniger wert geworden, unabhängig vom Einkommen.
Ein Problem ist das vor allem für kleine Bauern. Gab es 1951 in Österreich 433'000 landwirtschaftliche Betriebe, sind es heute nur noch 162'000 Betriebe. «Der Landwirtschaft geht es nicht gut», sagt Siegfried Pöchtrager vom Institut für Marketing und Innovation an der Universität für Bodenkultur Wien.
Irgendwie ist das auch kein Wunder: 6 Euro und 10 Cent sind nicht viel Geld, wenn man bedenkt, wer alles mitverdient beim Einkauf im Supermarkt: der Staat, der Handel, der Verarbeiter – und ganz am Schluss der Fresskette der Landwirt.
Das Produkt muss verpackt und zwischengelagert werden. Für das, was Anna Gruber eigentlich in ihr Wagerl legt – die Milch, das Brot, das Schnitzel und die Eier – bleibt da nicht mehr viel übrig. Und damit bleibt auch für den Bauern nicht viel übrig. Von dem Preis eines Liters Milch bleibt dem Erzeuger gerade ein Drittel.

Der Milchbauer Stefan Perner produziert mit 18 Kühen Premium-Milch «Reine Lungauer»

«Das Nahrungsmittel hat nie etwas kosten dürfen», sagt der Milchbauer Stefan Perner im Salzburger Bezirk Lungau. «Das ist sehr schade. Weil, wenn man sich das Wort Lebens-Mittel auf der Zunge zergehen lässt, weiss man, wie wichtig das ist – und es sollte auch einen gewissen Stellenwert haben.»

Es ist ein idyllisches Bild: Kurz nach der Morgendämmerung führt Perner seine Kühe aus dem Stall auf die saftig-grüne Weide, wo sie zufrieden grasen. Er ist ein kleiner Milchbauer mit 18 Kühen in der 1000 Quadratkilometer grossen Talschaft, die von den Hohen Tauern, den Niederen Tauern und den Gurktaler Alpen umgeben ist.
Perners Tiere leben im Sommer auf der Weide und bekommen auch im Winter nur Futter aus der Region. Die Premium-Milch namens «Reine Lungau», die daraus entsteht, kostet 2 Euro. Weit mehr, als die billigsten Konkurrenzprodukte im Supermarkt-Regal. Ihm bleiben davon 70 Cent statt der üblichen 35 Cent pro Liter. Trotzdem kann Stefan Perner von seiner Milch nicht leben – er bietet auch Urlaub in seiner Idylle an.
«Die Schere zwischen Einnahmen und Ausgaben geht für die österreichischen Bauern seit über zwanzig Jahren auseinander», sagt Marketing-Professor Siegfried Pöchtrager. Während der Verbraucherpreis-Index seit 1996 um 45 Prozent regelrecht hochgeklettert ist, stieg der Agrarpreis-Index nur um 14,5 Prozent. Das heisst, dass Preis-Anstiege bei Lebensmitteln bei den österreichischen Bauern kaum ankommen. Kommt dazu, dass die Konsumenten eben insgesamt weniger Geld für Lebensmittel ausgeben.

Schweinemäster Norbert Hackl verkauft seine 109 Bio-Schweine für 1.50 Euro «Nose-to-Tail»

Norbert Hackl beklagt genau das: «Unter dem Strich ist Fleisch auch deshalb so billig, weil es seit 30 Jahren nicht teurer geworden ist.» Hackl hat an der Grenze zwischen Burgenland und Steiermark mit seinem Labonca-Biohof ein Schweine-Paradies errichtet, in dem ein Tier 300 Quadratmeter Auslauf hat und im ersten österreichischen Weide-Schlachthof sein Ende findet.
 

«Vor 30 Jahren hat der Bauer 20 Schilling für das Kilo Schweinefleisch bekommen, heute sind es 1.50 Euro. Das ist der komplett gleiche Preis. Was der Bauer mehr hat verdienen müssen, wurde mit Masse ausgeglichen.»

In der österreichischen Landwirtschaft lautet das Motto deshalb seit Jahren: Wachsen oder weichen. Manchmal auch: Wachsen und dann weichen. «Die höheren Fixkosten treiben die Betriebe in Investitionen, zum Beispiel in einen neuen Stall. Das stellt natürlich ein gewisses Risiko dar», sagt Siegfried Pöchtrager. Der durchschnittliche Bestand an Schweinen in einem Betrieb stieg seit 1995 von 35 auf 109 Tiere an. Wenn ein Bauer kaum Geld für ein Schnitzel bekommt, muss er eben möglichst viele Schweine halten und möglichst billig produzieren.
Oder sich extrem spezialisieren. Auf einer der Weiden des Labonca-Hofes brennt die Sonne herunter. Einige Schweine rasten unter einer Überdachung im Stroh, eine fette Sau ist ein paar Meter weiter gerade im Schlamm versunken und lässt Luftblasen aufsteigen.
«Ich weiss bis heute nicht, was sie da genau machen», sagt Hackl. Aber sie scheinen Spass zu haben. 500 Euro kostet es Hackl, ein 100-Kilogramm-Schwein zu züchten, also fünf Euro pro Kilogramm. Würde er sein Fleisch zum normalen Handelspreis verkaufen, wäre sein Unternehmen schwer defizitär.
«Wir arbeiten Nose-to-Tail, wir müssen vom Rüssel bis zum Schwanz alles wertschätzend verkaufen. Wir versuchen, aus allem etwas zu machen und aus allem etwas Gutes zu machen», erklärt Norbert Hackl. Nicht nur Frischfleisch, auch Schinken, Salami und Hackfleisch.

Die österreichischen Supermärkte nehmen mit ihren Eigenmarken den Bauern die Butter vom Brot

Der Fleischkäse von Norbert Hackl ist grau statt rosa, weil Hackl auf Nitrat und Phosphat verzichtet. Auch das muss er dem Konsumenten erklären. Genauso wie die höheren Preise, die er dafür verlangen muss. Deshalb lädt er seine potenziellen Kunden ein auf den Hof. Sie sollen sehen und erleben, warum es sich auszahlt, so viel für Fleisch auszugeben. «Dann sieht der Konsument, dass das, was wir bieten, genau dem entspricht, was Fleisch wert sein sollte.»

Die Konzentration in der österreichischen Landwirtschaft nimmt zwar zu – aber anderswo ist sie noch viel grösser. Und das ist für viele Landwirte ein Problem: Die drei dominierenden Lebensmittelketten des Landes – «Spar», Rewe mit «Merkur» und «Billa» sowie «Hofer» – haben einen Marktanteil von 85 Prozent. An ihnen kommt niemand vorbei.
«Und der Druck auf die Bauern ist gross», erklärt Marketing-Professor Siegfried Pöchtrager. In den vergangenen Jahren setzen die österreichischen Supermärkte zunehmend auf Eigenmarken – und die Konsumenten greifen zu. Bis zu 30 Prozent des Umsatzes machen die Eigenmarken bereits aus. Auch das ist für die österreichischen Landwirte ein Problem: «Diese Eigenmarken gehören dem Handel, der braucht nur jemanden, der die Milch hineinfüllt. Da ist der Lieferant schnell austauschbar», sagt Pöchtrager.

Er sei «in einer extremen Abhängigkeit » von Molkereien und Handel, sagt Milchbauer Stefan Perner, obwohl er nicht an Handels-Eigenmarken liefert. «Der Handel hat einen enormen Einfluss. Was auch kritisch zu sehen ist, weil der Handel auch Sachen einführt, die reines Marketing sind.»

Anna Gruber entscheidet mit ihrem Geldbörsl über die Zukunft der Landwirtschaft

Der Bäcker Joseph Weghaupt, der mit «Joseph Brot» vier Filialen in der österreichischen Hauptstadt Wien betreibt, ist deshalb noch einen Schritt weiter gegangen: Er liefert nicht an Supermärkte. Früher war auch er Industriebäcker und hat Brote in 180 Minuten fertiggestellt. Heute brauche ein «Joseph-Brot» sechs Tage in der Herstellung.

Der Handel habe dreissig Jahre lang «immer nur billiger, billiger, billiger gerufen». Bis eine Semmel nur noch 15 Cent gekostet hat. «Aber wenn die Semmel nur mehr 15 Cent kostet, dann bleibt doch irgendwas auf der Strecke», sagt Joseph Weghaupt – und meint die Qualität dieser Semmel.
Ob Anna Gruber im «Spar» 6 Euro 10 Cent oder 19 Euro 84 Cent ausgibt, macht also einen Unterschied, nicht nur im eigenen Geldbörsl. Erst recht, wenn Frau Gruber sogar zum «kleinen » Fleischer und zum Bäcker geht, statt nur in den Supermarkt. Der Unterschied ist nicht nur Transparenz für den Konsumenten. Auch in Österreich entscheidet letzten Endes der Konsument, welche Landwirtschaft Österreich in Zukunft haben wird – und welche Qualität die Lebensmittel haben werden, die Anna Gruber in ihr Wagerl legt.

Der Autor Thomas Trescher (38) ist stellvertretender Chefredakteur der österreichischen Tageszeitung «Kurier» und wurde 2013 mit dem Österreichischen Zeitschriftenpreis ausgezeichnet.

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