Return to site

Landtechnik-Serie | Joskin

Wenn der Bauernsohn sich mehr für Maschinen interessiert

· Landtechnik
Victor Joskin hat das Güllefass perfektioniert. Dieses Jahr wird das belgische Familienunternehmen 50 Jahre alt. In der Schweiz sind Güllefässer und Viehtransporter die Verkaufsschlager unter den Joskin-Produkten.

Landtechnik-Serie | Victor Joskin hat das Güllefass perfektioniert. Dieses Jahr wird das belgische Familienunternehmen 50 Jahre alt. In der Schweiz sind Güllefässer und Viehtransporter die Verkaufsschlager unter den Joskin-Produkten.

Es gibt zwei Sorten von Bauernkindern. Die einen interessieren sich für Pflanzen und Tiere. Die andere interessieren sich vor allem für die Maschinen. Victor Joskin gehörte zur zweiten Sorte. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in Belgien, genau auf der Sprachgrenze zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen der Flamen und Walonen, fuhr er vor allem gerne Traktor.

Vor genau 50 Jahren, im Jahr 1968 gründete er dazu ein Lohnunternehmen, das den Bauern der Region zur Hand ging. Und wie es so ist, wenn man seine Arbeit ernst nimmt: Ihm fielen ganz viele Dinge auf, die er besser machen konnte.

Aus dem Lohnunternehmen entwickelte sich ab 1974 ein lokaler Landmaschinen-Import. Und weil er auch im Ausland nicht alles fand, was er den Bauern gerne verkauft hätte, begann Victor Joskin die Geräte selber zu entwickeln.

Eine besondere Liebe entwickelte er zu jenen Geräten, welche andere Hersteller offenbar vernachlässigten – den Güllefässern. Die machen heute den grössten Teil des Produktionsprogramms von Joskin aus.

Allerdings verkauft Robert Aebi Landtechnik in Regensdorf nur etwa 60 Joskin-Fahrzeuge pro Jahr. Zum Vergleich: Jedes Jahr verlassen allein 300 John-Deere-Traktore den Betrieb. Und davon sind 45 so ähnlich, dass man immer ein paar an Lager nehmen kann.

Die Joskin-Werke in Frankreich, Polen und Belgien stellen landestypische Geräte her

Aus dem Joskin-Programm werden in der Schweiz vor allem Güllefässer und Viehtransporter verkauft. Die Firma baut zwar auch Anhänger mit Dreiseiten-Kipper und Muldenkippern, doch die sind in der Schweiz weniger gefragt.

Der Muldenkipper ist zudem ein typisch französisches Produkt, weil dort der Markt für diesen Fahrzeugtyp mit Abstand am grössten ist. Für Joskin hat es sich deshalb gelohnt, in Frankreich ein spezielles Werk zu bauen, das praktisch ausschliesslich Muldenkipper herstellt.

Ein weiteres Werk gibt es in Polen. Das Werk wurde schon 1991, kurz nach der Öffnung Osteuropas, eröffnet. Vor allem, um in den sich öffnenden Märkten in Osteuropa präsent zu sein. Polen ist nach Frankreich eines der grössten Agrarländer der EU, weit und flach wie der Wilde Westen. Dieser geografische Umstand, der dem Land in der Geschichte immer wieder Schwierigkeiten bereitete, machte es aber zu einem der grössten
Lebensmittelproduzenten Europas.

Im Gegensatz zu Muldenkippern und teilweise Traktoren sind Güllefässer buchstäblich Einzelstücke. Keines ist wie ein anderes. Joskin baut 13 Modelle in insgesamt 75 Grössenvarianten. Und darin eingeschlossen sind noch nicht einmal die unterschiedlichen Ausrüstungen mit verschiedenen Fahrwerken, Pumpen, Kupplungen oder Ausbring-Systemen.

Die Ausbring-Systeme sind mittlerweile genauso ausgefeilt wie bei den Sä- und Erntemaschinen. Sie messen in Echtzeit den Nährstoffgehalt der Gülle, geben dem Traktor die Fahrgeschwindigkeit vor und dosieren gemäss den GPS-Daten der Erntemaschinen exakt die nötige Menge. Zudem ist man vom simplen Verspritzen inzwischen weit weg. Joskin bietet allein 11 verschiedenen Ausbring-Systeme an. Dabei bringen die Injektoren die Gülle gezielt und zentimetergenau in die Erde und decken sie dann mit Erde zu.

Alle Güllefässer sind feuerverzinkt, jede Pore der Schweissnähte ist geschlossen

Auch beim Güllefass gibt es wie bei den Traktoren eine typische «Schweizer Grösse». Das populärste Fass in der Schweiz ist das Alpina 2 mit 6000 bis 8300 Litern Inhalt.

Es hat eine selbsttragende Konstruktion, wie eine moderne Autokarosserie und kein tragendes Fahrgestell. Das Fass ist deshalb leichter und niedriger und hat einen tieferen Schwerpunkt. Zudem gibt es im Fass eingelassen Radhäuser. Damit bleibt das Fass unter der Maximalbreite von 2,5 Metern bei einer 800er Bereifung. Beim Fass TetraX2 ab 10 000 Litern sind zudem zwei weitere Räder in der Mitte möglich. Damit läuft es praktisch auf einer durchgehenden Reifenwalze und belastet damit den Boden weniger als ein Fussgänger. Es gibt aber auch noch grössere Ausführungen. In der Schweiz sind Fässer bis 24 000 Liter unterwegs. Dagegen sind die Fässer mit bis zu 32 000 Liter Inhalt eher etwas für die Agrar-Grossbetriebe in Frankreich und Holland. Kunden sind da vor allem Lohnunternehmer, welche für Schweinemastbetriebe arbeiten oder die Gär-Reste von Biogas-Anlagen abführen. Diese Abfälle aus der Energieproduktion stellen mittlerweile ein immer grösseres Problem dar.

Allen Joskin-Güllefässern gemeinsam ist, dass sie feuerverzinkt sind. Das heisst, das ganze Fass wird in flüssigen Zink getaucht. Beim galvanischen Verzinken lagert sich in einem unter Gleichstrom stehenden Säurebad das Zink in einer wenige hundertstel Millimeter dünnen Schicht an.

Beim Feuerverzinken dagegen ist die Zinkschicht viel dicker und verschliesst jede Pore in den Schweissnähten. Die Fässer, egal wie gross, werden alle in der eigenen Fabrik aus dicken Stahlblechen gerollt und geschweisst. Damit wird erreicht, dass die Fässer auf in Vakuum von bis zu einem Bar zugelassen sind. Das ist ein Vorteil bei sehr tiefen Güllegruben und hilft beim schnellen Befüllen.

Joskin will das Know-How in der Firma behalten und macht deshalb fast alles selber

Die gigantische Produkte-Vielfalt und allein die grosse Liebe zu Güllefässern würde wohl jeden Manager, der in andern Firmen auf «Reduzieren» und «Optimieren» gedrillt wurde, auf die Palme treiben.

Einem Familienbetrieb wie Joskin kann das egal sein. Neben Gründer Viktor und seiner Frau arbeiten auch die drei Kinder in der Firma mit. Die Firma grenzt noch immer unmittelbar an den elterlichen Hof von Viktor Joskin an.

Die Firma hat das unmittelbar dazugehörende Landwirtschaftsland aber schon längst aufgefressen, so dass schon seit einigen Jahren keine Landreserven am Stammsitz mehr vorhanden sind. Die Firma hat deshalb für die weitere Expansion ein paar Kilometer vom Stammwerk entfernt ein neues Industriegebiet erschlossen.

Joskin will die Qualität und die Produktion der vielfältigen Produkte jederzeit im Griff haben. Deshalb gibt es im Unternehmen auch eine sehr hohe Fertigungstiefe von rund 85 Prozent. Das bedeutet, dass 85 Prozent aller Bauteile im eigenen Betrieb hergestellt und nicht von externen Zulieferern bezogen werden. Damit bleibt auch das ganze Know-how im Haus. 

Im Gegensatz dazu haben etwa Automobilhersteller oft nur noch Fertigungstiefen von 25 bis 30 Prozent. Das reduziert die Kosten massiv, weil dadurch der Kapitaleinsatz und ein Teil des Risikos zu den Zulieferern verlagert wird. Gleichzeitig wird aber auch das Know-how zu den Zulieferern transferiert. Genau das will man bei Joskin vermeiden. 

Und diese Liebe zum Detail – etwa bei der Federung – führt dazu, dass es sowohl Tieren wie Bauern zu Gute kommt, dass sich vor 50 Jahren ein Bauernsohn mehr für Maschinen als für Tiere und Pflanzen interessiert hat.

Bericht im Oktober-Heft 2018 der Fachzeitschrift für die Schweizer Landwirtschaft

Text: Andreas Schwander 

Bild: Mareycke Frehner

All Posts
×

Almost done…

We just sent you an email. Please click the link in the email to confirm your subscription!

OKSubscriptions powered by Strikingly