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Bei Lindner bauen Bergbauern den Traktor

Die Tiroler Firma ist einer der kleinsten Traktorenhersteller der Welt – und wohl der einzige, bei dem ein Drittel der Belegschaft selber Bauern sind.

· Landtechnik
Landtechnik-Serie | Die Tiroler Firma ist einer der kleinsten Traktorenhersteller der Welt – und wohl der einzige, bei dem ein Drittel der Belegschaft selber Bauern sind.

Landtechnik-Serie | Die Tiroler Firma ist einer der kleinsten Traktorenhersteller der Welt – und wohl der einzige, bei dem ein Drittel der Belegschaft selber Bauern sind.

Es hat unbestreitbare Vorteile, wenn der Name des Chefs in Leuchtbuchstaben am Hauptsitz hängt», hat der US-schweizerische Ford-Manager Bob Lutz einmal gesagt. Er meinte damit, dass Familienbetriebe mit ihrem längeren Horizont und grösserem Verantwortungsbewusstsein anders geführt werden als börsenkotierte Grosskonzerne.

Bei Lindner ist es auch so. Der Name der Chefs steht auf jeder Maschine, an den Gebäuden und auf dem Strassenschild. Die Geschäftsleitung heisst fast durchwegs Lindner. Der Weg
zur Lindner-Strasse führt über die Biochemie-Strasse. Denn der andere grosse Arbeitgeber im 3500-Einwohner-Städtchen Kundl im Tirol heisst Novartis.

David Lindner ist Leiter Marketing und Export in der Firma, die sein Urgrossvater Hermann Lindner gegründet hatte. Der war ein geschickter Ingenieur, wurde deshalb im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht nicht als Soldat eingezogen und entwickelte für Messerschmidt Propellerturbinen mit gegenläufig drehenden Propellern. Das System gibt es heute noch an den strategischen Bombern Russlands, den Tupolew Tu-95 «Bear». In neueren Entwicklungen nennt es sich «Open Rotor». Es gilt als die Zukunft der Fliegerei, weil es sparsamer ist als moderne Jet-Triebwerke.


Nach dem Krieg baute Hermann Lindner zuerst Sägen und dann die Traktoren dazu


Doch Hermann Lindner sah in den mageren Jahren nach dem Krieg keine Zukunft in den Propellern. Es fehlte damals an den grundlegenden Dingen. Deshalb baute er zu Hause in Tirol erst einmal Gattersägen, die man in den Wald schleppte, um dort mit dem Traktor und einem Treibriemen die gefällten Bäume direkt zu Brettern zu sägen.


Das wurde aber schnell langweilig, und so baute er mit seinem Team gleich auch noch den Traktor dazu und später sogar die Dieselmotoren. Allerdings waren es teurer, alle Teile für die eigenen Motoren herzustellen, als fertige Dieselmotoren von Perkins einzukaufen. Deshalb schwenkte man schon früh auf den britischen Zulieferer ein.


Lindner ist eine Traktoren-Apotheke, welche fast die Hälfte aller Teile selbst herstellt


Heute ist Lindner für Perkins so etwas wie die verlängerte Entwicklungsabteilung. Etwa für Tests bei Kälte und in grosser Höhe. Lindner baut von allen Traktorenherstellern die kompaktesten und leichtesten Maschinen. Deshalb passt alles, was in einen Lindner passt, auch in alle anderen Traktoren, die in viel grösseren Stückzahlen hergestellt werden.


Denn Lindner ist so etwas wie eine Traktoren-Apotheke. Das Produktionsvolumen ist verglichen mit den Grossen der Branche winzig: Fünf Fahrzeuge verlassen täglich das Werk in Kundl. Bei SDF in Treviglio I sind es 100 Traktoren. Trotzdem stellt Lindner fast die Hälfte aller Teile selber her und entwickelt zusammen mit ZF in Friedrichshafen die Getriebe.


Lindner bewegt sich in einer kleinen Nische. Kunden sind oft die traditionellen kleinen Familienbetriebe in der Schweiz und in Österreich. Betriebe, die oft nicht mehr genug hergeben zum Leben und wo deshalb immer noch ein zweiter Verdienst da sein muss. Das hat tiefe Spuren im Unternehmen und seinen Produkten hinterlassen.


Bauern, die Traktoren bauen, brauchen ein spezielles Arbeitszeitmodell


Ein Drittel der Belegschaft von Lindner hat neben der Arbeit in der Fabrik noch einen eigenen Bauernbetrieb. Für sie gibt es ein spezielles Jahres-Gleitzeitmodell. Die Mitarbeiter führen ein Jahres-Arbeitszeitkonto, das sie im Herbst und Frühling auf- und im Sommer wieder abbauen.


An jeder Welle, jedem Bedienhebel hat schon ein Bauer gearbeitet, lange bevor der Traktor als Ganzes aus dem Werk rollt.


«Das passt sehr gut zusammen», sagt David Lindner. «Die meisten Bestellungen für Kommunalfahrzeuge bekommen wir im Herbst, für landwirtschaftliche Fahrzeuge im Winter und Frühling. Zur Erntezeit haben wir oft weniger Arbeit. Da trifft es sich gut, dass die in Gleitzeit arbeitenden Bauern dann zu Hause ihren Hof bewirtschaften». Und wenn das Heu eingebracht ist, bringen sie die Erfahrung zurück in die Firma.


Lindner ist deshalb weit davon entfernt, ein komplettes Produkte-Programm inklusive Maschinen mit der Grösse von Lokomotiven für Lohnunternehmer zu bauen.

76 bis 144 PS, in dieser Dimension ist Lindner zu Hause. Dafür gibt’s das Flaggschiff Lintrac 110 auch mit Allradlenkung. Dadurch schrumpft der Wendekreis auf die Länge des Traktors. Im Gebirge ist das ein riesiger Vorteil.


Die Vierradlenkung ermöglicht aber auch den «Hundegang», bei dem der Traktor schräg geradeaus fährt. Praktisch ist das, wenn man beim Mähen quer über einen Steilhang fährt und der Traktor immer ein wenig seitlich abrutscht. Im «Hundegang» fährt der Traktor immer leicht aufwärts, ohne dass sich die Fahrtrichtung ändert. Und auch beim Schneepflügen hilft das System. Wenn der Schnee das Fahrzeug in die Strassenmitte drückt, hält die Allradlenkung dagegen.


Lindner baut Traktoren, die auf die speziellen Bedürfnisse der Bäuerinnen zugeschnitten sind

Lindner hört nicht nur auf die Bauern, sondern vor allem auch auf die Bäuerinnen. «Aussenrum muss der Traktor dem Bauern gefallen», sagt David Lindner. «Aber innen entscheidet die Frau». Es sei entscheidend, dass sich die Frauen in der Führerkabine wohl fühlen.

Das wurde bei der Entwicklung des neuen Lintrac 110 von Anfang an berücksichtigt. Gerade in den kleinen Betrieben fahren die Bäuerinnen den Traktor oft, aber nicht unbedingt regelmässig. Da müssen sie sich sofort zu Hause fühlen hinter dem Steuer. Alle Bedienelemente müssen auch für kleiner gewachsene Leute gut und intuitiv erreichbar sein.


Das hat eine lange Tradition bei Lindner. So sass ursprünglich bei allen alten Traktoren der Schalthebel auf dem Getriebe zwischen den Beinen des Fahrers. Doch in kleinen
Familienbetrieben fuhren schon in den 1950er Jahren oft die Frauen die Traktoren, während die Männer die schwere körperliche Arbeit erledigten. Aber weil die Frauen damals noch oft im langen Rock oder mit einer Schürze arbeiteten, störte der Schalthebel – und wanderte auf die Seite, so wie es heute bei allen Traktoren ist.


Ebenfalls ein Element für die typischen Lindner-Kunden in den steilen Berggebieten von Österreich und der Schweiz ist der Drehknopf im Cockpit, der auf zweimaliges Drücken hin alle Funktionen der Pedalerie übernimmt.


Denn wenn es im Gelände sehr steil bergauf oder bergab geht, muss sich die Fahrerin in der Kabine so verkeilen, dass es schwierig und mitunter akrobatisch wird, wenn sie mit den Füssen noch Pedale bedienen muss. Es ist deshalb angenehmer und sicherer, wenn man mit den Füssen das Gleichgewicht halten kann und die Fahrt über den Drehknopf geregelt wird.


Der Unitrac-Transporter ist eineNische in der Nische, aber wichtig für die Berglandwirtschaft


Als einer der ganz wenigen Hersteller pflegt Lindner noch die Disziplin
des Transporters – eine Nische in der Nische. Von den 1300 Fahrzeugen, welche die Firma jährlich baut, sind 1100 Traktoren und 200 Lindner Unitrac-Transporter.


Transporter wurden in der Berglandwirtschaft in jenen Gegenden populär, die zu steil und zu eng waren für Traktor und Anhänger. Aber Transporter sind heute weit mehr als nur kleine Lastwagen mit Traktorenreifen. Sie haben alle einen zweigeteilten Rahmen, der sich hinter der Kabine verdrehen kann, so dass sie ohne grosse Achsverschränkung und lange Federwege extrem geländegängig sind. Die Fahrzeuge sind leer 3,5 Tonnen leicht und fahren mit einer Nutzlast von sechs Tonnen steil aufwärts und steil hinunter.


Kunden sind traditionell Bergbauern, immer häufiger aber auch Kommunen und Skigebiete. Und oft finden Transporter als Gebrauchtfahrzeuge ihren Weg zurück in die Berglandwirtschaft.


In den Bergen fahren die Transporter an Orten, wo sie viele Leute zu Fuss nicht hinwagen würden. Skiliftbetreiber transportieren im Sommer ihre Beschneiungsanlagen über die schwarzen Pisten der Falllinie folgend ins Tal zur Revision. Und im Herbst fahren sie auf gleichem Weg wieder hoch.


Vom Bergbauernhof im Tirol bis zum Flughafen irgendwo im Flachland

Lindner Unitrac-Transporter haben deshalb hinten zwei Bremsscheiben, eine elektrische Wirbelstrombremse am Verteilgetriebe und vorne sogar vier Bremsscheiben.


Neben den aussen liegenden gibt es zusätzlich innen liegende Bremsen, wie bei Rennwagen, um die Reibungshitze beim Bremsen besser zu verteilen.


Selbst Flughäfen sind mittlerweile Kunden. Da ist die Telemetrie wichtig – wie sie auch in der Grosslandwirtschaft immer mehr verlangt wird. Auch das können die Lindner Traktoren, auch wenn es beim Nebenerwerbs-Bergbauer nicht oberste Priorität hat.


Auf Flughäfen beispielsweise will der Kontrollturm immer genau wissen, wo das Fahrzeug gerade ist. Und wenn es ein Problem hat, muss es automatisch den Tower und die Service-Organisation informieren.


Lindner schätzt Konkurrenz, weil das Produkt dadurch stärker im Markt präsent ist

Der Markt für Transporter ist klein. «Wir sind den andern Transporter-Herstellern wie Reform oder Aebi dankbar, dass sie die Nische des Transporters ebenfalls pflegen», sagt David Lindner. Es sei nie gut, wenn man alleine sei in einem Markt. Durch die Konkurrenz erhält das Produkt eine grössere Präsenz und dadurch wird auch der Markt grösser.


Und dieser Markt wird weiter wachsen. Davon ist David Lindner überzeugt, auch wenn über diese Meinung jeder Manager eines grossen Konzernes den Kopf schütteln würde. Schliesslich schrumpft die Zahl der kleinen Familienbetriebe – und in der Berglandwirtschaft ganz besonders rasant. In einem internationalen Unternehmen wäre das ein guter Grund, die gesamte Produktepalette von Lindner sofort einzustampfen. Aber David Lindner sieht die Möglichkeiten vor allem im Schwarzwald und den Vogesen, wo es viele steile Gebiete und wenig Lindner-Traktoren gibt.


Aber auch in Skandinavien mit seiner anspruchsvollen Landwirtschaft und den vielen Skigebieten will die Firma wachsen.


Leichte Traktoren haben Zukunft, etwa im Bio-Landbbau, wo die Böden geschont werden

Zudem wächst die Bio-Landwirtschaft überproportional stark. Da gibt es weniger Chemie und mehr mechanische Bearbeitung, bei der die Fahrzeuge öfter über die Felder fahren müssen. Um die Böden zu schonen, ist dem Bio-Bauer jedes eingesparte Kilogramm wichtig. Da sind die leichten Traktoren und Transporter von Lindner erste Wahl. Es macht halt doch einen Unterschied, wenn der Name des Chefs mit Leuchtbuchstaben am Hauptsitz steht.

Bericht im November-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Andreas Schwander

Bild: Mareycke Frehner
 

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