Return to site

Mallorcas Tourismus braucht die Bauern

Die Bewohner der spanischen Insel Mallorca leben zum grössten Teil vom Tourismus. Als Folge wandern vor allem junge Leute aus der Landwirtschaft ab.
 

· Landleben
Die spanische Insel Mallorca wirbt mit der traditionsreichen Landwirtschaft. Doch die Bauern haben wenig davon. Viele Felder bleiben unbestellt, vier von fünf Insulanern arbeiten im Tourismus. Gefragt sind neue Strategien.

Die spanische Insel Mallorca wirbt mit der traditionsreichen Landwirtschaft. Doch die Bauern haben wenig davon. Viele Felder bleiben unbestellt, vier von fünf Insulanern arbeiten im Tourismus. Gefragt sind neue Strategien.

Es ist ein Dilemma. «Ich habe den Hoteliers schon vor fast 20 Jahren vorgeschlagen, dass man jedem Gast ein Säckchen Mandeln bereitstellen sollte», sagt Felix Bonnin, Mitinhaber der Firma Bonany. Die Firma verarbeitet Trockenfrüchte, vornehmlich mallorquinische Mandeln. «Aber die haben nur lächelnd abgewinkt.»

Bonnin ist in Eile. Im Herbst ist auf Mallorca die Erntezeit für Mandeln. Bauern fahren mit Traktor und Anhänger vor, aber auch viele Nebenerwerbs-Landwirte und Gartenbesitzer kommen mit ihren Autos, vollgepackt mit Säcken frisch geernteter mallorquinischer Mandeln.

Rund 6400 Tonnen Mandeln mit Schale werden angeliefert, was am Ende eine Menge von 1400 Tonnen geschälter Ware ausmacht. Aber Mandel ist nicht gleich Mandel; es gibt viele Sorten. Sie unterscheiden sich in Grösse und Gewicht sehr. Daher wird jede einzelne Charge bei der Annahme genau überprüft.

Die Arbeit auf den Plantagen lohnt sich nicht, weil der Preis für Mandeln sehr tief ist

Erst nach dem Qualitäts-Check legen die Mitarbeiter von Bonany einen Preis fest. Er liegt im Schnitt bei umgerechnet einem Franken pro Kilo. Zu wenig, um damit eine Mandelplantage dauerhaft wirtschaftlich betreiben zu können. Deshalb werden viele Mandelplantagen vielerorts gar nicht mehr gepflegt, geschweige denn geerntet. Die Früchte bleiben an vielen Bäumen einfach hängen.

Ein guter, junger und gepflegter Baum bringt 30 Kilogramm Mandeln. Dagegen liegt der durchschnittliche Ertrag auf Mallorca inzwischen nur noch bei 5 Kilogramm, einfach weil die meisten Bäume nicht mehr intensiv bewirtschaftet werden.

Um sich die Rohstoffbasis zu sichern, hat Bonany 40 Hektar Land mit jungen Mandeln neu angepflanzt. Denn die mallorquinischen Mandeln geniessen international einen sehr guten Ruf. Auf der Insel selbst wird allerdings nur ein sehr geringer Teil vermarktet, weil sie teurer sind als importierte Mandeln.

Die Situation der Landwirte auf Mallorca beschreibt der Landwirt Miguel Vidal. «Hier Landwirtschaft im Vollerwerb zu machen, bringt nichts mehr. Nur wenn du einen festen Job hast und die Landwirtschaft nebenher am Wochenende betreibst, geht es vielleicht.»


Der 67-Jährige aus dem Ort Es Llombards im Süden der Insel hat sein ganzes Leben auf dem Hof gearbeitet. Er hält auf seinen 180 Hektar Land rund 600 Schafe. Das Futter für die Tiere ist teurer als der Erlös für das Fleisch. «Früher habe ich die Lämmer mit mehr Gewicht verkauft, um mehr zu verdienen. Heute verkaufe ich sie im jungen Alter, um nicht noch mehr zu verlieren. Damit ist doch alles gesagt.»

Touristen bringen Geld auf die Insel, dafür wird die traditionelle Landwirtschaft vernachlässigt

Alle Aktivitäten auf Mallorca drehen sich um den Tourismus, dort wird das Geld verdient. Junge Leute wandern aus der Landwirtschaft ab. Sie suchen sich besser bezahlte Job in Hotels, in der Gastronomie oder bei anderen touristischen Dienstleistungen.

Die Folge: Die reizvolle Kulturlandschaft Mallorcas verliert durch fehlende Bewirtschaftung ihren ursprünglichen Charakter. Das wirkt sich langfristig auch negativ auf die Tourismusindustrie aus. Wer will schon durch abgestorbene, veraltete Mandelplantagen radeln? Vor allem, wenn die Werbung mit «Erleben Sie die wunderbare Blüte der mallorquinischen Mandeln» Gäste aus aller Welt heranlocken will?

Auch in der Mandelplantage von Biniagual ist Erntezeit. Ohne Maschinen, nach alt hergebrachter Art: Die Erntearbeiter schlagen mit langen Stangen an den Ästen, damit die reifen Mandeln abfallen. Die Kernfrüchte landen auf am Boden ausgelegte Netze. Diese werden am Ende zusammengefaltet, um dann die Früchte in die Schälmaschine weiter zu verarbeiten. Diese von einer Zapfwelle angetriebene Maschine trennt die Mandelschale vom Mesokarp, dem dünnen Häutchen zwischen äusserer Schale und Nuss. Das Mesokarp bleibt als Dünger auf dem Feld.

Auf Mallorca fehlt eine Strategie, die Insel-Landwirtschaftin den Tourismus zu integrieren

«Mir ist wichtig, dass wir unsere Mandeln erhalten, deshalb pflanzen wir neue Bäume, obwohl die Marktpreise schockierend niedrig sind», sagt Charlotte Miller, Chefin der Finca.


Die 41-jährige Agronomin ärgert sich, dass die Mandelblüte von der Tourismuswirtschaft beworben wird, aber die meisten Hoteliers ihren Gästen Erdnüsse statt Mandeln anbieten. «Das ist ein Widerspruch», sagt sie beim Gang durch ihre Mandel-Bäume.

Der Wein aus Mallorca findet grossen Anklang und wird vor allem in die Schweiz exportiert

Nur ein paar Felder weiter stehen die Reben der autochthonen Sorte Mantonegro. Kelter-Meisterin Christina Basañez ist mit anderen Helfern dabei, die Kisten mit den frisch geschnittenen Trauben auf einen Anhänger zu hieven. «Wir produzieren jährlich 120 000 Flaschen Wein, wovon 30 Prozent auf der Insel vermarktet werden», erklärt Basañez. Der Rest geht in den Export, vor allem in die Schweiz.

«Beim Wein hat sich im Gegensatz zu anderen Produkten vieles zum Positiven gewendet», sagt Miller. Sie verweist auf viele Restaurants und Hotels, die mittlerweile mallorquinische Weine im Sortiment haben.

Jedoch fehlt es ihrer Ansicht nach auf der Insel nach wie vor an einer durchgreifenden Strategie, um die Landwirtschaft in den Tourismus nach zu integrieren. Charlotte Miller will nicht länger warten. Sie geht in die Offensive. «Mein Ziel ist, unsere Produkte vielfältig selbst zu veredeln und damit genug zu verdienen, um unsere Landwirtschaft so zu erhalten, wie sie ist.»

Bericht im September-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

All Posts
×

Almost done…

We just sent you an email. Please click the link in the email to confirm your subscription!

OKSubscriptions powered by Strikingly