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Frische Milch aus dem Automaten

Die Direktvermarktung von Milch ist reizvoll – aber mit Investitionen verbunden. Lohnen Sie sich?

· Tierhaltung,Landtechnik
Die Direktvermarktung von Milch ist reizvoll – aber mit Investitionen verbunden. Lohnen Sie sich?

Der Milch-Automat der Familie Peter in Steffisburg BE ist schweizweit einmalig, aber erfolgreich. Der Clou: Die Milch ist pasteurisiert und der Automat steht mitten im Dorf – direkt neben einem gut besuchten Tankstellen-Shop.

Der Milch-Automat der Familie Peter steht direkt neben der Eingangstüre des Agrola TopShops in Steffisburg. In Gross-Format sind auf dem Automaten sechs Milchkühe der Rasse Fleckvieh aufgedruckt. Im Hintergrund sind die schneebedeckten Gipfel der Stockhorn-Kette. «Das sind unsere Kühe auf der Weide», sagt die Bäuerin Evelyne Peter. «Wir decken zwei Kunden-Bedürfnisse ab: Einen gut erreichbaren Stellplatz vor dem Shop und eine möglichst naturbelassene Pastmilch, die aus dem Ort stammt», sagt die Bäuerin.

Milch-Automaten sieht man in der Schweiz meistens auf landwirtschaftlichen Betrieben (siehe Kasten). Diese sind meist mit Rohmilch befüllt.

Die Familie Peter verfolgt ein anderes Konzept: Sie hat sich nebst dem Milch-Automaten auch einen Pasteur angeschafft. «Die Kundschaft schätzt die längere Haltbarkeit der Pastmilch», ist sich Peter sicher. «Und dennoch ist die Steffisburger-Milch sehr naturbelassen und rahmt auf, weil sie nicht homogenisiert ist.»
 

Erfolgsfaktoren sind der gute Standort und die frische Past-Milch aus der Region

Den Standort beim Tankstellen-Shop in Steffisburg hatte der Landwirt Hansruedi Peter von Anfang an im Auge. Eine Baubewilligung war nicht nötig, denn der Milch-Automat ist mobil. Den Stellplatz mieten die Peters.

Sie sind sich sicher, dass mit dem stark frequentierten Standort in der Dorf-Mitte ein weiteres Kundenbedürfnis gedeckt wird. «Die Kundschaft kommt meistens nicht nur wegen der Milch, sie erledigen gleich den Einkauf oder sind hier zum Tanken.»

Am Tag der Milch, am 21. April 2018, nahmen Peters ihren Milch-Automaten in Betrieb. In den ersten drei Monaten verkauften sie 10 000 Liter Milch. Während der Sommerferien brach die Nachfrage um etwa 20 Prozent ein. Seit Mitte August sind die Verkäufe wieder stabil. «Wir sind zufrieden», so der Landwirt.

Im Automat stehen leere Liter- und Halbliter-Flaschen aus Glas oder PET zur Auswahl. Ob mit Münzen, Noten, Karten oder Twint – die Kundschaft der Steffisburger Milch hat die Wahl.
«Die wiederverwendbaren Glas-Flaschen sind beliebt», so die Bäuerin. «Es ist uns ein Anliegen, etwas gegen den Verpackungs-Wahnsinn zu unternehmen».

Dank Youtube kamen die Peters auf die Idee der Direktvermarktung von Milch

Der Milch-Automat der Peters wurde in Italien hergestellt und über die deutsche Firma Milch Concept GmbH angeschafft. In Deutschland sind zurzeit über vierzig solcher Outdoor- und über 120 Indoor-Milch-Automaten im Einsatz, viele davon bei Lebensmittelläden wie Rewe.
Als die Milchquote in Deutschland im Jahr 2015 aufgehoben wurde, stiegen etliche Bauern in die Direktvermarktung von Milch ein.

Bislang sind die Peters mit diesem Pastmilch-Automat schweizweit die einzigen. Hansruedi Peter ist überzeugt: «In der Schweiz würde das auch an anderen Standorten funktionieren.»

Von Milch Concept haben die Peters erstmals über ein Youtube-Video gehört. In diesem erklärt der deutsche Landwirt Christian Hartmann, wie er in einem 8000 Seelen-Dorf über 100 Liter Milch pro Tag verkauft. «Das muss in Steffisburg mit über 15 000 Einwohnern auch funktionieren», war die Einschätzung der Peters.

Insgesamt haben die Peters 120 000 Franken in den Milch-Automaten investiert

Der Automat mit den Wechsel-Tanks kostete 55 000 Franken. Hinzu kamen der Durchlauf-Pasteur, ein Milch-Tank, eine Spülstation und ein Anbau, um die ganze Anlage unterzubringen. Knapp 120 000 Franken haben die Peters insgesamt investiert.

«Betreffend Wirtschaftlichkeit läge noch mehr drin», so Hansruedi Peter. «Aktuell verkaufen wir 100 Liter am Tag. Wenn wir den Absatz auf 140 Liter steigern könnten, wären wir sehr zufrieden.» Ein Milch Liter kostet am Automat 1,70 Franken, ein halber Liter 90 Rappen. Nach Abzug aller Kosten im Zusammenhang mit dem Automaten und Pasteur bleiben den Peters 80 Rappen pro Liter.

«Rund einen Drittel unserer Milch setzen wir über den Automaten ab», erklärt der Landwirt. Einzelne Gross-Kunden, wie Bäckereien und ein Gastro-Betrieb, holen die Milch direkt ab Hof. Die restliche Milch geht als Industriemilch zur aaremilch AG. Für die Industriemilch erhalten die Peters rund 50 Rappen pro Liter.

Wenn es um die Qualität der Milch geht, überlassen die Peters nichts dem Zufall

Von der Temperatur, über die Uhrzeit bis zu den gewählten Waschprogrammen, die Peters führen akribisch Checklisten. «Das ist notwendig», fügt der Landwirt an: «Das Lebensmittelgesetz baut auf Eigenverantwortung».

Auch nehmen die Peters viel öfters Milchproben, als es gesetzlich vorgeschrieben ist. Sie lassen diese durch Swisslab auf Keime untersuchen.

«Die Verantwortung über die Sauberkeit der wiederverwendeten Flaschen liegt bei der Kundschaft», bemerkt Peter. Aus diesem Grund füllt er aus jedem Wechsel-Tank, den er auf den Betrieb zurücknimmt, einen halben Liter ab und stellt diesen in den Kühlschrank. «Nach fünf bis sechs Tagen trinke ich die Milch und habe so eine zusätzliche Kontrolle.»

Nichts für Technik-Banausen: Computer, Elektronik und Automatik gehören zum Alltag

Die Milch wird in einem 100 Meter langen Durchlauf-Pasteur mit drei Wärmetauschern auf 72,5 Grad erhitzt und danach im Tank auf max. 4 Grad heruntergekühlt. Sobald die Temperatur im Tank erreicht ist, kann die Pastmilch in die Wechsel-Tanks abgefüllt werden.

Ein Wechsel-Tank umfasst ein Volumen von 200 Litern. «An den Wochenenden stelle ich zwei Tanks in den Automaten», so Peter. «Die Wechsel-Tanks sind nicht gekühlt, aber vom Betrieb zum Automaten sind es lediglich drei Autominuten. Die Kühlkette wird so nicht unterbrochen.» Auf einem der Tanks ist eine geeichte Pumpe installiert. Die Milch wird aus beiden Tanks gleichzeitig entnommen. Der Rüssel, welcher die Milch in die Flasche der Kundschaft abfüllt, gehört zum Tank.

«Die Wechsel-Tanks sind eine Einheit. Der Putz-Aufwand beim Automaten im Dorf ist damit sehr überschaubar», freut sich Hansruedi Peter. Eine halbe Stunde pro Tag rechnet Familie Peter dafür ein.

Die Pasteurisation dauert länger: 180 Liter pro Stunde bringt der Pasteur hin. «Wir pasteurisieren jeden zweiten Tag», erklärt Peter. Mit dem Pasteurisieren, dem Wechseln der Tanks und der Reinigung benötigt eine Person maximal drei Stunden.

«Man muss sich mit der Technik befassen», gibt der Landwirt zu bedenken. «Wir mussten vieles lernen, denn es sind verschiedene Computer involviert.» Das Smartphone ist für Hansruedi Peter ein Arbeitsinstrument. Stimmt etwas mit dem Automaten nicht, erhält er eine Nachricht. Technische Unterstützung erhalten die Peters telefonisch. «Das funktioniert einwandfrei», betont Peter.

Die Kundenbetreuung ist sehr wichtig und aufwändig, sie gibt auch Bestätigung

Wie bei der Milchqualität überlassen die Peters auch ihren Web-Auftritt nicht dem Zufall. Evelynes Vater ist Marketingfachmann. Er entwarf das Betriebs-Logo, welches die die Flaschen der Steffisburger Milch ziert, und kümmert sich um die Website.

Hin und wieder empfangen die Peters ihre Kundschaft, aber auch Schulklassen, auf dem Betrieb. «Die Leute möchten wissen, woher die Milch kommt», so Evelyne Peter. «Der Aufwand ist nicht zu unterschätzen.»

Die Leidenschaft für ihren neuen Betriebszweig ist spürbar. Die Bäuerin schwärmt: «Ein Besuch beim Milch-Automaten im Dorf ist eine grosse Bestätigung. Die Leute schätzen unser Produkt – das gibt Kraft und Motivation für den Alltag.»

Auch Hansruedi Peter bestätigt: «Es ist toll, das eigene Produkt bis an den Konsumenten zu bringen.»

Die Peters planen einen zweiten Milch-Automaten an einem neuen Standort

Hansruedi Peter denkt bereits an die Zukunft: «Der Pasteur ist vorhanden und das Know-how mit allem, was dazugehört, haben wir uns angeeignet.»

Einen weiteren Standort mit einem Milch-Automaten zu betreiben, ist für die Peters eine Option. Evelyne Peter erklärt: «Wir prüfen auch Standorte, die einige Kilometer entfernt sind.»

Bericht im Oktober-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

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